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Neue jüdische Presse · 1905-12-22 · Heft 49 (22.12.1905) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 49 (22.12.1905)
Date
1905-12-22
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 49 Frankfurter Israelitischer Famüienblatt. Leite 5. Frankfurt a. M. Für unsere russischen Brüder gingen noch ein: N. N. 20 JL, Grünblatt 2 JL Für die Selbstwehr: Nathaniel 2 JL, I. Feingold 1 JL, N. N. 1JL Frankfurt a. M. Bei der Expedition des „Frankfurter Jsr. Familienblattes" gingen für den Nationalfonds ein: Hebräisches Sprachkränzchen F. H. S. Strafen für deutsch gesprochene Worte. Zur Eintragung von Medizinalrat Dr. Üldler, Lübeck in das „Goldene Buch" 11,10 Rahel Mainz, einen Oelbaum für ihren jüngsten Neffen Ludwig Joseph 6,— JL Sclmar Geis, Provision für Mitwirkung bei einer guten Sache 10,— JL Jos. Bamberger 1,- Ober H. vom Grand Cafü Bristol 1,— JL Selbstbesteuerung: Max Markus, S. N., S. Guttmann, Leop. Oppenheimer, Jos. Oppenheimer I., Jos. Oppenheimer II., Isidor Hirsch, I. L. Goitein, Säly Geis/ Sclmar Geis n 30 Pfg. 3,— JL 32,10 JL Marken, Staniol und Zigarrenspitzen, Alexander Speyer und Dr. Oswald Cohn. Wien. Gemäß Beschluß des Aktionskomitees wird ab 1. Januar 1906 sowohl die Redaktion als auch die Administration der „W e l t" »ach Köln verlegt. Die Leitnng der „Welt" geht in die Hände des Schriftstellers Berthold Ie i w e l über, zugleich tritt der Schriftsteller A. C o r a l n i k in die Redaktion ein. Zuschriften an die Welt sind zu adressieren: Zionistisches Zentralbureau, Köln a. Rh., Merowingerstraße 7 (Für „Die Welt"). G Femlleim. Ein kleines Drama, j / Erzählung ,von Ben - A m i.*) / Autorisierte Uebersetznng aus dem Russischen von L. Car o. Ei» Tag vor Pessach. Gegen zehn Uhr morgens. Soeben sind wir mit nnsercm werktäglichen Frühstück fertig geworden. Unser Frühstück bestand nämlich aus Brot, das wir uns von einer unserer Nachbarinnen ausgeborgt haben und einer Gnrkcnsauce, in der Stückchen verfaulter Salzgurken herumschwammen. Offen gestanden, haben wir auch diese Gurkensauce von einer Nachbarin bekommen, die ein Faß mit Gurken ansgeleert hatte, damit im Hause kein „Chomez" übrig bleibe. Von Bäckereien hatte man in unserer Stadt fast keine Ahnung. Und cs war daher eine ganz gewöhnliche Sache, daß selbst die reicheren Familien einen Mangel an Brot in den letzten Tagen der Woche empfinden nrußten, — geschweige an einem Tage vor Pessach. Es war so durchaus nicht erniedrigend, in solchen Fällen bei Nachbaren oder Bekannten um Aushilfe nachznfragen. Wir frühstückten im Vorhaus auf dem Boden; als Tisch diente uns ein breites Brett, auf den: man im Laufe des Jahres aller Art Teige zu rolle» pflegte. Dieses Brett eben schabt jetzt eine meiner Schwestern sorgfältig mit einer Messerklinge, nachdem sie es in einem Trog voll Wasser, wo noch zwei Handrollen liegen, bis zur Hälfte cintauche» liest. Dieses verrichtet sie im Hofe, hart vor den Türen unseres Häuschens. Nebenan ist auch ineine zweite Schwester beschäftigt: in einem grasten halbzerbrochenen, mit einem Strick verbundene» Topf zerreibt sie und ververdünnt den Lehm, der zum Bestreichen: unseres Erdbodens in den Zimmern bestimmt war. , Alles, was sich im Hause befand, ist in den Hof