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Neue jüdische Presse · 1905-12-15 · Heft 48 (15.12.1905) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 48 (15.12.1905)
Date
1905-12-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr/ 47. Aber der Grimm und Zorn all Derer, die durch die Wahlreform in ihrer privilegierten Stellung bedroht find, wird sich wieder in erster Reihe gegen die Inden kehren. An bedrohlichen Anzeichen hierfür fehlt es wahrhaftig schon heute nicht. Tie Aenderung der mährischen Landesordnung zwingt die Jude», sich in Ijeit deutschen oder tschechischen Wahlkataster einzntragcn. Sie geraten damit in eine schiefe Stellung, sie werden hierdurch der einen oder anderen Nationalität aufgezwungen, obwohl die eine den Grundsatz: „Durch Reinheit zur Einheit", die andere das Prinzip: „8vüj k svemü" proklamiert hat. Ta aber durch die nationale Abgrenzung der Wahlbezirke der deutsche und tschechische Besitzstand gesichert ist, werden die Inden politisch entbehrlich und man wird von beiden Seiten nur uni so heftiger den wirtschaftlichen Boykott gegen sie ins Werk setzen. Nicht minder düster sieht es in Böhmen aus. Wir erhalten aus verschiedenen Landesteilen Berichte über eine hochgespannte Erregung der unteren Volksschichten, die sich in feindseligen Absichten gegen die Juden äußert. In Galizien aber werden geradezu „Pogroms" nach russischem Muster vorbereitet. Im „Wschod" wurde jüngst eine Aeußeruug des Statthalters Grafen P o t o c k i zitiert des Inhalts, daß er bei weiterer Zunahme der Wahlrechtsbewegung fürdieSicherheitder Juden keine Garantie übernehmen könne. Berücksichtigt man die leidenschaftliche Erbitterung der Schlacht« gegen die Wahlreformplänc des Kabinets Gautsch, so wird man die verhängnisvolle Tragweite dieser nach unseren Informationen wirklich abgegebenen Aeußerung des Grafen P o t o c k i ermessen. Man muß dabei nicht an eine mala fiiles des Statthalters glauben — er hat „eine Tatsache" konstatiert, und das ist nuu umso schlimmer. In den letzten Tagen hat das Justizministerinm gegen die Verbreitung eines RitnalmordbildcS einschrciten müssen, das in tausenden Exemplaren in die galizische Landbevölkerung hinausgetragen wurde. Solche Agitationen reden eine deutliche Sprache. Wie i m m e r s i ch d a s S ch i ck s a l d e r W a h l r e f o r m gestalten mag, ob ihr Ersolg den Ingrimm der bisher Privilegierten, . ob ihr Mißerfolg die Wut des um seine Hoffnungen getäuschten Proletariats auslöscn wird — in jedem Falle wird man auf die Juden los schlagen." Tie Schlagworte „Gerechtigkeit", „Menschlichkeit", „Schuh der Schwachen und der Unterdrückten" sind in der französischen Presse eine sehr gangbare Ware; doch bei den russischen Greueltaten vom verflossenen November schienen die Traditionen des sranzösischen Volkes eingefroren gewesen zu sein. Abgesehen von einigen sozialistischen Zeitungen, die ohnehin die russische Regierung jeden Tag mituehmen und die das Blutbad nur als eine Manifestation der Kontra-Revolution zu brandmarken tvissen, hat die gesamte Presse sich damit begnügt, die telegraphischen Berichte ohne Konrmentar zu verzeichnen; und manche große Zeitungen, wie z. B. das „Journal", haben sogar von den kurzen telegraphischen Berichten nur spärlichen Gebrauch gc- Einc Art „Verschwörung des Stillschweigens" bildete sich um diese Judenmassakres herum. Natürlich, ausgenommen die antiseniitischen Zeitungen, die in den Chor des heulenden russischen Niobs einstimmten und sehnlichst den Tag herbeiwünschen, an dem das französische Volk die russischen Bluthorden zum Muster nehmen würde. In diesem Sinne schrieb z. B. Herr ilrbain Gohier, der ehemalige Redakteur der „Aurore" während der Asfaire Treysus, der aber seitdem umgeschlage» und ein eifriger Antisemit geworden ist, daß „er mit Schrecken dem Tag entgegen sehe, da das französische Volk zu denselben Maßregeln des ösfentlichen Heils greifen werde, welche in Rußland inauguriert wurden." Es ist ja schon längst konstatiert worden, daß die sranzösischen . Antisemiten mit den russischen Antisemitenhäuptern in enger Fühlung stehen, wie überhaupt der französische Antisemitismus mit dem 'Abschlüsse der Alliance franco-russe in Frankreich "seinen feierlichen Einzug hielt. So wurden einige Tage vor dem Ausbruche Frankfurter Israelitisches Familienblatt. der Judenmetzeleien in Rußland