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Neue jüdische Presse · 1905-12-22 · Heft 49 (22.12.1905) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 49 (22.12.1905)
Date
1905-12-22
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Häuptern, die den Inden eine nngerechte Behandlung zu Teil werden lassen, entgegenzuhalten. Tem Antisemitismus von oben möge dies als beschämendes Beispiel dienen! Aus cMer Wett. Deutsches. Reich. Frankfurt a. M. Herr Jacob S. Posen teilt uns mit, daß er in der Diskussion der vom Zentralverein einberufenen Versammlung, über die wir in der vorigen Nummer berichteten, nicht sagte, daß es ihm unter 4500 Fällen nur ein einziges Mal vorkam, daß der Nimol schaden nahm; er habe vielmehr gesagt, miter 4500 Fällen seiner Praxis, die alle glücklich verliefen, kam es ihm nur einmal vor, daß er ein Kind einer auswärts wohnenden Bluterfamilic, bei der schon mehrere Mitglieder bei früheren, von anderer Hand ausgeführten Operationen verstorben waren, zu beschneiden hatte, und auch dieser Fall verlief glücklich. Frankfurt a. M., 21. Dez. Per Schub nach 'Rußland. Tie „Frankfurter Zeitg." schreibt: Das traurige Schicksal der armen Auswanderer aus Rußland und „Halbasien", die auf der sogenannten Registrier st at io n in Bingerbrück angehaltcn, wegen ungenügender Barmittel am Weiterreisen gehindert und dann zunächst nach Frankfurt zurückgebracht werden, haben wir früher wiederholt geschildert. In Frankfurt bleiben sie einige Tage, dann werden sie, wenn sich keiner ihrer erbarmt, in die Heimat abgcschoben. Neuerdings sollen, wie ein Berichterstatter meldet, diese Abschiebungen wieder an der Tagesordnung sein. So kam vor einigen Tagen eine Anzahl von Russen in erbarmungswürdigem Zustand von Bingerbrück hier an: eine Frau mit vier Kindern im Mer von einem bis elf Jahren, eine Familie mit drei Kindern im Alter von drei bis sieben Jahren und drei Geschwister von zwölf bis fünfzehn Jahren aus Raschkow und Kischinew. Während früher die Auswanderer namentlich aus Rumänien kamen, hat sich begreiflicher Weise die Zahl der Russen in letzter Zeit bedeutend vermehrt. Tie Leute sind aus dem Lande geflohen, in dem sie keinen Augenblick ihres Lebens sicher sind. Mn bestehen ja hier Hilfskomitees, die sich dieser Leute annehmen, soweit es in ihren Kräften liegt. Hoffentlich wird man jetzt insbesondere den russischen Flüchtlingen Schutz und Hilfe bringen und sie vor dem entsetzlichen Schicksal bewahren, an die russische Grenze transportiert zu werden. Sie sollen nämlich von hier nach Myslowitz kommen. Warum aber, so fragen wir wie früher, warum lasse» Regierungs- und Polizeibehörden die armen Leute die nutzlose Reise von der einen bis zur anderen Grenze machen, wenn sie hier doch angehalten und ohne Erbarmen zurückgebracht werden? Was die russischen Flüchtlinge betrifft, so sollte ihnen allerdings von privater Seite in dieser Zeit schon an der Ostgrenze ausgiebige Hilfe zuteil werden, damit sic nicht von neuem in die Hände der Henkersknechte fallen. Höchst a. M. Am vergangenen Donnerstag wurde die feierliche Einweihung der neu erbauten Synagoge vollzogen. Um 4 Uhr fanden sich die Gemeindemitglieder vor dem Hause des Vorstehers Ettinghausen ein, um die Thorarollen bei ihrer Überführung nach der Synagoge ehrfurchtsvoll zu begleiten. Beim Eintritt in die heiligen Räume begrüßte der Chor des Kantor Neumann-Frankfurt, eines Schülers der Opernsängerin Bentfeld, den Zug. Es erfolgte sodann der Umzug der Thorarollen und ihre Einstellung in die heilige Lade