Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 48 (15.12.1905)
- Date
- 1905-12-15
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 48. Frankfurter Israelitischer Familienblatt. Leite 5. vom 3. Dezember lautet: „Trotz größter Bereit. Willigkeit, das vom Russo-Jewish^Lomittee zu London empfohlene Princip der einheitlichen Aktion möglichst zu wahren, lendet das Hilfskomitee der Alliance in Anbetracht der dringenden Notlage und des Stillstandes des Telegraphen im Lande dem.Bezirkskomitee in Odessa auf direktem Wege hunderttausend Rubel mit der Bedingung, diese Summe ausschließlich für unmittelbar notwendige Unterstützungen zu verwenden. Sobald der Telegraph wieder arbeitet, ist dem Zentralkomitee in Petersburg von dieser Sendung Kenntnis zu geben. Das Komitee in Odessa, hat seinerseits eine Liste der von ihm unterstützten Ortschaften mit Angabe der jeder einzelnen überwiesenen Beträge dem Petersburger Komitee zu übermitteln." Italien. Rom, 10. Dezember. Gestern Abend versanimelte Fürst Odescalchi in seinem Palaste eine Anzahl von Senatoren, Wgeordneten und Mitgliedern der Aristokratie, um den Grund zu einer größeren P r o - testaktion gegen die V e r f o lg ungderrussischeu Juden zu legen. Die Versammlung schloß mit der Wahl einer vorbereitenden Kommission. Palästina. Jerusalem. Der greise Oberrabbiner R. Sch m u el S a l a n t ist am 28. vergangenen Monats von einem schweren S ch i ck sals f ch l a g heimgesucht worden. Seine einzigeTochter, die Frau des ersten Kantors an der Chorba-Synagoge, ist, des steilen Weges von der Eisenbahn, der nach der Stadt führt, daherkommend, von einem Wagen ereilt und überfahren worden. Sie erlitt einen Schädelbruch und gab noch am selben Tage ihren Geist auf. Innerhalb weniger Jahre hat leider der greise Gelehrte drei verheiratete Kinder verloren: zuerst seinen einzigen Sohn, dann einen verheißungsvollen Enkel und nun die einzige Tochter. Der deutsche „H i l f s v e r e i n" hat hier eine Mädchenschule, zunächst mit der untersten Klasse, eröffnet, zu der jedes folgende Jahr eine weitere hinzukommen soll' Die Schule bleibt vorläufig mit dem Gan Jeladim vereinigt. Einige Kolonisten in Rischen le Zion haben bereits an Stelle der Reben Mandelbäume anzupflanzen begonnen, obschon die Frage des Kellers noch nicht entschieden ist. Hoffentlich tvird das Unternehmen Segen bringen. Haamitti. Aus den Vereinen. Frankfurt a. M., 7. Dez. Verein Nachlaß Z w i. Gestern Wend hielt Herr Provinzialrabbiner Dr. Hirschfeld -Gießen einen gelehrten Vortrag über „Raschi" (Rabenu Schlaumau Jizchaki). Jii demselben Jahre, als dem Judentum eine Sonne,, das Gaonat im Morgenlande, untergegangen war, da ging — so führte der Referent aus — ihm eine neue Leuchte aus im Wendlande. — Im Jahre 1040 war es, daß die Träger der mündlichen und lebendigen Tradition, die Gaonim von Sura und Pumpeditha, die in ununterbrochener Kette die Ueberlieferung weiter gepflegt hatten, ihre Wirksamkeit einstellten: und im.selben Jahre wurde auch Raschi geboren. Ist es nicht, als ob die Vorsehung damit andeuten wollte, daß er, der ein Gesalbter des. Herrn und ein Fürst des jüdischen Wissens war, ein Fortsetzer und ein Vollender des Wirkens dieser Gaonim, der letzten Träger jüdischen Glanzes, werden sollte? Und er ist es auch geworden. Er ist es geworden vermöge seiner ungewöhnlichen Begabung, die ihn noch als 25jährigen schon zu einem gesuchten Lehrer werden ließ, zu dem Schüler aus weiter Ferne pilgerten. Er wurde der Fortsetzer unserer großen Epoche, weil er auch mit ihr