Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 47 (8.12.1905)
- Date
- 1905-12-08
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. delirinm tremens), dessen rechtliche Anordnungen sind nichtig. Samuel erklärt den Ausdruck Kurdeikos dahin, daß diese Krankheit denjenigen befällt, welcher vom frischen Wein zur Zeit der Weinlese trinkt (GMn 67b). Heber hydropathische Kuren spricht sich Samuel in Sabbath 108b folgendermaßen aus: Ein Tropfen kalten Wassers auf die Augen des Morgens nnd eine Waschung von Händen und Füßen,mit warmen^ Wasser des Abends sind besser als alle Kvllyrien (so diel wie Verbandsalben) der Welt. Eine ähnliche Stelle ist Sabbath 78a. Für Trinkkuren empfiehlt Samuel die Zeit zwischen Pesach und Schowuaus (Sabbath 147b). Bei Bulimie (Heißhunger) rät er, fettes Fleisch in Honig zu geben (Jma 83b). In der Tat werden Fett und Zucker rasch vom Organismus resorbiert. Ferner ist ihm bekannt, daß Epidemien leicht von einem Ort zum andern verschleppt werden. Ms er hört, daß in dem von Nahardäa etwas entfernten Be Chosa „ein Sterben" sei, riet er ein Fasten an, weil ein reger Karawanenverkchr zwischen beiden Orten vorhanden war (Taanit 21b). Diese zahlreichen Beispiele beweisen, wie vielseitig die Kenntnisse Mar Samuels in der Medizin waren, und man darf sagen, daß er unter den Talmudlehrern hierin her hervorragendste war. Wir Epigonen können aber noch weiter an diesem einen Beispiel erkennen, auf welch einer hohen Kulturstufe sich die Juden zur Zeit des Talmuds befunden haben. Aus «Mer Welt. Deutsches Reich. Mainz, den 8. Dez. In dieser Woche fand hier eine Protestversammlung statt, die sich mit den grauenerregenden Vorgängen im russischen Zarenreich beschäftigte. Ueber 1200 Männer waren erschienen, die ihre Sympathie mit den russischen Märtyrern dadurch zum Ausdruck bringen wollten. Wir bemerkten u. a. dabei den Landtagsabgeordneten Schmidt, sozialistischen Reichstagsabgeordneten David, Professor Schlenger, die Stadtverordneten Schäfer, .Riedner und viele andere. Herr Professor Staudinger, der bekannte Freiheitsapostel aus Darmstadt hielt die mit großer Begeisterung aufgenommene Protestrcde. Ihm schloß sich der russische Flüchtling Levene-Petersburg an, der mit seinen Schmierungen über die entsetzlichen Zustände willig das Ohr der Versammlung fand. Eine Resolution wurde angenommen, die der Ueberzeugung Ausdruck gab, daß die Hingemordeten, ihres Besitzes Beraubten, die Sympathie aller wohl denkenden Menschen fiNden müssen. Soweit ungefähr der offizielle Bericht. Wie gesagt 1200 Personen waren anwesend, darunter auch — zum Lobe von Mainz — viele Christen. 9htr 2 Herren bemerkten wir nicht und das waren merkwürdigerweise die beiden Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde, die Herren Justizrat Meyer und Justizrat Oppenheimer; deswegen große Mißstimmung in der Versammlung. Nun soll man niemanden verurteilen, ohne daß man die Gründe kennt, die ihn zu seinem- Verhalten bestimmen. Von dem Grundsatz ausgehend: Audiatur et altera pars, versuchten wir nun, die Motive der beiden Herren zu erforschen und erfuhren Folgendes: Herr M. blieb aus mit der Motivierung: „Er sei kein Politiker." Herr O. weigerte sich an dieser Demonstration teilzunehmen, weil er „Bürger eines Landes sei, dessen Fürst Schwager des Zaren ist!" Mit anderen Worten also: Herr M. betrachtet sein Amt als Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde ungefähr ebenso, wie ein Kassierer einer großen Bank das seine. Er verwaltet die