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Neue jüdische Presse · 1911-11-03 · Heft 43 (3.11.1911) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 43 (3.11.1911)
Date
1911-11-03
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 43 Seite 3. Frankfurker Israelitisches FanMenblaÜ. sagt er. Er unterhält sich ansangs mit mir über meine Beschäftigung uni» meine Anschauungen. „Sind Sie Zionist?" fragt er mich. „Jawohl, ich bin Zionist," ist meine Ant- „Jch bin nicht Zionist," — erwidert er, aber sofort korrigiert er sich — „nicht organisierter Zionist. Ich sage, daß, wenn. der Zionismus nicht gewesen wäre, man ihn hätte schaffen müssen. Er hat uns unsere junge Gene-, ration vor Taufe und Untergang gerettet. Früher, als sich der Zionismus niit phantastischen Plänen beschäftigt hat, mußte man gegen ihn sein. Aber jetzt, da er eine ernste Beioegung geworden ist, muß jeder Jude, dem das Judentum teuer ist, mit ihm symphatisieren; und wer weiß, vielleicht wird er durch systematische mtd zielbewnßte Arbeit auch sein Endziel erreichen. Jedenfalls bringt er schon jetzt viel Nutzen." Wir gehen dann zum Thema über, oessenttvcgen ich zu ihm gekommen bin. „Sie »vollen »visseu" — sagt er — „mit welchen Motiven die französischen Mitglieder ihren Vorschlag begründen, die Wahlen' abzuschaffen? Wenn ich es 'Ihnen sagen »verde, werden. Sie es nicht glauben. So kleinlich und unglaublich sind ihre Motive. Sie sagen, daß die Wahlagitation das Ansehen der Alliance verkleinert. Reinach hat in seiner Rede seiner» Vorschlags folgendernraßen motiviert: Erstens, fragte er, wie soll man die Wahlen durchführen, wenn plötzlich ein Krieg zwischen Deutschland und Frankreich arisbräche? Das Prinzip der Kooptation ist gar kein schlechtes System. Schon zur Zeit der alten Römer hat cs geherrscht (!! D. Red.), und man hat es damals nienrals als schädlich oder schlecht betrachtet, Auch die jetzigen Akademien (! D. Red.) halten an diesem Prinzip fest, und neue Akademiker »verden stets kooptiert . . . Auch in der Zllliance selbst sind die Wahlen bis jetzt nur eine Farce gewesen; das Zentralkomitee hat die Kandidaten vorgeschlagen, und einige »venige Mitglieder haben diese gewählt. Bei allgenicinen Wahlen liegt die Gefahr nahe, daß eines Tages einige reiche Juden für einige tausend Mitglieder bezahlen, sich auf diese Art »vählen lassen »md das Geld der Alliance dann von Paris »vegführen. „Wir wollen dieser Komödie ein Ende machen!" schloß Salomon Reinach seine Rede. Wir haben darauf crividert, daß »vir, die deutschen Mitglieder, den Wahlkampf in einer lauteren und loyalen Form geführt haben, lind gerade dieser Wahlkampf hat das Ansehen und die Ehre der Alliance! gehoben. Daß unser Wahlkampf nichts geschadet hat, betveist die Tatsache, daß gerade iir dieser Zeit die Zahl unserer Mitglieder in Deutschland beträchtlich gestiegen ist. Tann haben »vir ihnen gesagt, daß nur die Kampfesmethooen der sianzösischen Mitglieder des Zentralkomitees dem Ansehen der Alliance geschadet haben. Tic Wählen sind nötig, damsi die Mitglieder eine Kontrolle haben über das, was mit ihrem Geld getan wird) sonst wird aus der Alliance eine Oligarchie werden. Sie »viro erstarrt und versteinert, »verden. Wollen Sie ausder Alliance ei ne TynastieBigart schaffen? habe ich