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Neue jüdische Presse · 1905-12-22 · Heft 49 (22.12.1905) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 49 (22.12.1905)
Date
1905-12-22
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. tu die Rumpelkammer der Geschichte und, sich den anderen „zivilisierten" Ländern anschließend, richtet es eine Reihe juridischer und anderer Schranken auf, die die Einwanderung aufhalten und den vor der russischen Knute fortlaufenden Juden cs unmöglich machen sollen, in diesem Lande Zuflucht wie zuvor zu finden. De Statistik hat zwar bewiesen, daß die Immigration in England in der letzten Zeit stark abgenommen hat, und das konservative Ministerium Balfour wurde zwar nach einem hartnäckigen Kampfe gezwungen, die Staatsgcschäftc Campbell-Bannermann mit seinen Liberalen zu übergeben, allein das Uebel ist nicht mehr gut zu machen, wenigstens nicht mehr für eine absehbare Zeit, „denn ein Dokument, welches besiegelt wurde mit dem königlichen Siegelring, kann nicht rückgängig gemacht werden." Da die Einwandcrungsfrage eine äußerst verwickelte ist und nur die Parlamente es fertig bringen konnten, mit einer sie charakterisierenden Leichtsinnigkeit das Fremdengesetz anzunehmen, hat die Kommission, die zur detaillierten Ausarbeitung des neuen Gesetzes mit den damit verbundenen Institutionen und Maßregeln eingesetzt wurde, eine kolossal schwierige Aufgabe vor sich. Welcher Gestalt diese neuen Gesetze sein werden, ob sie eine genaue Kopie der amerikanischen Maßnahmen bilden, oder mehr den speziellen hiesigen Anforderungen Rechnung tragen werden, ob sie eine strenge oder eine milde Anwendung finden werden, läßt sich jetzt, trotz des Umstandes, daß der Zeitpunkt, in dem sie in Kraft treten, so nahe liegt, noch nicht Voraussagen. Tie Presse hat jetzt mit tausend anderen „interessanteren" Trugen zu schaffen und konnte beim besten Willen nicht bis nun der Alienkommission etwas ablauschen oder sich noch für die Juden interessieren, die, statt in Rüß- . land sich morden zu lassen, Englands freie Häfen und mächtigen Schutz aufsuchen. Es zirkulieren zwar jetzt von Zeit zu Zeit die verschiedensten Gerüchte über die einzuführenden Maßregeln. Nach einem solchen Gerüchte soll es keinem Passagier der dritten Klasse, der nicht 3 Pfund Sterling vorzeigen kann, erlaubt fein zu landen. Allein es läßt sich jedoch mit Bestimmtheit nichts sagen, da in Wirklichkeit bis nun weder seitens der dazu bestimmten Komnrission noch der Presse überhaupt auch das Mindeste bekannt gegeben wurde. Es ist nur zu hoffen, daß die neue Regierung, die als wirklich liberal bekannt ist und deren Mitglieder, mit wenigen Ausnahmen, gegen jede Beschränkung der Frcmdeneinwanderung tapfer kämpften, ihren Einfluß auf die Kommission aus üben wird, den aufzurichtenden Schranken eine möglichst milde Form zu geben. Das neue Ministerium steht auch auf intimerem Fuße mit den Häuptern der englischen Jndenheit, Lord Rothschild, Sir Saniuel Montagu usw., als es mit dem Balfour'schen Ministerium, welches soeben zur Ruhe gegangen ist, der Fall gewesen war, und wir wollen hoffen, daß unsere „praciical leadere“ wenigstens nach dieser Richtung etwas Tüchtiges leisten werden, wenn sie schon von solchen „Phantasien" wie Zionismus und Territorialismus nichts wissen wollen und sie jetzt cingesehen haben dürften, wie gefährlich es sei, die Judenfrage in Rußland selbst lösen zu lassen. Tie jüdische Territoriali stischc Organisation (Jto), die vor einem halben Jahre etwa in Basel durch die Meinungsverschiedenheiten über die Ugandafrage ins Leben gerufen wurde und in London den Sitz ihrer Leitung hat, macht hier in England große Fortschritte und erfreut sich der ungeteilte» Sympathie des hiesigen jüdischen Publikums und der öffentlichen Meinung überhaupt. Tie Zahl der Jto-Bereine in England übersteigt bereits dreißig, darunter inanche Vereine, die über eine Mitgliedschaft von Tausend und mehr verfügen, wie der Verein in Manchester und „tbe Am Israel Brauch“ in London, der überhaupt der Erstgeborene der Organisation ist. Eine glänzende Reihe von Männern wurde für die Sache gewonnen, die die Elite der englischen Jndenheit bilden. Zu ihnen gehören — um aus jedem Gebiet onus ex rnnlüs als Beispiel anzuführen — der bekannte Journalist, Politiker und englisch-jüdische Geschichtsschreiber Lucien Wolf, der berühmte Maler Solomon I. Solomon, der bedeutendste