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Neue jüdische Presse · 1905-12-22 · Heft 49 (22.12.1905) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 49 (22.12.1905)
Date
1905-12-22
Page
– (sequence 1)
Language
German
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3tifrt«ßfnrfvtr KsdaKtisn ««d HsfchäftsDsM: Srsnkfurl a. w.» LeiligkrmzgaAe sr, Ecke Llapperfeldstraße TeL-fo« 10507. -HJW-- Herausgeber: Kalg cheis. 3. Jahrgang. Freitag, de« 24. Kislew 5666 (22. Dezember 1905). Ra. 49 r - "■ - Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— Ii„ — ■■ Jnsertionspreise: ' Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. ————————— fiuiiilinililiitt Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Chanucka. — Brief aus England. — Die Hilfsaktion für unsere russischen Brüder. - Die Woche. — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus der zionistischen Bewegung.— Feuilleton: Ein kleines Drama. — Kunst und Literatur. — Vakanzen. — Aus der Geschäftswelt. — Briefkasten. — Familien- Nachrichten. Chanucka. Von Trl Jacob Nacht (Focsani). Es kann sich bei uns nicht uni ... . Schleichwege handeln .... sondern um eine offene Besprechung unserer Gegenwart und Zukunft. Herzl (Baseler Rede). In Modim große Aufregung. Durch die friedlichen Fluren und Wiesen dieses sonst so stillen Ortes wälzt sich ein schwarzköpfiger Menschenstrom. Man merkts dein Gange dieser Leute an, daß etwas Ungewöhnliches im Anzüge sei. Sie eilen, als gälte es keinen Augenblick zu versäumen. Es könnte sonst etwas Schreckliches geschehen. Auch eine Frauenschar zieht mit, Körbe aus Weidengeflecht aus dem Rücken und drin das Wickelkind. Während die Großen Verzweiflungsrufe ausstoßen, piepsen die Kleinen und säugen an der Milchflasche. Ein Stück wälzendes Leben mit all seinem Jirmmer und erhabenen Gegensätzen. Ter Zug rollt immer weiter. Draußen auf dem freien Felde niacht er halt. Eine Volksversammlung soll abgehalten werden; es soll dem Volke ins Gewissen geredet, all seine Kräfte wach gerufen werden. Es gilt eine rettende Tat zu vollbringen, die von ganz Israel geleistet werden wilß Was ist geschehen? Antiochus ließ in Modim eine Zeusstatue errichten unter Verhängung von Todesstrafe über den, der sich vor dem Bilde nicht verneigt. Er verordnete Ausrottung des jüdischen Glaubens, Vernichtung des jüdischen Volkstums. Und das wollten nicht die Bürger zu Modim. Sie wollten ihren Väterglauben nicht aufgeben, den Glauben, der sie Gerechtigkeit, Liebe und Freiheit lehrt. Nur einer tat's. Ter Ruchlose. Er verneigte sich. Ties geschah, und wie eine Donnerstimme fuhr es durch die Menge. Es war die Stimme Matatias, des greisen Priesters zu Modim. Flammenworte entströmen seinen Lippen: „Wer für Gott, der schließe sich mir an." Und die Edlen scharten sich um ihn. Ein Blick aus seine Getreuen und in ihm reift die Tat. Tod den Verrätern, die sich beugen . . . Rettung dem Jüdentum, das aufrecht stehen will. . . . Und er schwingt seinen starken Arm und fällt den ruchlosen Kriechling zu Boden unter dem stolzen Mahnworte: „Ter soll nicht stehen wollen, der es nicht auf eigenen Füßen kann." . . . An seine Getreuen aber richtete Matatia folgende Aufforderung zum Kampfe für Juden und Judentum: „Wollt ihr leben, so tut eine Tat. Das Leben im allgemeinen heißt Tätigkeit. Tas jüdische Leben nicht minder. Ihr flüchtet euch in die Höhlen, meine Lieben, das steht eurer Sache nicht gut an. Was sollen wir, die Verkünder des Lichtes, in den dunklen Stätten? Ich weiß, meine Braven, ihr wollt euren jüdischen Witten retten. Toch dieser beginnt erst da, wo er sich an die Oefsentlichkeit wagt. Gerechtes Wollen soll man nur offen aussprechen. Frei, ohne Verschönerungstünche, muß ein edles Streben verteidigt werden. Alles Große und Lebensfähige reift unter der Sonne der Oesfentlichkeit. Unser Wollen ist groß und lebensfähig. Wir wollen Juden und Judentum von der Hand des Tyrannen retten. Tas müssen wir frei bor aller Welt tun. Seid ihr Nachkommen des großen Mosis, des Sohnes Amram? Nun, er führte sein Volk mit starker Hand aus Mizraim, am hellen, lichten Tage. . . . Seid ihr würdige Jünger seiner großen Lehre, nun ihr müsset ihr wieder erstreiten, was grausame Tyrannenhand' ihr genommen: Leben und Freiheit. Verlassen wir die Höhlen und Schlupfwinkel.Tas ist kein Nährboden für Juden und Judentum. Hinaus in's Freie. Tun wir eine Tat, daß sie aller Welt bekannt wird. Im Strome des ösfentlichen Lebens wollen w'ir für das Leben kämpfen. Tas Leben gehört dem Lebendigen an." .... Tie Fromnien hörten auf die stolzen Worte