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Neue jüdische Presse · 1911-11-03 · Heft 43 (3.11.1911) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 43 (3.11.1911)
Date
1911-11-03
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Frankfurter Israelitisches Familienblatk. Nr. 43 haben die „öffentliche Meinung" Europas von unserer Besuchsliste gestrichen.'" Also, bliebe noch ein letztes übrig: Tie Judenheit aller Länder selbst aufzurütteln, ihr Gewissen wachzurufen und sie zu veranlassen, die Regelung der Judenfrage selbst in die Hand zu nehmen. Daß dieser Zweck nur zu begrüßen ist, ist klar. Nun kommt es darauf an, in welchem Sinne und in welchem Umfang man dieses Ziel nehmen soll. Nimmt man es im begrenzten Maße, und soll der Zweck die Regelung der ökonomischen und sozialen Verhältnisse sein, so würde die Aufgabe des Kongresses sich ungefähr mit der decken, die die Einberufer des ,,Emigrationskongresses" diesem zugedacht haben. Wir haben aber schon seinerzeit bei Besprechung dieses Planes den Standpunkt vertreten, daß dies nicht so sehr ein allgemeiner Kongreß mit Referaten, Debatten und Resolutionen regeln könne, sondern viel eher der Arbeit der Organisationen überlassen werden muffe, falls diese den nötigen Willen und die nötige Energie besitzen; besitzen sie es nicht, so wird auch ein Kongreß nichts nützen. Und ebenso, wie wir uns damals aus diesen Gründen zu dem an sich recht guten Gütanken eines „Emigrationskongreffes" nur kühl gestellt haben, können wir uns auch diesmal für den P!an eines alljüdischen Kongresses nicht sonderlich erwärmen. Soll aber dieser eine höhere, größere und umfaffendere Aufgabe erfüllen als der Emigrationskongreß, soll er die gesamte Judenheit überhaupt auf sich selbst besinnen lassen und sie zur selbständigen Lösung der Judenfrage aufwecken, dann, ja dann ist der Kongreß gewiß überflüssig, oenn dies hat schon der . erste Z ionistenkongreß vor 15 Jahren getan, und daß der Appell des neuen Kongresses etwa wirkungsvoller und mächtiger sein wird, als der jenes historischen Kongresses unter des großen Herzl Leitung, wird wohl nieniand glauben wollen. Ja, nicht nur dies, in diesem Fall wird der neue alljüdische Kongreß nur zur Farce werden. Denn um das jüdische Volk zur Lösung der Judenfrage sammeln zu wollen, dazu gehört eine Idee, ein großer, leitender Gedanke, ein prinzipieller Standpunkt, ein Programm. Der Wille zum Judentum, die Liebe zu den russischen Brüdern aber geben noch nicht ein solches Programm ab. In diesem Falle würde der neue Kongreß nur Verwirrung schaffen, nur Unklarheit verursachen' und den Entwicklungsprozeß der Judenheit, der zum Nationalismus führen muß, hemmen und aufhalten. Mit dem guten Willen allein löst man nicht die Judenfrage. Man sieht: Bon welcher Seite mmi auch den neuen Plan ansieht, welches auch sein Zweck fein soll, man kann ihn nicht begeistert aufnchmen und nicht einmal seine Realisierung ernstlich begrüßen. Im besten Fall wird er gar nichts nütze», wohl aber kann er sehr leicht die Geister verwirren. Und damit sind wir schon der Pflicht enthoben, die andere Frage zu untersuchen, ob der Plan überhaupt realisierbar ist. Kurz bemerkt, sind wir der Ansicht, daß auch dies nicht der Fall ist." Soll der Kongreß twch irgend etwas wenigstens moralisch bedeuten, so muß er ein alljüdischer Kongreß des ganzen Volkes sein. Dies aber heute zu erreichen, dazu gehört ein neuer Herzl. Und ein neuer Herzl rst noch nicht da! Trotzalledem haben wir den warmen Aufruf des „Ost und West" mit Freuden gelesen, haben wir die Nachricht von der warmen Aufnahme, die der Plan in maßgebenden Kreisen der Berliner Judenheit gefunden hat, mit Freude ausgenommen; nicht des Faktums an sich wegen, sondern um der symptomatischen Bedeutung willen, die ihm zukommt. Denn er zeigt wieder einmal deuüich, daß der Sinn und die Sorge um das Schicksal unseres