unter Gesang der hierbei üblichen Psalmen. Tie Festpredigt hielt Rabbiner Dr. Horovitz-Frankfurt. Nach ihr wurde die ewige Lampe angezündet, und mit dem Wendgottesdienste, mit Kantor Ogutsch-Frankfurt als Vorbeter, fand die religiöse Feier ihr Ende. Unter den Festgästen bemerkten wir den Landrat von Achenbach, Bürgermeister Paleske, Direktor Dr. Adler-Franbfurt, Rechtsanwalt Dr. Blau, Präsident der Israel. Gemeinde in Frankfurt, u.'a.; die Höchster Geistlichkeit, die selbstverständlich auch cingeladen war, war nicht vertreten. — Des Abends fand ein Bankett statt. Berlin. Nach der Vollszählung vom 1. ds. Mts. zählt Berlin unter 20333000 Einwohnern 92 206 (— 4,88o/o) Juden. Berlin. Herr Dr. Paul Nathan, der als Mitglied der Unterstütz'mgskommission in den letzten Wochen Rußland bereist hat, teilt nun in 'der „Nation" einige Erlcbnissc mit. So schreibt er u. a.: „Wir saßen am Tage des Ausbruches der Militärrevolte in Kiew am -Frühsttickstisch. Mit uns zwei Beamte im Tienste auswärtiger Mächte. Ter jüngere wird zum Telephon gerufen; er kommt zurück und entschuldigt sichrer müsse fort, da in der Nähe seiner Wohnun? wieder Alord und Totschlag herrsche; nach einiger Zeit ist er wieder da und sagt: „Es war nichts Besonderes, man hat nur einen einzigen Juden totgeschlagen. Er kam mit zwei Polizisten, um von den Kellnern eines Cafes, wo er sein geraubtes Gut aufgestöbert hatte, den eigenen Besitz zurückzuholcn. Tie Kellner schlugen ihn tot, und Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 49. die Polizisten sahen zu und gingen dann nach Hause." — „Ja," sagte der andere, „vom hinteren Fenster meiner Wohnung ans sah ich gestern Nachmittag genau denselben Vorgang. Man hat die Juden nämlich aufgefordert, daß sie die Polizei darauf aufmerksam machen möchten, wo ihr gestohlener Besitz sich befindet; gelingt das so einem unglücklichen Hebräer, und erscheint er mit der Polizei, was soll diese dann machen? Sie hat mit dem Gesindel fraternisiert, mit ihm geteilt- Packt sie nun ihre eigenen guten Freunde, so sagen diese vor Gericht aus: „Aber wir haben ja auf Befehl g c- Handel t." So hilft man sich eben; man läßt die Juden , die so unvorsichtig sind, ihr Gut zuriickzuvcrlangen, totschlagen. Vom Hinteren Fenster nicines Hauses beobachtete ich gerade diesen Vorgang; wiederum ein Jude und zwei Polizisten. Der Jude tritt ins Haus, die Polizisten warten; Geschrei im Hause; die Polizisten laufen davon, und nach einiger Zeit warf man den töten Juden über eine Gartenmauer jenseits der Straße." Es war kein Jude; es war ein ausgezeichneter, aufopfernder Beamter, der mir diese» Bericht gab. Und noch zwei Erlebnisse aus Odessa: Ein jüdischer Militärarzt wird in den Schreckenstagen in Odessa vom Pöbel umringt. Man verkennt seine Uniform und hält ihn für einen Polizeioffizier. „Herr Offizier, was sollen wir nun tun? Wo ist noch erlaubt, zu plüudd e r n?" — „M arsch nach Hause, Gesindel!" — -unb der Schwarm zieht ab. Und zum Schluß. In Odessa ist eine größere Fabrik geplündert und demoliert; die Tochter eines oberen Beamten wird vor den Augen des Vaters geschändet; der Vater schwer verwundet, als er feine Tochter verteidigen will; alles in Gegenwart eines Polizeioffiziers. Tie Bande legt daraus Feuer an das Fabrikgebäude, jetzt schreitet der Offizier ein: „Hunde,Brand stifte ui st verboten; augenblicklich löscht ihr!" und die wohlerzogene loyale Räuberbande löscht das Feuer gehorsam, das sie selbst angefacht hatte; so wurde diese Fabrik vor dem völligen Ruin, der freilich auch einem