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Neue jüdische Presse · 1905-12-29 · Heft 50 (29.12.1905) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 50 (29.12.1905)
Date
1905-12-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Zsttklitislhcs fmiliraHitl. ("' " -- - Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder M. 2.— _ — ... . HedaKtt-n u«d HefchLfrsstelke: Frankfurt a. IN.. LeWgkeuzgaffe 52> Ecke Rlapperfeldftraße D-r-so« 10507. HeraUKgeber: Kali; cheis. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 .. Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunst. 3. Jahrgang. Freitag, den 1. Tewes 5666 (29. Dezember 1905). Ra. 50. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Ist die Schöpfungsgeschichte wiffenschaftlich? — Die Woche. — Aus aller Welt. — Aus der zionistischen Bewegung. — Feuilleton: .Ein kleines Drama.—Zwei Chanuckalieder. — Kunst und Literatur. — Familiennachrichten. Ist die Schöpfungsgeschichte wissenschaftlich I * * * * *) . Tie Antwort, welche die moderne Kritik auf die obige Frage erteilt, bestätigt nur, wie bei so vielen anderen Dingen, die Behauptungen des ältern Unglaubens.- Es ist ein Gemeinplatz dieser Schule, zu behaupten, daß weder Geschichte noch Wissenschaft in den ersten elf Kapiteln der Genesis sei. Dr. Driver macht in seinem kürzlich erschienenen Buch über die Genesis einen entschlossenen Versuch, > die immer wachsende Ueberzeugung zu vernichten, daß die neuere. Erdkunde zu einer schlagenden Uebereinstimmung mit dem ersten Kapitel der Genesis gelangt ist> und er schließt seine Bemerkungen mit folgenden Worten: „Aus allem, was gesagt ist, kann nur ein Schluß gezogen werden. Ohne Vorurteil gelesen, macht die Erzählung von Genesis I einen Eindruck, der mit den durch die Wissenschaft enthüllten Tatsachen im Widerspruch fteljt."1) Steht die Erzählung in Widerspruch mit Tatsachen, so kann und darf sie nicht für wissenschaftlich gelten. Es muß jedoch erwähnt werden, daß Tr. Driver, der kein Geologe ist, zu diesem Schluß gelangt, nachdem er gegen Sir Tawson und Prof. Tana gestritten hat, die beide als Lehrer ihrer Wissenschaft eine sehr hohe Stellung einnahmen, und die beide ihren festen Glauben an den wissenschaftlichen Charakter der biblischen Schöpfungsgeschichte ausgesprochen haben. Ties ist das letzte, wie es das erste Wort der. höhern Kritik in dieser Sache war. Gunkel lächelt über die vorausgesetzte Behauptung der Schrift, daß eine Pflanzenwelt auf der Erde existierte, ehe die Sterne gemacht waren, und er zieht den Schluß, daß Israels Bekanntschaft mit der Geschichte der Welt nicht höher als die seiner Nachbarvölker gewesen ist.-) Tas heißt, die Schrist übermittelt uns nur die unwissenden Spekulationen oder Phantasien jener entfernten Zeit, in der sie geschrieben ward, und ist nicht das Wort Gottes, dessen „Eintritt Licht gibt" (Ps. 119, 130 n. d. engl. lieb.). Es ist für die höhere Kritik notwendig, diese Stellung einzunehmen und zu behaupten. Tenn wenn diese Behauptung der Kritiker widerlegt ist, wenn es bewiesen ist, daß die Schrist hier und anderswo uns nicht irrige Angaben oder rohe Phantasien gibt, sondern, im Gegenteil *) Diesen Artikel entnehmen wir mit Erlaubnis des Verlags von Max Kielmann, Stuttgart, dem jüngst erschienenen zweiten Bande von „Die Bücher der Bibel, oder Wie man die Bibel lesen soll." Der Autor Rev. John Urquhart ist in seinen früheren Schriften in diesen Blättern bereits gewürdigt worden. Die Redaktion. Seite 26. 2) Genesis Seite 116. ihre Leser von Anfang an auf den Standpunkt absoluter Wahrheit gestellt hat; dann ist eine Schlußfolgerung unvermeidlich. Tie Bibel ist nicht bloßes Menschenwort, sondern das geoffenbarte Wort Gottes. Und diese Schlußfolgerung hemmt die Hand des Kritikers. Sein „Wiederausbau der Bibel" wird eine Entheiligung; und die Fortsetzung der Arbeit des Kritikers wird unmöglich. Und daß man dieser Schlußfolgerung nicht entgehen kann, will ich jetzt zeigen. I. Tie Schöpfungsgeschichte der Bibel hat immer gelehrt, daß das Weltall nicht ewig ist. Wenn die Schrift sagt: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde," so setzt dies klar voraus, daß vor diesen: „Anfang", das materielle Weltall in keinerlei Form ein Dasein hatte. Denn, ohne auf der Bedeutung des hebräischen Wortes barab, „schassen", zu bestehen, ist es doch klar, daß dies Werk kein bloßes Anordnen eines vorher existierenden Stoffes war; weil wir lesen, daß als Ergebnis des ersten schöpferischen Aktes nur der Stoff existierte, aus dem schließlich Erde, Sonne, Mond und Sterne gebildet wurden. Tiefer Stoff ward also erst durch den Akt des Schöpfers ins Tasein gerufen und existierte folglich vorher nicht. Nun ist dies eine Lehre, welche ebenso bestimmt der alten Philosophie entgegengesetzt war, als es auch derjenigen