Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 48 (15.12.1905)
- Date
- 1905-12-15
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 48. gemeinde Berlin zu bieten! Nun wohl! Dann wirb man eben Trauergottesdienste ohne Predigten abhalten! Mso dekretierte unsere höchste Gemeindeinstanz im Vollbewußtsein ihrer Verantwortlichkeit. — Man wurde aber etwas schwankend: — obwohl sonst ein Gemeindevorstand niemals schwankend wird. Die ewigen „Kompromißler" legten sich ins Mittel, Einigungsverhandlungen zwischen den schmollenden Parteien gingen hinüber und herüber — bis aus einmal die ganze Angelegenheit — es waren inzwischen schon Wochen vergangen — eine hochpolitische Wenduung nahm!! Es war nämlich in besonders geheimer Mission vom Ministerpräsidenten Grafen Witte ein Geheimsekretär der russischen Botschaft, ein Graf Kischinewski, beim Vorstand der jüdischen Gemeinde zu Berlin eingetroffen, um den Gemeindeältesten im Aufträge seines Meisters auseinandcrzusetzen, wie durch solche Traucrkundgebungcn gerade in Berlin die russische Regierung — nebbich — den russischen Juden gegenüber in eine ganz besonders schwierige Lage versetzt würde und wie durch derartige Trauergottesdienste gerade in Berlin den russischen Juden bei den Hooligans mehr geschadet als genützt würde. Selbstredend war man ini Vorstand von der Wucht der Argumente sofort überzeugt, wenn man sich auch nicht verhehlte, das; man durch den bereits gefaßten Beschluß in eine unangenehme, zwiespältige Lage gekommen sei. Viev Stunden dauerte, wie unser Berichterstatter uns versichert, die geheime Sitzung des Vorstandes, und schließlich einigte man sich dahin, diese Trauergottcsdienste aus eine, höchstens zwei Synagogen zu beschränken, gleichzeitig aber auch dem Ministerpräsidenten Witte seinem Bedauern darüber Ausdruck zu geben, daß der Beschluß als solcher leider nicht mehr umzustoßen sei, daß man aber in jeder Weise den Wünschen Sr. Exzellenz Rechnung tragen werde. So wird denn nun dieser stille Trauergottesdienst auch in aller Stille nur in 2 Synagogen am heutigen Sonntag vor sich gehen, gleichzeitig aber an die.Besucher der anderen Synagogen, wie überhaupt, an die 90 Prozent aller Steuerzahler, die natürlich kerne Möglichkeit haben, einer solchen Feier beizuwohnen, die Aufforderung gerichtet, zu gleicher Zeit ein stilles Gebet im stillen Wmmerlein für die Opfer der russischen Regierung zum Himmel emporzuscndcn. Also geschehen am 1.2. Tage des Monats Kislew, d. i. am 10. Dezember 1905, in der größten jüdischen Gemeinde unseres deutschen Vaterlandes." Berlin. Wie das Zentralkomitee für die Unterstützung der bei der I u d e n h e tz e in O d e s s a Geschädigten einem Mitarbeiter des „Berliner Tageblatt" mitgeteilt hat, sind an den drei Tagen der Hetze 8590 jüdische Familien ausgeplündert und beraubt und 300 jüdische Männer und Frauen ermordet worden, und 2278 haben sich bis heute in den Hospitälern als verwundet gemeldet. 463 Waisen hat der Pogrom hinterlassen, und 42 unter ihnen wurden Vater wie Btutter getötet. — 2590 beraubte Kausleute haben ihren Schaden auf rund 2Vs Millionen, 2850 Handwerker den ihrigen auf 845-000 und 2900 Arbeiter, Kommis und Hausangestellte auf rund 2 MiMonen Rubel bemessen. Berli«. Hilfsverein der deutschen Juden. Herr Siegmund Bergcl, Mitglied des geschäftsführenden Ausschusses des Hilfsvcreins . der Deutschen Juden, der mit rastloser Hingebung für die Zwecke dieses Vereins wirkt, stellt jetzt seine bewährte Kraft in besonderem Maße zur Verfügung, wo die furchtbare Katastrophe über die russischen Juden hereingebrochen ist, die noch auf lauge Zeit hinaus unermüdliche Hilfstätigkcit und Opferwilligkeit erfordern wird. Herr Berget hat mit großem Erfolge Versammlungen, unter