gefragt. Schließlich habe ich ihnen gesagt, daß ich sie für klüger halte, als sie sich geben. Sie wüßten selbst ganz gut, daß ihre Beteuerungen völlig unbegründet sind. Und mir bleibt zur Erklärung ihres Vorgehens nur .ein Verdacht übrig: sie wollen sich unserer, der deutschen Mitglieder, entledigen, gerade der Mitglieder, die ihnen zur Genüge betviesen haben, daß all ihr Tun nur von jüdischen Interessen diktiert wird. Es ist nur eine Berleunrdung, wenn man sagt, daß »vir in der Alliance deutsche Interessen vertreten. Es ist nur eine Lüge und eine Verleumdung! In der Alliancearbeit verfolgen wir keine politischen Absichten; uns ist die Alliance teuer ihrer jüdischen Arbeit, ihrer ruhmvollen Vergangenheit und ihres. schönen Prinzipes von der allgemeinen jüdischen Einheit wegen. Schließlich, habe ich an ihr jüdisches Herz und an ihre französische Ritterlichkeit appelliert; »nein Appell hat nichts vermocht; man hat uns überstimmt." „Was »vird nun jetzt geschehen? Welche Mittel wollen Sie ergreifen, um zu verhindern, daß dieser Vorschlag Statut werde?" frage ich. „Ties ist noch nicht bestinrmt; rvir wissen es noch nicht genau," erwidert er. Berlin. M. F. Seidemann. Der Gewaltstreich in -er Alliance Jsraelite Universelle. Es ivar sicher, daß die Deutsche Konferenzgemeinschaft der - Alliance zu dem parlamentarisch garnicht ' charakterisierbaren Gewaltstreich der Pariser Zentrale nicht schweigen konnte. Sie hat auf den 6. November einen Alli - ancetag nach Berlin einbcrusen. Das-Begleitschreiben zu dieser Einladung an ihre Mitglieder zeigt, wie recht unsere Zeitung s. Zt. mit der Festnagclung der Persönlichkeit Reinachs, des unumschränkten Leiters der Miauce rmd daher auch Vaters dieses Gewaltstreiches, hatte. Das Begleitschreiben lautet: „Am 18. Oktober 1911 hat in Paris eine überaus »mchtige Sitziing des Zentral-Komitees der Alliance Jsraelite Universelle stattgefunden. Auf der Tagesordnung stand, wie Ihnen bekannt sein wird, die Frage, ob der bisherige Wahlinodus, nach welchem die Mitglieder des Zentral-Komitees durch das allgemeine Wahlrecht bestimmt »ourden. beseitigt und durch Kooptation ersetzt werden Zur Beratung über diese wichtige Angelegenheit hätten sich fünf Mitglieder der Deutschen Konferenz- Gemeinschaft, nämlich von Berlin die Herren Jnstizrat M a x Fuchs und Geheimer Medizinalrat Prof. Dr. Landau, von Leipzig Herr Hermann Wittner, von Hamburg Herr HermannGnm pertz, von Breslan Herr Heinrich Osch ins k y, in Paris eiiigefunden. Sie erfuhren dort zu ihrem Erstaunen, daß für die Einbringung des Antrages, nicht bloß das allgemeine, sondern das Wahlrecht überhaupt abznfchaffen und die Kooptation einzuführen, nicht allein die 25 Pariser Zentral-Komitee-Mitglieder, sondern auch einige deutsche Mtglieder schriftlich votiert hatten, so daß in Gemäßheit des Art. 22 der Statntender Vorschlag zur Diskussion gestellt werden konnte. Wie diese Boten zustande gekommen s i u d, davon werden Sie sich ohne weiteres eine Vorstellung machen, wenn Sie erfahren, daß Herr Bigart, derGeneralsekretär der A I. U., vorher -bei den einzelnen Zentral- Koinitee-Mitgliederu herum gereist ist, um sic zur Abgabe ihrer Stimmen für den Pariser Vorschlag zu veranlassen. In der mehrstündigen Debatte über diesen Antrag haben die sämtlichen