im lebendigen Zusammenhang stand. Er war der Schüler des Rabenu Jakob bar Jakob, dieser wieder des Meoor-Hagolah und dieser war der Schüler des Raw Hai-Gaon. Referent führt eine große Anzahl von Talmudsteilen an, wo „Raschi" in seinem Kommentar sagt: so habe ich es überliefert bekommen, so hörte ich es von meinen Lehrern oder dergleichen Ausdrücke mehr, die darauf Hinweisen, daß er im lebendigen Kontakt mit der mündlichen Ueberlieferung stehe. Raschi ragt nicht nur durch sein umfassendes Mssen, dem nichts verborgen bleibt, hervor, sondern Besonders auch dadurch, daß er überall den einfachen und darum richtigen Sinn (Pschat) deutlich macht, in einer Sprache und in einem Stil, die an Kürze und Klarheit nicht übertroffen werden können. So wurde er denn derjenige Erklärer, dessen Kommentar für uns mit dem Hauptwerke so eng verbunden ist, daß sie in unserer Vorstellung zu eins verschmelzen, und wir uns das Studium des Talmuds ohne Raschi nicht mehr gut vorstellen können. All die Arbeiten der vielen Tossaphisten-Schulen sind nur die Erweiterungen und der Ausbau der seinigen, einzigartigen, gewaltigen Leistung. Ist dies alles bou seinem Talmudkommentar gesagt, so muß unser Lob über seinen Bibelkommentar in Ehrfurcht schweigen, denn hier findet sich neben all den erwähnten Vorzügen, auch der, daß er cs in beispielloser Genialität verstanden hat, in der Erklärung der schriftlichen Lehre unsere gesamte mündliche Ueberlieferung, die Halacha sowohl, als auch die Agada zu verflechten und in ihr sich widerspiegeln zu lassen. Rabenu Tam - sagte von sich, er hätte sich wohl zugetraut, einen Talmudkommentar, ähnlich dem Raschis zu schreiben, aber nicht einen solchen Bibelkommentar, wie Raschi ihn geschrieben hat. Wer nicht nur uns hat diese Leuchte die Bahn erhellt, ihre Lichtstrahlen sind auch außerhalb des jüdischen Kreises erleuchtend gedrungen. So hat Nikolaus de Liras, wie er selbst in der Vorrede zu seiner Bibelerklärung mitteilt, sich auf Raschi gestützt. Und dieser de Liras war wiederum der Wegweiser Luthers bei seiner Bibelübersetzung. Referent schließt unter Beifall mit den Worten des Rabbi Elieser bar Natan (Zophnaß Pauach), der von Raschi sagt: Seine Lippen bewahrten die Lehre, sie ward durch ihn erklärt und erneut. Die Lehre der Wahrheit war in seinem Munde, und er machte sie erst vollständig, wie sein Name (Schlaumau) bedeutet. Frankfurt a. M. Bor unS liegt der Bericht des Vereins „W e i b l i ch e Fürsorge" (1. Vorsitzende: Bertha Pappenheim) für die Zeit vom 1. Oktober 04 bis 30. Sept. 05. Es ist der vierte Jahresbericht, und dieser hat es nun nicht mehr nötig, die Existenzberechtigung der „Weiblichen Fürsorge" als Wteilung des Israel. Hilssvereins wie als selbständiger Frauenverei» zu betonen, denn das, was im Lause des Jahres geleistet worden ist, spricht genügend dafür. Tie U n t e r st ü tz u n g s k o m m i s s i o n behandelte in ihren regelmäßig alle 44 Tage stattfindenden Sitzungen 80 Fälle. Ten Tatsachen nach bedeuten diese 8V Namen jedoch eine ungleich größere Anzahl von Menschenschicksalen, mit denen man sich beschäftigt hat, und eine gewissenhaft ernste und fortwährende Tätigkeit war mit ihnen verbunden. Immer mehr Aufmerksamkeit verlangen die Ausweisungen, die sich stetig vermchren und die unabhängig von Erwerb und Verdien st eintreten. Auch läßt sich für Ausländer — besonders solche, die Samstag nicht arbeiten — in Frankfurt kaum mehr eine Arbeitsgelegenheit finden. Bei 5 Familien versuchte es die „Weibliche Fürsorge", ihnen außerhalb Frankfurts