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Neue jüdische Presse · 1905-12-08 · Heft 47 (8.12.1905) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 47 (8.12.1905)
Date
1905-12-08
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 47. ... Er sitzt im Laden am Tisch. ... Tas Klirren von zerbrochenem Glas. . . . Ein Stein fällt auf das Schreibzeug, das auf dem Tisch, steht. . . Tie Tinte strömte in kleine Bächlein aus und ergoß sich in die Spalte des Brettes. Popow . . . Abrikonow . . . Rote Zahl. . . Es waren dies die Etiketten auf den Kisten mit Tee und Konfitüren und die rote Zahl auf dem Kalender, wohin sein Blick sich zufällig verirrte. lind er erinnert sich nun, was sich dann auf der Straße zugetragen. . . . Stimmen und Gesichter vermengten sich miteinander, doch Jeder im Einzelnen prägte sich tief in sein Gedächtnis ein. Bruchstücke von Geschreien aus den Fenstern, ans den Straßen und seiner eigenen Seele. . . Sieht er es denn? hört er es? . . . Er kann sich hier nicht znrechtfinden. Und. wiederum Geschreie — sie entsteigen ja seiner Brust. . . . 'Uber hier ist es ihm unklar. Er sieht sich auf dem Boden liege», nicht im Laden, sondern in der Wohnung. . . . Und dort sind drei Barfüßler. . . . Seine Frau liegt auf dem Boden. — Sonderbar: zwischen dem Kvpf und den Schultern ist eine Oesfnung. Tie Tochter wehrt sich gegen zwei Barfüßler. . . . Er möchte aufstehen — und kann nicht. .' . . Er möchte aufschreien — und kann nicht. . . Sein Körper gehorcht ihm nicht mehr. Tie Tochter wehrt sich . . . fällt und erhebt sich wieder. . . . Ter dritte Barfüßler untersucht seine Taschen und die Kisten. . . Tie Tochter fällt nun. . . . In der Hand hat sie einen Büschel Haar. . . . Und es ist ihm wiederum Wie durch ein Wunder hat er sich gerettet. Und er ist davon fest überzeugt, daß er sich nicht dazu gerettet hat, um noch einige Pfund Fleisch zu verzehren oder noch.einige Flaschen Wein zu verschlucken: sondern um gegen die Mörder als Zeuge aufzutreten! .... Er steht vor dem Untersuchungsrichter und übergibt ihm Fakten und Bruchstücke von Fakte». Seiner Aussage schloß sich auch noch ein Jude an, der drei ihm bekannte Strolche sah. Einen von diesen dreien führte man dem Untersuchungsrichter vor. Ter Beschädigte sah ihn au und lvankte zurück. Ter Untersuchungsrichter befrachtete den Beschädigteil mit einem versteckten Lächeln. Man merkte es, daß er ihn einer künstlichen Bewegung verdächtigte. — „Haben Sie ihn erkannt?" Tiefer atmete schwer auf, schüttelte mit dem Kopse uild sprach: „Ja, ich erkenne ihn. Tas ist nicht der Mörder meiner Frau und auch nicht der Mörder meiner Tochter." _ ' Tie Spottlust des Untersuchungsrichters verschwand alsbald. — „Erklären Sie cs!" — „Einfach: er konnte ja nicht morden, denn er war doch mit dem Plündern beschäftigt." — „Betrachten Sie ihn mal ganz genau! Vielleicht?" .... — „Es ist überflüssig: ich erkenne ihn ausgezeichnet! Man verdächtigt ihn wirklich einer Mordtat, aber dieses Mal kamen ihm Andere zuvor". — „Tvch vielleicht haben Sie ihn nicht deutlich angesehen?" — „Zwei Mörder haben Zeichen bcibehalten. Einer blieb ohne Rase, dem Anderen ist die Spitze des rechten Ohres abgebissen. Ten Einen biß meine Tochter ein, als sie sich von ihm losmachte, und den Andern? — ich weiß nicht: wer; vielleicht hat cs meine Frau getan." — „Und dieser?" Ter Jude warf auf ihn einen Blick voll Haß und Verachtung. Ter Untersuchungsrichter war ganz verblüfft. Er wurde gewarnt, daß die Kläger gut ausgefragt werden müssen; man begann sie zu verdächtigen, daß sie auf bloße Vermutungen hin und mir aus Rache verklagen. Und nun sieht er: dieser Jude kennt wohl die Folgen einer