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Neue jüdische Presse · 1911-10-27 · Heft 42 (27.10.1911) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 42 (27.10.1911)
Date
1911-10-27
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Rr. 42. Frankfurter Israelitisch^ Familienblatk. Seite 3. barJtfUtcn, die hauptsächlichstc» und gefährlichste» Gegner einer freie», fuiturellcu und ' politischen Entwicklung; — die Bedeutung des Antisemitismus liege in der Unterstützung, die er von den rechtsstehenden Parteien erhalte. Das Gros der Verwaltungsbeamten erblicke in den besähigsten und intelligenten JMden eine unwillkommene Konkurrenz. Noch immer walte ja die Tendenz vor, die einflußreichsten Stellen in der staatlichen Verwaltung, die Offiziersstellen in ider Armee, gewissen schon durch ihre Herkunft privilegierten Schichten der Bevölkerung zu reservieren. Man wolle die Zahl der Konkurrenten um diese Stellen nicht noch durch die jüdischen Bewerber erhöhen, zumal die Intelligenz dieser jüdischen Pewerber oft geeignet sei, diese Konkurrenz zu einer sehr unliebsamen zu machen. Diese Konkurrenzangst beherrsche ftlle Zweige des staatlichen Organismus. Im übrigen seien die Hauptträger des Antisemitismus ein rückständiges Mittelstä.idlertum. Las neidisch auf die größere Wohlhabenheit der Juden sehe, und ferner die Unbildung und der 'Aberglauben in den Massen. Aus die parlamentarischen Verhandlungen näher eingehend, auf die vielfachen Debatten im Reichstage Wer die Zurücksetzung der Juden im Heere, erinnerte der Vortragende daran, daß seit ,1880 kein Jude mehr in Preuße» Reserveoffizier geworden sei. Theoretisch seien zwar die Juden von den allgemeinen Bcrusszweigen auch außerhalb! von Handel nnd Industrie nicht ausgeschlossen, auch in der Landwirtschaft seien die Juden in nicht geringem Prozentsatz tätig. Man brauche aber nur einmal nach Ostelbien zu gehen, um zu sehen, wie dort die jüdischen Grundbesitzer gesellschaftlich boykottiert und von allen Ehrenämtern ausgeschlossen werden. Wenn an allen maßgebenden Stellen der Ernst und feste Wille vorhanden Iväre, die Verfassung durchzuführen, dann wäre es ein Leichtes, die antisemitischen Tendenzen ans der Verwaltung zu entfernen und damit auch dem gesellschaftlichen'Antisemitismus das Wasser abzugraben. Eine Verwirklichung der verfassungsmäßigen Rechte auch der jüdischen Staatsbürger, die jetzt nur auf dem Papiere stünden, seien nur von einer allgemeinen liberalen Aera zu erwarten. Wem es Ernst damit sei, daß die Gerechtigkeit und die Sittlichkeit die Grundlagen aller Staaten bilden, wer den Wunsch habe, daß der Deutsche in diesen Fragen auch vor allen anderen Völkern stolz sein Haupt erhebe- und wer mit daran arbeiten wolle, daß diese . schmachvolle Bewegung aus dem öffentlichen Leben verschwinde iund die Versassung nicht ein Stück Papier bleibe, der möge die Konsequenzen ziehen und dem Verein seine Unterstützung leihen. Das zweite Referat erstattete Herr Landtagsabgeordneter Earl Funi, Frankfurt a. M., über „Das Judentum im Kultur- und Wirtschaftsleben Deutschland s". Wenn die Juden sich zu einem der Hauptträger der modernen Geldwirtschaft entwickelt haben, so sei dies aus die frühe Erkenntnis zurückzusühreu, daß in den Zeiten des Ghettos der Besitz das einige >war, was ihnen Geltung verschaffte. Die lebendige Anssassnng und rasche Beweglichkeit im geschäftlichen Leben, Las feine Empfinden für die Bedürfnisse des wirtschaftlichen Löbens, das oft der christliche Geschäftsmann vermissen lasse, habe ihnen im Laufe der