Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1911-10-27 · Heft 42 (27.10.1911) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 42 (27.10.1911)
Date
1911-10-27
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2692297-2692716-2692758--06510-3518726
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Orite 4 Frankfurter Israelitisches FamilielLlatk. Nr. 42. Einfluß der nicht in Paris wohnhaften Mitglieder des Zentrai-Komitees aus Null reduziert und die Berwaltungder Alliance immereiner kleinen Siruppe von Pariser Herren überlassen bleiben. Ruhla«-. Kiew. Unsere Stadt ist nun einmal die Stätte steter Judenverfolgungen in denen man hier keine Pausen kennt. Wiederum ist eine Anzahl von Familien der Ausweisung verfallen, aber damit allein hat man sich nicht begnügt. Auch ihr.Hab undGut wurd e kon sisziert. Als Grund für diese außerordentliche Grausamkeit wird der Umstand gütend gemacht, daß die Betroffenen, ohne Kauslcute erster Mlde zu sein, ohne also das Wohnprivileg zu besitzen, sich doch mit Handelsgeschäften besaßt haben. Damit ist eine neue Verschlimmerung in der Jndensituation eingetreten. Denn wenn erst zu den Ausweisungen die Konfiskationen hinzukommen, dann muß sich die Lage der Gehetzten zu einer Hölle gc- Rumäuien. villareft. Eine Abordnung der Bereinigung der eingeborenen Juden" wurde vor einigen Tagen in der königlichen Residenz in Jassy von dem Könige in Audienz empfangen. Die Abordnung überreichte dem Könige eine Denkschrift, ..in der ausgeführt wird, daß die Lage der eingeborenen Juden seit dem Jahre 190t, wo ihre Abordnung die Ehre hatte, vom Könige empfangen zu werden, sich in nichts geändert habe. Im Wesentlichen verlangt die Denkschrift Schutz für die eingeborenen Juden und Initiative für die Verbesserung ihrer Lage. Der König empfing die Deputation freundlich, machte jedoch keine bindenden Versprechungen. 0 Vierzehn Tage Arrest. Don I. M a Y e r s o h n - M a r i a n o, Frankfurt. Es war spät geworden. Die Zeiger auf der viereckigen Uhr mit dem bunten Zifferblatt rückten langsam vorwärts. Doch der Feldwebel, sonst so pünMich, erschien noch immer nicht. Endlich stand .er vor uns. Es schien etwas Außergewöhnliches vorgckommen zu sein, denn sein Gesicht war bleich, unrasiert und seine Stimme aufgeregt. Die gewohnten 'Befehle schnarrten herimtcr. Regiments-, Bataillons-, Kompagniebesehl. Jetzt machte er eine Pause, holte langsam und stockend 'Atem und führ dann ft»rt: . „Auf dem Bahnkörper unweit des Exerzierplatzes Galgenberg, am Uebergang der Hettstädter Höhe wurde heute Mittag die Leiche eines Soldaten aufgefunden, der von einem Eisenbahnzug Aberfahren und getötet war. Die Leiche ist bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Vermutlich liegt Selbstmord Er übergab die Papiere dem Kvmpagnieschreiber und wandte sich uns wieder zu. „Ich habe Äuh die Mitteilung zu machen, baß der soeben verlesene Vorfall leider unsere Kompagnie betrifft. Der Tote ist' der Pferdewärter Johann Emmcl, der bei Herrn Major Wächter abkommandiert war." „Auseinander! Marsch!" erscholl, — die Mannschaft löste sich auf und kehrte in ihre Stuben Ich cd&cr blieb wie geistesabwesend stehen. Die Worte der Unteroffiziere, die den ^Feldwebel umstanden, um mit ihm den Fall Emmel zu besprechen, schlugen