hinausgetragen worden, um cs einem gründlichen Aus- und Herausschütteln und aller Art Reinigung zu unterwerfen. Ich und mein jüngeres Brüderchen befinden uns hinter dem Hause, wo das „Koscher"machen der Zuber, Fäßchen, Bänke und Bretter aller Größe» und Formen vor sich geht. Unsere Aufgabe bestand darin: die „koscher" gemachten Geräte, solange sie an der Sonne trocknen, vor der Berührung der Schweine zu schützen, die, sobald sie nur aus der Ferne die sich immermehr verbreitenden Pfützen bemerken, ungesäumt mit lautem Grunzen herbeieilen, alles, was ihnen in den Weg kommt, durchschansen und ihre schmutzigen, durchaus nicht „koscheren" Schnauzen gerade dorthin gerne hineinstecken, wohin sie eigentlich nicht gehören . . . *) Ein bekannter Erzähler aus dem jüdischen Leben, der in der russisch-jüdischen Literatur seit Jahren den ersten Rang einnimmt. Das „Koscher"-Machen wird von meiner Mutter in Gemeinschaft mit der Nachbarin, der MelamcdsZ- Frail Chinke, ausgeführt. Die Mutter fährt über die „koscher" gemachte» Gegenstände mit einem glühende» Bügeleisen ohne Griff, das sie durch zwei .Holzspäne bewegt und lenkt; Chinke nun gießt aus. einem großen, neuen roten Topfe siedendes Wasser auf dieses glühende Bügeleifeu, wodurch ein starkes Zische» entsteht und ein wirbelnder Dampf hoch anssteigt. In der Nähe gräbt der Vater eine Grube aus, um drin den „Chomez" zu verbrenne», das will sagen: die einigen Brotbröckchcn, die da auf der Erde in einem verbrochenen, mit einem weißen Lappen eingehüllten Löffel liegen. Draußen weht ein ziemlich starker Westlvind; doch ist es nicht kalt. Der Himmel ist örterweise mit undichten, weißen Wölken bedeckt, welche bisweilen die Sonne beschatte». Doch die Wolke zieht vorüber — und die Sonne guckt wiederum hervor und erwärmt alles mit ihren bezaubernden Frühlingsstrahle», die in die Tiefe der Seele eindringcn. Es ist so wohl, so nngeiuöhnlich wohl. Es scheint: alles ringsum ist von einem lichtvollen freudigen Erivarten erfüllt, als ob bald Etwas ungemein Gutes kominen müßte. Hinter unserem Hause ist es ganz besonders wohl; hier ist es gemütlich und vor dem Winde geschützt; hier ergießt sich die Tonne mit ihrem feierliche» Glanz: hier ist es auf einer großen Strecke trocken und glatt, während ringsum noch ei» ziemlich großer Sumpf dasteht, der von oben ei» wenig ausgetrocknet ist. Sogar Gras bricht sich hier örterweise durch — das erste grüne Frühlingsgräschen, bei dessen Anblick mir so froh zumute wird, das Herz vor Wonne erstarrt, die Brust sich weit, weit ansdehnt und mit einem gewissen Schein erfüllt wird. Freilich findet sich hier, insbesondere hart an der Wand, so Etwas, das das Auge nicht so sehr ergötzen dürfte und noch weniger den Gernchsinn; so Etwas, das die Schweine ans den cntlegendsten Gegenden so sehr heranlockt. Aber welche menschliche Einrichtung, welches Milieu ist denn möglich ohne so Etwas, das irgend ein Gefühl in uns nicht verletzen müßte? Nun gebe ich mich ganz diesem doppelten Reize hin — dem Reize des herannahenden lieben Festtages und dem Reize des ersten FrühlingShauchs. Es ist so herrlich, so gut, daß ich sogar ein Moment eine mich erwartende Freude ganz vergesse, an die doch mich der Gedanke in den letzten Tagen zu sehr fesselte und keinen Augenblick verlassen