eine Existenzmöglichkeit zu verschaffen, der Erfolg war aber ein wenig befriedigender. Doch muß gesagt werden, daß die meisten und g r ö ß t e n S ch w i e r i g k e i t e n, die sich nach dieser Richtung ergeben, gar nicht immer Sch wie rigkeiten amtlicher und politische " : u r sind, sondern vielfach darin liegen, daß ausctige jüdische Gemeinden, Vereine und Privatpersonen in der Mitarbeit bei der Auswandererfrage einfach ve ^Tie Säuglin.gskomMission beaufsichtigte 4 5 Kinder. Tie Aussichtsdamen berieten die Mütter in Reinlichkeit und Pflege der Kleinen, sorgten sür Wäsche, vermittelten und kontrollierten die Milch- Tie K o st k i n d e r k o m m i s s i o n beaufsichtigte 25 Kinder, deren Schicksal gegenwärtig und künftig ohne die Fürsorge ein recht bedauernswertes wäre. Tie Pflegegelder werden größtenteils vom Almosenkasten der Israel. Gemeinde getragen, den Rest trägt das Armenamt und der Hülfsverein. Die StellenVermittlung hat ihre Sprechstunden das ganze Jahr hindurch zweimal wöchentlich durchgeführt. An die Arbeits- und Stellenverniittlung hat sich häufig ein Wohnungsnachweis für alleinstehende Mädchen und vielfache Beratting zur Berufswahl angeschlossen. Es meldeten sich 396 Arbeitgeber und 369 Arbeitnehmer. Vermittelt wurden 6l Stellen (gegen 32 i. B.), davon 5 Lageristinncn, 3 Buchhalterinnen, 3 Verkäuferinnen, 3 Erzieherinnen, 1 Stütze, 8 Gesellschafterinnen, 7 Kinderfräulein, 24 Tienstmädchen, 1 Putzmacherin, 1 Büffetiere, " Gürtelnäherin und 4 Köchinnen. ■ Ms s e l b st ä n d i g e r Franc «verein hat die „Weibliche Fürsorge" anregend und beratend an der Gründung eines Erholungsheimes in König i. O. teilgenommen. Ferner hat sie zur Bekämpfung der Tuberkulose durch Herrn Tr. Löffler ein Merkblatt ausarbeiten lassen, das demnächst in 10000 Exemplaren zur Verbreitung kommen wird. Schließlich wurden eine Krankenpflegerin und eine Kindergärtnerin nach Galizien — und zwar nach Stanislan — geschickt, um dort belehrend und aufklärend tätig zn Tiefer Tätigkeitsbericht erübrigt wohl eines Kommentars, denn er spricht für sich selber; er legt Zeugnis ab von einer großen Summe selbstloser Arbeit, die edle Frauen im Dienste ihrer Mitmenschen vollbracht haben. 0 Vor dem Untersuchungsrichter. Von I. Steinberg. Uebersetzt von L. Caro. (Schluß.) Bon all den Beschuldigungen, die gegen dieses Volk erhoben werden, erkennt er nur eine "als begründet an: alle christlichen Mägde, die auch nur einmal bei einem gebildeten Juden in Stellung waren, zeichnen sich durch Leichtsinn, Hochmut und Ungehorsam aus. All dies, und besonders noch das Verhalten einer Frau zu ihren Ex-Mitbrüdern, war ihm ein liätsel, das er mittels anderer Rätsel zu lösen — Wer weiß, wieviel schwere Verbreche» dieser Unglücklichen bekannt sind? . . . . Vielleicht stammt die Tienstsertigkeit gegenüber Nichtjuden lediglich aus deni Wunsche, eine Sünde gutzumachen. Es ist der Protest der Seele, das Bestreben, sich durch Opfer zu reinigen. So oft in der letzten Zeit gegen die Juden eine Beschuldigung in Gebrauch von Blut erhoben wurde, da dachte er sttindenlaiig über diese Frage Manchmal kam ihm vor, daß er in eine Synagoge sehe — ohne Fenster. ... Es brennen Wachslichter. . . . Eine Menge in „Kitteln", in „Talis" und spitzcckigen Kalotten. . . . Man schlachtet christliche Kinder. .... Ihr Blut wird in einem golde- Pokal ausgenommen. . . . Er fährt auf und verjagt von sich die Gespenster. Einst entschloß er sich, darüber mit seiner Frau zu reden. Er tat es mit der gehörigen Vorsicht. Wer sie sah ihn schief an; ihr