Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 50 (29.12.1905)
- Date
- 1905-12-29
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2692297-2692409-2692459--02118-3518686- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2. Nr. 50. es keineswegs zu tun mit einer schlechterdings unbegrenzten' Tauer. Wäre dies der Falk, so hätte die Tätigkeit der Welt schon längst aufgchört." „Sogar Ed. v. Hartman»," schreibt Prof. Bettex, „gibt soviel zu: Es würde sich wenig mit der Theorie der Evolution vertragen, den Naturprozessen eine endlose Tauer in der Vergangenheit zuzuschrciben, weil in diesem Falle jede erdenkliche Evolution schon stattgefunden haben müßte, was sicherlich nicht der Fall ist". ■ Tos Weltall ist daher nicht ewig. Es gab eine Zeit, wo Himmel .und Erde nicht existierten. Tie neuere Wissenschaft hat so die Bibel ganz gerechtfertigt. Wie sollen wir cs nun erklären, das; die Bibel im Recht, die Wissenschaft aber im Unrecht war, und daß das erste Wort der Bibel über diese Sache das letzte Wort der Wissenschaft ist? II. Tas erste Kapitel der Genesis hat immer gelehrt, daß die Materie geschaffen ist. Tie Schrift unterscheidet deutlich zwischen der ursprünglichen Schöpfung des Stoffes, aus dem das sichtbare Weltall besteht und seiner nachherigen Bildung in Erde, Sonne, Mond und Sterne, wie wir sie jetzt scheu. Vers 1 und 2 berichten das große Anfangswerk — die Schöpfung der Materie; während Vers 3—31 die sechs auseinanderfolgenden Werke beschreibenwodurch die so geschaffene Materie das Weltall wurde, wie es jetzt existiert. Tiefe Unterscheidung offenbart eine Klarheit der Einsicht und eine meisterhafte Anordnung, welche uns sofort davon 'in Kenntnis setzt, daß wir hier keine irrende Legende oder verwirrte Ucbcrlieferung vor uns haben. Tie Erzählung ist unabweisbar das, was sie zu sein behauptet — eine Schöpfungsgeschichte; und zwar eine solche, welche die Autorschaft eines mehr als bloßen historischen Genius enthüklt. . (Schluß folgt.) Die Woche. Aus der Mlgemeinen Zeitung des Judentums haben wir zur Ergänzung unseres ausführlichen Berichtes über den Schulgesetzentwurf in unserer vorigen Nummer eine Ausführung über das Vermögen der jüdischen Schulsozictäten übernommen. Es könnte beim Studium des Gesetzes die Lage nach dieser Richtung hin nicht so bedrohlich erscheinen, wie in jenem Artikel angenommen worden ist. Wohl bestimmt der Entwurf, daß über das Vermögen der aufzulösenden Schulsozietäten seitens der Schulaufsichtsbehörde verfügt werde» 'soll; diese Verfügung kann aber nur nach den Vorschriften des Gesetzes erfolgen (Absch. III. §§ 11—17). Danach geht allerdings das Vermögen an dem bürgerlichen. Schulverband also in der Regel an die politische Gemeinde über. Doch wird es sich bei dieser Vorschrift hauptsächlich um Schulgebäude handeln. Mit diesen geht Hann auch die Unterhaltungspflicht an die Kommune über. So weit die Vermögensstückc zugleich kirchlichen Zwecken' dienen, wird an den Rechten der Kirchen- (auch der Shnagogen)-Gemeinden in bezug auf Eigentum und Verwaltung nichts geändert. Der vorhandene Kapitalfonds wird wohl meist aus Stiftungen bestehen, denn es ist nicht anzunehmen, daß die Schiilsozictätcn je in der Lage waren, aus ihrem Stcucrerträgnis Rücklagen zu machen. Stiftungen aber, die zu