Kasse, führt genau Buch über die Eingänge, aber er hat kein Interesse daran, ob seine Brüder im Osten dahingemordet werden. Er allein kann keine Trauer über diese Vorgänge empfinden, denn er ist ja kein Politiker. Herr O. wendet seinen Blick nach oben. Er fragt sich, was der. Großherzog zu diesen Demonstrationen sagen wird. Er weiß zwar nicht, ob er etwas dagegen hat, aber er ist der Schwager des Zaren, in dessen Land die Greueltaten verübt wurden, und das ist für den Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde ein wichtigeres Moment als vielleicht für den Großherzog selbst. Wenn nun einmal gezeigt worden istj, wie es mit den Vorständen in vielen jüdischen Gemeinden bestellt ist, so ist wohl in Mainz der beste Beweis dafür erbracht worden, daß man wohl Leute, die eine gute akademische Bildung genossen haben, die es auch im Leben zu etwas gebracht haben, an die Spitze des Judentums einer Stadt stellt, daß man aber nicht darauf achtet, ob die führenden Persönlichkeiten einer Gemeinde eigentlich das sind, was doch das wichtigste für bas Judentum ist: nämlich '— Juden! — Wir meinen, daß die jüdische Ge¬ Frankfurter JsrackitisHeS FamÜienblatt. Nr. 47. meinde in Mainz Veranlassung hätte, nach dieser einen Protestversammlung, die sie wegen der Grcueltaten, die an ihren russischen Brüdern verübt worden sind, eine zweite folgen zu lassen, in der sie lauten Protest erhebt gegen das Verhalten ihrer eigenen Vorstände und dieselben zwingt ihre Aemter niedcrzulcgen, denn schließlich ist das Judentum kein Verein Und der Führer nicht nur Verwalter der Kusse desselben. Zum Schlüsse dieser Ausführungen möchten wir die Worte eines bekannten hessischen Parlamentariers wiedergeben, der sich veranlaßt sah sich über die Feigheit per Juden zu äußern, die selbst Fußtritte ruhig hinnehmen. Wenn die jüdische Gemeiudc in Mainz die Fußtritte ihrer Vorsitzenden ruhig hinnimmt, dann verdient sie keine besseren — — dann ist ihr Recht geschehen. Rumänien Bukarest, 5. Dezember. Aus Kisch in ew und Kalarasch treffen wieder Nachrichten von neuen blutige:: antisemitischen Unruhen ein. Tie. Zöglinge des Priesterseminars in Kischinew veranstalteten große Straßenkundgebungen antisemitischen Charakters. Tie Polizei verhinderte zwar die Ausschreitungen, drang aber nachts in die jüdischen Häuser und beschlagnahmte die Waffen. Amerika. New-Nork, 5. Dezbr. Das jüdische Hilfskomitee für die Opfer der Metzeleien in Rußland sammelte 1000 000 Dollar und verlangt mittels Ausrufs eine weitere Million. New-Nork, 23. Nov. Zum Andenken an ihre in Rußland hingemordeten Brüder setzten die Juden in ihrem Viertel an der Ostseite für heute einen Trauertag fest, dessen eindrucksvollster öffentlicher Teil eine große Trauerparade war. Kurz nach 10 Uhr setzte sich der Zug in Bewegung. An der Spitze ein Sternenbanner und Trauerfahnen, dann eine Musikkapelle und ein starker Chor. Es folgten die jüdischen Gewerkschaften, eine jede mit ihrer roten schwarzverhangenen Fahne oder Plakaten mit hebräischer Inschrift, die Mämier in dunkler Kleidung und mit Trauerabzeichen. Die Kapelle spielte Trauermärsche, der Chor sang Trauerlieder und die Teilnehmer stießen Klagerufe aus. Ueber» all, wo der Zug vorbeikanr, waren die Fenster und eisernen Rettungsleitern mit Frauen in Traucrkleidung besetzt, die in die Klagerufe einstimmtcu. Vor den Synagogen standen Abordnungen, man hielt einen Augenblick an und sagte Trauergebete her, dann bewegte sich der Zug weiter. So ging es nach dem Thalia-Theater, wo eine