wollte. Lange sitze ich so ruhig, so vertieft, aber sobald die Mutter fort ist, mache ich mich alsbald an eine meiner beliebtesten Amüsements heran: — ich lasse mich auf dem Bauche über eine der Säulen hinunter, die die Hintere Wand unterstützt. Diese Wand hat bereits mehrmals ihre Neigung verraten, sich vollständig von ihren Kolleginnen zu trennen, mit denen sie nicht im Einvernehmen lebte und stets in einer ehrbietigen Entfernung von ihnen ihre Haltung behauptete. Diese ehrerbietige Entfernung mußte nun im Herbst und Winter mit Stroh und aller Art Lumpen vollgestopft werden, andernfalls bedienten sich ihrer die bösen Geister und erfüllten unser armes Stübchen mit Wind, Kälte, Schnee und mit sonstigen Feuchtigkeiten. Tie Säulen waren dazu bestimmt, eine Annäherung zu schaffe», aber sie erreichten cs kaum. Mir aber waren sie der beste Teil des Hauses. Welch ein Vergnügen ist es doch, ungehindert über die glatte, scheinbar polierte Fläche zu gleiten! Manchmal nehme ich eine Aenderung an dem System des Gleitens über die Säule vor: ich lege mich nämlich auf den Rücken und lasse den Kopf herunterhängen. Tann erscheint mir alles mit dem Boden nach oben gekehrt: unten — der Himmel, oben —die Erde, Und ich empfinde ein unaussprechliches Vergnügen, wenn ich wenigstens einen Augenblick alles Untere oben sehe. Solange ich mich diesen'Spässen hingebe, überlasse ich die Aussicht über die „koscher" gemachten Geräte meinem jünger» Brüderchen Joncle, dem achtjährige» Buben. . Er ist sehr stolz auf die ihm auferlegte Pflicht doch ganz besonders verschafft ihm Freude das Attribut seiner Macht über die Schweine: der Knotenstock des Vaters, der ihm zur Abwehr anvertrant wurde. ... Wichtig setzt er sich auf eine» alten, halb verfaulten, tief in der Erde sitzenden knotigen Klotz, der, irgendwie als eine unversiegbare Quelle für Erlangung von Spänen diente und i) Melamed — hebräischer „Cheder"-Lehrer. auch eine unerschöpfliche Menge „Beschneidungsmehl" (moel-Mehl) produzierte, — das heißt ei» Pulver zum Bestreuen der erste» Wunde, mit der ein Jude sein unendlich glückliches Dasein auf dieser Welt beginnt. . . . Unterdessen klettere ich über die Säulen auf das Tach hinauf und von dort aus krieche ich durch eines der Löcher, an denen es nie mangelte, aus den Dachboden hinunter. Die Hühner, die sich hier in Stroh vergraben haben, flatterten erschreckt auf und liefen mit einem lauten heiser» Gackern auseinander; eine weiße Katze mit gelben Flecken setzte ihren Gang auf den Dachsparren fort, indem sie kläglich miaute und mit dem Schwänze schlaff »ach verschiedenen Richtungen wedelte, als ob sie sich in etwas enttäuscht hätte. Einige Minute» irre ich so auf dem Dachboden herum, wo geheimnisvolles Halbdunkel herrscht. In Unordnung liegen da die für die Dauer der Festtage eben hierher transportierten Buchbinderci-Juftruineilte des Vaters, löcherige Säcke mit Federn: hier und da wälzen sich Reste von Watteklcidern, Scherbe», zerfetzte Fausthandschuhe, eine alte blecherne Teekanne ohne Griff und ohne Schneppe. Habe ich nun — in der Hoffnung, an diesem Tage gelegte Eier zu finden — all dies gut besichtigt, so klettere ich dann auf den höchsten Dachsparren hinauf, stecke meine» Kops durch eines der Löcher hinaus und beginne bald eine der Schwestern, bald das Brüderchen mit de» Namen anszurufen. Diese drehen nun die Köpfe nach allen Seiten und köunen nicht erraten, woher die sie rufende Stimme kommt. (Fortsetzung folgt.) Kunst nnd Literatur. Ausgrabungen in Klei» asien. Ten Hauptinhalt des Heft 29 der „Mitteilungen der Tenksch-Lrient.