falschen Zeugnisaussage, und kein Haß und keine Feindseligkeit kann ihn von der Wahrheit abbringen. Er wurde nachdenklich. Ter Untersuchungsrichter Wassily Mirouowitsch Karpow war kein Antisemit, aber er hat sich auch nicht durch gute Gesinnung gegen die Juden ausgezeichnet. Er verhielt sich zu ihnen sehr mißtrauisch: Er wußte, wie sehr schwach und unrichtig die Beschuldigungen der Antisemiten sind. Er begriff, daß man doch einer solchen großen Menschenmasse, die im Laufe einer Reihe von Jahrhunderten in einem Orte heranwuchs und sich entwickelte, nicht sagen kann: Ihr habt kein Recht ans. diesen Ort, weil Euere Ahnen nicht hier geboren wurden. Er begriff, daß, wenn man nur einmal zu einem solche» Schluß kommt, so dürfte danach kein Mensch in der Welt als der eigentliche Bürger gelten. Er wußte auch, daß eine Erklärung des Antisemitismus aus ökonomischen Motiven unbegründet ist.' Hätte man die Juden in ihrem unglücklichen Handel nicht-noch durch schärfere Maßregeln und Einschränkungen bedrängt und zur selben Zeit ihnen Frankfurter Israelitischer Famllienblatt. die Möglichkeit gewährt, sich der Erbarbeit zu widmen, sie würden sicherlich das Letztere anstatt ihrer unbestiinmten Existenz gewählt haben. ... Es ist ja ein allgemeines Gesetz, das für alle Völker gilt: aus zwei Nebeln wählt man das kleinere; nach seiner Meinung aber hat Niemand das Recht, den Juden den Handel zu entziehcik, da sic doch schließlich die größte Fähigkeit auf diesem Gebiete ausweisen und das wünschenswerteste Element auf diesem Leistungsfeld bilden. Er wußte, daß all die Unruhen und Exzesse, die über die Juden so viel Elend bringen, nicht etwa ein Volksprotest gegen sie sind — wie es manche versichern — sondern lediglich die Resultate der Hetzereien einzelner Personen, die unter dem unwissenden Pöbel falsche Gerüchte und grobe Erdichtungen zu verbreiten suchen. Er wußte, daß es noch unsinniger ist, die Inden zum Ruhm eines Glaubens, weil sie einem ander» Glauben huldigen, zu verfolgen. Nach seiner Ansicht ist die beste Seite einer Religion — ihre moralische Seite; und es gibt keine Religion auf der Welt, die nicht mindestens etwas Sittliches enthalten sollte — umsomehr die jüdische Religion. Wenn gar Viele an den Kriegen der Griechen, und die Russen an dem Kriege der Bulgaren und Serben sich beteiligt und ihr Blut dafür vergossen haben, weil die Ahnen der Einen berühmte Weise und die Ahnen der Anderen — Apostel des Christentums waren: umsomehr sollte man derselben Verdienste halber die Juden in Schutz nehme». All dies wußte er ganz gut. Aber er hatte eine Schwäche: sobald cs sich um die Bcschnldignng der Juden betreffs Gebrauchs von Blut zu rituelle» Zwecken handelte, da verlor er seine» gcsnndeii Menschenverstand. Viele Ntsacheii waren dabei. Tie Hanptursache war seine Fra», Maria Wassiljewna — eine Jüdin, die sich getaust und ihn da»» geheiratet hatte. Er liebte und schätzte sie, als sie noch ei» Mädchen war und im Hanse ihres Vaters lebte. Tie Lage der Dinge veranlaßte sie zur Taufe. Toch hat er selber anerkannt, daß all die Eigenschalten, die er in ihr fand, ihrem jüdischen Wesen zu verdanken seien. Tiefe Bescheidenheit, diese Unschuld, diese schöne Vereinigung des logischen Berechnens mit den Gefühlsfordcrungen — all dies fand er in ihr in viel größerem Maße, als in irgend eine», ander». Er war schon müde der frühzeitigen Lebensstnrme und strebte ein ruhiges Familienleben an, und besseren Mädchen als sie begegnete er nicht. Sie gehörte zu jenen Kreisen, Ivo die Taufe keine seltene Erscheinung war; in einem engen Verkehr stand sie mit den Juden ihrer Stadt nicht. Tnrch ihre Taufe ist die Zahl ihrer Feinde nicht