in den Pariser Straßen Aufrufe verteilt unter dem Titel: „La race maudite" (die verfluchte Rasse), welche aus die niedrigsten Instinkte des Pöbels pochten. Scheinbar beabsichtigten die Rädelssührer, die von den bevorstehenden, von Amts wegen von langer Hand organisierten Judenmctzeleien Kunde hatten, die französische öffentliche Meinung auf dieselbe vorzubereiten. . . . Ja, Frankreich ist innerhalb eines Vierteljahr- Hunderts weit rückwärts geschritten! Bor 25 Jahren wurden die russischen Juden auch von Pogromen heimgesucht. Tausende und Abertausende jüdischer Familien wurden zu Grunde gerichtet. Tamals — und es ist zu bemerken, daß sich bei den Judenhetzen in den Jahren 1881/82 der Mob nur an dem jüdischen Eigentum vergriff, ohne das Leben zu gesährden — entstand in Frankreich eine lebhafte 'Bewegung allgemeiner Sympathie für die Opfer. Ein Koniitec des Protestes gegen die Judenverfolgungen und der Hilfe für die Opfer konnte sofort den Beitritt von 50 Senatoren und 15 Teputierten, wie auch von 22 Gelehrten, Mitglieder des Institut Frangais, aufweisen. Trei hochgestellte Vertreter der protestantischen Geistlichkeit beanspruchten die Ehre, den diesbezüglichen 'Aufruf zu unterzeichnen. Ter damalige Erzbischof von Paris, Kardinal Gubert, drückte in einem Schreiben an das Komitee sein Mitleid für die Opfer und seine Entrüstung über die Verfolger aus, indem er zugleich seine Spende beifügte. Tie Presse, ohne Unterschied der Meinungen, erfüllte bei dieser traurigen Gelegenheit wacker ihre Pslicht, und in einer Reihe von 2lufsätzen brandmarkte sic in zündenden Worten die Ausschreitung der russische» Regierung. Von alle dem ist jetzt keine Spur! Kein französischer Prälat hat seine Stimme, im Name» der christlichen Milde, zu Gunsten unserer verfolgten Brüder vernehmen lassen! Kein Deputierter, kein Senator, hat sich dieses Mal gefunden, um den Aufruf zu Gunsten der Opfer zu unterzeichnen! Tie Sammelliste zu Gunsten der Witlven und Waisen lveist nur zloci christliche 'Namen auf, während die Juden gewöhnlich sich sehr reichlich beteiligen überall, wo cs gilt, irgend eine Rot zu lindern. Keine Zeitung hat ihre Kolonnen geöffnet, uni Spenden für die Verunglückten entgegenzunehmeu. Und die Antisemiten erfrechen sich noch, von der jüdischen Allmacht, von der jüdischen Vergewaltigung der Presse zu sprechen! Tic Presse, welche mit Ausnahme des „Temps" und des „Matin" nicht einmal den Aufruf zu Gunsten der Opfer veröffentlichte! Ja, das find die Blüte», welche die russische Allianz auf französischem Boden getrieben hat! Als Preis für die Milliarden, welche Frankreich in das russische Danaidenfaß goß, gab Rußland seinerseits Frankreich die Verrohung des Sinns, die Verdumpfung der Gefühle! Aber auch hier gibt es eine Minorität, eine geistige Elite, welche die alte Tradition des Gerechtigkeitssinns bewahrt hat. In einem großen Meeting, veranstaltet von der „Ligue des Droits de l’Homme", unter dem Ehrenvorsitz von Anatole France, drückten verschiedene Redner ihre Entrüstung über das Verfahre» der russischen Regierung aus und warnte» vor den französischen Antisemiten, die das Volk in die Fnßstapfen des Zarismus schleppen möchten. Aber die Stimme dieser edlen Minderheit verhallt unter der allgemeinen eisigen Gleichgiltigkeit diesen Metzeleien gegenüber! Ter „Osservatorc Romano" veröffentlicht amtlich ein Schreiben des Pap st es an die Bischöfe in Russisch-Polen, in welchem er sie auffordert, für den Frieden der Bevölkerung Rußlands einzutreten und die vom Zaren versprochene Verfassung anzunehmen. Der Papst bedauert des weiteren in seinem Schreiben die Ausschreitungen und Greueltaten, die hauptsächlich von Sozialisten u. Radikalen verübt würden. Tos Evangelium verurteile selbst solche I u d e n h e tz e n. Er fordere alle Katholiken Polens aus, sich zu vereinigen und dem weisen und milden Zaren, von dessen Freundschaft er Beweise erhalten habe, in seinem Werke zu unterstützen. Es kann nicht die Ausgabe einer jüdischen Zeitung sein, zu untersuchen, von welcher Seite der Papst zu diesem Schritte veranlaßt worden ist; — vielleicht ist es ein Ausfluß seines Herzens, vielleicht ist es «rite 3. auch nur eine Freundlichkeit dem russischen Kaiser gegenüber, vielleicht ein politischer Schachzug, um einen event. Sieg der Revolution, der nicht im Interesse der Kirche liegen kann, zu verhindern! Uns berührt nur der Passus, die Juden betreffend, in dem er als echter Christ sich der Juden in ihrer Rot erinnert und darin sich vorteilhaft von einem Teil der führenden katholischen Presse unterscheidet. Es ist benierkenswert, daß der Papst die Urheber der Massakres, die Reaktionären, nicht geißelt; — und alles den Sozialisten und Radikalen zur Last legt. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Unter der Spitzmarke „Zur Stellentafcl" veröffentlicht die „Deutsche zahnärztl. Wochenschrift" den folgenden charakteristischen Bries eines hiesigen Zahnarztes: Sehr geehrter Herr Kollege Stieren! In der Nunrmer 41 der Wochenschrift befindet sich eine nur zu berechtigte Klage des Kollegen Alfred Cohn in Berlin darüber, daß bei Annoncen, die Stellen offerieren, und sogar in der Stellentasel unseres Blattes sich immer wieder in Klammern die Bedingung Christ, Katholik usw. findet. Ich bin fest überzeugt, daß viele Kollegen beim Engagement eines Assistenten viel zu viel Wert auf die Konfession legen. Ich selbst bin Christ, war aber Vor etwa 12 Jahren in ausgesprochen jüdischer großer Praxis als Assistent tätig und habe niemals gemerkt, daß ein Patient danach fragte. Ich bin evangelisch und war bei katholischem Zahnarzt als Assistent und hatte sogar in einem Kloster zahnärztlich zu tun, ohne daß sich die Oberin oder die Nonnen an meinem Glauben stießen. Ich bin seit bald drei Jahren mit einem Kollegen assoziert, der Jude ist und aus frommer jüdischer Familie stammt, ich habe niemals gemerkt, daß sich ein Patient darum kümmerte, ebensowenig wie mich meine christliche Konfession hinderte, hier in Frankfurt a. M.. wo doch ein großer Teil der besseren Patienten Juden sind, ein» verhältnismäßig große Praxis zu bekommen. Ilm so sonderbarer hat es mich vor etwa drei Monaten berührt, als ich in einer zahnärztlichen Zeitung eine Annonce eines hiesigen Kollegen, der Jude ist, las, in der er einen Assistenten suchte und als Bedingung hinzufügte „Christ". Ob sich wohl die Patienten dieses Herrn Kollegen nur von einem „christlichen Zahnarzt" behandeln lassen? Oder traut der Herr Kollege einem Juden nicht die nötige Fähigkeit zu? Oder fürchtet er etwa einen so srommen Juden, wie er wünschte, doch nicht zu finden und sucht deshalb lieber gleich einen Christen? Ob Jud' oder Christ, frag' nicht „was"? sondern „wer"? er ist Ernst Moeser. Die Annonce, auf loelche sich der obige Brief bezieht, lautete: Tüchtiger Zahnarzt oder caml med. dent. (Christ) für seine Praxis sofort als Vertreter auf unbestimmte Zeit gesucht. Oss. m. Zeug»., Gehaltsansprüchen und Bild erb. an Feibusch, D. D. S., Frankfurt a. M., Gocthestr. 19. Berli«. lieber eine interessante Asfaire berichtet unter der Spihmarke „Faotariuot montes“ der „General-Anzeiger f. d. Int. d. Judentums", wie folgt: „Fast überall, auf der ganze» Welt, hat man bereits vor Wochen Trauergottesdienste abgehalten, in den 15 Privatsynagogen Berlins fanden solche schon vor langer Zeit statt — von der großen Gemeinde Berlin konnte man noch immer nichts von der Ausführung eines dahingehenden Entschlusses hören. Wie war das möglich? Nun, unsere Leser wissen bereits aus dem Bericht über die letzte Gemeiuderatssitzung wie auch aus einer Brieskastennotiz, daß der Vorstand unserer Gemeinde an die Gemeinderabbiner die eigenartige Zumutung gestellt, die bei diese» Trauergottesdiensten zu haltenden Predigten vorher der russischen Zensur — pardon, dem Vorstand der Gemeinde zur Begutachtung einzureichen. Es könnte doch immerhin möglich sein, daß unsere Herren Rabbiner diese Gelegenheit dazu benützten, um auch in ihren Predigten einmal „politisch" zu denken und zu sprechen und in ihrem beschränkten Untertanenverstand nicht die richtige Grenze und den richtigen Takt inne zu halten in der Lage wären. Und es könnten sich aus solchen „politischen" Predigten Konsequenzen der ungeheuerlichsten Art ergeben. Dem niußte natürlich die höhere Weisheit unseres Vorstandes Vorbeugen. — Aber der Vorstand hatte die Rechnung ohne den Wirt, d. h. die Rabbiner .gemacht. Denn diese wiesen eine solche schulnieisternde Zumutung ebenso höflich — unsere Rabbiner sind immer höflich — wie energisch — unsere Rabbiner sind immer energisch — zurück. Und das wagten abhängige „Beamte" dem hochwohllöblichen Vorstand der Groß-

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