Schulztvecken bcstinmrt sind, bleibeil ihrem Zwecke unverändert erhalten. Die Schulverbände haben lediglich das Recht, die Verwaltung zu kontrollieren. Ueber die zukünftige Verwendung des Schulvermögens bestimmt der Gesetz-Entwurf, daß die bisherige Zweckbestimmung des Schulder,nögens nicht geändert werden darf; vielmehr ist das Bcrnrögcn für die einzelne Schule zu verwenden, für die es bisher bestimmt war. Die-Begründung bemerkt hierzu: Dies ist besonders von Bedeutung, wo mehrere konfessionell verschiedene Sozietäten aufgelöst werden und ihr Vermögen an die bürgerliche Gemeinde übergeht. Aber dieser Bestimmung ist noch ein kleiner Nachsatz angefügt, über dessen Tragweite die Motive, wie so oft bei diesem Gesetze, schweigen. „Nur mit Genehmigung der Schulaufsichtsbehörde und - nach Anhörung des Ortsschulvorstandes kann das Vermögen anderen Zwecken dienstbar gemacht werden." In di eser Bestimmun g liegt für die Juden eine ganz besondere Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Gefahr. Daß das 'Vermögen der aufzulösenden christlichen Schulen an die Gemeinden übergeht und dann für allgemeine Ortsschulzwccke verwendet Ivird, ist so unrecht nicht, denn es findet iin schlimmsten Falle für eine allgemein-christliche Schule Verwendung, in der die Rechtsansprüche der bisherigen Schulunterhaltungspflichtigcn genügend gewahrt sind. Wird aber die jüdische Schule aufgelöst, so haben die Juden überhaupt nichts zu fordern, sondern bleiben lediglich auf das Wohlwollen der politischen Gemeinde angewiesen. Wie groß das z. B. im Reg.-Bez. Kassel sein wird, kann man sich ungefähr denken. Trotzdem die Juden dort an der allgemeinen Schnllast ohne Steuererleichterung mittragen mußten und daneben ihre eigenen Schulen mit schweren Opfern unterhielten, soll also das Schulhaus in den Besitz der politischen Gemeinde übergehen und eventuell anderen Zwecken dienstbar gemacht werden können, und die Juden sind vielleicht gezwungen, in ihrem eigensten Besitze sich ein Zimmer für den Religionsunterricht zu mieten, den sic ja .auch aus eigener Tasche bezahlen dürfen. Darum sei wiederholt darauf hingcwiesen, wie sehr es not tut, gegen den Gesetzentwurf zu kämpfen. In umfassender Weife ist dies seitens des T. I. G. B. und des Verbandes der Deutschen Juden geplant. Besonders wäre zu fordern: 1. das Vermögen der aufgelösten jüdischen Schulsozietäten darf nur für jüdische Schulzwecke verwendet werden. 2. Die jüdischen Gemeinden haben das Recht auf ihre Kosten öffentliche jüdische Volksschulen zu errichten, auch da, wo keine 60 bezw. 120 jüdische Kinder vorhanden sind, und haben für diese Schulen, wie bisher, Anspruch auf die gesetzlich bestimmten staatlichen Beihülscu, die im Paragr. 18 des Gesetzentwurfs aufgeführt sind. 3. Auch für 12 jüdische 'Kinder hat die politische Gemeindefür den Religionsunterricht zu sorgen. Hoffentlich wird auch von der „Freien Vereinigung für die Interessen d. orth. Judentums" alles nur mögliche in Petitionen und Bearbeitung einzelner Abgeordneter getan, loenn man nicht vorziehen sollte, in diese,» außergewöhnlich dringenden Falle, geeint zu marschieren und zu schlage». * * * Bei den schweren Schlägen, die wir,,das Ahasvervolk, in' der letzten Zeit erlitten, ist es ein Trost, das allmähliche Erwachen des s ch l u m - m e r n