mechanisch an mein Ohr. Und erst langsam fand ' ich Kraft, die Schritte nach meinem Zimmer zu lenken. Es war ein unfteundliches, windfeuchtes Wetter, als die Lkompagnie unter Führung des Oberleutnants Edrich am nächsten Morgen zum Felddienst ausrückte. Wir marschierten gemütlich! plaudernd — teils die Pfeife rauchend, teils singend — aus der Chaussee unserem Ziele zu, da hörte ich! den Oberleutnant Edrich zu dem neben mir marschierenden Einjährigen-Unteroffiziec mft seiner Fistelstimme sagen: Na, wieder ein Lump weniger in der Kompagnie. Solch' ein Schchein, der Kerl war fast täglich besoffen!" Es war von Emmel die Rede. Eine Gewalt, die stärker war als meine Ueberlegung, packe mich, — . und laut sagte ich zum Unteroffizier: „Es ist doch eine Sticdertracht, einem Toten, den man kaum kannte, so etwas nachzusagen!" Bleich vor Wut schrie mich der Oberleutnant an: „Was haben Sie da gesagt?" Mt einem Sprung war er zwei Schritt weit von der Sektion und kommandierte dröhnend: „Halt! In ~ schwenkt ein! Halt!" Maycrsohn, treten Sie einmal vor!" Ich trat vor die Front. „Was haben Sic soeben gesagt? Wiederholen Sie, was Sic zu dem Unteroffizier Scheincr gesagt haben!" . Ganz mechanisch, fast apathisch sagte ich: „Daß ich es für eine Niedertracht halte, wenn man sagt, Emmel sei ein Lump gewesen." Kreideweiß, wie ein Hülbwahnsinniger schrie der Oberleutnant: „Feldwebel, führen Sie den Mann nach der Kaserne und liefern Sie ihn der Wache als Arrestanten ab!" Eine halbe Stunde später befand ich. mich im Arrestlokale, resigniert und doch ruhig meines Schicksals harrend. Nach einigen Stunde» erschien der Feldwebel wieder. Ich wurde aus den Kasernenhof geführt — und stand vor dem Hauptmann. Ich erwartete einen Hagel von Schimpfivvrien: doch zu meinem Erstaunen floß eine fast väterliche Rede von den Lippen des Gestrengen. Wie ich mich zn solch einem Vergehen habe hinreißeu lassen können? Ob ich denn nicht tvisse, daß ich mich einer Subordination vor versannnelter Mannschaft und der Beleidigung eines Vorgesetzten schuldig gemacht habe? Au meiner Bestrafung sei nichts zu ändern. 'Ich war außerstande, zu erwidern und fühlte mich deshalb wie erlöst, als er mir befahl, mich: auf meine Stube zu begeben und meinen Dienst zn tim. Die üblichen Vorbereitungen zu einem Leichenbegängnis sollten diesmal ausfallcn, da Sclbstnwrd die Versagung der militärischen und kirchlichcu Ehren zur Folge hat. Meine Kameraden waren, als wäre nichts vorgefallen, zn Turn- und Fcchtübungcn ausgerückt. Ich allein hatte znrückblciben müssen. Mit gesenktem Kopse saß ich ans der Bettkante und dachte an den toten Kameraden. Emmel war mir stets ein unzertrennlicher Freund geivesen. Ich war ans keinem Tanzboden, in keiner Wirtschaft ohne ihn, überallhin ging er mir nach wie ein Schatten. Ich schrieb für ihn die Briefe an seine heimatliche Liebe, und er hals mir beim Putzen meiner Sachen. Wir aßen abends gemeinschaftlich. und weil» ich kein Geld hatte (was häufig der Fall war), dann zahlte Emmel. Unser freundschaftliches Verhältnis kam hauptsächlich daher, daß ich: mich von Anfang an seiner angeiwmmen hatte. Emmel war ein ruhiger, braver, etwas beschränkter Baucrubursche, der, obwohl Sohn vermögender Elter», vor seiner Mlitärzeit nie das heimatliche Dorf verlassen hatte. Er