Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 50 (29.12.1905)
- Date
- 1905-12-29
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 50. Frankfurter Israelitischer Familienblatt. Seite 5. Dine Kleinigkeit?! — zwei und einhalb Rubel! Einen ganzen Monat lang konnte sich dazu der Vater nicht entschließen und gar oft entspannen sich zwischen ihm und der Mutter lange Unterredungen über diese Angelegenheit, besonders dann, wann alle bereits sich schlafen gelegt hatten. Mit Herzensbeklcmmung habe ich diese«, leisen, nächtlichen Gespräche gelauscht, indem ich nun mein ganzes Gehör und meine ganze Aufmerksamkeit anstrengte. Hier, zum Beispiel, das erste Gespräch: „Schläfst Dü, Rachel?" „Wie in aller Welt, könnte ich schlafen, ach, mein großes Elend!! Als ob mir nur einzig und allein das Schlafen gefehlt hätte!" Ein tiefer, langsamer Seufzer seitens der Mutter und ein herber, trockener Husten seitens des Vaters. Einige Augenblicke herrscht Schweigen. Im Ofenrohre heult der Wind so wehmütig und bange. „Hast Dü schon das ganze Geld ausgegeben?" — erneuert der Vater das Gespräch. „Mit Dir, Beinisch, ist es wahrhastig zum Platzen. Wieviel hast Dü mir eigentlich gegeben! 43 Kopeken. Und wann hast Du sie mir gegeben? Montag. Nun berechne mal. 7 Kopeken war ich der Melamedin (des Melameds Frau) schuldig, für 11 Kopeken habe ich dreißig Bündel Stroh gekauft. Hast Du also 18. Dann auf dem Markt 3 Kopeken für türkische Bohnen, IVs für rote Rüben, 21/« für Hirsen, 1 Kop. für Rettich, 2 für Zwiebel. Wieviel macht'» zusammen?" „28" — sagte ihr der Vater rasch vor. Die Mutter ist im Begriff noch weiter aufzurechnen, aber der Vater hält sie davon zurück. „Ich weiß, ich weiß wohl, daß Du es nicht auf Leckerbissen vergeudet hast. Wollen wir lieber von etwas anderem sprechen. Es nahen ja die Feiertage heran — es ist schon die höchste Zeit, daran zu denken." „Oh, ich denke fortwährend daran. In der siebenten Rippe liegt er mir schon, dieser Feiertag; ich tue kein Auge zu. Woher ist nun all dies über mich gekommen, ach — meine finsteren Jahre, meine schwarzen Jahre." „Nu, — Gott wird schon helfen, wie Er ja bisher geholfen hat. . ." Wiederum ein tiefer, langsamer Seufzer seitens der Mutter und ein herber, trockener Husten seitens des Vaters. Immer banger wird das Heulen des Windes, der durch alle Spalten hineindringt. (Fortsetzung folgt.) Zwei Chanuckalieder. (Schluß.) Schnö Sösim. Den grundlegenden Gedanken dieser poetischen Glanzleistung des weltberühmten Sängers erblickt man in der Haftarah des l. Chanukasabbates. Der Dichter vergegenwärtigt sich de« Ausbau des zweiten Heiligtumes. Alle äußeren Hindernisse sind beseitigt und frohen Mutes könnte mit der Weihe des Altares das Werk seine Krönung finden. Des Volkes sowohl als auch seiner Führer, des Hohepriesters Jehauschuah und Serubabels, des Fürsten aus Davids Stamme, bemächtigt sich ein Bangigkeitsgefühl, und Gott muß sich dem Propheten Secharjohuh nahen, um die beiden Volksleiter zu tatkräftigem Handeln aufzumuntern. - - Es erscheint dem Propheten der fiebenarmrge Tempelleuchter und diesem sind - 2 Oelbäume — Schnö Sösim — zur Seite gegeben, aus welchen fruchttragenden Stämmen das Oel sich durch Verbindungsröhren ungehindert in des Leuchters Oelreservoir ergießt. Dieses Bild der ausgesprochenen Vollendung und Einheit, sollte Serubabel anspornen, in Gottes Geiste die Vollendung seiner heiligen Aufgabe zu fördern. Unabhängig von äußerer Kraft würde das in diesem Sinne Geschaffene zur Vollendung reifen können, der Berg würde zur Ebene werden, jede Schwierigkeit mühelos gehoben, jeder äußere Einfluß leicht beseitigt werden können. In diesem Sinne ist der immer wiederkehrende Refrain unseres Gedichtes: „Hein bamachane el mul penel hamnauroh joiruh", „Sie (die Lampen des Tempelleuchters) werden im Lager, der Tempelleuchte zugewendet, erstrahlen," zu verstehen. Israel wird würdig fei», den hervorragenden Platz unter den Völkern einzunehmen, denn