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Neue jüdische Presse · 1911-10-27 · Heft 42 (27.10.1911) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
9 (1911)
Issue
Heft 42 (27.10.1911)
Date
1911-10-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Dramkfrrrter fniflitifdirs familiruklott. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis , vro Biertelsahr: , In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In» und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. l,50, sonstige Länder Mk. 2.— K-daKtt»« imch-fchLftsfielle: Srsnkfurt s. m., iSangellrngt 7 9ef«f0tt 10507. Hsransgever: SatA Jnfertionspreife: Die viergespaltene Petitzeile.25 Pfg. Die Reklamezeile.100 „ Platz, und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Konto bei dem Postscheckamt in Franksurt a. M. unter No. 4884. 9. Jahrgang. Freitag, de« 5. Chescliwiin 5672 (27. Oktober 1911) Nr. 42 Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Das drohende Ende der Alliance Jsraelite Universelle. — Aus den Ereignissen des Tages: 1. Zur Lage in Rußland; 2 Der Antisemitismus rn Deutschland; 3. Die Aufgaben der jüd. Vereine. — Die Generalversammlung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus. — Aus aller Welt. — euilleton. Vierzehn Tage Arrest. — Wochenalender. — Familiennachrichten. Das drohende Ende der Alliance Jsraelite Universelle. Ein Mahnruf in letzter Stunde. Ter e r st e S ch r i t t, der zur Vernichtung der Alliance Jsraelite Universelle führen muß, ist geschehen. In der in der vorigen Woche stattgcsundcnen Sitzung des Zentralkonlitees der Alliance wurde mit 19 gegen 5 Stimmen der Beschluß gefaßt, die Wahl der Mitglieder des Zentralkomitees durch das Prinzip der 'Kooptation -zu ersetzen. Von den 19 Mitgliedern, die dafür stimmten, lvaren — man beachte cs — 18 Pariser Herren, einer aus Belgien. Tie 5 Stimmen dagegen lvaren die der deutschen Mitglieder. Als vor wenigen Monaten die heftige Wahlkampagne in der Alliance entbrannt >var und die Leitung der Deutschen Konferenzgemeinschaft den Kampf gegen Paris aufnahm, da war cs der am häufigsten wiederholte Vorwurf, den das Pariser Zentralkomitee gegen die T. K.-G. zu erheben nicht müde ward, daß diese den universellen Charakter der Alliance gefährde, und daß damit eine Bresche in den Grundgedanken derselben gelegt werde. Taß dieser Vorivurf völlig unbegründet war, ist klar. Doch nicht darum handelt es sich jetzt. Vielmehr um ein anderes. Um die Tatsache nämlich, daß dasselbe Zentralkomitee, das stets vorgab, an ' dem Grundgedanken der Alliance nicht rütteln zu lassen, nun p l ö tz l i.d) i n zy n i s ch e r Kal th erzigkcit sich anschickt, ihm den Todesstoß zu versetzen. Tenn so blind ist wohl niemand inehr, nicht einzusehen, daß die T u r ch f ü h r u n g d e s Kooptationsprinzipes die moralische und faktische Vernichtung der Alliancebedcutet. Tenn weder wird die Alliance dann eine. Alliance universelle sein noch eine Alliance ifraetitc, ja nicht einmal eine Alliance wird sie dann überhaupt sein, es sei denn, daß man den Klub von 19 Pariser Herren, die in jüdischen Dingen nur so viel wissen, daß man den Anordnungen Salomon Reiuachs und Jacques Bigarts unbedingt folgen muß, noch mit dem Namen einer Alliance belegen will. Taß die einzelnen Mitglieder überhaupt, die deutschen insbesondere, in diesem Falle nicht mehr das geringste. Interesse oaran haben, einen solchen Klub finanziell zu stützen, leuchtet wohl ohne weiteres ein. Vielleicht wird für den Anfang der Alliance noch eine große Zahl Mitglieder verbleiben, mit der Zeit aber muß diese Zahl iimner geringer und geringer werden, und schließlich wird sie sich aus die Pariser Herren beschränken. Es ist keine Uebertrcibung, zu behaupten, daß die Durchführung des Kooptationsprinzipes den Anfang vom Ende der Alliance bedeutet. Wenn man dies klar erkennt, sicht man ein, worum es sich handelt. Nicht mehr um die Wahl eines einzelnen Kandidaten, nicht mal nur um die Verfechtung eines Prinzipes; nein, hier steht die Existenz der Alliance Israeli te Universelle auf dem Spiel, der Organisation, die von allen jüdischen die älteste und ehrwürdigste ist. Taß hier die Antvendung aller Energie zur Abwehr des Todesstreiches dringendste Pflicht jedes einzelnen ist, braucht nicht gesagt zu werden; hier seine Pflicht nicht erfüllen, ist nicht mehr Nachlässigkeit oder Leichtsinn, sondern Verbrechen. Wir wissen wohl, daß nur tvenig Hoffnung bestehen kann, die Absicht der Pariser Machthaber zu vereiteln. Trotzdem muß alles versucht werden. Das erste und wichtigste ist da, daß die ganze T. K.