Wissenschaft ggeenüber steht, die nie müde wird, sich als die moderne zu bezeichnen. Heraklitus, der um das Ende des sechsten Jahrhunderts v. Ehr. lebte, sagt: „Tie Welt hat keiner der Götter noch der Menschen je geschaffen, sondern sie war immer und wird immer sein, ein ewiglebendes Feuer, das in einer bestimmten Weise sich selbst entzündet und selbst auslöscht." Individuen, sagt er, vergehen, aber die Natur (d. h. das gegenwärtige materielle System) ist Leben und ewig. Anaxagoras, der etwas später lebte, glaubte an eine anordnende Macht, die Intelligenz sei; aber er lehrte, daß der Stoff,, welchen diese Macht geordnet.habe, immer existiert habe. Temocritos, der 361 v. Ehr. starb, stellte eine neue Theorie auf. Er behauptete, der unendliche Raum sei mit einer unendlichen Menge von Atomen angefüllt, die sich verbunden und das Weltall gebildet hätten; diese Atome seien aber nicht geschaffen und selbst ihre stets wechselnde Gruppierung rühre vom „Zufall" her. Tiefe letztere Theorie fand ihren höchsten Ausdruck in den Werken des großen römischen Tichter-Philosophen Lucretius, ungefähr 55 v. Ehr. Er versuchte den Glauben an die Schöpfung auszumerzen. Er nahm die Theorie des Temocritos, Epikuros und LeuciPPus an und wandte alle seine Kräfte und Talente ans, um seine Landsleute zu dem Glauben zu bringen, daß die Schöpfung eine Einbildung sei, und daß die Materie ewig wäre. Ter heutige Materialismus, der sich den geweihten Namen Wissenschaft beilegt, nimmt dieselbe Stellung ein. Haeckel spricht in {Einem Buch „Tie Welträtsel" von der „Schöpsungsmythe der drei großen Mittelmeer-Religionen .... der ' mosaischen, christlichen und mohammedanischen Theologien" und sagt: „Tas Weltall oder der Kosmos ist ewig, unendlich und unbegrenzt." Tas ist das erste von dem, was er seine kosn^logischen Theotreme" nennt. Das zweite ist: Tie Substanz des Weltalls „füllt unendlichen Raum und ist in ewiger Betoegung"; und das dritte: „Diese Bewegung läuft durch unendliche Zeit als ununterbrochene Entwicklung fort.Während die rotierenden Massen in einem Teil des Raumes sich langsam ihrer Zerstörung und Auflösung zu bewegen, sprießen in andern Gegenden des Weltalls andere zu neuem Leben und ne rer Entwicklung auf."2) Ties ist auch die Stellung, welche Büchner und andere Materialisten einnehmen. Tie Materie ist nach ihnen ewig und verdankt also ihr Dasein nicht der Schöpfung. Es gab eine Zeit, wo man annahm, diese Meinungen würden durch die Resultate wissenschaftlicher Forschungen unterstützt. Indes hat die physikalische Forschung während der letzten 50 Jahre ungeheure Fortschritte gemacht., Tas Ergebnis ist gewesen, daß die Wissenschaft jene Behauptungen, die in ihrem Namen gemacht wurden, zurückgewiesen hat. Beobachtungen über die Ausstrahlung der Wärme und die Verteilung der Energie zeigen, daß das Physikalische Weltall, wenn es sich selbst überlassen bleibt, die Wärme sowohl als die Bewegung allmählich verlieren wird. Und wen» es so aufhören wird, das glänzeiche, sich bewegende, lebende Weltall zu sein, das es jetzt ist, so muß es auch erneu Ansang gehabt haben. „Wir können in Wahrheit," sagt Skertchly, „unser System betrachten, nicht als eine Masse von Materie, sondern vielmehr als eine tätige Kraft, in der-Tat als eine brennende Lampe. Wäre diese Lampe nicht angezündet, so könnten wir denken, sie habe immer so existiert und werde ohne Ende so bleiben. Wer diese Lampe brennt, und deshalb muß sie einen Anfang gehabt haben, wie sie sicherlich ein Ende haben wird.8) Prof. Tait schreibt: „Mle Teile unserer Wissenschast, und besonders jener schöne, von der Zerstreuung der Energie, weisen einhellig aus einen Anfang hin, auf einen Zustand der Tinge, der nicht abgeleitet werden kann aus den gegenwärtigen Gesetzen . . . ans irgend einer vorstellbaren, früheren Anordnung."2) In einem anderen Werk spricht er noch nachdrücklicher: „Wir haben so den Anfang, ebensowohl wie das Ende des gegenwärtigen sichtbaren Weltalls erreicht, und sind zu dem Schlüsse gelangt, daß es einmal begonnen hat und einmal enden wird. Unsterblichkeit ist darum in einem solchen Weltall unmöglich."2) Diesen Zitaten füge ich noch das folgende bei: „Kann die Wissenschast," fragt Sir Tawson, „die Tauer des Himmels und der Erde als unendlich betrachten? Sie kann es nicht; den» wenn wir sie befragen über die einzelnen Tinge, aus denen Himmel und Erde bestehen, so scheint es, daß wir sie alle zurückversolgen können airf Ansänge in mehr oder weniger bestimmten Zeitpunkten der Vergangenheit."7) Der ausgezeichnete Astronom Secchi sagt: „Wir haben *) Kapitel 1. *) The Phyaical System of the Universe. p. 370. *) Recent Advancea in Physical Science p. 26. 8) The Unseen Universe p. 128. 7) Present Day Tracts, vol. VII.

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