es wird das Prinzip, in welchem es sein Streben nach Vollendung zu bekunden hat, richtig erfaßt haben. Nun zuin Inhalte des Pajet übergehend, sei dieser Gedanke weiterverfolgt. „Des Oelbaumes Paar — das entwurzelt einst war, Geschützet im Garten, wird prangen. Das Haupt der Kahitcn, — der Ephraiten, Zwei Kronen dann schmückend umfangen, lieber der Lampe in Reine, — in lauterem Scheine, Erstrahlend, erleuchtend sie hangen Und über den Zelten, — den friedlich erhellte». Zu lieblichem Glanz sie gelangen." Zwei Oelbanme hatte Gott den Propheten in Verbindung mit der heiligen Lampe erscheinen lassen, aber der Gottesuiann weiß deren Bedeutung nicht zu erkennen und erst auf seine wiederholte Frage nach der jErklärung des Bildes nnrd ihm diei Antwort: „Es sind die beiden Söhne der Oel - f r u ch t." Was hierunter zu verstehen sei, erklären die Weise», indem sie auf das Salböl Hinweisen, das sowohl bei der Wahl des Hohepriesters wie auch des Königs angewendet wurde. An der Hand dieser Erklärung läßt sich unschwer die Eiuzelgestaltung des prophetischen Bildes „Der Leuchter von den beiden Oelbäumen begrenzt und gespeist" erkennen. Der siebenarmige Lichtträger versinnbildlicht das Volk Israel, das bestimmt ist, der Welt die Gottesidce, das reine göttliche Licht zu überbriugen, und die beiden Stämme, Priestertum und Königtum, sind die Erhalter der im Gesetze niedergelegten Pflichte» des Daseins und der treibenden, wirkenden Lcbensbetätigung. Darum meint unser Dichter zuversichtlich: Ob die Stützen unseres Volkstums uns auch heute fehlen, einst lvird der „d u f t e n d e Garte n", das heilige Land, zwei starke und prächtige Bäume wieder zeitigen und in friedlicher Sicherheit wird sich das Volk ihres Wachstums erfreue». Diesem Gedanken folgend, führt nun der Dichter aus, wie die beiden Kronen der Priester- und Köuigswürde das Haupt der Kehosim, der Bne'l Kehos, d. h. der Söhne aus dem Hause David (so genannt, weil David aus Bels Sechem stammte, welches in der heiligen Schrift, so im Buche Ruth (Ephrasim miböis lechem Jehudoh)', genannt wird), einstmals Ivieder schmücken werden. Wieder wird die Volksgesamtheit ihrer als Führer bedürfen und sie werde» verständnisvoll, im gottgewollten Geiste dieses Anit verwalten. „Dann Ephras Sohne — dcß' Blütenkrone, Verdorret, verwelket im Staube, lind auch der im Leide — int Priesterklcide, Ein Schifflein dem Sturme zum Raube, Erschaue erfüllt — prophetisches Bild, Verheißen im heiligen Worte, Wie durch Fürstenhand — Befreiung erstand Erlösung aus Babylons Orte. Der Enkel gedenke — und Heil ihnen schenke. Zersprenge des Sklaventums Pforte! Die Heimaterde — die allverehrte. Als Erbgut gieb ihnen wieder; In Herrschergestalt, — geschützt vor Gewalt, Erstarke des Landes Gebieter! Dann heilig und rein — in loderndem Schein Sie leuchten hinauf und hernieder." Die Köuigswürde ist dahingesunkeu, der hinwelkenden Blüte vergleichbar. Ei» Bild, wie es Jeschajohu vorgezeichnet, und die Priester, von welchen auch er sagt, daß sie dem Volke Leitstern und Vorbild sein sollten, klammern sich an die schwachen Bretter der Hoffnung an, wie die Mannschaft des führerlosen von den Stürnien nmhergeworfenen Kahnes nach dessen Planken greift, um das nackte Äben zu retten. Daß doch ihre Hoffnung zur Tat würde, daß der Blume wieder neuer Säst und dem schwankenden Schisslein wieder ein Stück Land geboten würde, damit wieder ans der heißgeliebten Vatererde von einem zweiten Serubabel begründet, ein starkgefügtes Reich sich erhebe, daß endlich alle Sklavenketteu gesprengt würden und ein Jahr der Befreiung allen Gliedern des Bolkskörpers anbräche! Vollkommenheit würde Israel dann erlangt haben, glanzvoll würde der Tempelleuchte Abglanz sein Antlitz erhellen. Mer hiermit nicht genug: „Die Leidnmhüllte und Gramerfüllte Nach-Zion wiederkehre. Mit erhabenem Sinn, — als Priesterin, Beladen mit Schätzen der Ehre, Gebietende Macht, — und Herrscherpracht Dem Davidssprößlinge. gewähre, Und dem