hatte ein Verhältnis mit seiner Cousine, die sehr selten schrieb, dagegen regelmäßig Geld schickte. Es ßvar sein sehnlichster Wunsch, nach zwei Zähren ans Disposition entlassen zu werden. Mit ängstlicher Gewissenhaftigkeit versah er daher seinen Dienst. Da «wurde er nach dem ersten Manöver als Bursche zum Major abkommandiert. Mle Bemühungen, diese Abkommandierung rückgängig zn machen, blieben fruchtlos, — und so war seine Hoffnung auf Entlassung nach! zwei Jahren aussichtslos geworden. - Ich werde es nie vergessen, mit welchem Seelenschmerz dieser Bursche Abschied von unserem Zimmer und unserer Korporalschaft nahm. Während seiner viermvnailichen Burschenzeit hörte und sah ich nur selten etwas von Emmel. Da auf.einmal diese schreckliche Nachricht von seinem Selbstmorde! Was war vorgegangen? Er konnte sich mit seinem Schlafkamcraden, dem Burschen des Regimentsädjutanten, nicht vertragen, und dieser machte eines Tages die Meldung, daß Emmel fast jede Nacht in angetrunkenem Zustande nach Hause käme. Zurück- Versetzung in die Kompagnie und drei Tage Mittelarrest wären die Folgen, ein scharfes Anfassen der Vorgesetzten die unangenehmen Aussichten. Aus Furcht davor nahm er sich, das Leben, ein Opfer seiner Energielosigkeit und der Stadt. Und nun . sollte Emmel ohne Sang und ohne Klang verscharrt werden! Ich starrte schweren Herzens vor mich hin. Da — ein Gedanke! Säbelumschnallen und die Kaserne verlassen, — waren eines. In fünf Mnuten stand ich vor dem bischöflichen Palais. Auf mein Läuten öffnete sich die.schwere Tür ein wenig, und das dicke, volle Gesicht des Bruders Pförtner schaute heraus'. „Was wünschen Sie?" „Ich bitte um Entschuldigung, ich möchte den Herrn Bischof sprechen. Mein /Freund Emmel hat sich umgckbracht und soll nicht kirchlich, beerdigt werden", stieß ich rot vor Verlegenheit heraus. „Folgen Sie mir!" Es ging über einen laugen Korridor. Wir wollten gerade eine Biegung machen, da stießen wir auf einen großen, stattlichen Geistlichen. Dieser blieb stehen und ftagte den Pförtner: „Was wünscht der Soldat?" Ich glaubte den Bischof vor mir zu sehen, erfaßte die Situation pmd erwidere: „Verzeihung, Herr Bischof! Mein Kamerad Emmel soll wicht kirchlich beerdigt werden, obsch'vn er ein guter Katholik gewesen ist. Er ist jeden Sonntag in die Kirche gegangen, {einen Bctkrauz trug er stets in der Tasche. Und nun soll dieser gute frounne Mensch kein ehrliches Begräbnis erhalten! Bei uns Juden dürfte das nicht sein, denn er hat in der Verzmeiftung gehandelt! Lieber Herr Bischof, lassen Sie es doch nicht zu, das; man Emmcl ohne Trommeln und Gebet hinausbringt!" Die dicken Tränen liefe» mir von den Backen. Ich weinte wie ein kleines Kind. Der Geistliche sah wich mit einem Blicke des Mitleids und des Verstehens an. „Mein Sohn, das ist ein Opfermut ohnegleichen!" Dabei legte er mir die Hand auf die Schulter. „Wer schickte Sie denn hierher?" „Mein jüdisches Herz." „Setzen Sic sich und warten Sie auf mein Zurückkommen!" Ich weiß nicht, wie lange ich gewartet hatte; — plötzlich stand der Geistliche wieder vor mir und sagte in väterlichem Tone: „Legen Sie Mütze und Säbel ab. Folgen Sie mir!" Wir durchschritten mehrere Gemacher, mein Begleiter öffnete eine große Flügeltür,und ich stand diesmal wirklich vor dem Bischof. Mit fast lUibegrciflichcr Sicherheit trug ich wiederum mein Anliegen vor, schilderte den Berstorbencii als gute» Katholiken »rnd bat mit tränenden Auge», meinem Kameraden den Segen der Kirche nicht zcc versagen. Ich selber habe meinen Kanicraden so sehr geschätzt, daß ich ihm Kaddisch nachsagcn tvcrde. „Ich iverdc alles tun, was ich vermag", lautete die Antwort des Bischofs, und ich war' entlassen. Um Gl/« Uhr war -ich wieder unbemerkt in der Kaserne angelangt. (Schluß folgt.) 