Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 9 (1911)
- Issue
- Heft 43 (3.11.1911)
- Date
- 1911-11-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Isrankfirrter ftaklitisltlkS Ifltüilirnlilntt. «nd ch«fchLft»ft«rr«: Srsntturl ». M.. J2nngt|lrnit 7 10507. Aeranrgsver: Kalg ch«i». 9. Jahrgang. Freitag» de« 12. Liiesviivan 5672 (3 November 1911) Nr. 43. , Jnsertion»preise: Die viergespaltene Petitzeile.... . »5 Pf-. Die Reklamezeile. . MO „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter No. 4864. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. AbonnementSpreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. M. 1.— ftei ins HauS. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder M. 2.— Inhalt des Hau-tblattes. Artikel: Die Reorganisiemng der traditionellen Judenheit. — Aus den Ereignissen des Tages: I.Ein alljüdischer Kongreß; 2. Famose Argumente zur geplanten Statutenänderung in der Alliance. — Ein Interview mit Geheimrat Prof. Landau. — Der Gewaltstreich der Alliance Jsraelite Universelle. —Aus aller Welt. — Feuilleton: Vierzehn Tage Arrest. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. auf dem Papier vielleicht auch erreicht, iu der Wirklichkeit Schwierigkeiten bereiten dürfte. Toch auch innerhalb der traditionellen Kreise des Ostens und oes Westens klaffen tiefgehende Meinungsverschiedenheiten. Bei uns in Deutschland z. B. haben sich die Differenzen zwischen den Vertretern der Trennung der Traditionellen von der großen Masse und den Verfechtern der Einheit der jüdischen Gesamtheit häufig zu persönlichen Feindschaften zugespitzt und so mitunter ein Zusammenarbeiten der wertvollsten Kräfte unterbunden. Ein Losungswort, das all' die Dinge im engen Raum hinter sich läßt, muß daher gefunden werden, damit die traditionelle Judenheit zusammengeführt und allmählich zufaminengeschweißt werde. Nur große sittlich-ethische Forderungen, als Panier vorangetragen, sind imstande, das Wunderwerk zu vollbringen. Mit einem richtigen Worte hat General Both die Tausende der Heilsarmee hervorgezaubert. Sollte da nicht bei den für Ideale besonders empfänglichen Juden, noch dazu bei dem Teil, dem die ideellen Forderungen des Judentums Lebensinhalt und -Ziel bedeuten, das richtige Wort im Augenblick zünden? Dieses Wort zu finden, sollte nicht zu schwer sein, da das Erkennen der Ursachen der Krankheit in der Regel auch die Heilmittel in die Hand gibt. Tie Ursachen für den -Verfall sind sehr einfach festzustellen. Durch das Bekanntwerden mit den nichtjüdischen Kulturen büßte das jüdische Eigenleben mit seinen sittlich-ethischen Forderungen immer mehr von seiner Reinheit ein. Nicht die steinernen Mauern des Ghettos waren es, die unsere Vorfahren erhalten hatten, sondern die Distanz zwischen den sittlich-ethischen Anschauungen der Juden und der Nichtjuden. Das Schwinden dieser Distanz mußte mit Naturnotwendigkeit zum Verfall der jüdischen Minorität führen, und wir haben ja gerade in den letzten Jahrzehnten, da auch das jüdische Zentrum im Osten sich nicht länger den von außen heranbrandenden Wogen entziehen konnte, die Verheerung dieses Verfalls erlebt und erleben dieses Bild der Verwüstung noch jeden Tag. Diese Distanz gilt es wieder zu schaffen, indem die sittlich-ethischen Forderungen des Judentums in den Vordergrund gestellt, der „ganze Jude" zur Parole der vereinigten traditionellen Judenheit geprägt wird. Und diese Parole wird nicht nur die divergierenden Elemente der traditionellen Judenheit zusammenführen, sie wird auch auf jene unserer Brüder wirken, die den Zusammenhang mit der Vergangenheit des jüdischen Volkes mehr oder weniger gelockert haben? „Ganze Juden!" — mit diesem Rufe ließen ftch Ost und West und in Ost und West die divergierenden Teile vereinen. Tenn „ganze Juden" heißt nicht nur kultuell, sondern auch kulturell Jude fein wollen! Tenn „ganze Juden" heißt nicht nur eine Reihe realer jüdischer Gesetze beobachten, sondern auch das Fühlen und Denken, das Privat- und das Berufsleben den sittlichethischen Forderungen des Judentums unterstellen, jüdisch gestalten zu wollen. Und wo dieses Streben wahrhaft ist, da muß das Trennende von selbst aufhören! Wo dieses Streben wahrhaft ist, da wird die Distanz zwischen der jüdischen und der nichtjüdischen Welt geschaffen, die zur Erhaltung der jüdischen Welt erforderlich ist. Ans de« Ereignissen des Tages. 