Jahrhunderte im wirtschaftlichen Ge- \amtleben eine Position geschaffen, die auf vielen Gebieten von ausschlaggebender Bedeutung geworden sei. Der Aufschwung unseres Vaterlandes in wirtschaftlicher Beziehung sei zum guten Teil dem fördernden und belebenden Einflüsse der Juden aus den Handel und die Industrie, wie ihn auch Somüart in seinem bekannten Werke, wenn auch mit einigen .Uebertreibungen, geschildert hat, zu danken. Aber nicht nur im Bankwesen, sondern auch in der Industrie, insbesondere in der elektrischen und chemischen Industrie, in der Schiffahrt hat eine ganze Reihe hert orragender Juden bahnbrechend gewirkt. Aber auch der Gebrauch, den die Inden von ihrenr Vermögen machen, biete nicht den geringsten Anlaß zu den antisemitischen Gehässigkeiten. Die soziale Opserwilligkeit der Ir,den (Baron Hirsch. Baron Cohn-Dessau, Charles Hallgarten, Speyer. Sir Ernest Cassel in London) könne man als geradezu vorbildlich für unser ganzes Volk bezeichnen, Auf die speziellen Frankfurter Verhältnisse näher eingehend, stellte der Redner fest, daß von den in den ietzten fünfzig Jahren insgesamt von jüdischen Stiftern ausgcsetzten 20 Mllivne» Mark nicht weniger als acht Millionen. Mark'für allgemeine wohltätige Zwecke bestimmt wordeii sind, die alle» Konfessionen zu Gute kommen. Die Behauptung, daß das Judentum eine internationale Gemeinschaft sei, sei eine hohle Phrase. Das Jndcntum bekunde sich so nationalwie die übrige Bevölkerung. Trotz der vielen wirtschaftlichen Erschwernisse bekunde cs eine große Bodenständigkeit und auch die Liebe zunr Ackerbau, die für das nationale Gemüt der Inden zeuge, werde durch -ie vorbildlich wirkende Anstalt in Ahlem liebevoll gehegt und gepflegt. Auch auf den hervorragenden Anteil . und die fruchtbringende Tätigkeit der Juden auf politischem Gebiete, den verschiedenen Zweigen der Wissenschaft (Prof. Ehrlich) ging der Redner mit einigen Worten näher ein und betonte zum.Schluß, daß der. 'Antisemitismus.angesichts des geringen Prozentsatzes der Juden eine lächerliche Schioächc und eine der subalternsten Bewe- Szen Deutschlands sei, die nur aus die niedrigsten inkte der Masse spekulierte. (Schluß in der Beilage) Aus aller Wett. Deutsches Reich. o. Berlin. Am Sonntag fand dle erste Sitzung der Kommission zur Beratung der Statutenänderung des D. I. G. B. t. Zuerst wurde über die Vermehrung der Zahl Delegierten der Großgemeinden beraten. Die konservative» und zionistischen Vertreter, die sog. Opposition, erklärte sich unter der Bedingung bereit, daß der bisherige Modus, daß jede Gemeinde sich zum. Gemeindetag einen Vertreter aus einer beliebigen .Bnndesgemeinde bestellen .kann, bestehen bleibt. Der Antrag des geschästssührenden Ansschusses verlangte daher, daß nur Mitglieder derjenigen Bnndesgemeinde delegiert werden können, die daselbst ihren Wohnsitz haben. Da nun zuerst über die Verteilung der Vertreterzahl beschlossen werden sollte, so erklärte die Opposition, sich vorerst der Abstimmung zu enthalten, bis die Wählrechtsfrage gelöst sei. Gleichwohl stimmte ein Teil der Opposition für den Antrag S e l i g s o h n - Samotschin, der die Zahl der Vertreter folgendermaßen festsetzt: Gemeinden mit einer Seelenzahl bis 200 erhalten 1 Stimme; dann geht es stnfciiweise aufwärts, derart, daß Genieinden mit 25,000 Seelen 27 Stimmer erhalten. Berlin erhält als Ausnahme 50 Stimmen. Dieser Antrag wurde mitallen — bei2Stim menen thältuugett — an g e n o nttnin Die Beratung über die Abänderung des Wahlrechts gestattete sich sehr lebhaft. Drei 'Anträge lagen dazu