Matatias. Sie krochen aus den Schlupswinkeln. Ter greise Held goß jungen Milt in ihre zitternden Herzen. Ein starker Wille überkam sie, der Wille zum Leben. Tie Schlachtparole wird ausgegeben: Kampf gegen äußern und innern Feind. Und wie die Gottessache heilig war, die Sache der Gerechtigkeit, der Liebe nnd der Freiheit gesellte sich den Kämpsenden zu. Und so eilte» sie herbei, die Bürger von Modin, Mann, Frau und Kind. Sie sammelten sich um die Fahne Matatias, um die stolze Fahne jüdischer Freiheit. * * * „Und die Herzen werden schlagen, Tort im Osten will es tagen". Herzl. Ein Jahr später. Tie bescheidene Behausung des Priesters zu Modin ist in tiefes Schweigen gehüllt. Alles atmet Stille, Stille, die von Bangigkeit und ungewissem Erwarten kündet. Traußen rauscht eine Palme. So melancholisch süß ist dieses Rauschen, daß es bald Wehmut, bald neues Hassen wachruft. Ein Bächlein plätschert. Es umsäumt die zitternde Palme. In seine weichen Wellen schüttet eine Sonne ihre Garbenftrahlen. Letzter Gruß. Tenn es dauert nicht lange, dieses Farbenspiel. Ter Tag ist zu Ende. Toch mag er nicht trübe von dannen scheiden, als wollte er dem Kommenden, dem Morgen, neues Hoffen zulächeln. — In seiner stillen Idylle liegt Matatia, der greife Held. 'Sein Auge blickt klar und feurig, doch man merkts: letzte Strahlen, scheidendes Licht. Tiefe, heilige Stille rings um ihn, doch man hörts: das wehmütige Lied vom Untergange, vom Tage, der kommen mutz. ' Matatia liegt in seinen letzten Zügen. Ta rosst er sich mit einem Male wieder auf. Gestärkt sitzt er auf seinem Krankenlager, wie einst Vater Jacob. Durch seinen schlaffen Körper gehts nochmals wie das Brausen eines jungen Frühlings. Aus seinen Augen 'prühen neue Zukunstsfunken. Sein Sohn steht »eben ihm: Juda. Er kennt ihn, diesen Tapfer». Er weiß, daß er ihm das Los seines hart bedrängten Volkes anvertrauen kann. Und er wendet sich an seinen Juda und erzählt ihm nochmals von den Großen in Israel, von den großen Inden. Er erzählt ihm von dem liebevollen Herzen Abrahams, vom Freiheitsdrange Mosis, vom jugendlich kühnen Mute Davids, vom stolzen, unerschütterlichen Selbstbewußtsein Taniels. Er zeigt ihm die. Helden und Tulder Israels. Denn beides waren lie, diese Großen. Ihr Haupt war von dieser Toppelkrone geschmückt. Stellten sie ja ihr ganzes Können in den Dienst der (Gesamtheit. Und wer vermöchte dies, ohne jene Doppelnatur zu besitzen? Wer könnte ein jüdischer Helfer sein, wen» er nicht über die Kraft starken Tuldens verfügte? Wer ein Befreier seines Volkes, wenn ihm nicht zugleich eine Heldennatur innewohnte? Beides ist für das Leben nötig, für das Leben der Volksgroßen. Dieses soll Juda wissen. Er soll der Große seines Voltes werden, der kommende Morgen. Matatia führt ihm daher das ruhmvolle Gestern vor. Der greise Held kennt seinen Juda. Er weiß, daß er ihni sein Volk anvertrauen kann. Doch fleht er zu Gott: „Herr, sende Deinem Volke bald einen Retter." Juda kennt seine Krast. Er hat Selbstgefühl. „Selbstgefühl, wie zierst du selbst im Uebermaß ein Volk," ist sein schönes Wort. Aber das Volk, das Volk, wo ist es? Und er fleht: „Herr, sende Deinem Retter bald ein Volk." Matatia hört die stolzen Worte. Sein Herz bebt vor Freude. Er sieht in Inda den würdigen Nachfolger, den tapfer» Führer. Und er sucht den leisen Zweifel, der in Judas großer Seele ansgestiegen war, zu zerstreuen, den Zweifel an seinem Volke. Tas Volk,. sagt er ihm, mußt Du dir erziehen. Es ist da, doch bedarf es des Weckers, der mit mildem Hauche es wachzuküssen versteht. Das Volk ist das große Kind, das nur durch Liebe und Herz gewonnen wird. Laß den Zweifel an Deinem Volke, den ein harter Gedanke in Dir nährt. Sohn Matatias! suche das Volk mit Teinem Herzen und Du wirst es finden. „Werde nie so reich an Geist, daß arm Tu würdest am Herzen." .... Die letzten Worte waren gesprochen, und das große Herz Matatias tat den letzten Schlag. Ein neues Herz begann zu schlagen, das Herz Judas. . . . „Ter Herr sandte dem Volke einen Retter," deni Retter ein Volk.Israel ward frei. Brief aus England. Durch die Annahme der A l i e n b i l l, die in beiden Parlamenten mit großer Majorität durchgegangen ist und mit Januar in Kraft tritt, sind dem stolzen Jnselreiche England nur noch wenige Tage geblieben, die stolze Fahne Jahrhunderte währender Freiheitstraditionen noch zu tragen, lleberdriissig, vereinsamt auf der hohen Warte des freien Asylrechts zu stehen, wirst England die stolze Freiheitsfahne, zu deren Stange es so lange treu gehalten.

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