ganzen Stadtteil hätte gefährlich werden können, gerettet." München. Es gibt Dinge, die man nicht für möglich halten sollte und die leider doch möglich sind. Hierzu gehört die Tatsache, daß j ü d i s ch e Geschäftsleute in der antisemitischen Presse inserieren. — Vor uns liegt das antisemitische Hetzorgan schlimmster Sorte „Das Bayerische Vaterland". Der redaktionelle Teil wimmelt von antisemitischen Ausfällen, und die gesamte letzte Seite füllt ein Inserat der hiesigen jüdischen Firma S. Gu ttm an n u. Co. mann von Odessa. — wie gesagt wird, ist er für seine Verdienste um die Odessaer Bartholomäustage am 4.— 6. November zum Gouverneur von Nischni- Nowgorod befördert worden — hier weile. Der-anwesenden Russen und Polen — zumeist Juden, die infolge der Massakres geflohen — bemächtigte sich eine tiefe Erbitterung. Diese Erbitterung machte sich in Worten Luft, die dem General wohl den Aufenthalt in unserem schönen Wbazia verleiden dürfte. „Seht den Bluthund v o n O d e s s a", heißt cs, wo immer er sich blicken läßt. Der General hört diese Worte, runzelt die Stirn, tut aber, als hätte er nichts vernommen. Im „Hotel Quisisana", wo er Wohnung genommen, ist er von Jud wie Christ boykottiert, geächtet. Begegnet er hier weilenden Landsleuten, so geht er ihnen weit aus dem Wege, aber nie weit genug, als daß er die Worte: „Bluthund von Odessa", die man als Parole ausgegeben, nicht hören sollte. Großbritannien. London. Die Tatsache, daß für die Opfer der Massakres in Rußland aus ganz England nebst allen seinen Kolonien nur 2 Millionen Mark zusammengekomnien sind, hat das Hilfskomitee unter Lord Rothschild veranlaßt, sich in einem Aufrufe an das englische Judentum zu wenden. Tiefer Aufruf ist dadurch interessant, daß er gegen den Zionismus und besonders gegen den Tcrritorialismus polemisiert. Gegen den Zionismus werden die bekannten Gründe der Gegner angeführt (Palästina sei zu klein, der Sultan sei gegen eine Autonomie). Ter Territorialismus käme bei der gegenwärtigen JUdcnnot nicht in Frage, denn wenn er wirklich ein Land — groß genug für 4 Millionen Menschen — bekäme, dann würden doch gar viele Jahre darüber weg gehen, bis die Kolonisation desselben eine größere Immigration gestatte. Auch würde mit der Verwirklichung der Pläne der territorialistischen Organisation ein Ghettostaat erstehen, statt sich die Juden;nit dem ü.brigen Teile der Welt assimilieren. — Ter Aufruf empfiehlt, der Auswanderung nach Argentinien und nach Canada, die die jüdischen Einwanderer gern aufnehmen würden, alle Förderung angedeihcn zu lassen, und schließt damit, daß er eine Lösung der Judennot nur in der Gleichberechtigung der russischen Juden, die man in diesem Streben nach jeder Hinsicht unterstützen inöge, sieht. Ter Aufruf trägt die Unterschriften von: Lord Rothschild, Samuel Montag«, Tavid L. Alexander, N. S. Joseph, Claude G. Montesiore, Leonhard L. Cohen, Benjamin L. Cohen und Stuart M. sainuel. Oesterreich -Ungarn. Tarnopol, 16. Dezember. Nach hier eingelaufenen Berichten aus dem Bezirke Podhajce wird daselbst von ruthenischer Seite eine äußerst intensive Agitation betrieben behufs Herbeiführung des Agrarstrikes in dem Falle, als durch den Poleniklub, respektive durch die polnischen Grundbesitzer die Einführung des allgemeinen und'direkten Wahlrechtes für Galizien in Mage gestellt oder gar verhindert werden sollte. Den Berichten zufolge werden von den Agitatoren die unsinnigsten Gerüchte verbreitet, so z. B., daß Se. Majestät den Bauern die Aufteilung der herrschaftlichen Güter gestatte. Im