vor. Der geschäftsführende Ausschuß hatte seinen Antrag dahin abgeändert, daß auch Mitglieder des Ausschusses der zugehörigen Provinziälverbände, sofern sie! Beamte oder Delegierte sind, wählbar sind. Der zweite war der des Sanitätsrates Dr. Apfel- Köln, der besagte, daß eine Gemeinde jeden delegieren kann, der in der gleiche» Provinz resp. Bundesgemeinde seinen Wohnsitz hat; außerdem ist der wählbar, der innerhalb des letzten Dezenniums mindestens ein Jahr lang in der betreffenden Stadt gewohnt hat. Den dritten Antrag stellte Rabbiner Dr. Werner- München, der den alten Zustand bestehen lassen wollte mit der Abänderung, daß für die Wählbarkeit ein Mindestalter von 30 Jahren erforderlich ist. Tie Sitzung, die um 11 Uhr begonnen hatte, wurde uiw 6 Uhr nachmittags, nach 8 Stunden sehr bewegter Diskussion vertagt. Professor Philipsv n, der die Versammlung zuerst leitete, gab den den Vorsitz bereits i» der zweiten Mittagsstunde o. Berlin. Dem Berichte Justizrats Breslau e r auf der DelegiertenversammlnngdesVerband e s f ü r j ü d i s ch e W o h l f a h r t s p f l e g e entnehmen wir folgendes: Bei der Zentralstelle des Verbandes, dem 83 Vereine angehören, liefen 21179 Anfragen ein. Die Personalkarten vermehrten sich von 18 000 auf 20000. Der Verband unterstützte 279 Wöchnerinnen mit 8 595 Jf. Auf Anregung des Verbandes wählte der Frauenverein .helfende Hand" als Tätigkeitsgebiet die Fürsorge für Krüppelkinder. 8 Frauenveidnc l/abett sich zusämmengeschlosse», und jeder hat einen Bezirk für seine Tätigkeit übernommen. Durch Vermittlung der Zentralstelle bekommen die Vereine die für sie zuständigen Gesuche zur Erledigung. Es gingen insgesamt 679 ein. Es sollen jetzt wieder Versuche gemacht werden, mehr als bisher Viktualien anstatt baren Geldes zu geben. Die Zentralstelle soll fortan auch die Auszahlung der bewilligten Unterstützung aussiihren. Die Kosten für ein solches Büro betragen 6000 Jk 22 Vereine wollen diesem die Erledigung aller Oiesuche übertragen nnd zahlen dafür insgesamt 3500 JL Jahresbeiträge. Man hofft, noch einige Vereine zu gewinnen und den Rest des notwendigen Geldes von der Gemeinde zu bekommen. Bertta. Die am ü. November stattfindende Hauptversammlung des Verbandes der Deutschen Juden beginnt um liy» Uhr (nicht 10 Uhr). Berlin. Infolge der bereits mitgeteitten unerhörten ' Vergewaktigungsbersnche des Centralkomitees der Alliance Jsraökite Universelle, welches aus der die ganze Jicdenheit umfassenden Alliance eine französische Alliance machen und deshalb aus die deutschen Mitglieder verzichten will, hat die Deutsche Koiiferenzgemeinschast der Alliance einen deutschen Alliancetag einberufen. Montag, den 6. November, vormittags 11 Uhr, soll im Saale der „Gesellschaft der Freunde" diese Tagung beginnen. Oesterreich-Ungar«. Wie«. Am 14. d. fand in Lemberg der 1. Berband'stag der jstd. HandelSangtzstellten u nb Privat beamten in O esterstatt. 45 Delegierte vertraten 22 Verbandsgruppen in Galizien und in der Bukowina. Der Verband zählt nach vierteljährigem Bestände bereits 1000 Mitglieder. Die Tagung sprach den Wunsch nach Vereinigung mit der Wiener Organisation aus und erklärte den in Wien erscheinenden „Jüdischen Handeksangcstekkten" als Derbandsorgan. Am gleichen Tage fand ebenfalls in Lemberg ferenz der jüdischen Sozialisten (Separatisten! unter Teilnahme von ungefähr 100 Delegierten statt. Die Mgeordneten W i t y k und T a s z y n s k manisestierten durch ihre Ansprachen, daß die ukrainische und polnische Partei den Separatisten die Anerkennung als Juden