anwesenden deutschen Zentral-Komitec-Mitglieder das Wort ergriffen. Sie haben arrsgeslrhrt, daß der Antrag einen B r n ch m i t der ganzen fünfzigjährigen Vergangenheit der Alliance Jsraelite Universelle darstelle, die aus dem Prinzip des allgemeineu Wahlrechts gegründet getvescn sei, daß die Einführung der Kooptation keine andere Wirkung haben könne, als die Al lein Herr sch '' einigerPariscrtzerren zu stabili sie, und nichts anderes bezwecke, als die M i t ä r b e i t d e r a u s »v ü r t i g e n. und namentlich de, deutschen Mitglieder, völlig ans zu schalten, ein Bestreben, das schon seit vielen Zähren mit rücksichtsloser Energie von Paris aus verfolgt worden sei. Es »vürde damit sür alle Zeit ein Bertvaltungssystem festgelegt werden, das, wie die vielfach an uns gelangten Beschwerden beweisen, keineswegs das allgemeine Vertrauen genießt. Auf keinen dieser Einwände ist die Majorität e i n g c g a n g e n. Sic hat sogar die dringende Bitte der deutschen Mitglieder, diese so wichtige Angelegenheit nicht zu überstürzen, sondern sie zunächst einer Kommission zur Prüfung zu überweisen abgelehnt, und darauf mit einer Majorität von 19 gegen 5 Stimmen den Antrag der deutschen Zentral-Koniitee-Mitglieder zum Beschluß erhoben. In derselben Weise sind — immer mit einer Majorität von 19 gegen 5 — alle anderen von uns gestellten Anträge abgelehnt worden. Der Beschluß vom 18. Oktober birgt eine außerordentliche Gefahr in sich. Nach der Auffassung der Majorität bedarf es nur noch ei ner Abstimmung, die bereits Mitte November stattfinden kann und ferner der Genehrnigung einer demnächst nach Paris zu berufenden Generalversammlung, uni den Anträgen der Majorität definitiv Kraft zu verleihen und die bisherige Grundlage der Alliance Jsraelite Universelle nmzustürzen. Die Mitglieder der 'Alliance Jsraelite Universelle werden einen solchen Beschluß nicht ruhig hinnehmen können. Sie werden nicht dulden dürfen, daß man uns 13 000 deutschen Mitgliedern das einzige erhebliche Recht, das wir bisher gehabt haben, die leitenden Männer durch unsere Wahl mitzubestimmen, entzieht, und uns solche Männer als Vertreter der Mllanceidee aufoktroyiert, die lediglich der Pariser Majorität gefallen. Denn tatsächlich ist diese allein in der Lage, die Kooptation vorzunehmen, die nach den Beschlüssen vom 18. Oktober in, Paris durch zweidrittel der in der Sitzung anäsenden Mitglieder ausgeübt werde» soll. Gegen diese unerhörte Vergewaltigung durch die Pariser Majorität gilt es, den schärssten Protest zu erheben und noch einen Versuch zu machen ,die Gefahr abzuwenden. Zu diesem Zweck berufen wir hierher, nach Berlin, eine Versa m m l u n g (A l l i a n c c t a g) Atontag, den 6. Nov., 1 Uhr mittags, im Saal der Gesellschaft der Freunde, Berlin YV. 9, Potsdamer Straße 9, zu der jedes Mitglied der Alliance Zutritt und Stimme hat." Das Interessanteste und Bedeutsamste, das dieser Aufruf enthält, scheint uns nicht so sehr in der Schilderung der ^Absichten der Pariser Zentrale zu liegen — sie sind längst bekannt —, als.vielmehr in der Mitteilung der Tatsache, daß auch einige deutsche Mitglieder den unerhörten Getvaltstreich unterstützen und schriftlich sür ihn votiert haben. Der Protest der jüdischen Oefscutlichkeit muß sich jetzt auch nicht so sehr gegen die Pariser Herren »venden — an ihnen ist alles Protestieren verloren —, sondern gegen diese wenigen deutschen Herren, die in das rühmliche Verhalten der D. K.