größer und die Zahl ihrer Freunde nicht kleiner geworden. Kamen Juden in geschäftlicher Angelegenheit zum Untersuchungsrichter, so empfand er es als ei» Bedürfnis, ihnen freundlich zn sein — tvegen seiner Aber sie dagegen war ihnen nicht entgegenkoin- Weitn zil ihnen irrtümlicheriveise ei» jüdischer Bettler kam, jagte sie ihn barsch sort. Wenn bei ihren Gästen 'das Gespräch auf die Judenfrage kam, nahm sic sehr niiger» daran teil. Manchmal pflegte sie sich über die Frage so zu äußer», daß selbst die „Rowoje Wremja"*i damit zufrieden sein könnte. .... ' Unter den Personen, die bei ihnen verkehrten, waren Aerzte, Juristen und andere intelligente Juden. Er war ihnen sehr liebensivürdig. Sie aber sagte ihm einst daß ihr diese Besuche unangenehm seien. Ihre Beziehungen zu ihren gewesenen Mitbrüdern erweckteit iic ihm Argtvohn. Ter Untersuchnngsrichter Wassily Mironoivitsch war kein besonders tiefer Psycholog. Er ivnßte nicht, daß eine solche offenbare Verachtung die Folge verborgener Liebe sein kann. Er wußte nicht, daß, wenn Jemand eine bestimmte Meinung oder festgelegte Beziehungen ändert, um ein praktisches Ziel erreichen zu kömieii, so bleibt er auch dann unzufrieden, wenn das Ziel bereits erreicht ist. Ein solcher Mensch wird sich immer zwischen zwei Anziehungskräften befinden, die sich nie vereinigen. Sie ziehen ihn an, stoße» ihn ab, und verursachen ihm viel Leid. Er hat immer das Bedürfnis, sich an jener Macht zu rächen, die ihn so sehr yuält. . . . Karpow fand abernicht de» offenbaren wesentlichen Grund für die Verachtung, die seine Frau ihren Mitbrüdern bekundete, und er begann einen versteckten Grund zn argwöhnen. — Alle sprechen ja von Geheimnissen des Kahals, Aiiatheiiie», Geiübdeneiitbiiidliiigeii und von sonderbarem Aufhüpsen vor dem Monde. . . . Vielleicht, vielleicht ist ihr Haß daraus entstanden, weil sie von verschiedenen schwere» Verbrechen weiß, die im Kahal begangen werden? .... Tiefer Verdacht war nicht neu. Er beobachtete das Verhältnis der intelligenten Inden zu den Christen. Er bemerkte da eine gelvisse Unnatürlichkeil. de» Wunsch, sich zu zeigen. Ihr Mitleid mit den Richtjudeil schien ihm übertrieben zu sein, insbesondere in ■*) Ei» gut bewährtes aiitisemitisches Tageblatt in Rußland. Seite 5. Anbetracht des gleichgiltigc» Verhältnisses zn den Ihrigen. Es schien ihm, daß in beiden Fällen nur Gekünsteltes und Absichtliches sich kundgebe. Es genügt nun, sie um eine Spende zugunsten irgend welcher suche zu ersuchen — für eine katholische Kirche, für Errichtung eines Kcankenhauses in irgend einem Torfe, nur nicht für eine jüdische Institution — und jie find für Alles zu baden, sie spenden gleich milde Gaben. Manchmal vernahm er im Tone ihrer Gespräche eine 'Art von Bitte um Entschuldigung. Es war für ihn klar, daß. wenn ein intelligenter Jude Richter wäre und vor sich einen Juden und Nichtjnde» hätte, so würde der Letztere den Prozeß gewinnen. (Schluß folgt.' Kunst und Literatur. Meyers Großes K o n v e r s a t i o n S l e x i k o ». Ein Nachschlagewerk des allgemeinen Wissens. Sechste, gänzlich »eubeacbeitete und vermehrte Auflage. Mehr als 148 000 Artikel und Verweisungen auf über 48240 Seiten Text mit mehr als 11000 Abbildungen, Karten und Plänen im Text »nd aus über 1-1044 Jllustrativnstasel» (darunter etwa IW Farbeiidriicktafeln und 803 selbständige Karten-Bei- Ogen) sowie 180 Textbeilage». 