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Neue jüdische Presse · 1905-12-22 · Heft 49 (22.12.1905) · p. Seite 11

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 49 (22.12.1905)
Date
1905-12-22
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr- 49. irrtümlicherweise ohne mein Wissen und Zutun schematisch aus der Stellentafel abgeschrieben und aufgegeben worden und wurde, als es zu meiner Kenntnis kam, sofort von mir zurückgezogen. Tr. chir. dent. Carl Feibusch, „ Zahnarzt. Berlin. Weß Geisteskinder die antisemitischen Studenten, im Deutschen Reiche sind, haben sie in einer großen Studentcnversammlung in Berlin bewiesen, in welcher die Wahlen in das Direktorium der akademischen Lesehalle vorgcnommen wurden. Es kam auch zu einer Tiskussion über die Greueltaten in Rußland. Sie war kurz, aber lehrreich. In den Aeußerungen des studentischen Antisemitismus offenbarte sich ein erschreckender Grad von Gefühlsroheit und Politischer Verwilderung. Es sind Argumente aus der Gosse, Meinungen, welche den Gedankengängen der rohesten Stammgäste von Wirtshausbeiseln und Schnapsläden entsprechen. Nur einige Stichproben: Tie Juden haben durch ihre Anmaßung die M'assakres provoziert: selbst wenn sie wahr wären, können sie nicht weiter tragisch genommen werden; die jüdische Ausbeutung hat das russische Volk zur Verzweiflung getrieben — und so weiter in dieser Tonart. Tic Proteste der jüdischen Stubenten gegen solche studentische Meinungs- und Gefühlsäußerungen wurden mit höhnischem Lachen beantwortet und mit den Rufen: „Ten russischen Juden ist Recht geschehen!" Als 'dann ein jüdischer Redner diese Haltung deutscher Akademiker an den Pranger stellte,'unterbrach ihn der Vorsitzende, ein Doktor, unter frenetischem Beifall der Studenten mit der Bemerkung, er unterlasse den Ordnungsruf, weil die Ausführungen des jüdischen Redners seitens der Versammlung „wohl nur von der heiteren Seite aufgefaßt wurden." So spricht der Pöbel in Wichs und Cerevis. Wie soll erst das ungebildete Volk sich äußern? Und dann staunen wir Inden, daß angesichts der an Jude» verübten Bestialitäten die christlichen Kreise rufjip und mitleidslos bleiben und nichts unternehmen. Sie begleite» ja die kulturichändende Tätigkeit der Hooligans mit ihren stillen Shmpathien! Die Studenten in Berlin tun cs offen in schamlosem Zynismus. Ihre jüdischen Kollegen, die sic an Menschenpflicht und Zivilisationswürde zu erinnern wagten, haben gemeinen Hohn statt Mitleid mit den Opfern, brutale» Haß statt sittlicher Entrüstung geerntet. Und aus diesen Kreisen rekrutieren sich einst die Verwaltungsbeamten, Richter, Lehrer. Wahrlich, glänzende Perspektiven für die Juden im Westen, wenn die Blüte des „deutschen Edelvolkes" auf solch sittlichem Niveau steht! „Welt". Personalien. Düren. Am 31 Dezember feiert der in Lücheim, Kreis Düren, wohnende Herr Jacob Schwarz in bester Gesundheit seinen 100. Geburtstag. Der Jubilar gehört einer langlebigen Familie an, denn mehrere seiner Brüder hatten ebenfalls das 100. Lebensjahr überschritten. Parts. Das Hinscheiden des Großrabbiners Z a d o c Kahn ist ein Unglück für das französische Judentum. Er verschwindet in einem Momente, da das französische Judentum seiner Einsicht, seines Taktes und seiner unbestrittenen geistigen Autorität benötigte, um es. infolge der jüngst durchgebrachten Trennung von Staat und Kirche, in neue Bahnen zu leiten und seinen innereir Zusammenhang und seine äußere Gestaltung zu sichern. Durch seine vorzüglichen Geistes- und HerzenNantagen war Zadoc Kahn dazu ausersehen, ein geistiges Haupt seines Volkes zu sein. Er verstand es, dem.französischen Judenttnne Eintracht und Geschlossenheit nach innen. Würde und Glanz nach außen zu verleihen. Sein wundervolles Rednertalent. seine von innerer Ileberzeugung und jüdischem Gefühle getragenen