Kunstkritiker und Vorsitzende der Makkabäer, Marion H. Spielmen, und der Meister des gegenwärtigen englischen Drama, Alfred Sutro, der Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Geheimrat Arthur Cohen und Hermann Kisch, der vorher eine ganze Provinz in Indien verwaltete und eine Zeit lang als Bostmaster General for India amtierte. Tie Seele der Bewegung ist jedoch Israel Zangwill, der sich der neuen Bewegung ganz gewidmet hat. Leider ist seine Gesundheit derart erschüttert, daß die Aerzte ihm den Aufenthalt in London strengstens verboten habe». Er wohnt jetzt bei Dover, wo er die wichtigsten Geschäfte selbst leitet und das llcbrigc dem Bureau überläßt, das er jedoch, ungeachtet des Verbots der Äerzte und der dichten, verschiedenfarbigen Nebel, die jetzt die Londoner Luft verpesten, ein oder zweimal wöchentlich einen Tag lang zur Erledigung der Geschäfte besucht. Das Bureau befindet sich in Essex street No. 15 (Adresse für Depeschen: Jtoland) im Strand, dem bekannten Zeitungsviertel Londons, und wird von einigen freiwilligen -und einigen besoldeten Sekretären geleitet, zu tvelchcn erstcren gehören: Clement Salaman, Tr. I. Salkind, Miß Carmel Goldsmid, eine Tochter des bekannten seligen Colonel Goldsmid, und Miß H. Cowen, eine Schwester des bekannten Zionisten und Direktors der jüdischen Kolonial-Bank, Mr. Joseph Cowen. - Am 4. Dezember, an dem Tage, an welchem vor 250 Jahren die bekannte Whitehall Conference die Debatte über die Petition Rabbi Menasseh ben Jsrael's wegen der Rückkehr der Juden nach England cröffnete, fand die Unterredung Mr. Zangwills mit dem früheren Kolonialmini st e r Mr. Lyttleton statt, nachdem er ihm seinen Plan schriftlich und ausführlich ein paar Tage vorher hatte zukommcn lassen. Ter genaue Inhalt des Projekts fit noch unbekannt, wie ich aber aus zuverlässiger Quelle erfahre, soll die Regierung wiederum um ein Land in Uganda angegangen sei», das jedoch fast dreimal so groß wie ganz England ist und sich durch ein recht gesundes Klima und einen fruchtbaren Boden auszcichnet, sodaß eine weiße Ansiedelung dort gut gedeihen kann. Tie'Kunde von der bevorstehenden Unterredung war so ziemlich überall bekannt durch die Rede, welche Mr. Zangwill auf dem Riesen-Protestmeeting im Great Assembly Hall kurz vorher gehalten hatte, und eine Flut von Depeschen aus aller Herren Länder ergoß sich an diesem Tage ins Bureau, die Mr. Zangwill den Erfolg wünschten. Das einzige Land, welches, obwohl die größte Zahl der Jto-Anhänger ausinachcnd, dahinter blieb, war Rußland, da an diesem Tage ein großer Post- und Tclegraphcn-Streik dort ausgebrochen war, und nur die Grenzstädte in telegraphischer Verbindung mit London stehen konuteu. IN manchen Synagogen wurde auch für das. Gelingen des Interview gebetet. Das Interview resultierte einstweilen jedoch in nichts, da gerade an diesem Tage das konservative Ministerium in Brüche ging. Mr. Lyttleton empfing Zangwill mit dem bekannten Gladiatoren-Gruß: Moritnri te salutant! (Sterbende begrüßen Dich!), versicherte ihm jedoch, daß das Projekt der moralischen und materiellen Unterstützung der konservativen Partei sicher sein könne. Wie sich das neue Ministerium dem Plane gegenüber verhalten wird» ist natürlich unmöglich vorauszusagen. Es wird jetzt zweifellos ein paar Monate dauern, bis sich die neuen Minister in ihre Aemtcr eingeritten haben, und Mr. Zangwill ihnen sciucn Plan vorlegcn kann. Man hat jedoch jeden Grund, anzunehmen, daß auch das neue Ministerium, dessen Leiter der Kolonialangelegenheiten Lord Elgin ist, für das Projekt zu gewinnen sein dürfte, da es eine Anzahl aufrichtiger Freunde der Juden besitzt, vor allem einen so ausgesprochenen Freund der Jtc wie Sir Robert Reid, der jetzt den ehrwürdigen Sitz eines Lord Chancellor inne hat und, als er über das Riesen-Protestmeeting der Jto präsidierte, ausdrücklich sagte, baß, wenn er auch nur einen Tropfen jüdischen Blutes, in seinen Wern hätte, er seine ganze Kraft dem Werke der Jto widmen würde. Ein paar Tage befanden sich hier die Freunde des territorialistischen Gedankens in banger Ungewißheit, als manche Zeitungen mit aller Gewißheit von der Uebcrgabe des Kolonienportefeuillc an Sydney Button sprachen, der feit der Fremdenkommission nicht nur als Anti-Alien, sondern sogar als Antisemit in gewissem Sinne bekannt geworden ist. (Mr. Button ist ein sehr reicher Brauer, und es wird behauptet, daß Nr. 49. er den