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Neue jüdische Presse · 1905-12-08 · Heft 47 (8.12.1905) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 47 (8.12.1905)
Date
1905-12-08
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. (Jekaterinoslaw) Kosaken, welche die Ruhe wieder tzersteWen. Leider viel zu sM. Biele Juden wie auch Russen sind verwundet, mehr Weiber und Kinder als Männer, und viele, viele tot. Mle Hospitäler in der Stadt sind überfüllt." Petersburg. Auf einen! zahlreich besuchten Meeting, das unter dem Vorsitze von Professor Tarle ragte, verlangte der „Verband der Verbände" die gerichtliche Bestrafung aller an den Judenhctzcn und sonstigen Greueln schuldigen Personen. Odessa, 4. Dezember. 50000 Einwohner, meistens Juden, sind geflüchtet. Kiew. Das hiesige deutsche Konsulat befindet sich auf der Ljachoiver-Gasse in dem Hause eines, reichen Juden Namens Epstein. Ms der schreckliche Pogrom begann, ging Epsteiu's Sohn, ein Student, zum Konsul und bat ihn, er möge Epsteins Hausgesinde gestatten, sich zum Schutze vor den Mördern in des Konsuls Kanzlei aufzuhalten. Der Konsul schlug diese Bitte ohne weiteres ab, — und als der junge Mann ihn bat, wenigstens telephonisch Militär zum Schutze des Hauses zu fordern, wie es auch der französische Konsul getan habe, antwortete der deutsche Konsul: „Für mich habe ich keine Angst, und Fhrgehtmich nichts In der Wohnung des Herrn Epstein befanden sich 53 Personen, da auch eine Anzahl seiner Bekannten, die im Hause des deutschen Konsuls vor den Mördern sicher zu sei» glaubten, bei ihm Zuflucht gesucht hatten. Es blieb den Leuten nichts anderes übrig, als schnell bei mitleidigen Nachbarn sich zu -verstecken, denn sonst wären sic des Todes gewesen; — liehen doch die Mordbanden in der Wohnung Epsteins keinen Stein auf dem anderen! Schweiz. Ber«. Ei» schöner Gedanke wird zur Unterstützung der Notleidenden in Rußland von der hiesigen Universität in. den nächsten Tagen in die Tat umgesetzt. Es wird ein Zyklus von vier Vorträgen veranstaltet, die alle das Wesen der Toleranz behandeln. Professor Dr. Stein spricht über „Toleranz in der Philosophie", Professor Dr. Marti über „Toleranz in der Religion", Professor Dr. Hilty über „Toleranz im Staatsrecht", Professor Dr. Woker über „Toleranz in der Universalgeschichte". Der Ertrag der Veranstaltung wird dem erwähnten Zweck zugeführt. 0 leaUTefon. 0 Zu „Haskoras - N'schomaus". Von W. Senjcs. Im jüdischen Krankenhaus zu Sch. herrscht eine lebhafte Bewegung. Die Kranken haben den Wunsch geäußert, heute Gottesdienst mit Minjan zu haben. Vom großen „Saale" wurde alles Möbel, die langen Bänke ausgenommen, entfernt. Ml die eine Wand wurde der zum Krankenhaus gehörende kleine heilige Schrein mit den Thorarollen angebracht, nebenan ein kleines Tischchen als Vorbeterpult; an die übrigen Wände wurden Krankenbetten ausgestellt, mitten im Saale ein großer Tisch als Mmemor, daneben einige lange Bänke — und so wurde der - „Saal" in eine Synagoge umgewandelt. Für die Frauen wurde ei» anliegendes Zininicr zugerichtet. Wären die Betten nicht da, würde die „Schul" ein ganz gewöhnliches Aussehe»! haben. Diese wurden für diejenigen Kranken, die noch bettlägerig waren, zübereitet. Die „Schul" ist nun in Ordnung und