4«. Albert. Inh. P. Wanderey, Ecke Kene aiainxenitr. n. WeiBSfranenstr. 11. Elektr. Kleinbeleuchtnng Taschenlampen. Woche«-Kale«der. (Zeitangaben nach dem Luacb.) Samstag, den 28. Oktober (= 6. Cheschwan): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 4 Uhr 40 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 6 Uhr — Min. Wochcnabschnitt: No ach. - - Durch eine große Wasserflut, die fast ein Jahr dauerte, lverdeu Menschen und Tiere vertilgt; nur der srommc Nvach. mit seiner Familie, seiner Frau, drei Söhnen und. Schwiegertöchtern, blieb am Leben, und so wurde Noach der zweite Stammvater des Menschengeschlechtes. Nvach baute eine sogenannte „Arche", ein kastenartiges Schiff von gewaltigen Dimensioueu, dreistöckig, in ''viele Kammern eingcteilt, uiu auch verschiedene Tiere zur Rettung aufnchmcu 51t können. 120 Jahre wartet Gott vergebens auf der Menschen Besserung. Alsdann kain die alles verschlingende Flut, ein halbes Jahr steigend, ebenso lang fallend. Noach schickt Bögel aus, den Wasserstand zu erkuildcil. Die Arche bleibt schließlich ans dem Berge Arrarat stehen. Noach bringt Dankopser beim Verlassen der Arche. Gott schließt einen Bund ncit Noach und beiu ganzen Menschengeschlecht. Nie mehr soll eine Wasserflut den Gang der Natur stören. Der Regenbogen wird Zeichen des Bundes. Verbot des Mordes und Selbstmordes. (Daß Gott den Selbstmörder — also nach seinein Tode — strafen will, 'ist der biblische Beweis für die Ewigkeit der Seele!) Erlaubnis, Tiersteisch «zu genießen, jedoch nicht von einem lebenden Tiere abgenvmmen. (Ewer min hachai.) Völkertafel der nachj-noachidischeu Periode. Ein machtstolzes Menschengeschlecht bacct den Turm zu Babel zur Selbstverherrlichung: Menschen macht über Gottesinacht! Zerstreuung aller ist die Strafe. Es entstehen die verschiedenen Sprachen'. (Babel-Verwirrung.) Schach pflanzt einen Weinberg, berauscht sich und liegt nackt im Zelte. Ham verspottet de» Vater und wird verflucht. Sem und Japhet zeigen kindliche Ehrfurcht und werden gesegnet. Zum Schluß wird Wrahams Abstammung von Sem gedacht. IN Ur-Kasdim geboren als Sohn des Götzendieners Terach, der von Eber stammte. (Daher „Jbri" und z,HchrÄx".) Wstah'am ist Israels Stammvater. Offenbacbtr Druckluft-Jlnlage Telefon 123. OffWDbach a. H. Telefon 123. Unübertroffene bewährteste TapplchralnlffailD- Die Firma C. Küpsch, Bingfreie Tapetenindnstrie, Altegasse 27/29, Tel. I 6650 eröffnet beute ihre neue Linoleumabteilung im selben Hanse and bietet darin ganz Ausserordentliches. Drucklinoleum □ m von 1.35 Mk. an ) nur Uni Linoleum Qm „ 1.60 Mk.' an I tadellose Inlaid Linoleum Qm,, 2.88 Mk. an I fehlerfreie Teppiche, Vorlagen, Läufer etc. etc. ) Ware. Hausbesitzer und Tapezierer erhalten h°hen Rabatt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.