20 Bände in Halbleder gebunden zn je 10 Jk oder in Prachtband zn je 12 Jk. (Verlag des Bibliographischen Instituts in Leipzig und Wien.) Der XL Band von Meyers Großem Konversations-Lexikon ist, durch die alphabetische Anordnung bedingt/ so recht für den Hausgebrauch geeignet. Er ist ei» vortrefflicher Berater in internen, die Familie, de» vansstand betreffenden Fragen, denn die Gesundheitspflege kommt in ihm besonders zur Geltung. In den Artikeln „Kind" und „Kinderernährung" -ist sehr viel Wichtiges enthalten, das allen- Eltern zur Beherzigung empsohlen wird, desgleichen geben die Abhandlungen über „Kleidung", „Kost" für die allgemeine Lebensführung sehr zn beachtende Regeln, gestützt auf gründliche medizinische Beurteilung. Für Krankheilssällc und für die allgemeine Hygiene ist ein Vertiefen in die prächtigen Anssätze „Krankenpslege", „Krankheit", „Krankentransport" anzuratcn. Viele 'Artikel über Einzelkrankheiten, wie „Kindbettfieber", „Knochenerkrankungen", „Kolik", „Krampf", „Krampfadern", »krebs", „Kropf" und „Kurzsichtigkeit" werden gleichfalls mit großem Interesse gelesen. Sowohl für die Hausstände wie für Gewerbtreibende bringt der Artikel „Krankenkassen" Aufklärung in häufig auftretenden Fragen, desgleichen sind die juristische» und. handelsrechtlichen Artikel über „Klage", „Konkurs", „Kredit", ferner die Ansschliisse über „Kurs" und die Tabelle der deutschen Konsulate im Ausland wichtige Hinweise fürs geschäftliche Lebe». Hochinteressant nicht nur für den Juristen sind die Abhandlungen über Kriminalität" und „Kriminalstatistik", denen ebenfalls sehr instruktive Karten über die Häufigkeit krimineller Fälle in den mittclenropüischen Staaten beigegeben sind. Zur ästhetischen Erbauung sind die Abschnitte über „Kunstwissenschaft", „Kulturgeschichte" mit dem trefflich illustrierte» 'Abschnitt „Kostüm", „Kunstgewerbe". „Kupserstecherkunst" und „Kirchenbaukunst" sowie die literarischen Aufsätze über die deutschen Klassiker „Kleist", „Klopstock". „Körner" geeignet. Tie Geographie findet ihre Rechnung in der umfassenden Behandlung des für uns lvegcn der Anatolischen Bahn wichtigen „Kleinasien", des im Ostasiatischen Kriege eine große Rolle spielenden „Korea", des „Kongostaats", „Kolumbiens",, „Kretas", der „Kordilleren", die Geschichtswifsenschast in den Artikeln über die „Kreuzzüge", den „Krimkrieg", den „Kirchenstaat" und allgenieine „Kirchengeschichte". — Tie Ausstattung ist wiederinn eine ausgezeichnete. 70 schwarze und farbige Tafel» und Karten sind dem Band als Beilagen beigegebe», darunter. 21 ganz Literarisches W a u d e r b u ch v o n G n st a b K a r p e l e s. Neue Folge: Slawische Wanderungen, 31V S. (brosch. Jk 5, geb. Jk 0,30). Berlin, 1905. Allgemeiner Verein für Deutsche Literatur. Von den Slawischen Völkern trennt uns nur die unsichtbare Grenzlinie, Menschenmengen ,u>ten hinüber und herüber, — und dennoch ist uns ihr Gefühls- und Geistesleben so sremd, als lägen Hunderte uon Meilen zwischen uns. Dieser Umstand hat zum Teil darin seinen Grund, daß dje Slawischen Völker erst in dem letzten Jahrhundert eine eigenartige Literatur, die Beachtung in der Weltliteratur verdient, hervorgebracht und somit erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit uns Westeuropäer zur Beschäftigung mir ihnen veranlaßt habe». Doch der eben zu Ende geführte rnjsisch-japanische Krieg und die augenblicklich in Rußland tobende Revolution mit ihren uns häusig psychologisch rätselhaften Erscheinungen müssen in jedem Gebildeten das Verlangen zn einem brennenden machen, in die Persönlichkeit des slawischen Menschen tiefer einzudringe», als cs die Bekanntschast mit den Werken Tolstoi's, Turgeiijefs's, .Kraszewski's und einiger anderer vermochte. Es ist deshalb ein Verdienst des geschätzten Knlturhistoriters Karpeles, seine bedeutenden Kenntnisse auf dem Gebiete der slawischen Literaturen in Verbindung mit den persönlichen

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