Worte in der Svnagoge und sein liebevolles, einnehmendes Wesen im Verkehr mit Reichen wie mit Armen, gewannen ihm alle Herzen. Seine Herzensgüte war unerschöpflich: ein unermüdlicher Vermittler zwischen den vom Schicksale Begünstigten und den llnbegüterten, >var er ein Genie der Wohltätigkeit. I» der trüben Periode der Dreysuß-Affäre nahm Zadoc Kahn mutig de» Kampf gegen den Antisemitismus auf; seine Stellung als offizieller Beamter genierte ihn nicht, da es galt die Ehre der französischen Juden zu wahren. — Besonders aber machte er sich d adurch um das französische Judentum verdient, daß er durch seine Autorität die Reformgelüste hintanzuhalten wüßte. Obwohl die Nachsichtigkeit gegen Andersdenkende in seinem zartfühlenden Wesen lag, wußte er, der zäh und fest an das Ueberlieferte hielt, auch seiner Heerde seine Ueberzeugungen einzuflößcn. Jetzt, wo seine allmächtige, zusammenfügende Autorität nicht mehr waltet, ist zu befürchten, daß das französische Judentum zersplittert werde, daß die einst, so schüchtern auftretenden Reformbestrebungen zü verzehrender Flamme aufschlagen. Zadoc Kahn, hat nicht nur für das französische Judentum so segensreich gewirkt, sondern auch für die gesamte Judenheit, besonders für unsere östlichen Brüder. Me Fäden jüdischer Wohltätigkeit .wurden von seinen Händen mit gesponnen. Er war Mitglied des Rates der Jca, der Alliance Jsraä- Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 11. lite, deren Ehrenpräsident er war und der von Baron Rothschild eingesetzten Palästina-Kommission. Ueberalk wirkte er befruchtend und versöhnend. Er stand fortwährend an der Wache des jüdischen Gebens im Osten Europas. Jeder Ausbruch einer Not fand ihn bereitwillig, Rat zu holen. Hilfe zu schaffen. Während der letzten russischen Judenmetzeleien, als er schon auf seinem Sterbebette lag, fand er noch Kräfte, die Hilfsaktion anzuspornen. Zadoc Kahn hat sich auch ein ewiges Verdienst um den Zionismus erworben, denn nur seinem für alle jüdische Interessen wachsamen Geiste ist es zu verdanken, daß Baron Edmund de Rothschild seine tatkräftige Unterstützung der Kolonisation Palästinas zu Teil werden ließ. Zadoc Kahn, und kein anderer, war es, der vor zwanzig Jahren den Baron die dem Untergange nahen ersten Kolonien unter seinen hochherzigen Schutz zu nehmen bewog und der den durch manche fehlgeschlagene Versuche enttäuschten Wohltäter immer wieder zum Beharren aneifcrte. Als Mitglied der Palästina-Kommission trat er fortwährend als Fürsprecher der Beschwerden und Gesuche der Kolonisten ein. Er war auch der erste unter den westlichen Rabbinern, der Herzl sympathisch begrüßte und einen ermunternden Brief an ihn, anläßlich des ersten Kongresses in Basel, richtete. Muhten doch zwei solch große Herzen wie das Herzl's und Zadoc Kahn's harmonieren. Zadoc Kahn hat auch mehrmals öffentlich seine Sympathie» für den Zionismus bekundet. Seine offizielle Stellung untersagte cs ihm, für den Zionismus öffentlich zu wirken. Doch wie vorteilhast unterscheidet er sich von den. obwohl unabhängigen, bestellten, sogenannten Protestrabbinern manches Landes?! Zadoc Kahn war aber auch ein gediegener Gelehrter. Schon frühzeitig äußerte er den Sinn für historische Forschungen. Seine Approbationsdissertation: „Essai sur VEsclavasie selon la Bible et le Talmud“ (Versuch über die Sklaverei nach Bibel und Talmud) weist neben der Anmut der Form die Solidität des Inhalts auf. Der berühmte, an seiner Arbeit erblindete Gelehrte Salomon Munk, zog den jungen Zadoc Kahn bei seiner Uebersetzung des „More Nebuchim" hinzu. Er war von ihm des Lobes voll und prophezeite ihm in seiner Vorrede zu dieser Uebersetzung eine glänzende Zukunft im französischen Judentnme. Zadoc Kahn war auch der Anreger und Gründer der ,.8ooiöt6 de-, Rindes. Jnives“ und deren Organ „Revue des Etndes