die „Gemeinde" beginnt sich anzusainmeln. Mit blassen abgezehrten Gesichtern, in weißer Tracht wie ain Bersöhnungstag, schreiten sie langsam, sprechen leise nur gezählte Worte, als ob sie fürchteten, die feierliche Stille zu unterbrechen. Die „Gemeinde" sieht den Toten ähnlich, die sich um die Mitternachtsstunde in der Synagoge versammeln, um dort zu beten. Mau setzt sich, wo es sich gerade trisft. Bevorzugte Plätze für vornehmere Mitglieder gibt es da nicht,, auf „Kibbud" wird nicht geachtet: fein Ueber-, kein Untergeordneter. . . . R. Arieh der Schauchet, R. Atosche-Chaim der „Mnagen" (Sänger, Gesangskundiger), Jankel der Schmied, Jtzig der Metzger, Berele Grünholz und all die übrigen — alle fühlen sich als Gleichgestellte, als Brüder. IM Gegenteil: R. Mosche-Chaim sieht sogar mit Achtung — und vielleicht auch etwas neidisch — zn Fankcl Schmied empor, den man als Halbtoten mitten auf der Straße anfgelesen hat, während er, R. Mosche-Chaim, auf seiner Dachstube stufgefunden wurde. Mle sind sie Brüder. Eines jeden Herz fühlt seines Nächsten Leiden. Ein jeder ist bereit, sein Frankfurter Israelitischer Fmmlienblatt. Rr. 47. Leben für den anderen hinzugeben. Während der drei Wochen, die sie beisammen im Spital zubrachten, schlossen sic sich einander sehr eng an: eine Hand hatte sie geschlagen, ein Unglück hatte sic getroffen und eine Seele tvurden sie. Die „Gemeinde" ist bereits versammelt. Eine recht zahlreiche Gemeinde. Vorläufig sind nur die gekoimnen, die schon gehen könne». Einer ans ihrer Mitte betet vor. Fast alle sprechen das „Kuddischgebet" mit. Dies hat seine Wirkung auf die Leute, sic suchen aber sich 'zu überwinden; sic wissen, daß es unter ihnen solche Kranke gibt, denen jede Aufregung verhängnisvoll werden könnte, und sie halten die Tränen zurück. Das Kuddischgebet »vird schnell heruntergeleiert, kaum daß man die einzelnen Worte unterscheidet. . . . Das Schachrisgebet verläuft ruhig, nur daß ab und zu schwere Seufzer laut werden; daran hat inan sich aber schon gewLh'nt. Das „Leinen" dauert etwas länger. Es iverdcn fast alle Anwesenden zur Thora ausgerufcn. „Maphtir" ist R. Mosche-Chaim Mnagen. R. Mosche-Chaim ist ein sehr angesehener, frommer, wohltätiger und vor allen Dingen menschenfteundlicher Mann. Er ist gutherzig, für jeden zugänglich und allgemein beliebt. Er ist als großer Mnagen bekannt, obgleich er nur einmal im Jahre vorzubete» Pflegt, nänrlich am Versöhnungstag in der großen Synagoge.. Bei dieser Gelegenheit drängen sich die Leute aus allen Botö-Midraschim in die große Synagoge und man glaubt vor lauter Weinen geradezu vergehen zu müssen. Er besitzt eine wunderbare Stiunne und ist lvcgen dieser Eigenschaft nicht bloß unter Juden bekannt. Selbst die Mordbrenner oben auf der Dachstube drangen in ihn, er solle doch singen; da er sich aber weigerte, wurde er mit cincin Messer am Hals verwundet. „Soll der Jud' singen"! Glücklicherweise war aber die Wunde nicht gefährlich, so daß er sich jetzt schon ziemlich gut fühlt. Die Kranken haben zunächst alle das „Gaumelgebet" (Dankgebet für die Errettung aus sicherer Gefahr) gesprochen. R. Mosche-Chaim verspürt die Lust, sein Herz vor dem Herrn der Welt auszuschütten. Er fühlt sich, »vie a»r Jaum-KiPPur. Eine gehobene Stiininung herrscht