Juden ihre Abstinenz übel nimmt . . .), glücklicherweise wurde er aber nur als General Postmaster gewählt. Zu denjenigen, die durch das scheidende Ministerium „Resignation Hononrs" erhalten haben, gehören auch zwei Juden: Baron Sir Herbert d e S t c r n, der die, P e e r s w ü r d e erhielt und Mr. Benjamin L. Cohen, der baronisiert wurde. Letzterer ist Parlamentsmitglied und ein hervorragender Philantrop und Führer in der Londoner jüdischen Gemeinde. Zu den jüdischen Persönlichkeiten, die durch das neue Ministerium in den.Vordergrund gerückt wurden, gehört Parlamentsmitglied Herbert Samuel, Bruder des Parlamentsabgeordneten Stuart Samuel und Neffe Sir Samuel Montagu's, der ein hervorragender liberaler Führer und Schriftsteller ist und den jetzt Sir Campbell-Baiinerinan zum Vizemiu i st e r der inneren Angelegenheiten eriianut hat. T-ic jüdische Kolonialbauk veröffentlichte diese Woche ihre erste Sammelliste zugunsten der Leidenden von den russischen Pogroms, die eine Summe von nicht weniger als 6820 Pfund Sterling ausweist. Tie Bank ließ auch Checkbüchlein drucken, die 60 Checks ä 6 Pence enthalten und die sich eines großen Absatzes unter den Massen erfreuen, die ihre Groschen dem kussojevish Gommittee nicht zukommen lassen wollen wegen der schändlichen Klausel, die es in seinem Aufruf hat Und die stark nach Anti-Alicnismus riecht. — I. M. S. Die Hilfsaktion für unsere russischen Brüder. Berlin, den 17. Dezember. Der Bericht der Herren Dr. Paul Nathan-Berlin, Carl Stettauer-Loudon und Tr. Feinberg-St. Petersburg über ihre Reise durch ßtußland vom 22. Nov. bis 10. Dez. d. I. hat folgenden Wortlaut: „Auf Grund gemeinsamer Anregungen aus Rußland, den Vereinigten Staaten und Deutschland fand am 14. November in London eine Sitzung statt, an welcher teilnahmen die Herren: L o r d R o t h s child, Leopold de Rothschild, Feinberg-St. Petersburg, Leven- Paris, Tr. Paul Nathan- Berlin, Claude G. M o n t e f i o r e, Hermann Landau, Rev. S. Singer und N. S. Joseph. Ms Ergebnis der Beratungen sind folgende Festsetzungen getroffen worden: 1. Es soll eine Kommission ernannt werden, welche die von den Judenhehen betroffenen Orte bereist. Tie Kommission soll bestehen aus den Herren Tr. Nathan-Berlin, Feinberg-Petersburg und Carl Stettauer-London und soll sich zuerst nach Petersburg begeben. Tie Kommission soll dem Zentral« Berichtsbureau in Berlin die nötigen Informationen verschaffen, sie soll aber vor allen Tinge» auch berechtigt sein, in dringenden Fällen Geldsummen zur Verfügung des Herrn Baron von Günzburg bereitzustellen für die Not des Augenblicks und für die Bedürfnisse der Hospitäler. 2. Es soll in Berlin ein besonderes Zentral-Bcrichtsbureau gebildet werden, welchem auch Vertreter der Alliance israelite universelle in Paris angehören sollen. Dieses Bureau soll oie Aufgabe haben, alle Nachrichten aus den betroffenen Städten und von der Kommission, die Rußland bereist, zu sammeln und zu sichten. Von Zeit zu Zeit soll dieses Bureau das Russo Jewish Conimitee in London und die Alliance israelite universelle in Paris von den in den einzelnen geschädigten Städten notwendigen Bedürfnissen in Kenntnis setzen. 3. Alles Geld soll, wie bisher, an Baron Günzburg nach Petersburg übersandt werden, der seinerseits wieder an die einzelnen Städte die Summen überweisen soll, welche notwendig sind, oder in Fällen dringender Not auch an die oben erwähnte Kvnimission. Falls Petersburg von den übrigen Teilen des russischen Reiches abgeschnitten sein sollte, können Geldsummen direkt nach den betroffenen Städten gesandt werden. 4. Um eine unrichtige Verteilung der Gelder zu vermeiden, soll alles Geld durch die Firma N. M. Rothschild Söhne in London gesandt werden, welche über die Beträge einer jeden einzelnen Organisation, die ihr zugehen, gesondert Rechnung führt. Jede Organisation führt über die ihr zur Verfügung stehenden Gelber ein separates Konto und behält bas Recht, lokale Aufwendungen, die für das russische Hilfswerk notwendig werden, zu machen, nicht aber für die Bedürfnisse in Rußland Geld selbständig zu verwenden. Von Zeit zu Zeit sollen von dem Russo Jewish Commitee in London bei den einzelnen Organisationen je nach dem vorhandenen Fonds verhältnismäßig abgcstufte Summen durch die Firma N. M. Rothschild Söhne eingezogen werden, die aber nur für Rußland Verwendung finden dürfen.

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