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Neue jüdische Presse · 1905-12-29 · Heft 50 (29.12.1905) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 50 (29.12.1905)
Date
1905-12-29
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 50. annahmen und 30 Sympathieschreiben sandten, be° quemte sich von den eingeladencn 12 jüdischen Unterhausmitgliedern nur einer zu einer Antwort. Frankreich. Parts, 21. Dezember. Die Alliance Jsraelite Universelle überwies dem Russo-Jewish Committee Ln London fünfhundcrttausend -Mark für die Hilfskomitees in Rußland. Amerika. Rew-Aor!. Das Hebrew Technical Institute erhielt von Frau Joseph B. Bloomingdale ans dem Nachlaß ihres Gatten, der das Institut während vieler Jahre als Direktor und Präsident leitete, eine Gabe von SO 000 Dollar als Grundlage für einen zu bildenden Baufonds. , Aus -er zionistische« Bewegung. München. Die Jsarstadt ist in vielen Beweg- * uitgcn verschrieen. Die Sozialdemokraten haben sie mit dem Beinamen „Capua" gcriert. Wer die Geschichte des Zionismus kennt, der weiß auch, daß die Münchener jüdischen Gemeindebürger sich redliche Mühe gaben, in den Annalen der jüdischen Geschichte durch spezielle Intoleranz zu erglänzen.*) Unsere Gemeinde steht in ihrer Majorität auf dem konsequentesten Assimllationsstandpunkte. Drum wehe den Zionisten, die wieder Judentum in die hiesige Judenheit bringen wollen. Zuerst dachte man, diese Bewegung würde unter den deutsch-nattonalcn Münchener Juden keine Anhänger finden. Nachdem aber der Zionismus, der sich einige feste Kreise total erobert hat, auf allen Gebieten forsch vorgeht, fängt man die Unterwühlungsarbeit an. Wütend blickte man auf das Erstarken der zionistischen Ortsgruppe, auf das Entstehen einer eigenen, tüchtigen Studenten-Verbindung (Jordania), auf das Werden einer stattlichen jüdisch-nationalen Frauengruppc (unter Frau Dr. med. Rahel Straus). Alljährlich versammelt der Verein für Abwehr des Antisemitismus die Münchner Judenschaft gelegentlich eines Vortrages. Hier an dieser «tätte glaubte man der Tendenz dieses Vereines am Besten nachzukommen, wenn man den Zionismus in langen Ausführungen verdächtigte. Den einzigen 'Vertreter der zionistischen Ortsgruppe, der sich in der Diskussion zu Worte meldete, ließ man mit einem höchst wenig ehrenvollen Manöver trotz der versprochenen Redefreiheit nicht zum Reden kommen. Nach der Versammlung gab der Vorstand der Münchener jüdischen Gemeinde, Justizrat Tr. Ofner, Aller Herr eines akademischen Vereines, der heute bekanntermaßen absolut keine Juden mehr aufnimmt, die Parole aus, Kampf dem Zionismus in jeder Form, Sprengung aller zionistischen Versammlungen und so wellcr. Eines Tages weilte nun unter den verruchten Zionisten anläßlich eines sehr gut besuchten Vortrages auch eine junge Dame, die dem Kindergarten hilft. So etwas mußte gerächt werden. Kurz und gut, ein Herr Dr. F. Fenchtwanger entschloß sich, für die anderen die Mission auszuführcn und das Fräulein die rechten Wege zu weisen. Seine Vorstellungen und Vorhaltungen gipfelten darin, daß Zugehörige des Kindergartens durch einen Besuch der zionistischen Ortsgruppe dem erwähnten Institut schweren Schaden zuflößten. Ter Kindergarten verdantt pekuniäre Unterstützung mehreren Münchener Bürgern, die sich vielleicht ärgern, wenn sie höre», daß Zionisten auch schon im 'Kindergarten herumsputten. Das letzte war der Gedankengang, der den Worten des Herrn Tr. F. zu Grunde gelegt war, und