1. Ein alljüdischer Kongreß. Tie Not macht erfindungsreich. Die beständige Not unseres Volkes ist eine der Ursachen seiner vielgerühmten Erfindungsgabe. Dieselbe Not ist es auch, die uns moderne Juden mit soviel neuen Plänen, Ideen und Projekten beschenkt hat. Tie allerneueste ist der Plan eines alljüdischen Kongresses. Aufgetaucht ist er in der letzten Nummer des ,L)st und West", wo er an leitender Stelle mit recht viel Wärme und Ueberzeugungskrast propagiert wird. In den leitenden Kreisen der Berliner Judenheit soll dieser Plan eine recht warme Aufnahine gefunden haben und lebhaft begrüßt worden sein. Daß die Motive, die den Leitartikler des „Oft und West" zur Veröffentlichung dieses neuen Projektes geführt und ihm innerhalb der Berliner Judenheit eine so sympathische Aufnahme gesichert haben, nur gute und ideale sind, ist klar; es sind im wesentlichen dieselben Motive, die so vielen großen Inden der modernen Zeit den Plan eines solchen Kongresses nahegelegt haben, die Sorge um das Schicksal des jüdischen Volkes und die Liebe zu ihren verfolgten östlichen Brüdern. Ob aber der Plan auch wirklich wert ist, realisiert zu werden und ferner, ob er überhaupt realisiert werden kann, ist eine andere Frage. Und diese soll kurz beleuchtet werden. ] Vor allem, was soll der Zweck eines solichen alljüdischen Kongresses sein? Er soll über die Lage der russischen und rumänischen Judenheit beratschlagen. Uno was soll das Resultat einer solchen Beratung sein? Die russische und rumänische Regierung von ihrem moralischen Unrecht, das sie durch die Unterdrückung ihrer jüdischen Untertanen begehen, überzeugen? Wir halten nicht die Väter des neuen Planes für so naiv, solches durch ihren Kongreß bezwecken zu wollen. Also was denn? Tie europäischen Regierungen zur Intervention veranlassen? Nun, darauf hat schon Max Nord au in seiner Eröfnungsrede am X. Kongreß die einzig richtige Antwort gegeben: Tic europäischen Regierungen haben ja das heilige Prinzip der Nichteinmischung in die inneren Verhältnisse eines fremden Staates proklamiert. Wenn nicht die Regierungen, dann wenigstens die „öffentliche Meinung" Europas aufrüttclu! wird man sagen. Auch da hat Nordau das treffende Wort bei gleicher Gelegenheit gesagt: „Tie „öffentliche Meinung" Europas ist eine diskrete Person, die wohl weiß, wann es zu schweigen gilt", und das andere Wort: „Wir Die Reorganisierung der traditionellen Judenheit. Ter Einigungsgedanke der traditionellen Judenheit, ihr Zusammengehen zur Lösung von Aufgaben, die all ihren Schattierungen gemeinsam sein müssen, liegt seit Jahren in der Luft. Tie Gefährdung ihrer vitalen Interessen war von Jahr M Jahr offensichtiger geworden, und so mußte sich zuletzt von selbst das Sehuen nach Bereinigung hervordrängen. Bereit vor 21/2 Jahren hat dieses Sehnen führende Persönlichkeiten der deutschen und der osteuropäischen traditionellen Judenheit nach Homburg zusammengeführt, wo in tagelangen Konferenzen ernster Rat gepflogen wurde. Die damals gelegten Grundsteine sind inzwischen weitergebaut worden, — und jetzt schickt man sich an, den Plan zu verwirllichen. Ob der Wille die erfolggekrönte Tat, ob die Not den zum Ziele führenden Weg weisen wird, darüber läßt sich, da die Verhandlungen vertraulich gepflogen und die Presse als solche von den Sitzungen ausgeschlossen wurde, vorläufig noch keine Meinung äußern. Trotzdem erwächst im gegenwärtigen Momente der Presse die Pflicht, sich mit der Materie zu befassen. Denn es ist die edelste Aufgabe einer von höheren Zwecken geleiteten Presse, neuem Werden Richtung zu weisen. Vor allen Dingen mutz es gelten, die technische und die ideelle Durchführbarkeit oer Organisation prüfend zu betrachten. Im Anschluß daran werden sich dann die Richtlinien ergeben, die die Organisation als eine Umfassung der gesamten traditionellen Judenheit ermöglichen. Die rein technische Schwierigkeit dürfte vor allen Dingen in der Vereinigung von Ost und West bestehen. Bei den Ostjuden vollzieht sich heute in Jahren die Entwicklung, zu der bei uns Westjuden ebensoviel Jahrzehnte nötig waren. Diese sich überhastende Veränderung, besonders der Kampf zwischen den in der Tradition wurzelnden Vätern und ihren wurzellos gewordenen Söhnen, die die Vergangenheit opfern zu müssen glauben, um sich der Kultur der Umwelt ganz hingeben zu können, hat einen unentwirrbar scheinenden Knäuel der Verwirrung geschaffen. Es kann deshalb auch nicht wundernehmen, daß den der Tradition Treugebliebenen der normale Blick für die realen und ideellen Forderungen der veränderten Situation getrübt ist, eine Tatsache, die einer Verständigung zwischen Ost und West, wenn