Volkes immer mehr und in immer weiteren Kreisen der deutschen Judenheit wachst. Er zeigt, daß man auch in den leitenden Kreisen der deutschen Judenheit, die bischer noch oft allem Zwischen kühl gegenübergestanden haben, beginnt, um! bas Los der Judenheit zu sorgen, und daß auch in ihnen das Gefühl sich Bahn bricht, daß das Schicksal ihrer Volksgenossen schließlich ihr eigenes ist. Und dämm ist dieser Aufruf, ist diese ganze Episode so erfreulich. Denn eine Episode wird ja der Plan nur sein. Man braucht weder Pessimist noch Skeptiker zu sein, um Voraussagen zu können, daß dieser Plan dasselbe Schicksal haben wird wie so viele andere vor ihm: er wird bald vergessen sein. Aber die Motive und Gefühle, denen er entsprungen ist, werden bleiben und werden und sollen nicht unbenutzt bleiben. Mögen die Väter und Anhänger des neuen Planes die Energien und Kräfte, die sie auf seine Realisierung verwandt hätten, auf den anderen Gebieten des jüdischen Lebens verwenden., uw sie dürfen sicher sein, wenn auch äußerlich vielleicht keine so lauten, so doch in Wirklichkeit bleibendere und wirksamere Erfolge zu erzielen. Denn die Judenfrage kann nicht mehr durch Kongreffe und Aufrufe gelöst werden; sie ist viel zu tief, viel zu innerlich uw viel zu bedeutsam hierzu. Sie kann nur durch langsame, stetige, zielbewußte Arbeit ihrer Lösung entgegengefiihrt werden, durch Arbeit in dem Sinne uw dem Geiste, den der erste und einzig berechtigte Kongreß gewiesen hat, der zur Lösung der Jwenfrage getagt hat: der I. Zionistenkongreß zu Basel. In der Richtung weiterznschreiten, die er gewiesen, die Bahnen einzuhalten, die er gezeigt, dies ist das Mittel, das wir empfehlen. Und wir hoffen uw glauben, daß auch die Väter des neuen Gedankens später oder früher dies einsehen und sich, mit uns dann tu ihren Arbeit einen werdeir. Nur so werden sie ihre ütlen Gefühle und idealen Motive, die sie zu ihrem Plane veranlaßt haben, lvirllich iit richtigem, fruchtbarem und wahrhaft jüdischem Sinne betätigen, zum Wohl und Nittzen unseres ganzen Volkes! 2. Famose Argumente zur geplanten Statutenänderung in der Alliance. Wir veröffentlichen in dieser lllummer ein Interview eines unserer Mitarbeiter mit dem Vizepräsidenten der Deutschen Konferenz-Gemeinschaft, Herrn Geheimrat Prof. Landau. Es ist im höchsten Grade charakteristisch! uw interessant, daraus zu ersehen, welche Motive uw Gründe die Pariser Gewalthaber für ihren empörenden Versuch, die Mitglieder der Alliance ihres Wahlrechtes zu berauben, ins Feld führen. Tie Wahlagitation — behaupten die Pariser Herren — schadet dem Ansehen der Alliance, sie ist ihr unerträglich. Aus diesem famosen Grunde müßten sich alle demokratischen Gesellschaften in feudale Klubs uw alle demokratischen Staaten in absolutistische Tyrannenstaaten verwandeln. Die Wahlagitation, die Wahlkämpfe lind nicht der Alliance unzuträglich, sondern nur den privaten Interessen der Herren Reinach und Bigart, uw ihr merkwürdiges Argument ist nur zu verstehen, wenn man bei ihnen dieselbe Ansicht voraussetzt, die alle Gewalthwer seit jeher gehabt haben: „I’Etat c'est moi!" Noch interessanter sind die Argumente des Herrn Reinach. Sein erstes Argument, daß cs beim Ausbruch eines deutsch-französischen Krieges schwer sein werde, die Wahlen durchzuführen, ist zu lächerlich, als daß es einer Widerlegung bedürfte; sein Hauptgrund ist jedoch ein anderer, der" nämlich, daß schon die alten Römer das Prinzip der Kooptation gehabt und gebilligt haben! Damit freilich ist alles bewiesen, wenn die alten römischen Tyrannen am Tiber das Prinzip angewandt haben, dann freilich müssen.es die neuen Mischen Gewalthwer an der Seine zweifellos auch anwewen. Das folgewe Argument ist nicht miwer beweiskräftig; auch Akademien pflegen dieses Kooptationsprinzip zu benutzen; als ob eine wissenschaftliche Körperschaft wie eine Akademie irgendwie mit einer