der auch in diesem Falle seine Wirkung tat. — Diese junge Seele war dem Zionismus entrissen. Wie sieht nun aber der Vertreter der Münchener Bürger aus, dessen Gemüt durch die zionisttsche Gesinnung einer am Kindergarten verpflichteten Dame so sehr aus dein Gleichgewicht gebracht werden konnte? Wer ist der Herr, auf den die Münchener Juden so viele Rücksichten nehmen. Tarüber siehe Kapllel 2. „Tas bayerische Vaterland", begründet von Dr. Sigl, ist durch und durch antisemllisch, das dürfte jeder jüdische Sekundaner in einer Provinzstadt Ostpreußens wissen. Es gibt wohl keinen Äser des Vaterlandes, der sich über die Tendenz der Leitartikel von gestern und heute wunderte. Wer z. B. die Nr. 287 vom 17. Tcz. 1905 las, fand auf Seite 1 eine Abhandlung über „Tas Judentum und sein wirtschaftlicher Einfluß". Darin finden sich Stellen, wie „das Judentum nach seinen üblen und häßlichen Seiten der Naturanlage des Charallcrs, Temperaments, der Neigung usw. . . ." Ferner finden wir in dem Mustcrblatte die Rede Liebermanns, worin r° z. B. wörtlich heißt: „die Juden haben in Rußland seit langem schwere Blutschuld auf sich gehaust", dann eine Geschichte von der „noblichsten Judenschicks" usw. *) Ter erste Kongreß sollte in München stattsinden; es gelang aber der Münchener Gemeinde, es zu Hintertreiben. Als wir das lasen, bedauerten wir die Gemeinheit unserer Gegner, aber zu Tode erschracken wir, als wir beim Umblättern ein mächtiges, das ganze Blatt bedeckendes JUserat fanden, auf der Rückseite dieses Schmähartikels über den jüdischen Kaufmann eine Hunderter-Annonce von S. Guttmann u, Co. Wer ist jener Herr S. Guttmann? Herr Guttmann ist nicht nur vielfacher Millionär, der auf die Wirkung vermittels eines Inserates im Vaterlande, eines Hetzblattes schlimmster Sorte, verzichten könnte, er ist auch Jude, vor allem: er ist eine Stütze der hiesigen jüdischen-Gesellschaft und der Gemeinde, er ist der Hauptmann des jüdischen Kindergartens. Herr S. Guttmann ist, wenn wir uns nicht sehr irre», auch Mitglied des Vereins für Abwehr des Antisemitismus, wie er ja auch Mitglied der Loge ist. Herr Guttmann wird vielleicht auch die Worte des Pfarrers in jener eingangs erwähnten Versammlung gehört haben, von Juden, die ihr eigenes Nest beschmutzen. Wir würden wirklich der Tat dieser „Stütze der Münchener Khille" zuviel Ehre antun, wenn wir uns noch Weller mit ihr beschäftigten. — Unser großer Herzl hat darüber schon genügend geschrieben. Er nannte diese Geschichte „Mauschel". . . . Bäumerle. Köln«. Rh. In der Generalversammlung der hiesigen zion. Vereinigung wurde konstatiert, daß die Mitgliederzahl stetig im Wachsen begriffen ist und die Versammlungen imnier besser besucht werden. — Tie Neuwahl des Vorstandes ergab folgendes Resultat: Rechtsanwalt Dr. Bodenheimer, Leonhard Bier-Weill, Salomon Linz, MaxGvldreich, Adolf Hoffman», Julius Berger und Wilhelm Dannenberg. © Ein kleines Drama. || Erzählung von Ben-Ami. Autorisierte Uebersetzung aus dem Russischen von L. Caro. (Fortsetzung). „Leibele treibt schon da seine Spässe" — spricht die jüngere Schwester Chaja, — die, welche vorher ein Brett schabte und augenblicklich das Bett abwäscht: unser einziges breites, rotgefärbtes Bett, das jetzt in seinen Stücken auseinandergenommen ist. „Wo steckt er dort, zum Teufel" — fährt sie fort — „möchte er doch lieber hier irgendwie behilflich sein, als dort die Kleider aus sich zu zerfetzen." Und sie beginnt nun laut: „Mama, Mama! Leibele ist schon wieder — möchte er doch, in die Erde versinken — auf den Dachboden hinaufgellettert!" Wer die Atutter, die sonst in solchen Fällen sofort herbeieilte und mir drohend befahl, herunterzusteigen — achtet jetzt garnicht auf die Denunziation meiner Schwester: augenscheinlich ist sie gegenwärtig mit wichtigeren Sachen beschäftigt. Ich werde meiner Lage eines Unsichtbaren gewahr und werfe meiner Schwester einige Spitznamen zu, die sie in Wut versetzen. In ihrer Nähe hätte ich wohl kaum .eine solche Tapferkeit gewagt, denn Chaja verstand es ausgezeichnet, mit ihrer kleinen Hand jedwede Beleidigung zu vergelten. Sie ist unter uns die schönste, aber auch am meisten von uns launenhaft, neidisch und böse. Während doch alle im Hause mll der nie aufhörenden Not sich befreunden konnten, war sie 'die einzige, die stets murrte und ihren scharfen Protest gegen solch ein — wie sie es nannte: „verfluchtes 'Leben" — auszusprechen nicht scheute. Nach dem Zank mll meiner Schwester werde ich, der seiner Natur nach gar nicht böse ist, ruhig und beginne nun, nachdem ich Mich bequemer hingesetzt habe, alles ringsum zu betrachten. Mir schräg gegenüber erstreckt sich in einem Halbkreis ein großer Whang, der an mehreren Orten von breiten geschlängelten, von der Ferne schwärzlich scheinenden Gräben durchschnitten iffv auf deren Boden noch schwarzgewordener Schnee liegt. Der ganze 206» Hang ist mll mal grünender, mal frisch aufgepflügten Ackerfeldern bedeckt, die sich in brellen parallelen Streifen erstrecken. In der Mitte des Abhanges, am äußersten Rande eines breiten Grabens, der in der Tiefe mll einem kleinen Gesträuch bewachsen ist, steht wie ein gigantischer Vogel mit ausgebreiteten Flügeln eine alte schwarzgewordenc Mühle, wohin ich oft, um Mehl zu holen, an den Donnerstagen mit der Mutter oder ältesten Schwester hinzugehen Pflegte. Hier nebenan steht fast ganz in der Erde eine sehr kleine Hütte, die ein einziges Fensterchen mit einer Scheibe hat, wo Trophim, der alte Müller ohne Zähne mll seiner „Baba" (russisches Bauernweib) Georgina wohnte. Beide sind sie sehr mager und haben ein erdfarbiges Gesicht, das von vielen Falten durchfurcht ist. Sie jagen mir imnier eine Furcht durch ihr nie aufhörendes zahnloses Brummen ein, mit welchem sie einem jeden ihrer Besucher begegneten. Und nichtsdestoweniger ist es mein höchstes Vergnügen, an diesen Ort hinzugehen, über dem etwas Wunderliches, Geheimnisvolles, Märchenhaftes schwebt. Rechts des Grabens und der Mühle schlängelt sich ein breiter Postweg, auf welchem jetzt eine lange Reihe von Fuhren sich bergan hinzieht. Dort aus dem höchsten Punkt des Whangs steht einsam ein Werstpfahl, der mich ganz besonders anlockt: ich glaube zu sehen, daß von dort ab eine neue unbekannte Welt anfange. Schon einige Mal gab ich mir selbst das Versprechen, unbedingt bis an diese mich so sehr anzieheirde Grenze der neuen Welt heranzuwagen, doch gelang es mir bisher noch nicht, dieses Versprechen zu erfüllen. Ich allein kann mich nicht dazu entschließen, und unter meinen Kollegen finde ich keine „Gesinnungsgenossen". Jetzt nehme ich mir wieder vor, am „Chol Hameid" (Halbfeierltage) unbedingt bis zu jener Stelle hinaufzusteigen. Dort, noch mehr rechts: — ein langes, weißes, alleinstehendes Gebäude mit einem grünen Dach, einer Menge weißer Röhren, das von einem großen Garten umgeben ist. Es ist das schönste Gebäude, das ich je gesehen habe. Hier wohnt irgend eine