Jnives“. Er bat auch ein verdienstvolles Werk „Joseph le Zelateur" deröffentlicht über die theologische Disputationen im 13. Jahrhundert zwischen Christen und Juden. Zadoc Kahn war im Jahre 1839 zu Mommenheim im Elsaß geboren. Seine Eltern, einfache Leute, bestiminten ihn für die Rabbinerlaufbahn und schickten ihn deshalb in das benachbarte Dorf Brumath zu dem frommen Rabbiner Salomon Levy, Vater des gegenwärtigen Grand-Rabbiners von Bayonne, der als großer Gelehrter und Wohltäter allgeniein bekannt war. 1856 wurde er in das Rabbinerseminarium zu Metz ausgenommen, ivelches später nach Paris verlegt wurde. Während seines Stndiuins zeichnete ec sich durch seine hohe Intelligenz und seine außerordentliche Arbeitsfähigkeit aus. Nach einem glänzend bestandenen Eramen erhielt er das Diplom eines Grand-Rabbiners. Kurz daraus, wurde er zur Leitung der Borbereitungsabteilung des Seminariunis berufen. 1867, als das Amt des Grand - Rabbiners von Paris vakant wurde, be» zeichneten die Wähler Zadoc Kahn als den geeignetsten Kandidaten; und da er die von der Regierung für diesen Posteit festgesetzte Mtersnorme von 30 Jahre» noch nicht hatte, sondern erst 29 Jahre alt war, so beschloß die Genieinde dieses Amt ein ganzes Jahr hindurch unbesetzt zu lassen. 22 Jahre versah Zadoc Kahn dieses Amt, und während 16 Jahre hatte er die höchste Würde, die eines Grand-Rabbiners von Frankreich inne. Seine geistige Autorität wurde mit jedem Jahre größer sein Name immer populärer, unter Juden sowohl als unter Christen, die alle ihm Liebe und Ehrfurcht zollten. Sein Leichenbegängnis zeigte die tiefe Trauer, die sein Hingang wachgerufen hat. IM Tempel, wo er lange Jahre hindurch mit seinem schwungvollen Rednertalent das jüdische Gefühl so erfolgreich weckte, und wo jetzt sein Sarg stand, versammelte sich die ganze Pariser Judenheit. Der Präsident der französischen Republik, der Ministerpräsident, sowie der Minister der Volksaüfklärung ließen sich bei der Leichenfeier vertrete». Zahlreiche andere offizielle Persönlichkeiten wohnten der Trauerfeier bei. Fast alle Rabbinen Frankreichs waren zugegen, und der älteste der französischen Rabbiner, Emmanuel Weill. hielt einen tiefergreifenden Hesped. Zahlreiche offizielle Persönlichkeiten. unter andern der Marineminister Thomson und der^PolizeiPräfekt üsw., zahlreiche jüdische Dclegationen, eine nach Tausenden zählende Menschenmenge folgte dem Leichenzuge, nach dem Friedhofe. Auf dem Friedhofe hielten Trauerreden: Herr Rodrigues-Elh, im Namen des Zentralkoniistoriüms Frankreichs; Herr Baron Gustave de Rothschild, im Namen des Pariser Konsistoriums; Herr Salomon Reinach, im Namen der Alliance Jsraelite Univerfeste; Herr Theodor Reinach, im Namen der „Socists des Etndes Juives" und Herr Direktor Lehmann, im Name» des Rabbinerfeminariums. Das Judentum ist um einen seiner beste» und edelsten Vertreter ärmer geworden! I. 6. Paris. Zum Vizepräsidenten der Alliance Jsraelite Universelle wurde der Hospitalarzt Herr Dr. Arnold Netter, Mitglied der Akademie der Medizin, an Stelle des verschiedenen Julius Oppert gewählt. Aus de» Vereinen. Frankfurt a. M. Verein „Montefiore". Am 13. d. Mts. hielt Herr Rabbiner Dr. Unna- Mannheim einen Vortrag über die Höckel'sche Weltanschauung. Ter Redner führte kurz folgendes aus: Ueberall in der uns umgebenden Welt bemerken wir ein stufenmäßigcs Fortichreiten. überall tönneu wir das Prinzip der Entwicklung verfolgen, und so entstand wohl die Idee, auch die Frage nach der Entstehung der Arten auf Grund dieses Prinzips zu lösen. Ter bekannteste und bedeutendste Vertreter der Entwicklungstheorie ist Darwin, dessen extremster und fanatischster Epigon Ernst Häckel, Professor in Jena, ist, der so weit geht, Hypothesen als voraussehende Tatsachen hinzustellen. Tie Darwin'sche Theorie vertreten hauptsächlich