Bezirk B u c z a c z Ivird dafür agitiert, daß am 18. Dezember, an dem von der ruthenischen Bevölkerung gefeierten Niklaitage, Iudenmassakresveranstaltetwerden, und es wird sogar den Bauern cingeredet, daß der Monarch diese Judenmassakre geradezu gestaltet habe. Seitens der polnischen und der jüdischen Bevölkerung werden an die Behörden dringende Bitten um Schutz gerichtet; cs werden umfassende Vorkehrungen zur Verhinderung von Unruhen seitens der Regierung getroffen. Taruow. Wegen Entführung der IIjährigen Hanna Naß von Wola-Wilka standen unlängst 10 Mauern und eine Gutsbesitzerin vor dem hiesigen Schwurgericht. Der Anklage lag der folgende Tatbestand zu Grunde: Hanna Naß verschwand plötzlich, 4 Monate suchten ihre Eltern sie vergeblich, bis endlich einer der Angeklagten erzählte, Hanna sei in einem Krakauer Kloster und werde bald getaust. Der Bauer erzählte, daß' mau das Kind vom Hause nach dem Dorfe gelockt habe, wo sie bei mehreren Bauern einige Zeit versteckt gehalten wurde, bis die Gutsbesitzerin das Kind, als Junge verlleidet, bei Nacht nach Krakau brachte. — Die, Angeklagten wurden frei gesprochen, und so wird denn der in Galizien nicht ungewöhnliche Raub jüdischer Kinder, um sie ins Kloster zu stecken, auch weiterhin Vorkommen. Unglaublich bei dieser Affäre ist, daß die Angeklagten ihre Freisprechung ihrem jüdischen Verteidiger, dem hiesigen Mwokaten, Kultusmitgliede und Präses verschiedener jüdischer Vereine Dr. Elias Goldhammer, verdanken. Er führte in seiner Verteidigungsrede aus, daß die Angellagten sich nicht eines Raubes schuldig gemacht, sondern vielmehr dem Kinde eine Wohltat erwiesen hätten, denn die elfjährige Hanna Naß habe schon einmal den Entschluß gefaßt gehabt, sich taufen zu lassen. Abbazia. In Kreisen der hiesigen Kurgäste verbreitete sich wie ein Lauffeuer die Nachricht, daß General Neidhardt, der gewesene Stadthaupt¬ Personalien. Berlin. Zu Handelsrichtern sind ernannt: der Rentier Leopold Stein thal-Steglitz und der Kaufmann Fritz Gu g e n huim-Berlin; wiederernannt : der Bankier Dr. Georg Heimann -Breslau, der Kaufmann Jakob Molinari-Breslau, der Kaufmann Friedrich Hei mann-Köln und der Kaufmann Paul Rosenthal-Frankfurt a. M. Berlin. Geheimer Sanitätsrat Dr. Leopold B u r s ch a l l ist im Mer von 82 Jahren gestorben. Bromverg. In die Handelskammer wurden wiedergewählt: Gerichtsassessor Fabrikbesitzer Dr. jur. Leopold L e v y und Stadtrat »nd Synagogcnvorsteher Bankier Salomonsohn, neugewählt: Kaufmann Heymann Dobrzynski. Rawitsch iPosen). Bankier Georg H. Loewh wurde zum Mitglied der Handelskammer gewählt. Budapest. Der diplomiette Tierarzt Ignaz Roboz, Sohn des Kaufmannes Mexänder Rosenberg in Tab, wurde zum Assistenten des Lehrstuhles der Pharmaceutik an der hiesigen tierärztlichen Hochschule ernannt. Stanislau (Galizien). Im Alter von 36 Jahren starb hier Rabbi Jehuda Ahron Kluger, ein Mann von hervorragender Frömmigkeit und bedeutendem jüdischen Wissen. Da er aus seiner Thora keinen Nutzen ziehen wollte und unvermögend war, so ernährte er sich als Geschäftsmann.' Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Bei der Frankfurter Zionistischen Vereinigung sind aus den Sammelbüchsen eingegangen: N. N. Dr. Stempa N. N.' N. N. B. Frl. Wiener Neumann Lipinsky Geschw. Strauß Hotel Ullmann L. Kahn jr. E. Michael N. N. 1,-Ji 1,90 JL 1,60 M. 0,80 M. 1 ,— M 4,13 JL - 4,62 Jt. +15 Cents. 2,78 M 40,85 JL 2,06 Jk -ft 55 Cents. 4.50 Jk 1.50 Jk 7,20 Jk 73,94 Jk -ft 70 Cents.

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