Militärperson außer Dienst, etwa ein Hauptmann einer aufgehobenen Kosakenarmee. Wenn er in der Stadt in seiner halbverdeckten Kalesche erscheint, schmll man auf 'ihn mit einer ehrerbiettgen und andächtigen Neu- -gierde unb alle, ja selbst die Behörden der Stadt, bezeugen ihm demüttge Verbeugungen, die er unbeachtet läßt. Hinter diesem Gebäude ist in einer kleinen Vcrtiefmig ein stehendes Wasser versteckt, das von Pappeln und Weiden umringt ist. Dorthin gingen wir oft im Sommer baden und hielten uns womöglich weit entfernt von dem furchtatmcnden Gebäude, wo schreckliche Hunde ihr Wesen treiben, deren tolles Gebell oft bis zu unserem Hause gelangte. IN der Nähe sind bis zum Fuße des Whangs auf einer recht großen Strecke meist sehr zerzupfte und abgeschälte Häuschen in Unordnung zersttcut. Derjenige Teil der Stadt, der in besserer Ordnung errichtet ist, vier fast gerade Straßen darstellt und einen breiten Marktplatz einschließt — befindet sich auf der anderen Seite und ist mir von meinem Belveder aus nicht sichtbar. Von all den Häuschen, die ich in all ihren Einzelheiten sehe: — entblößte Dächer, halbzerstörte Röhren, aufgeschwollene und abgeschälte Wände; schwarzgewordene Fensterrahmen; grüngewordene, aus verschiedenen Bruchstücken zusammengesetzte Scheiben; niedrige, um die Häuschen angelegte Erdausschüttungen, Gruben, kleine Schuppen und noch manches Andere — von all diesen Häuschen' lockt mich am stärksten eine kleine Erdschutte an, die, gleichsam ohnmächtig, an das hintere Wändchen eines etwas größeren Hauses sich hinlegte, welches selbst einer Stütze sehr bedurfte. In dieser Erdschutte aber wohnt der Schuster Reb Schmuöl — und dieser R. Schmuöl beschäftigt all meine Gedanken und erfüllt all meine Gefühle; schon seit zehn Tagen so. Beim Lernen, beim Beten, beim Lesen, beim - Essen, im Traun: und im wachen Zustand — immer sehe ich vor mir den R. > Schmuöl, überall steht vor meinen Augen R. Schmuöl, R. Schmuöl und wiederum R. Schmuöl, der alle Interessen meines Lebens in den Schatten stellte. Freilich, — R. Schmuöl ist der prachtvollste Mensch; aber er war doch auch vorher der prachtvollste Mensch und indessen habe ich vorher an ihn gar nicht gedacht. Jetzt aber ist es eine andere Sache. Jetzt fertigt R. Schmuöl ein Paar Stiefel für mich an! Ja, neue Stiefel, ganz neue Sttefel, neu vom Stiefelschaft bis zu der Sohle, mit „hölzernen Stiften" und roten Stulpen — kurzum, ganz neue Sttefel, so wie nur neue Sttefel es sein können. Und nach einer Stunde muß er sie mir bringen! — Bei diesem Gedanken will mir vor Glück säst das Herz aus' der Brust herausspringen. Ist es doch ja das erste Paar Stiefel in meinem Leben, und wenn Ihr wollt — meine erste vollständige Novation überhaupt. Denn hat man mich auch manchmal mit Etwas von Bekleidung beschenkt, so war es Mtes, ein Kleidungsstück des Vaters, das für mich umgenäht wurde. Was nun Sttefel anbetrifft, da hat man mll bestenfalls irgendwelche baumwollene Pantoffel gekauft, die 5—6 Wochen hielten. Tie übrige Zeit ging ich barfuß. Ja, ich habe noch nie in meinem Leben Stiefel gehabt — und ich werde doch am siebzehnten Jjr (der zweite — nach Msson — jüdischer Monat) schon 13 Jahre alt sein. Und wahrscheinlich nur dank diesem Umstande, d. h. dem Herannahen des Bar- Mizwohtages hat sich mein Vater zu dem bedeutenden Schritte entschließen können: — solche gewaltige, unglaubliche Auslagen zu machen.

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