Naturforscher und Acrzte, Leute, deren eigentliches Gebiet ja nicht die Philosophie, die allein die letzten Fragen des Daseins beantworten kann, ist. Diesem Mangel an einem philosophischen 'Ausbau des Systems abzuhelfe», hat sich Häckel zur Aufgabe gemacht. Häckel fühlt sich als Philosovh, ja als Religionssttfter. Besonders in seinem populärwissenschaftlich geschriebeneil. i» viele» Tankenden von Exemplaren unter der gebildeten und halbgebildeten Laienwelt verbreiteten Buche „Die Welträtsel" sucht er in seiner vor unbewiesenen Schlüssen nicht zurückschreckenden Art dieser Aufgabe gerecht zu werden. Schon eine oberflächliche Betrachtung der „Welträtsel" zeigt die Haltlosigkeit der diesem Buche zu Grunde liegenden Anschauungen. Nach ihm, dem Materialisten, ist das Weltall unendlich und unbegrenzt, die Substanz fiillk den unendlichen Raum in ewiger Bewegung. Aber der Begriff „Unendlich". „Unbegrenzt" ist deshalb hier nicht statthaft, weil die Materie. soweit wir sie kennen, stets endlich und begrenzt ist. Uni die Frage nach dem Ursprung der Bewegung zu Men. hilkt sich Häckel mit dem Perpetuum mobile; dies widerspricht jedoch den Gesetzen der Logik nnd der Mathematik, nach denen ein Ganzes nicht anders wie seine Teile ist — und die Materie ist starr und unbewegt. — Häckel nimmt ein Urelement an, aber diese Allnahine ist eine rein willkürliche. Gerade die unorganische Welt, bemerkt Prof. Baumann, weist auf einen Schöpfer, auf eine höchste Intelligenz hin. Das ganze Weltall durch die Bewegung der Atome zu erklären, also die Entstehung des ganzen Weltalls, wie es heute ist, dem Zufall zuzuschreiben, ist einfach absurd. — Die Häckel'sche Urzeugung ist durch keinerlei Tatsache belegt, sie ift nichts als ein Dogma. Auch die Descendenztheorie (Variabilität, Vererbung, Kampf ums Dasein) zeigt überall nur Hyvothesen; noch nie ist ein Beweis für sie erbracht worden, und auch nicht einer der Fossilienfunde läßt einigermaßen haltbare Schlüsse für diese Anschauung ziehen. Redner belegt seine Beba»vt»ugen mit dem Verlesen einer großen Zähl Belegstellen aus den Werken hervorragender Gelehrten und gebt zum Schluß seiner nicht genug zu beachtenden Ausführungen noch auf die Häckel'sche Stttenlehre ein. Frankfurt a. M. .Monteftore"-Berein. e »ns das Bureau des „Montefiore"- . ceins mitteilt, beginnt morgen das Chanucka-Fest in der „Fr a n kf ur t". L o ge vräzise 9 Uhr Abends. Die verehrlichen Besucher desselben werden daher gebeten. rechtzeitig zu erscheinen, da wähd der einzelnen Borträge die Saalen geschlossen bleiben müssen. Frankfurt a. M. Wie alljährlich, so feierte auch dieses Jahr der Verein Kindergarten für Israeliten sein Kinderfest. Sonntag Nachmittag 3 Uhr hatte sich im Saale des Kauimännischen Vereins ein überaus zahlreiches Publikum non Kindersreunden und Kinder» eingesunden, denn die reizenden Darbietungen der kleinen Schüler des Kindergarten sind längst bekannt. Herr Professor S u l z b a ch hielt die Rede, in der er eine» Ueberblick über die Tätigkeit des Vereins gab: der Rede folgte ein Gejangsvortrag und eine Deklamation, und . dann zogen Sie Kinder unter Absingung eines Liedes in de» Saal ein. Tie Aufführungelk, die alle klappte». ernteten lauten Beisall und zeigten, daß die Müheil der Lehrerinnen reichen Lohn in dem Erreichten ilnd in der Anerkennung des Publikums finden. Berlin. Am 10. Dezember hielt der Vorstand des Vereins „Jüdische Arbeiter-Kolo- ' gemeinsam mit den Tarnen und Herren des Wohlfahrtsausschusses eine sehr zahlreich besuchte Sitzung ab. An Stelle der im Laufe des Jahres durch Tod ausgeschiedenen Vorstandsmitglieder, Jnstizrat Stern I. und Martin Simon, sind die Herren Emil Cohn in Charlottenburg nnd Dr. Ginsberg getreten, lieber die Weiterentwicklung der Anstalt lagen gütl»

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