demokratischen Bolksorganisation, wie es die Alliance sein soll, vergleichbar wäre. Doch Herr Reinach ließ es nicht an Sinnlosigkeit in der Beweisführung genug sein; er fügte ihr noch den Zynismus hinzu. Denn ist es nicht frecher Zynismus, als Argunient für die Abschaffung der Wählen die Furcht anzusühretl, einige reiche Juden könnten für einige tausend Mitglieder Beiträge bezahlen, nachdem dasselbe Zenträlkomitee unter Leitung desselben Reinach diesen Modus selbst im Orient bei den letzten Wahlen in . rücksichtslosester Weise angewandt hat! „Wir wollen der Komödie ein Ende machen!" rief Herr Reinach aus. Das Wort hört sich komisch in seinenr Munde an. Wir, die Gegner des Pariser Komitees, haben das Recht, der Komödie, die man heute Leitung der Alliance nennt, ein Ende macheit zu wollen. Oder meinte Herr Reinach damit, daß mit dieser beabsichtigten Statutenänderung der Alliance überhaupt und damit auch natürlich dieser Komödie ein Ende gemacht wurde; in diesent Falle hätte er allerdings recht, nur daß dann die Komödie zur Farce .würde. Ernsthaft gesprochen: Selten hat mait eine Sache mit solchen inhaltslosen und unhaltbaren Scheingründen - zu verteidigen gesucht, wie die Pariser Herren cs bei ihrer geplanten Statutenänderung tun; daß Herr Reinach auch in der Sitzung ihr Wortführer war, ist charakteristisch; es zeigt, daß er in Wahrheit der Initiator des Ganzen ist nnd daß die heftige gegen ihn ge richtete Kampagne bei seit letzten Wahlen ihm nichts von seiner Unverfrorenheit uw Machtstellung genommen hat. Daß er jetzt von seinem Amt als Vizepräsident der Alliance zurückgetreten ist, will nichts sagen. Dieser Schritt ist nur Speck, mit dent, man recht naive M.äuse in die Falle lackt. In Wahrheit wird er auch fernerhin der wirkliche Leiter der Alliance bleiben. Tenn die anderen Pariser Herren sind nur indifferent; er ist aber Fanatiker in seiner Negation. Mit Paris haben wir uns daher nicht mehr zu beschäftigen, es bleibt wie cs war; unsere Sorge luender sich nun einzig noch der Berliner Leitung der T. K.-G. zu. Was gedenkt sie zu unternehmen? Auf die Frage unseres Mitarbeiters nach den Absichten der D. K.-G. hat Geheimrat Landau erwidert: „Wir wissen es noch nicht genau!" Es tväre aber schon Zeit, daß sie es wüßte. An dem guten Willen und den jüdischen Gesinnungen der Leiter der D. K.-G. ist nicht zu zweifeln; was ihnen manchmal gegenüber den robusten Herren der Pariser Bureaus abgeht, ist nur Rücksichtslosigkeit. und rasche Energie int Haweltt. Gegenüber Gegnern wie Bigart und Reinach heißt es schnell, energisch und zielbewußt Vorgehen. Wir hoffen, daß die Leitung der T. K.-G. bald über ihre Maßnahmen schlüssig sein und sie dann auch energisch durchführen wird. Vielleicht ist noch auf Erfolg zu hoffen, vielleicht auch nicht; jedenfalls nrüssen wir, die wir — wir wiederholen es immer wieder — die Alliance nicht durch zwei rücksichtslose Autokraten vernichtet sehen wollen, voll uw ganz unsere Pflicht tun! Gin Interview mit Geheimrat Prof. Lauda«. (Zum Kampf in der Alliance.) Unser Berliner Mitarbeiter hat mit Herrn Professor Landau, dem Vizepräsidenten der T. K.-G., das folgende Interview gehabt, das von besonderem Interesse ist, da es über den Verlauf der Sitzung des Pariser Zentralkomitees, in der der Beschluß zur Abschaffung der Wahlen gefaßt worden ist uw über die Motive der Pariser Herren Auskunft erteilt: Ich habe mich an Herrn Prof. Landau mit dem Ersuchen gewandt, mir Auskunft zu erteilet! über die Vorgänge in der letzten Sitzung des Zentralkomitees,!vo dieser Beschluß gefaßt wurde uw seine Ansicht darüber zu äußern. Zur festgesetzten Stunde fand ich mich ein! Herr Prof. Landau empfing mich mit offener Freude. „Nach dem Zusammensein mit jenen (Pariser) Juden ist' es mir angenehm, mit einem Juden sprechen zu können, . der. jüdisch fühlt!"

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