d e n jüdischen Gefühles, des Gefühles der Treue und der Anhänglichkeit an ZUdenheit und Judentum, konstatieren zu können. Jndifferentismus, das Murnielticr im Menschen,' ist die größte Gefahr für das Menschtum, für den Idealismus; Jndiffcrcntismus bildet auch die größte Gefahr für das Judentum. Wir haben mit Freuden von dem kürzlich errungenen Sieg der traditionellen Juden in der Frankfurter Israel. Gemeinde Notiz genommen, . und ebenso begrüßen wir die ob der Fernhaltung der großen Oeffentlichkeit von den Gemeinde-Angelegenheiten an der Verwaltung der Frankfurter Israel. Religionsgesechlschaft bei der jüngsten Generalversammlung geübte Kritik. Hat man doch sowohl hüben wie drüben nur der heiligen Sache dienen wollen!. Dem JUdentume soll es zu Gute kommen, dem Judentnme wird es auch zu . Gute kommen! * * * Tic Assiniilationsjudcii Oesterreichs sind ob der sür den R e i ch s r a t s - W a h l m o d u s geplanten Sonderung der verschiedenen Nationalitäten in große Aufregung versetzt. Tie neue Einrichtung — ihre Annahme vorausgesetzt — zwingt alle charakterlosen Kriecher und Uebcrläufer, Farbe zu bekennen, und die Nebbich-Polen mosaischer Konfession werden fortan gezwungen sein, sich als Juden jüdischer Nationalität zu betrachten,und statt „leseblscba kolscba „e isgnelo“ „A'ud lau owdo Tikwosenu“ zu singen. Besonders schlimm gestaltet sich aber die Sache, wenn man bedenkt, daß die mosaisch konfessionellen Polen keine Zuflucht bei dem von ihnen heiß geliebten Volke der Polakei finden' können, damit es sie von der. Gefahr der Verjudung errette; vergeblich werden all ihre Beteuerungen sein, daß es keine jüdische Nationalität mehr gebe; denn die guten Tscheschen und noch mehr die Tscheschen mosaischer Konfession werden schon für die Neberlänfer ein Entrinnen ans dem jüdischen Läger zu verhindern wissen. Und darob die große Verzweiflung! Wie tragisch und lächerlich zugleich ist dieses Schauspiel? — Ist cs nicht ein Zeichen der Zeit, daß sich vor unseren Augen die Prophezeiung unseres Propheten „Bejod chasoko cnilauch alechem", „Mit starker Hand werde ich über Euch herrschen", zu vollziehen beginnt? / Aus aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M.» 26. Dez. Demokratisch in seinem Denken, aristokratisch in seinen, Wesen war Samson Raphael Hirsch s. ZI, demokratisch in ihren Grunjdzügen, aristokratsch in ihrem äußeren Gepräge ist auch sein. Werk, die Frankfurter Israelitische R e l i g i o n s g e s e l l s ch a f t, deren mustergültige, imponierende Institutionen und deren durch das allgemeine, direkte und geheime Wahlrecht gewählte, in den vorgezeichiieten, bewährten Bahnen geräuschlos arbeitende Verwaltung diesem aristokratischen Zuge allmählich stärkeren Ansdruck gegeben haben. Tie Gemeinde gewöhnte sich daran, Vorstand, Ausschuß und Konlinissionen allein die Last des gewaltigen Apparates' tragen zu lassen, sie begnügte sich mit der Eickgegennahme des Berichtes auf der alljährlich stattfindenden Generalversammlung. — Gegen diese zufriedene Passivität der breiten Masse haben nun auf der heute stattgehabten Generalversammlung zum ersten Male die arbeitslustigen, jüngeren Kräfte protestiert, und es hat den Anschein, als ob. die Verwaltung sich veranlaßt sehen wird, die gewünschten Neuerungen zu berücksichtigen, resp. der