in der „Schul", das Herz ist von Hoffnung und Glauben übersüllt; die' Leide» sind groß, unsagbar groß, und doch ist ihm so leicht, so gut zu Mite, »vie vor dein Neilah- Da man. aber R. Mosche-Chaim nicht zu Musaph vorbeten lassen will, aus Furcht, die Anstrengung könnte ihm schaden, so bittet er, es möchte ihm doch wenigstens erlaubt sein, „Maskir-N'schomaus" Bei dein Worte „Maskir-N'schomaus" geht ein Schauder durch die „Schul". An R. Mosche-Chaim denkt niemand mehr. Dies war ja die Hauptsache, um deren willen man sich hier versammelt hat. In der Frauenabteilung entsteht bereits ein lautes Schluchzen. Die Männer greifen unter. Man trägt die bettlägerigen Kranken herein, die keineswegs während der „Haskoroh" draußen bleiben wollten, und das Geweine wird noch stärker. Man zündet Lichter an. Wer irgend iinstande ist, erhebt sich von - seinem Platz. Einige von den Bettlägerigen bitten, man möchte sie doch wenigstens in „Talesim" cinhüllen. Die jüngeren, ledigen, bitten nin „Tfilaus". Zwei Männer stellen sich mit den Thorarollen in der Hand an den Mmemor. . . . R. Mosche-Chaim hüllt »lit bebenden Händen sein Haupt in den Talis ein. .... Tas Gestöhne wird lauter, das Schluchzen heftiger, das Geschrei furchtbarer. R. Moschc-Chaim versucht einigemal anzufangeu, kann aber keinen Laut hervorbringcn. . . . Die Kehle ist ihm lvie zusammengeschnürt, er atmet kaum. . . . Für einen Augenblick wird cs still.Die Stille ist aber noch entsetzlicher als all das Geschrei. In der Stille werde,! Qualen laut, die keine 'Seufzer, keine Tränen, keine Jämmcrrnfe auszudrückcn vermögen. .... R. Atoschc-Chaim macht eine heftige, konvulsive Beivagung, als ob er sich von fremden Händen befreien möchte. Er vergißt, daß ihm lautes Sprechen verboten ist, er strengt alle seine Kräfte an und aus voller Brust bricht es mächtig hervor: „Gedenke, o Herr! der Seelen" .... Weiter hört man keine Worte mehr. Ströme von Tränen, heißen, siedenden Tränen, ergieße» sich; schwere Seufzer voll nnmcnschlicher Qualen, wahnsinniger Leiden und. abgrundtiefer Schmerzen vereinigen sich zu einem furchtbaren, grauenerregendem Geschrei. . . .". Das Geschrei würgt und brennt. .'. . Tos Geschrei ist getränkt von Blut, von Elend und Not. .... Im Geschrei vernimmt man das Unglück eines jeden, das Unglück eines ganzen Volkes. — O mein teurer Sohn! .... — 4lch, meine Lea, mein Juivel, meine Krone, mein Herz ...... — So jung,, so jung. . . . Mein Augapfel! . . — O, Hütten sieinich doch lieber getötet, statt deiner, meine einzige, einzige Tochter! . . . R. Mosche-Chaim hat das Haupt sinken lassen. Er hält sich kaum auf den Beinen.-. . . Das Wehklagen in der „Schul" erinnert ihn an ein anderes Wehklagen; er Hört die Stimme seiner Frau und erinnert sich an ihre Stimme, wie er sie unter ganz anderen Umständen vernahm. Ihre leisen, bitteren Seufzer,' die ihm das Herz zerreißen, werden ihm gegenwärtig. Er vernimmt einen schrecklichen Lärm, ein wüstes Getriebe, ein Geheul, ein gellendes Gelächter, von lvelchem ihm das Blut in den Adern stockt, ivährend er in seinem Versteck zusammengekauert liegt und all das Weinen und Schluchzen unterdrückt, all die Qualen und Leide» in sich be- Tas Schluchzen im Saal wird immer heftiger, die Jammerrufe immer erschütternder — und R. Mosche-Chaim vernimmt immer lautere, näher kommende Hilferufe, imnier stärkern Lärm, immer wilderes Gelächter .... Die Wände erbeben, ihm wird schwindlig. Deutlich, als ob sich dies alles jetzt abspielte, hört R. Mosche-Chaim einen Stoß gegen die Türe, einen zweiten, einen dritten und zwei mit Blut unterlaufene Augen tauchen aus, er sieht ein brutales, versoffenes Gesicht und in seinen Ohren ertönen rohe, schreckliche Worte: „Sing', Jud!" Ein Schauder überlänft ihn ganz, die Kehle würgt vor Krämpfen; er ersaßt aber den Kopf mit beiden Händen und in leidenschaftlichem Ansbruch ertönt es: „. . der Helden . . die getötet . . hingeschlachtct . . . und erwürgt wurden . . . um der Verherrlichung des Namens (Gottes) ivillcu". ... Ei» donnerndes Stöhnen durchzittert den Saal. .... Die sonst liebliche Stimme R. Moschc-Chaims klingt jetzt scharf und bitter. Sie drückt den wahren „Sinn der Worte" aus, der jetzt von allen begriffen wird. Es ist ein inbrünstiges Gebet und eine furchtbare Frage zugleich: „Waru»i, o Herr! Warum?".. R. Mosche-Chaim wiederholt: „. . . schehumsu . . . schenehergu . . . schenisch chatn . . . w'schenechnckn . . 7>al Kiddusch-Ha-Schem!" Es ist, als ob ein Herz bluten, eine Seele jammern würde!.Was hier ’im Saale mit den Lebenden oder mit den Kaumlebenden vorgeht, niinmt kein Mensch wahr. Man sieht, man fühlt nur: „Die Seelen der Helden ... die getötet ... hingcschlachtet .... und erlvürgt ivurden" . . . Jedes Wort — eine lodernde Flainmc, der Saal - — ein Flammenmeer. . . Tas Feuer ergreift das ganze Spital — das Spital schluchzt. . . . Ter Hof, •. von Juden voll, schluchzt. Vom Hose verbreitet sich das schauerliche Geschrei auf die Straße — die Straße schluchzt, die Natur schluchzt, Gott schluchzt! ... R. Mosche-Chainis Stimme hört man nicht mehr;' er ist ^heiser, röchelt und schreit immer: —„schenehergu . . . schenisch chatn . . . schenechneku .... al Kiddnsch-Haschem!" . . . Jedes Wort entringt sich seiner Brust mit einem Strom von Blut, er aber spürt es nicht .... Menschen fallen um ihn her, werden ohnmächtig, er aber ereifert sich immer: „Schenehergu, schenischatü . . . schenischatu .... schenechneku". . .. Er kann sich von den Worten nicht losreißen. Erfühlt, er erlebt alles, was er spricht, was er schreit. Er erlebt ein zweites Mal die Ereignisse der letzten Wochen, dazu aber reichen seine Kräfte nicht mehr Und als die Leute, die sich in den Saal stürzten, unter anderen Kranken auch den ohnmächtigen R. Mosche-Chaim zu Bewußtsein zu bringen suchten, flüsterten seine Lippen noch immer: . . . schenehergu . . . schenischchatu . . . al Kiddnsch-ha-Schem .... / (Deutsch von M. G.) Bor dem Untersuchungsrichter. Von I. S t e i n b e r g. Uebersetzt von L. Caro. Wie durch ein Wunder hat er sich gerettet. Und er erinnert sich an alles, vom. Anfang bis zu Ende. Aber jede Episode taucht in seine,» Hirn ganz einsam auf, ohne jeden' Zusammenhang mit dem Vorhergehenden und Darauffolgenden: als ob dann. die Zeit nicht regelmäßig abgelaufen wäre. ... ' Und darum prägte sich jede Episode besonders markant, ja fast mit einer greifbaren. Anschaulichkeit seinem Gedächtnis ein; als ob alles sich eben vor seinem Auge ereignet hätte. - *

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