anderem in Gotha, Nordhausen und Erfurt, abgehalten. Es traten zahlreiche Anwesende dem Hilfsvereinder Deutschen Juden als Mitglieder bei, und eH wurden in den betreffenden Städten Lokalkomitces gegründet. Den Vorsitz des Lokalkomitces in Erfurt hat Herr Rabbiner Dr. Salzberger übernommen. Herr Bergcl ist bereits wieder unterwegs, um.in einer Reihe anderer Städte Vorträge zu halten, die insbesondere in Folge seiner genauen Kenntnis der russischen Verhältnisse überall mit lebhaftestem Interesse ausgenommen werden. Berlin. Vorige Woche fand auf Anregung der Herren Emil Bernstein, Josef Chaim u. a. eine V e r. sammlung statt, in der beschlossen wurde, gegen die Vergewaltigung seitens der Liberalen.inderSynagogeRykcstraßccinc Orgelaufzustellen, sowie gegen das Benehmen des dortigen Synagogendiencrs, der an den Sonnabenden die Besucher belästigt, indem er sie zur Agitation für Aufstellung einer Orgel zu bcstiniincn sucht, ganz energisch beim Vorstande und der Repräsentanten-Versammlung der jüdischen Gemeinde Protest zu erheben. Eine Anzahl ständiger Besucher der Synagoge Rhkestraße haben sich erboten, an vier auf. einander folgenden Sonnabenden die Anzahl der Besucher festzustellen, die lediglich die Synagoge besuchen, weil keine Orgel vorhanden ist, um dann eine Statistik einzureichen. v— Gleichzeitig wurde aus Anregung der Herren Emil Bernstein, Josef Chaim und Conrad Scheyer die Gründung cincskonservativeu Vereins beschlossen, zu welchen sich sofort eine größere Anzahl von Mitgliedern meldeten. — Eine große Versammlung soll demnächst einbcrufen werden. Mannheim, 11, Dez. Der Stadtrat lebnte es ab, einer vom Bürgerausschuß beschlossenen Resolution, für die Opfer des russischen Massenmordes M 3000 zu bewilligen, Folge zu leisten. — Der Stadtrat gäbe, so heißt es in dem diesbezüglichen Stadtratsbericht, seinem warmen Mitgefühl über die unverschuldete .Notlage so vieler, durch die politischen und sozialen Wirren ins Unglück gekonimcncn russischen Einwohner Ausdruck, müsse aber sowohl der Konsequenzen wegen als angesichts der in der ganzen Bürgerschaft durch die derzeitige Sammlung zum unzweideutigen Ausdruck gekommenen Teilnahme, ferner bei der Schwierigkeit, eine für Russen ohne Unterschied der Konfession bestimmte Spende bei den heutige» Zuständen sofort in die richtigen Hände gelangen zu lassen, ablchnen, eine Spende ans städtischen Mitteln zu bewilligen. Eisenach. Auf Grund des Reichstagswal'lersolges beabsichtigt der Reichsverband der deutschsozialen Partei, hier eine antisemitische Zeitung zu gründen. Breslau. Der am 5. ds. Mts. stattgebabten Repräsentantcnwahl ging eine lebhafte Wahlkampagne voraus. Die Agitation war so energisch und durchgreifend, daß sie überall da, wo noch ein Funken jüdisches Interesse vorhanden, dieses Interesse für die Wahl engagierte, und so kam es, daß von den sonst indifferenten Breslauer Juden 2654 vor der Wahlurne erschienen. Trotz aller Anspannung war es den konservativen Elemente» nicht möglich, den Liberalen Mandate wcgzunehmen, vielmehr ging die liberale Liste mit gewaltiger Majorität durch. Von den 18 gewählten liberalen Kandidaten vereinigte Justizrat Ollendorf mit 2560 Stimmen die höchste und Louis Roscnthal mit 1497 Stimmen die niedrigste Stimmenzahl auf sich, während die höchste Ziffer, die auf einen Kandidaten der konservativen Liste fiel, 1053 war. Königsberg. Rektor und Senat der Universität beschlossen in Anbetracht der Notlage, in die viele der hiesigen russischen Studierenden durch die Unruhen in Rußland versetzt worden sind, ihnen die Kollegien gelber zu st u n d e n. Die große Mehrzahl der hiesigen russischen Studierenden.sind Inden. Stratzburg i. Elf. Bei dem hiesigen Hilfskomitee für die notleidenden russischen