Wohltätigkeits-Vorstellung stattfand; ein Stück, „Die Aufrührer von Kischincw", war mit Bezug auf den Anlaß eigens geschrieben worden. Den Abschluß des Trauertages bildete ein Gottesdienst in den Synagogen des New- Iorker Ghettos. Personalien. Berlin. Das Fest der goldenen Hochzeit feierte am 2. Tez. das angesehene Mitglied der jüd. Gemeinde, Herr Moritz Mannheimer mit seiner Gattin, geborenen Lewes. Ter Jubilar hat das achtzigste Lebensjahr bereits überschritten, während die Jubilarin das siebzigste bald erreicht hat. Herr Mannheimer ist Begründer der jüdischen Altcrsverforgungsanstalt in der Schönhauscrallec und Mitbegründer des Siechenhauscs der jüdischen Gemeinde in der Oranicnstraße. Hamburg. Der hiesige Arzt Dr. Louis P h i l i p p s o n ist zum o r d c n t l. P r o f e s s o r der Dermatologie (Hautlehre) an der Universität Palermo ernannt worden. Hierbei ist zweierlei merkwürdig: 1. daß die Italiener sich einen deutschen Arzt als ordentlichen Professor an eine ihrer Hochschulen holen gegenüber zwanzig Mitbewerbern, unter ihnen vier ordentliche-Professoren anderer italienischer Universitäten; und 2. daß Dr. Philippson, obgleich mit Török in Budapest zusammen der Begründer der anatomisch-genetischen Richtung in der Diagnostik der Hautkrankheiten, in Deutschland nicht einmal eine simple Privatdozentur erlangt hat. — Wieder einmal der Beweis, daß man bei uns in Deutsch» land selbst den hervorragendsten Kräften ihr Judentum nicht verzeihen kann. Mederbronn i. Eis. Hier starb plötzlich der Rentner Salomon Ury, Bruder des Oberrabbiners in Straßburg. Ter Verstorbene gehörte früher dem Gemeinderate an, war lange Jahre Präsident der isr. Kultusgemeinde und bis zuletzt Mitglied des Vorstandes der Sparkasse. Er war ein streng rechtlicher, allseits geachteter Mann. Nantes (Frankreich). Oberstleutnant Lsvh wurde zum Direktor des Genrekorps ernannt. Aus -er zionistischen Bewegung« Frankfurt a. M. Der Borstand der zionistischen Vereinigung spricht die Erwartung aus, daß bei den am nächsten Mittwoch stattfindenden W ahlen der isr. Gemeinde sämtliche Mitglieder an der Wahlurne erscheinen und ihre Stimmen den Kandidaten des Zentralvereins (den Herren Max Bauer, T-r. W. Hanauer, Benny Oppenheimer) geben: Stratzburg i. Elf. Am Samstag, den 2. Dez. fand im großen Aubette-Saal eine von circa 1000 Personen, besuchte öffentliche Versammlung statt, in der Herr Dr. Phil. Karl Dannenberg aus Metz in ergreifender Weise „lieber die Judenmetzeleicn in Rußland" sprach. Zur Kundgebung der Trauer erhob sich die Versammlung von ihren Sitze» und es ivurdc folgende Resolution einstimmig angenommen : „D i e heute vom Straßburger Zionistischen Verein im großen Saale der Aubette einberufene Versammlung d r ü ck t ihre t i e f st e Entrüstung aus über die entsetzlichen Greueltaten in Rußland. Sie protestiert gegen die Untätigkeit der russischen Behörden in diesen Schreckenstagen u. verspricht, nicht nurzur Linderung deraugenblicklichen Not nach Kräften beizutragen, sondern auch an der endgiltigen Lösung der Juden frage mitznarbeiten. — Am Sonntag, den 3. Tez., fand hier eine Sitzung von Vertretern der zionistischen Ortsgruppen Elsaß-Lothringens statt, in der sich die 3 Ortsgruppen Mühlhausen, Straßburg und Metz zu einem Gruppenverbandc mit dein Hauptsitz in Straßburg zusammenschlossen. Tie Schekelzahler der 3 Bezirke Ober-, Unter-Elsaß und Lothringen gehören zu den Ortsgruppen ihres Bezirks. Aus der Lehrerwett. Berlin. Der Entwurf eines Gesetzes über die Unterhaltung der öffentlichen Volksschulen, den die preußische Regierung dem Abgeordnetenhause vorlegt, enthält auch einen Paragraphen, der die jüdische Volksschule betrifft. Dieser Paragraph läutet: § 24. 