nächstjährigen Eeneralversammlnng entsprechende Vorlagen zur Bcschlußfassnng vorzulegen. Ungefähr die Hälfte der stimmberechtigten Mitglieder „ — ein bei einer zweiten größeren Gemeinde Deutschlands auch nicht annähernd denkbarer Prozentsatz — hatte sich in der Turnhalle der Israel. Realschule eingcfunden. Um 6 Uhr cröffnete der Präses, der Gemeinde, Herr Louis Feist, die Generalversammlling. Nachdem er die ordnungsgemäße Einberufung der Generalversammlung konstatiert und vier Skrutatorcn bestimmt hatte, verlas er den Rechenschaftsbericht. Dieser Bericht beschäftigt sich hauptsächlich mit dem Synagogenncubau. Ein aus Kapazitäten des Baufaches zusammengesetzris Kollegium erachtete den Entwurf der Firma Jürgensen u. Bachmann-Charlottenburg den verlangten Anforderungen der inneren Einrichtung als auch der äußeren monumentalen Wirkung nach jeder Richtung entsprechend und ist deshalb dieser Entwurf dem Bau zu Grunde gelegt wovden. Es wurde nun beschlossen, den Bau nicht insgesamt, sondern in einzelnen Teilen im Snbmissionswege zu vergeben. Gemäß diesem Beschlüsse erhielt zu dem Gebote von 197 219 JL die Aktiengesellschaft für Hoch- und Tiefbautc» in Frankfurt a. M. die Ausführung des Rohbaues. Dieser dürfte im April 1906 und der gesamte Bau am 1. März 1907 vollendet sein und die Gesamtkosten sich auf ungefähr eine Million Mark beziffern. Tie neue Synagoge wird'fast die doppelte Anzahl Sitzplätze der bisherigen haben, sie wird 1000 Männer- „»d 600 Frauensitzc fassen. — Ter Vorsitzende teilt des weiteren mit, daß die Gemeinde sich um 39 Mitglieder vermehrt und daß die Rechnung mit eine», lleberschusse von 1300 Mark abschließt. Sämtliche Institutionen befinden sich in bester Entwickelung, bei der Israel. Realschule war zum ersten Male die Errichtung einer Parallelklasse in der Sexta nötig und in - der Höheren Töchterschule wurde eine Selekta für die Ausbildung zu Religionslehrcrinnen an höheren Schulen errichtet. In der nun zu de», Kapitel „Bericht"' eröffneten Diskussion ergrisf als erster Herr Moritz A. L o e b das Wort, um in längeren Ausführungen folgendes zu verlangen: 1) Drucklegung des Berichtes, 2) Vorlegung eines Budgets, 3) Vermehrung der Vorstands- und der Ausschiißinitglieder. Seit 1874 seien die Statuten keiner Durchsicht unterworfen worden, inzwischen sei die Gemeinde gewachsen und gewachsen, fodaß ihre Mitglicdcrzahl sich jetzt bereits der Zahl Tausend nähere. Die Statuten schreiben zwei Körperschaften, Vorstand und Ausschuß, vor; durch die Ncbermacht der Arbeit seien aber Vorstand und Ausschuß gezwungen worden, stets gemeinsame Sitzungen abznhalten; in Wirklichkeit werde also die Gemeinde — entgegen den Statuten — von eine», Gremium geleitet. Ten Ausführungen des Herrn Loeb schlosse» sich die Herren S i », o u. Bock, Birnbaum, Jacob R o s e n h e i m nsw. an. Herr Rosenheim weist u. a. daraus him, daß er seit SJahren de», Schulrate^ der Israel.. Realschule angehöre und baß er durch den Bericht des Vorstandes heute zum ersten Male höre, daß sich seit 7 Jahre» die Ausgaben der Realschule um 37 000.,IL vermehrt haben, es sei ein Fehler, daß man die bestehe,cheu 15 Kommissionen ohne Kenntnis der Budgets lasse. — Der Vorsitzende erwiderte sämtlichen Rednern und sichert eine eingehende Erwägung ihrer Vorschläge zu.