-Gesellschaft" bilden die Darlegungen der Herren Kohl, Watzinger und Hitler über die Ergebnisse ihrer im Aufträge der Gesellschaft in diesem Frühjahr unternommenen Expedition zur ErforschungderSynagogenruinenGal i l ä a s. Da diese knltnr- und baugeschichtlich wichtigen Denkmäler Palästinas leider einem schnellen Verfall unaufhaltsam eutgegengehcu, weil die zerstörende Kraft der Natur durch die »och schneller arbeitende des Menschen unterstützt wird, so hat sich die Gesellschaft mit dieser Unternehmung, die Ernest Renan bereits vor mehr als 40 Jahren als eine dringende Aufgabe der Forschung bezeichnet hatte, ein neues großes Verdienst um die Wissenschaft erworben. Wie hohe Zeit es war, dieSl Werk in Angriff zu nehmen, zeigt der Umstand, daß manche von anderen Reisenden noch vor wenigen Jahren an Ort und Stelle gesehenen Bauteile heute verschwunden sind. Es gelang den Forschern, auf ihrer viermonatigcn Reise die Ruinen von ll Synagoge» genau zu untersuchen, ihre Grundrisse aufzunehmcn und eine große Zahl von hochinteressanten Resten der diesen Monumenten eigentümlichen Ornamentik im Bilde festzuhalten, von der mehrere den Berichten beigefügte Abbildungen Proben geben. Eines der wichtigsten Ergebnisse der Forschungsreise war die Feststellung der typischen Grundrißform dieser unter röncischer Herrschaft und römischem Einfluß entstandenen jüdischen Bauwerke; entgegen den früheren englischen Forschungen, die bei einigen Ruinen drei bis vier Säulenreihen im Innern feststellen zu können meinten, ist bei sämtlichen untersuchten Synagogen ein breites Mittelschiff mit einem SKulenumgang auf drei Seiten, der eine Empore trug, jetzt mit Sicherheit nachgetviesen worden. I» den Berichten über die Grabungen in Babylon meldet Dr. Koldewey einen neuen für die Topographie der Stadt und Burg Nekukadnezars überaus wichtigen Fund, nänilich die Auffindung des öfter in Inschriften genannten Kanals Arachtu. Auch von den Grabungen in Assur wissen die. Briefe des Expeditionsleiters Andrae wieder erfreuliche Fortschritte zu melden. Die Arbeit konzentrierte sich auf die völlige Freilegung des Anu- und Adad- Tempels, die nun zu Ende geführt ist und reiche Ergebnisse an inschristliche» nnd archäologischen Fundeik gebracht hat. So ivurde u. a. der Kopf eines jener überlebensgroße» Stiere mit Aienschenhaupt gefunden, wie sie an den Eingängen assyrischer Paläste z» stehen pflegen, ferner' eine archaische lebensgroße Statue aus basaltartigem Stein, leider ohne .Kopf, die vielleicht ans der Zeit um 2000 v. d. übl. Zeitrech», stammt. Einige Privatbriefe des Herrn Andrae, die in gewohnt liebenswürdigen: Plauderton das Leben der Expeditionsmitgtieder schildern und meteorologische Angaben bringen, zeigen, daß die Herren dort draußen die weltabgeschiedene Einförmigkeit ihres Grabungslebens und die argen Unbilden des überaus trockenen Klimas jahraus jahrein init gutem Humor zu tragen wissen.

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