-G. in schmachvoller Weise Breche legen. Es »väre geboten, die Namen dieser Deutschen der Oessentlichkeit zu übergeben, damit diese weiß, wer ihre Freunde und »ver ihre inneren Feinde sind. Die Namen dieser Herren »verden von der jüdischen Geschichte für immer gebrandmarkt bleiben. Aus aller Wett. Deutsches «eich. Frankfurt a. M. Unter dem Namen . „Vereinigung jüdischer Wo hlfahrts- Einrichtungen" wurde eine Vereinigimg ins Leben gerufen, »velche den Austausch und die Berbreitimg wichtiger Erfahrungen auf dem Gebiete der hiesigen jüdischen Wohlfahrtspflege bezweckt. Die Vereinigung soll eine Zentrale werden zur zweckmäßigen Verteilung von Stipendien,, Unterstützungen und dergl. und »vird außerdem als 2luskunftsstelle fiir alle Vereine nnd private Wohltäter dienen. Die Vereinigung soll alle hiesigen jüdischen Vereine, Stiftungen, 'Anstalten usw. umfassen. Es sind bereits die meisten Organisationen beigetretcn. Die Geschäftsstelle befindet sich L a n g e str a ße 301., Telefon Amt I Nr. 5207. Der Vorsitzende, Bernhard Kahn (Bethinannstr. 50) ist gerne bereit, Auskünfte zu erteilen. Frankfurt a. M. Die Frankmrt-Loge hat durch ihren „Ausschuß zur Verbreitung jüdischer Dolksbibliotheken ans dein Lande" zur Zeit mehrere Wanderbibliotheken zu verleihen. Kleinere Landgemeinden, »reiche sich auf diesem Wege gediegene Lektüre zuführcn wollen, werden hiermit aufgefordert, ihre Gesuche an den Vorsitzenden des Ausschusses, Rabbiner Dr. A. Lazarus (Oberlindan 53/ zu richten. Berlin. Am 29. Oktober fand hier die Generalversammlung der Allg. Jüd. Kolonisations-Organisation (A. I. K. O.) statt. Kommerzienrat Gerson Simon erstattete den B e r i ch t. Die in London domizilierende Oriental Colonizing Cy. verfüge bisher über ein eingezahltes Aktienkapital von Lstr. 5000.—, wozu der frühere Vorsitzende Dr. I. Ginsberg etwa die Hälfte beitrug. Außerdem hat die Gesellschaft einen Kolo» nisationsfonds in Höhe von 40 000 JL Der Bericht gab ferner nähere Mitteilungen über einige in Palästina in Aussicht genommene Landkäufe. In der Debatte ergriff n. a. Prof. D. O. Marburg das Wort, der den Vorstand warnte, allznviele Landkaufprojekte zu gleicher Zeit in 'Angriff zu nehmen. Die Versammlung setzte eine Kommission ein, die sich mit den verwandten jüdischen Kolonisationsg-esellschaften ins Einvernehmen setzen soll, um in gewissen F ä l - lenein gemeinsaines Vorgehen anzubahnen. In den Vorstand wurden die früheren Mitglieder wiedergewählt; anstelle des verstorbenen Kommerzienrats Benjanrin Hirsch trat dessen Sohn Dr. Abraham Hirsch und anstelle des verstorbenen Dr. Hirsch ~ Hildesheimer Georg Lachg. Berlin. Das Berliner Gesamtkomitee der „Organisation für hebräische Sprache und Kultur (Hista drnrh Jbrith)" beschloß, in Berlin und einer Reihe anderer größerer Städte Deutschlands Vortragszyklen über die hebräische Sprache und Literatur zu veranstalten. Außerdem wurde ein neuer geschästssührender Ausschuß gewählt. Er wird künftighin ans den Herren Nahum Sokolov, S. Hurwiy, dem Herausgeber des „Haatid" Dr. L. Motzkin nnd Dr. Heinrich Löwe bestehen.

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