Priester verleihe — des Hauptes Weihe Und Priestergewänder ihn schmücken. Wenn die Sonne sich hebt, — wenn nieder sie schwebt. Lasse Opferbrand ihn erblicken; Das Oel dem Erwählten — lasse fürder es nicht fehle». Erschauend erneutes Entzücken Gieb leuchtende Kraft — dem blühenden Schaft, Denn freudig die Lampen sie zünden Zilm Leuchter gewendet, — voin Glanze geblendet Werden frohe Erkenntnis sie finden." Nunmehr geht Gabriel von der Schilderung der staatlichen Festigung auf die vom Volke zu erwartende Befreiung und deren Folgeerscheinungen über. Freudig wird es dem Schofartone, der es zur Heimkehr ruft, folgen, die heilige Stadt wird es wieder mit seiner vollendeten Anmut schmücken, die ihm mich in der Fremde nicht entschwunden ist, die nun, da es die überwältigende Zauberkraft des väterliche» Hauses in der Fremde erst richtig schätzen gelernt hat, umsomehr hervortritt. Willig wird es sich den Staatsgesetzen und den Priesterlehren unterwerfen, es wird es an keinem Opfer fehlen lassen, alle an das Heiligtuin geknüpfte Handlungen werden ihm in ganz neuem Licht erscheinen und nieinals wird diesen die rechte Weihe mangeln. Und noch einen Schritt weiter schreitet der Pajtan der Erlösung entgegen: „Den einstmals Geliebten, — im Leide Betrübten Erhöre des Herzens Erflehen! Den Mut ihnen hebe — sie hoffend belebe, Den Erlöser lasse erstehen! — Den duftenden Garte» sie sorgsam dann lvarteu Und hüten als ewiges Leben. Nach Zion sie eilen, in Freuden zu weilen. Auf heiligen Berges Höhen. In Jubelklängen — in Freudengesängen Bei Harfe, Flöt' und Schalmeien, Nur Dir allein, — sie Lieder weih'». Nur Deines Namens sich freuen. Man wird sie erkennen, — gesegnet sie nenne». Nun Entsagung auf immer entschwunden Mit des Leuchters Bild, — so klar und mild. Ist ihr Glanz auf ewig verbunden." ' Genugsam glaubt er dargetan zu haben,>wie sehr es Israel zur alten Heimat zieht und so bittet er denn den, zu dem in der Bedrängnis des Herzens jede seiner Regungen sich wendet, doch endlich de» Erlöser aus Davids Hause nahen zu lassen, damit sich der Boden des Landes wieder befruchte, und Zion wieder in alter Herrlichkeit erstehe. Alles Fremde wird Israel dann abgestreist haben, seine Lieder werden allein die Allmacht des Schöpfers verherrlichen! Sichtbar wird der Mglanz dieser liebenden Hingebung auf allen Mienen lagern, unverkennbar der Segen auf der Gesamtheit ruhen und in vollkommener Schöne wird jeder Strahl göttlichen Lichtes ein würdiges Glied der Israel-Gemeinschaft umspielen! Menachem. Kunst und Literatur. Grab st eine aus Alt-Wien. Im Laufe der letzte» Jahre sind bei Gelegenheit von Neubauten in der Innern Stadt neben Resten aus der Römerzeit auch eine Anzahl von hebräischen Grabinschriften zu Tage gefördert worden, so in der Spiegelgasse, in der Rotenturmstraße, in der Wipplingerstrage, Ecke Schaufler- und Herrengasse. Dazu kamen im Juli 1904 die Ausdeckungen von 22 zum Teile stattlichen Grabsteinen, die bei den Restanrierungsarbeiten an der Hofburgkapelle zum Vorschein gekommen sind. Außerdem besitzt die Stadt Wien einen alten jüdischen Friedhof in der Seegasse im lX. Bezirk, der an 1000 Grabsteine ausweist, die vom Jahre 1540 bis 1784, in welchem Jahre er auf Befehl Kaiser Josefs ll. aufgelassen wurde, reichen. Die vorerwähnten neu gefundenen Grabsteine wurden der Gesellschaft für Erforschung und Erhaltung der Kunst- und historischen Denkmäler des Judentums von den zuständigen Stellen überlassen, und es muß namentlich das freundliche Entgegenkommen des Obersthofmeisteramtes betont werden, daß es einen sür die Geschichte der Juden in Wien nicht nur, sondern auch für jene außerhalb Wiens so bedeutsamen Fund der gedachten Gesellschaft überlassen hat. Die so interessanten Denkmäler sind zum Teile im Museum der Gesellschaft (II., Praterstraße 22), zum Teile im israelitischen Versorgungshause zur Ausstellung gebracht worden. — Aus Einladung der Gesellschaft hielt vor einigen Tagen der 'Kustos der