Juden gingen bis jetzt JL 51419 ein. Pose«. In der Stad tv erordnetensitzung vom 8. dss. Mts. wurde ans der Mitte der Versammlung der Antrag gestellt, für die schwer heimgesuchten russischen Inden 2000 JL Unterstützung zu bewilligen. Ein polnischer Stadtverordneter beantragte den gleichen Betrag auch für die geschädigte christliche Bevölkerung in Rußland, herzugeben. Die Stadtverordnete» genehmigten beide Anträge im Prinzip und ersuchten den Magistrat, der Versammlung eine Vorlage zu machen. Oesterreich-Ungarn. Wien, 9. Dez Mit Rücksicht auf die Erregung, welche durch die bekannten Aeußcrungen des B ü r - gcrmcisters Lueger in der gesamten Wiener Judenschast hervorgerusen wurde, hat der Vorstand der israelitischen Kultnsgemeinde heute eine außerordentliche P l e n a r v e r s a m m l u n g abgehaltcn und in derselben e i n st i m m i g folgende Kundgebung beschlossen: „Der Bürgermeister der k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien hat in einer öffentlichen Versammlung Worte gesprochen, deren Konsequenzen unabsehbar sind. Er hat es für gut befunden, die grauenhaften Vorkommnisse in Rußland indirekt zu billigen und eine Wiederholung derselben in Wien als möglich und unter Umständen als gerechtfertigt anzudrohcn. Angesichts der Stellung, welche der Bürgermeister kraft seines Amtes einnimmt, des großen agitatorischen Einflusses, den er auf einen Teil der Bevölkerung ausübt, angesichts der außerordentlichen Erregung, welche gegenwärtig durch die Wahlrcchtsbewegung hervorgerusen wurde, muß der von dem Oberhauptc der Stadt Wien niiternomnicnc Versuch, den zwischen den Christlichsoziale» und den Sozialdemokraten bestehenden Gegensatz durch die Jdentisiziernng der letzteren mit den Juden in eine Judenhetze übcrzuleitcn, auf das entschiedenste verurteilt werden. Es ist eine notorische Tatsache, daß sich die Juden — gleichwie die Christen — zu den verschiedensten politischen Parteien bekennen, zu denen neben den konservativen, liberalen und nationalen eben auch die sozialdemokratische gehört. Mit Entrüstung muß aber die ebenso böswillige als unsinnige Insinuation zurückgewiese» werden, als ob die österreichischen Juden, die stets zu den-loyalsten! und treuesten Staatsbürgern zählten, jemals ihr Vaterland bedrohen könnten. Während in der ganzen gebildeten Welt die in Rußland verübten Greuel Abscheu und Entsetzen erregten, deutsche und englische Kirchcnfürsten diese Vorkommnisse aufs schärfste gebrandmarkt haben, der Oberbürgermcistcr der deutschen Metropole sich an die Spitze eines Hilfskomitees für die Hinterbliebencn der Ermordeten stellte, findet der Bürgermeister der Stadt Wien kein Wort der leisesten Mißbilligung, droht er vielmehr der Wiener Judenschast mit ähnlichen Ereignissen. Als Inden, als Wiener, als Menscheir müssen wir gegen die ungerechtfertigte Verdächtigung der Judenschaft, gegen die beschämende und gewiß unverdiente Bloßstellung unserer Vater st adt, gegen die der Humanität und Zivilisation hohnsprechendeHaltungdesBürgermeisters der Stadt Wien laut und,feierlich protestieren. Dem Kultusvorstande fehlt jede Macht, derartigem Beginnen wirksam zu begegnen. Er hält cs aber für seine unabweisliche Pflicht, die Träger der Macht auf d i e f u r ch t b a r e n G,e f a h r e n aufmerksam zu machen, die ein solches Vorgehen bei deni ungeheuren Zündstoffe, der in der Bevölkerung angesammelt ist, nicht nur für diel Juden, sondern in weiterer Folge für das gesamte Vaterland, dem seine anmaßungsvollen Verteidiger die schlechtesten Dienste leisten, Hervorrufen muß. Er hält es für seine Pflicht, auf die schwere Verantwortung hinzuweisen, die daraus erwachsen würde, wenn diesen Bestrebungen nicht im Keime mit aller Entschiedenheit entgegengetreten