- G. geschlossenwie ein Mann hinter ihrer Leitung steht. Sämtliche leitenden Mitglieder derselben müssen das Pariser Zentralkomitee wissen lassen, daß im Falle der Durchführung des 'Kooptationsbeschlusses sie, soweit ' sie dem Zentralkomitee angehören, aus ihm austreten, die übrigen aber sich nicht kooptieren lassen werden. Wir glauben, daß eine solche Erklärung seitens aller pwminenten Mitglieder der D. K.-G. in Paris einen gewissen Eindruck zu machen doch nicht verfehlen lvird. Wir haben leider bei dem letzten Kampfe der D. K.-G. gegen das' Pariser Zentralkomitee das traurige Schauspiel erlebt, daß nicht alle Mitglieder derselben zu der Leitung hielten; standen doch manche der führenden Persönlichkeiten auf Seiten des Pariser Komitees, und leistete doch sogar ein jüdisches Blatt Deutschlands demselben Bundeshilfe. Wir hoffen zuversichtlich, daß sich jetzt dieses Schauspiel nicht mehr wiederholen wird. Die besondere Stellung dieser wenigen Herren, die zu Paris hielten, kann Man für damals noch verzeihen; schließlich handelte es sich nur um die Wahl eines Kandidaten. Heute jedoch, wo die Frage der Fortexistenz einer Alliance Jsraelite Universelle zur Entscheidung steht, wird ein solches Verhalten derselben Herren für alle Zeiten unverzeihbar sein und würde einem Verrat an dem großen Gedanken der demokratischen Alliance gleich kommen. Doch, wie gesagt, wir wollen dies nicht erwarten und glauben zuversichtlich, daß die D. K.-G. diesmal einheitlich wie ein Mann auftreten wird, solange uns nicht Beweise und Tatsachen eines anderen belehren. Tie , Leitung der D. K.-G. muß all ihre Mitglieder von dem Sachverhalt verständigen, ihnen die Bedeutung des Ganzen klarmachen; darf kein. Mittel unbenutzt lassen, das Erfolg verspricht. Vielleicht, vielleicht gelingt es doch noch, das drohende Unheil abzuwenden. . / 1 Es ist ein historischer Kampf, der jetzt ausgetragen wird; ein großer Gedanke und eine große Organisation kämpfen um Sein over Nichtsein. Verhalten wir uns dabei, wie es einem solchen historischen Momente geziemt, wanken wir nicht und schwanken wir nicht, kämpfen wir mit aller Kraft uns aller Energie; ob der Erfolg unser sein wird oder nicht, wird die nächste Zukunft entscheivcn. Jedenfalls werden wir unsere Pflicht erfüllt haben und vor dem richtenden Stuhl der Geschichte rein dastehen. Das einzige, ivas der Mensch in einem tragischen Momente zu tun vermag, ist, seine Pflicht zu erfüllen. Ter gegenwärtige Moment ist tragisch. Tun wir also das einzige, was!vir vermögen, erfüllen wir unsere Pflicht! Ans den Ereignissen des Tages. 1. Zur Lage in Rußland. Wir hatten gleich nach Stolypins Tod an dieser Stelle die Vermutung ausgesprochen, daß nun die Lage der Juden in Rußland sich ein wenig bessern werde. Nicht etwa so, als ob Kokowzew ein besonderer Judenfrcund sei; auch er ist ein waschechter Reaktionär vom Scheitel bis zur Sohle. Aber einmal stellt Kokowzew mehr den Typus des europäischen Reaktionärs dar, der bei aller reaktionärer Gesinnung doch Europäer genug ist, die äußeren Formen zu wahren und niemals zur brutalen Erdrosselungspolitik des echt russischen Stolypin greifen wird, und des weiteren wird er als guter Finanzminister die Juden nicht soweit schädigen, daß auch das Reich dadurch Schaven erleide, wie es unter Stolypin der Fall war. Je mehr man nun von den Msichten und dem Programm des neuen Premiers kennen lernt, uni so mehr sieht man diese Vermutung sich bestätigen. Es ist zwar schwer, etwas Tefinitives zu behaupten, weil der kluge Premier sich in tiefstes Schweigen hüllt und bisher noch niemandem etwas von seinem Programm offenbart hat; und die Erklärungen des offiziösen Organs der Regierung, der „Rossja", sind in einem Tone und Stile gehalten, dem man nichts Positives entnehmen kann. Die Handlungen des neuen Premiers jedoch zeigen in der Tat, daß er gewillt ist, mit dem brutalen „zoologischen" Nationalismus ein Ende zu machen. Ter Generalgouverneur Finnlands wird wahrscheinlich entlassen, und viel bemerkt wird, daß der bisherige Gehilfe des Ministers des Innern, Kryshanowski, einer der treuesten Slnhänger der Stolypinschen Politik, der die nächste Anwartschaft auf den Posten des Ministers ftes- Innern hatte, Viesen nicht erhalten hat, manche wollen sogar wissen, daß er bald überhaupt von der politischen Bühne verschwinden wird. Deutlicher ' als alles aber sprechen der Ingrimm und die lebhafte Unzufriedenheit der Rechten mit dem neuen Premier. Tie zynisch-groteske Adresse, die sie gleich nach dem Antritt Kokowzews diesem überreicht haben, und worin sie Stolypin der

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