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Neue jüdische Presse · 1911-10-27 · Heft 42 (27.10.1911) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 42 (27.10.1911)
Date
1911-10-27
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Judenbegünstigung anklagen, soll sehr ungnädig ausgenommen worden sein, wie denn überhaupt die Haltung des neuen Ministerpräsidenten den „Schwarzen Hundert" gegenüber eine recht kühle ist. Sicheres läßt sich — wie gesagt — trotz alledem nichts sagen. Vielleicht darf man eine authentische Erklärung Kokowzcws bei Beginn der Dumasession erwarten, obwohl auch dies nicht sicher ist. Daß eine Aera völliger Gleichberechtigung und Freiheit für die Judenheit Rußlands nun anbrechen wird, werden auch Schwärmer nicht erwarten. Wer bei der furchtbaren Lage, in der sich die russische Judenheit in den letzten Jahren befunden hat, erscheint jede noch so gelinde Besserung wie eine große Erleichterung, darf man schon zufrieden sein, wenn zu den bereits bestehenden Unterdrückungen wenigstens keine neuen mchr hinzukommen. Dies darf man aber mit gutem Recht erwarten. Und dies allein genügt uns, um den Wechsel, der in der Leitung der Regierung des russischen Staates so unerwartet eingetreten ist, freudig zu begrüßen. 2. Der Antisemitismus in Deutschland. Diesen Sonntag hat in unserem Frankfurt a. M. die Generalversammlung des „Vereins zur Wwehr des Antisemitismus" stattgefunden. Dadurch wurde wieder die Aufmerksamkeitt der OeffenÜichkeit, besonders der jüdischen, auf diesen Verein gelenkt, von dessen stiller Tätigkeit man sonst nur wenig vernimmt. Man hat die Bedeutung dieses Vereins bei seiner Gründung besonders in jüdischen Kreisen sicherlich überschätzt. Erst die Wirksamkeit, die er in den Jahren seines 'Bestehens entfaltet, mrd die Erfolge, die er erzielt hat, ermöglichen heute eine richtige Einschätzung des Vereins und seines Wertes. Daß seine Gründung zu begrüßen und sein Fortbestehen zu wünschen ist, ist gewiß; aber daneben soll man doch erkennen, daß seine Bedeutung nur eine minimale, im Vergleich zu dem Ziele, das er erstrebt, verschwindend gering ist. Die Wirksamkeit eines solchen Vereins läßt sich natürlich nicht in Zahlen ausdrücken; aber wir tun dem Vereine kein Unrecht, wenn wir sagen, daß, wenn der Antisemitismus heute in seiner zynischen Offenheit und brutalen Tätlichkeck zurückgegangen ist, dies auf hunderterlei anderen Ursachen beruht, der Verein jedoch als solcher daran nur einen minimalen Anteil hat. Ties soll keinen Vorwurf für ihn enthalten, obwohl ihm hier und da ein energischeres und lauteres Auftreten zu wünschen gewesen wäre. Einen Vorwurf bedeutet diese Feststellung deshalb nicht, well der Antisemitismus als soziale und nationale Erscheinung überhaupt nicht durch einen Verein abgewehrt werden kann, sondern nur durch allgemeine Geschmacksblldung und Fortentwicllung des Volkes. Dies werden auch heute all die eingefchen haben, die vielleicht bei der Gründung all chre Hoffnung auf den Verein gesetzt haben. Vielleicht aber haben sie noch ein Weckers cingefehen, was noch viel nützlicher und erfreulicher wäre: daß viel mehr als das, was' alle Vereine zur Abwehr des Antisemitismus leisten können, erreicht werden kann, wenn jeder Jude selbst den Antffemitismus abzuwehren sucht durch das einzige wirksame Mittel, das chm zur Verfügung steht: durch jüdischen Stolz und Selbstbewußtsein. Die Tatsache, daß die deutschen Juden in den letzten Jahren sich mehr auf sich selbst besonnen haben, hat ihnen mehr.Achtung bei allen vornehm Denkenden eingetragen und damck viel mehr zur Wwehr des Antisemüismus beigcttagen, als alles andere. Tiefen Stolz nach außen hin zu dokumentieren, ist jetzt bei Len nahenden Reichstagswahlen geboten und notwendig. Wenn wir deutsche Juden unserer relativ geringen Zichl wegen auch sonst nicht mck selbständigen Forderungen bei den Wahlen austteten können, das' eine können und müssen wir von jedem Kandidaten, der auf unsere Stimmen zählt, verlangen: deutliche Wsage allen antisemckischen Bestrebungen. Wenn wir in dieser Beziehung nur geschlossen und energisch austreten. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. werden wir schon Bettächtliches erreichen können. Ten Antisemitismus aus der Welt zu schaffen wird uns natürlich auch dann nicht gelingen; denn solange es in Deutschland Juden geben wird, wird cs auch Anttsemcken geben. Aber wir werden ihn dadurch wenigstens schwächen und in seinen brutalen Aeußerungen abwehren. Dafür zu sorgen, für das mannhafte Auftteten der jüdischen Wähler in dieser Hinsicht, bettachten wir für die nächste Zeit als eine der wesentlichsten Aufgaben des „Vereines zur Wwehr des Antisemitismus" und mck chm aller großen jüdischen Organisattonen Deutschlands. 3. Die Aufgaben der jüd. Vereine. Die Wintersaison hat in den meisten jüdischen Vereinen begonnen und wird bald überall eingesetzt haben. Die jüdischen Vereine in Deutschland nehmen im Leben der Judenheit eine viel wichtigere Stellung ein als in Osteuropa. Wir sprechen hier gar nicht von den politischen Organisationen, sondern meinen nur die Vereine, die die Belehrung und Förderung ihrer Mitglieder in jüdischer Hinsicht zur Aufgabe haben. Während in Osteuropa jeder Jude mehr oder weniger selbst das Judentum studiert und sich jüdisches Wissen anzueignen sucht, sind in Deutschland bei der gesteigetten Berufsarbeck und der Mannigfaltigkeck der geistigen Interessen die jüdischen Vereine für einen großen Teil der Judenheit fast die einzigen Quellen und Pflegestätten jüdischen Wissens und jüdischer Bildung. Drum ist die Festsetzung der Programme dieser Vereine und der Geist, in dem diese gehalten sind, von eminenter Bedeutung für die jüdische Erziehung und Förderung der deutschen Judenheit. Wenn man die Programme so mancher Vereine für jüdische Geschichte und Literatur und anderer ähnlicher Vereine der letzten Jahre ourchblickt, wird man von einem Bedauern und Unwlllen zugleich ergriffen über die Menge von materiellen Hilfsmitteln und' geistigen Kräften, die hier verschwendet werden. Da findet man so und soviele Borttäge apologetischer Natur, die zeigen sollen, daß wir Juden auch etwas sind, andere rein allgemeiner Natur, nur daß sie durch irgendwelche Kunststückchen mit dem Judentum in Verbindung gebracht werden, ferner so und soviele Rezckations- und Deklamationsabende, kurz alles mögliche; aber Vorttäge, die chre Hörer wirklich in objektiver Weise über das Wesen und den Ideengehalt des Judentums belehren, sind nur wenige. Freilich ist in den letzten Jahren eine Besserung eingetteten, von Jahr zu Jahr läßt sich ein Fortschritt in dieser Beziehung konstattcren. Sehen wir kurz zu, welches die Aufgaben der einzelnen Bereinsgaüungen sind. In erster Linie kommen die „Vereine für jüdische Geschichte und Literatur" in Bcttacht. Ihre Aufgaben sind' in ihrem Namen schon gegeben. Jnflrukttve Borttäge über die jüdische Geschichte, und zwar nicht erst mck Mendelssohn beginnend und Geiger schließend, Referate über die jüdische Literatur, wobei natürlich in erster Reihe die hebräische Literatur, sowohl die des Mittelatters wie die moderne, berücksichttgt werden muß, dies sind chre Aufgaben. Gerade das letztere Gebiet ist stark vernachlässigt worden. Man solltt sich doch schon endlich überzeugt haben, daß die winzige jüdische Literatur, die wir in deutscher Sprache besitzen, nichts bedeutet gegenüber dem unendlichen Gehalte der jüdischen Literatur, die in unserer eigenen Sprache abgefaßt ist: im Hebräischen. Hier Reme- Lur zu schaffen, das jüdische Publikum Deutschlands mit den Schätzen der hebräischen Literatur bekannt zu machen, ist die vornehmste Aufgabe der „Vereine für jüdische Geschichte und Literatur" in der nächsten Zeit. An zweiter Stelle kommen, die Jugend- Vereine. Ihre Aufgaben sind wesentlich andere. Sie sollen ihren Mitgliedern nicht so sehr abgerundete Referate von auswärts herbeigerufenen „Größen" bieten, sondern sie selbst zur Mitarbeit heranziehen. Neben den Re- Nr. 42 feraten von Autoritäten, zwecks