nicht versagen. Wie«. Bor dem Kreisgericht in Wels fand jdieser Tage eine peinliche Szene zwischen zwei Badegästen Jschl's ihren Abschluß. Der 60 jährige Oberstabsarzt Dr. Rabl hatte im Omnibus einen Streit mit einem jungen Menschen namens Viktor Ebenste i n, dem Sohne eines reichen Kaufmannes in Wien, wegen des Platzes. Ebenstem rief dem alten Manne, „Halts Maul, Laus bub!" ins Gesicht, worauf Rabl erregt schrie: „Sie frecher I u d, ich werde Ihnen schon einen Lausbuben geben!" Nun versetzte Ebenstein dem Oberstabsarzte eine Ohrfeige und erhielt dafür einen Schlag mit dem Regenschirm. Eine gegenseitige Ehrenklagc war die Folge nnd 140 Kr. Strafe für Ebenstein und >10 Kr. Strafe für Dr. Rabl das Ende Komisch berührte die Feststellung, daß Dr.' Rabl, der den Ruf „Frecher Jnd!" erschallen ließ, Jude ist, während Eben st ein, der sich über diese Apostrophierung so sehr empörte. Katholik ist. Budapest. Dr. Adolf Klein, der Präfident der Sebedkaer Gemeinde, ladet in einem Aufrufe die Gemeindevorstände der beiden israelitischen Konfessionen zu einer Konferenz ein, damit eine Organisation geschaffen werde, m der Orthodoxe nnd Neologe einheitlich für die Interessen des nngar. Judentums tätig sind nnd die heittiche Organisation des Ungar. Judentums vorbereiten. Insbesondere solle diese Organisation die armen Gemeinden, deren Rabbiner und Lehrer, und die Hunderte von in Verfall geratenen! Institutionen unterstützen. Auch solle sie dafür sorgen, daß sich auch in den neologen Gemeinden nach orthodoxen Grundsätzen eingerichtete Institutionen vor- Der Plan dürfte nur dann Aussicht auf Verwirklichung haben, wenn nicht die offiziellen! Persönlichkeiten sondern die große jüdische Masse zur Schaffung der Organisation herangezogen wird. Besonders Idie Vertreter der Orthodoxie werden sich gegen jede Möglichkeit einer Einigung wehren. Das hat erst jüngst der JNstizminister hören müssen, ats er gelegentlich seines Aufenthaltes in Kassa gleichzeitig Deputationen beider israel. Konfessionen emppfing und diesen bei dieser Gelegenheit die, Hoffnung ans einen endlichen Frieden im nngar. Judentum aussprach. Frankreich. Paris. In der Sitzung des Zentralkomitees der Alliance Jsraslite Universelle vom 18. Oktober wurde der Antrag auf Abschaffung der Wahlen und Einführung der Kooptation mit 19 gegen 5 Stimmen angenommen. Bon den 19 Herren, die für den Antrag stimmten, waren 18 in Paris ansässige Mitglieder des Zentralkomitees, der neunzehnte war ein Belgier. Die fünf bet der Sitzung anwesenden deutschen Mitglieder — Jnstizrat Max Fuchs-Berlin, Geheimrat Professor Dr. Landau- Berlin, G u m - pertz-Hamburg, Oschinsky - Breslau und Wittner-Leipzig >— traten dem Antrag einstimmig mit der größten Entschiedenheit entgegen. Von den Rabbinern Dr. Werner -München und Dr. Vogelstein - Königsberg lagen schriftliche Äeutzerungen vor, die gleichfalls scharf gegen die Abschaffung der Wahlen protestiert«!. Um Las Statut der Mliance im' Sinne des Antrags zu.ändern, ist noch eine Abstimmung des Zentralkomitees nötig, die frühestens nach 4 Wochen stattfinden kami. Sodann muß noch die Genehmigung der Generalversammlung der Alliance eingeholt werden. Es ist nötig, die jüdische Oesfentlichkeit rechtzeitig auf die Konsequenzen hinznweisen, die sich ans der .Einführung des Kooptationssystems ergeben würden. Das Prinzip der O essenllichkeit würde dadurch vernichtet, jede Kontrolle seitens der beitragteistendea Mitglieder in allen Ländern a u s g e sch al t et, der

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