wird und die Irreführung und Verhetzung der Bevölkerung, der Appell an die brutalsten Instinkte nicht hintangehalten werden." Großbritannien. London. Wie wir bereits berichteten, waren es am 4. Dezember 250 Jahre, seitdem unter Oliver Cromwcll und auf Ansuchen des Menasse ben Israel die Rückkehr der Juden nach England bewilligt-worden ist. Aus diesem Anlasse bringt nun die letzte Nummer der „Jewish Chronicle" eine historische Darstellung dieses Ereignisses, ferner die Porträts Cronrwells und vieler in der Sache beteiligter Zeitgenossen, Faksimiles daraus bezüglicher Urkunden usw. Außerdem veröffentlicht die genannte Zeitschrift eine Reihe von Kundgebungen, welche ihr bei diesem Anlasse von hervorragenden Persönlichkeiten, Politikern, geistlichen Würdenträgern und Gelehrten zugekommcn sind. So werden längere Zuschriften veröffentlicht voll Lord R o s c b e r y , Viscount Peel, Lord Avebary und Lord Stanley, von den Parlamentsmitgliedern Sir Charles Dilkc, James Bryce, R. B. Haida ne, dem Lord-Bischof von London, Dechant von Durham, Kanonikus Barnctt u. a. m. An der Spitze dieser Ennnziationen steht aber die des L o r d m a y o r von London, die wir hier in der Uebersetzung folgen lassen: „Die 250. Wiederkehr der Ansiedlung der Juden in England bietet der Londoner Bürgerschaft einen willkommenen Anlaß, die englischen Juden ihrer vollen Sympathie und ihrer stets wohlwollenden,, sreundschaftlichen Gefühle zu versichern. Die Gemeinschaft der 'Juden hat sich zu alle.n Zeiten durch ihre treue Gesinnung, durch ihre Wohltätigkeit sowie durch ihre Achtung vor der Meinung anderer hervorgetan. Wohl infolgedessen konnte sie eine so machtvolle und einflußreiche Stellung erlangen, welche sie im Interesse des Gesetzes, der Ordnung und des allgemeinen Wohles behauptet. Bekümmert und entmutigt durch die Behandlung, welche ihre mit Füßen getretenen Glaubensgenossen in anderen Ländern zu erdulden hatten, vermochten sie dennoch ihre ge-. rechte Empörung zu unterdrücken, damit einerseits das freundliche Einvernehmen mit ihren Mitbürgern in diese«! Lande keine Störung erleide und andererseits durch feindselige Demonstrationen ihre freundschaftlichen Beziehungen zu anderen, weniger gesitteten Ländern keine Acnderung erführen. Ich beglückwünsche die jüdische Gemeinde aufrichtig zu ihrer interessanten Gedenkfeier und gebe mich der Hoffnung hin, baß es ihr auch ferner vergönnt sein möge, in blühendem Gedeihen, wachsendem Ansehen und engein Zusammenhänge mit ihren Stammesgenossen Feste zu begehen, welche deni heutigen an geschichtlicher und allgemeiner Bedeutung gleichen." London. Die Summe der Sammlungen »ü r die nt ssische n Juden dürfte bis jetzt 500000 Lstrl. betragen. Es wurden gesammelt in: Amerika 200000 Lstrl., Deutschland 104000 Lstrl., England. 87 000 Lstrl., Frankreich 40 000 Lstrl., Oesterreich 20 000 Lstrl., Belgien 7000 Lstrl., Schweiz 2000 Lstrl. Die Unterstützungsgelder sind selbstredend nur für die ärmeren Klassen bestimmt; eine Entschädigung für den Verlust großer Sumnicn kommt überhaupt nicht in Betracht. — Es wird beabsichtigt, für jüdische Kinder, die beidc Eltern verloren, haben, in den verschiedenen Ländern außerhalb Rußlands bei jüdischen Familien Heimstätten zu schaffen.- Der bekannte amerikanische Finanzmann Jacob Schiff hat im Namen der amerikanischen Inden diesem Plan zugessimmt. Er verpflichtet sich, halbsoviele Waisenkinder zu übernehmen, wie die europäischen Komiiees, falls die Zahl nicht höher ist als 500. Frankreich. Paris. Die Schwierigkeiten, die das Hilfswerk sür die russischen Juden im gegenwärtigen Augenblick findet, werden durch einen Beschluß des hiesigen Hilfskomitees der Alliance Jsraölite Universelle drastisch illustriert. Dieser Beschluß