1) Den Schulverbänden ist überlassen, die vorhandenen öffentlichen jüdischen Volksschulen zu erhalten oder bei der Schulaufsichtsbehörde ihre Auflösung zu beantragen. Ueber das Vermögen der hiernach aufgelösten Schulen wird von der Schulaufsichtsbehörde Bestimmung getroffen. 2) Ten Schulverbänden bleibt ferner überlassen, unter Zustimmung der Schulaufsichtsbehörde ausschließlich für die jüdischen Kinder lediglich mit jüdischen Lehrkräften zu besetzende öffentliche Volksschulen neu zu errichten. 3) An einer Volksschule, an welcher nach ihrer besonderen Verfassung bisher gleichzeitig christliche und jüdische Lehrkräfte angestellt werden konnten, hat es dabei auch in Zukunft sein Bewenden, sofern nicht die Schulverbände eine Einrichtung nach Maßgabe des Abs. 2 bezw. der §§ 19, 20 und 22 beschließen. Den Schulverbänden bleibt überlassen; da, wo es bisher geschehen ist, für den Religionsunterricht der jüdischen Kinder nach Maßgabe des § 21 zu sorgen. 4' Für die Provinz Hannover bewendet es bei dem Gesetz vom 7. März 1868 § 1 Nr. 3, betreffend die Unterstützung des jüdischen Schulwesens der Provinz dürch, den Provinzialverband. Wiesbaden. Den uns vorliegenden Jahresberichten für 1903/04 und 1904/05 des Vereins israel. Lehrer im ehemaligen Herzogtum Nassau entnehmen wir u. a., daß die Zahl der ordentlichen Mitglieder auf 32 gestiegen ist. Neben der Erledigung schultechnischer und praktischer Fragen war der Verein unausgesetzt bemüht, die nassauischen jüdischen Gemeinden zu veranlassen, ihre Lehrerstellen in pensionsberechtigte umzuwanoeln und sie bei der Kommunalbeamten - Ruhegehaltskasse für. den Reg.- Bezirk Wiesbaden anzumelden. Nach dem Rechnungsabschluß belaufen sich die Einnahmen im Jahre 1903/04 auf 1938,30 M, und im Jahre 1904/05 auf 1858,10 Jk, die Ausgaben in den gleichen Jahren auf 379,79 Jk und 630 Jk — Ter Vermögensstand des Vereins betrug am 1. Juli 1905?698,78 Jk Ter Bericht bemerkt hierzu, daß der herein bereits einen Pensionär habe und daß, voraussichtlich bald noch weitere hinzukommen würden. Es sei deshalb unabweisbare Pflicht der ordentlichen Mitglieder, recht fleißig außerordentliche Mitglieder anzuwerben, um so das Vereinsvermögcn immer .mehr zu heben. Karlsruhe. Das neueste Verordnungsblatt des Grotzherzogl. Oberrates der Israeliten meldet folgende Veränderungen in der Besetzung der Religionsschullehrerstellen: Jakob Lewin seither in Lorsch nach Randegg, Sally Rosenfelder in Eubigheim nach Buchen, Nathan Adler von Külsheim nach Eubigheim, Kantor Simon Metzger von Sulzburg nach Breiten, Samuel Strauß von Berlichingen nach Sulzburg, Jakob Schloß von Thalheim nach Malsch b. E. Auf Ansuchen wurden von ihren Stellen enthoben: Kantor Weiß in Gailingen und Religionslehrcr Jakob Lorchin Untergrombach, letzter behufs Uebernahme der Verwalterstelle der M. A d. Rothschildschen Lungenheilstätte in Nordrach. Sereth (Bukowina). Ravb. Pinkas Burstyn, der Rabbiner unserer Gemeinde, ist im Alter von 86 Jahren verschieden. Der Verstorbene zeichnete sich besonders durch seine tvahrhafte Frömmigkeit aus; er besaß ein vorzügliches jüdisches Wissen und war auch in den profanen Wissenschaften bewandert. Emden. Der „Israel. Lehrerverein Emden- Oldenburg-Bremen" hat regelmäßige Zusammenkünfte eingerichtet, um die spezifisch jüdische Fortbildung