Gesicht wurde bald bleich, bald rot: — „Ich fand Dich nicht in der Kirche und Du fandest mich nicht in der Synagoge. An jenem Tag, wo wir uns kenne» gelernt habe», konnte ich nicht vermuten, von Tir solche Frage zu hören und darum habe ich für sie keine Antwort vorbereitet." Nach dieser Unterredung hat sie drei Tage ihr Zimmer nicht verlassen. Er war darüber sehr betrübt. Sie verstand ihn nicht. Wie es scheint, meinte sie, er hätte sie damit beleidigen wollen. So kam es ihm vor, und er ärgerte sich. Doch manchmal war es ihm, als ob Jemand ihm ins Ohr flüstere: vielleicht stellt sie sich nur so bös und beleidigt an, um ein unangenehmes Gespräch zn vermeiden. Er möchte gerne über sich selbst lachen und sich überzeugen, daß seine Vermutungen nur die Frucht seiner reichen Phantasie seien. Aber dies hielt nicht lange an und sein Argwohn kehrte in ihm wieder. — Konnte sie denn nicht kurz und bündig antworten: es ist Lüge!! Er selbst wollte, daß es sich als Lüge herausstelle. Er liebte die Menschheit und glaubte an ihren Fortschritt — und jene Beschuldigung kränkte ihn daher. Seine Ehrenhastigkeit und sein logischer Sinn erlaubten ihm nicht, es nicht aiizuerkenneii, daß die Repräsentanten dieses Stammes doch in einem gewissen Grade die Träger des Fortschritts sind. Ihre Verbrechen waren ihm die Verbrechen eines bedeutende» Teils der menschlichen Gesellschaft. Diese Zweifel verursachten ihm viel Kummer. Er sprach bereits darüber mit einem gelehrten Rabbiner. Jener bemühte sich, die Unhaltbarkeit dieser Beschuldigung dadurch zu beweisen, daß die jüdische Religion den Gebrauch von Blut überhaupt verbietet: „Auch das Blut der als Speise erlaubten Tiere ist uns verboten; wie kann man nur denken, daß wir unsere Mazzes mit Blut tränkten!" Toch erachtete er diesen Beweis als nicht unanfechtbar: er weiß, daß jede Religion in Einzelfällen etwas erlauben kann, was sie sonst im allgemeinen verbietet. Tie Religion predigt ja Frieden, Barmherzigkeit, Mitleid und Liebe aller Menschen, — und. gestattet doch, mit Feuer und Schwert gegen all diejenigen vorzugehen, die sie nicht anerkennen. Er versuchte manchmal, mit einigen intelligenten Juden darüber zn sprechen: aber sie antworteten ihm etwas unernst, mit gekünsteltem Scherze und erlogenem Gefühl einer Beleidigung. Manchnial verkroch sich der Argwohn in seiner Brust: vielleicht sind Jene im Recht, die behaupten, daß jenes Geheimnis nur den orthodoxen Juden in den langen Kaftan und „Peijes" bekannt sei, hingegen wüßten die Intelligenten davon nichts; als Beweis dafür könne der Umstand dienen, daß sie auch Hebräisch nicht kennen, wovon er sich zu überzeugen Gelegenheit genug hatte. Und als nun vor ihm dieser geplünderte Jude gesenkten Hauptes dastand und die Behauptung wiederholte, daß dieser „Chuligan" der Mordtat nicht zu beschuldigen sei; als er sah, daß dieser Jude gerade heraus, ohne Haß und ungekünstelt sprach — da behandelte er ihn mit Achtung. Er warf flüchtige Blicke auf den Juden: auf die- „Peijes", auf den nicht auseinandergekämmten Bart, ans den Kaftan, auf die gefurchte Stirn und die gefurchte Wange; und selbst die eine „Zizis" (Schaufaden), die unter der Weste des Greises hervorlugte, nch seinem Blicke nicht.. Es kam ihm plötzlich der Gedanke, daß er diesen Juden doch über jene Zweifel befragen solle: „Ein solcher Mann, wenn er auch mich betrügen wollte, könnte es nicht tun: seine Zunge würde sich nicht dazu hergeben. Und er wird mich verstehen, obwohl er ei» orthodoxer Jude und zur alten Generation gehört. mti ^aden).