deren Veranstaltung sie ja oft mit den „Vereinen für jüdische Geschichte und Literatur" zusammengehen können, müssen sie Borttäge über aktuelle Themata abhalten und daran — und dies ist das wesentliche — Diskussionen anschließen. Lebhafte Diskussion, dies muß ein Hauptziel bei der Ausstellung von Programmen von Jngendvereiuen sein. Ihr Bereinsleben muß bewegt, lebhaft, pulsierend sein und nicht steif akademisch, wie es so oft der Fall zu sein pflegt. Eine andere wichtige Aufgabe der Jugendvereine ist die Pflege der hebräischen Sprache. Bor allem ist die Errichtung von hebräischen Kursen, in denen das Hebräische als lebende Sprache unterrichtet wird, eine der wichtigsten Forderungen, die an die Leitungen von Jugendvereinen zu stellen sind. All dies läßt sich in einem zusarrmenfassen: Die jüdischen Jugendvereine müssen es als ihre erste und wichtigste Aufgabe ansehen, chre Mitglieder jüdisch zu bilden,— für allgemeine Bildung sind genügend andere Stätten vorhanden — und sie zu stolzen, selbstbewußten Juden zu erziehen, die mck den Geistesschätzen und der Literatur ihres Volkes wohl vertraut sind. Und nun noch ein' Wort über die Arbeit der zionistischen Vereine. Auch diesen rufen wir dasselbe zu wie den anderen Vereinen: mchr für die Bereicherung des jüdischen Wissens der Mitglieder sorgen, und darum weniger Propagandavorträge. Der Zwnismus ist heute schon über das 'Stadium hinaus, dä laute Propaganda die erste und einzige Aufgabe der Vereine war. Heute gibt es noch' eine andere, ebenso wichtige Aufgabe: die Vertiefung des Zionismus innerhalb der zionistischen Kreise selbst. Dazu aber gibt es nur einen Weg: Pflege des jüdischen Wissens, der Kenntnis der hebräischen Literatür und Erlernung der hebräischen Sprache. Nicht alle Borträge brauchen gerade den Zwnismus zu behandeln oder ihn nur zu berühren; die Bereicherung des jüdischen Wissens durch allgemein-jüdische Vorttäge, die natürlich immer in zionistischem Geiste gehalten sein müssen, ist ebenso gute zionistische Arbeit wie die lauten Agitationsvorträgc über den Wert, das Ziel, Las Wesen des Zwnismus usw. So gibt es für alle jüdischen Vereine im wesentlichen das eine gemeinsame Ziel: Jüdisch arbeiten, wahrhaft jüdisch, durch. Pflege und Bereicherung des jüdischen Wissens chrer Mitglieder. Wenn nur alle jüdischen Vereine in diesem Geiste arbeiten wollen, werden sie geiviß Großes erreichen. Sic werden dann in der Tat das jüdische Wissen und die Kenntnis des Judentums innerhalb der deutschen Judenheit verbreiten, und dies ist für heute das wichtigste. Alles andere kommt schon von selbst nach. Erst muß man das Judentum kennen, es lieben und hochschätzen wird'man dann schon von selbst. Die Generalversammlung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus. Frankfurt a. M., 22. Okt. Iw Mittelpunkte der heutigen Generalversammlung standen zwei Referate des Abgeordneten Georg Go t h e i u und desAbgeordneten C arlFunck über ,^Offenen und versteckten Antisemckismus" und „Das Judentum im Kultur- und Wirtschaftsleben Deutschlands". Ani Vorstandstische hatten n. a. Platz genommen: v. Lasant'x, der die Verhandlungen auch zeitweilig leitete, der' frühere Reichstagsabgeordnete Geheimrat B e n o i t (Karlsruhe), Pfarrer Battenberg, Rechtsanwalt Dr. Ed'. Baerw a l d, der hessische Lanbtagsabgeordnete Jnstizrat Reh (Alsfeld) und Jnstizrat Gallus (Darmstadt). Nachdem der erste Vorsitzende, Mg. Go t h e i n, die außerordentlich zahlreich besuchte Versammlung mit einer Begrüßungsansprache eröffnet hatte, ging er des näheren ans sein Thema über offenen und versteckten Antisemitismus ein. Redner erinnerte daran, daß das Wort Rudolf von Gneists von der Umkehrung der Verfassung durch die Verwaltung heute in allen Zweigen des öffentlichen Lebens und insbesondere der sämtlichen Verwaltung in die Wirllichkeit nmgesetzt sei. Daher seien auch nicht die spezifisch antisemitischen Parteien, die ja nur «in Keines Häuslein in den Parlamenten

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