Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 47 (8.12.1905)
- Date
- 1905-12-08
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 47. mau die Jude» zu Urhebern der Revolution stempelte; und dies geschah — man höre und staune! — durch die Presse der s r e i e u deinokrati - scheu Schweiz! Was ist natürlicher als eine Verherrlichung der Märtyrer der Freiheit für ein freiheitsliebendes Volk wie die Schweizer! Aber der vererbte Judenhaß bringt alles fertig! Tie Juden Rußlands sind revolutionär — und die Christen? — von den Behörden und Straßcn- Hooligans abgesehen — wie steht's mit denen? Trifft denn wirklich die Behauptung, daß alles, was jüdisch denkt und fühlt unter den Jude», revolutionär sei, zu? — Es ist eine Tatsa.che, daß die Mehrheit der jüd. Bevölkerung Rußlands eher konstitutionell als revolutionär ist. Ties mußte auch der schweizerischen Presse bekannt sein. Aber was nützen alle Tatsachen, der Judenhaß bringt auch bei den Temokrateu alles Aus aller Wett. Deutsches Reich Frankfurt a. M. Wir machen sämtliche Mitglieder der hiesigen israelitischen Gern e i n d e, denen an einer Förderung der jüdischen Interessen innerhalb der Gemeinde gelegen ist, darauf aufmerksam, daß es ihre Pflicht ist, den Besuch der Sonntag, den 10.' dss. Mts., abends SVs Uhr, im großen Saale des Kaufmännischen Vereins, Langestr. 26, stattfindenden öffentlichen W ä h l e r v e r s a m ni l n n g nicht zu versäumen. Berlin, 6. Dezember All der H i l f s a k t i o n für die russischen Juden beteiligt sich auch der Odd- Fellow-Orden. Der Groß-Sire für Deutschland- Herr Paul Gerlach, veröffentlicht einen Aufruf an alle Angehörigen des Ordens, worin er zur Einsendung von Spenden an den Großsekretär, Herrn Meyendorf auffordert. Einige Logen haben bereits größere Beiträge gesammelt. München. S t a t i st i k. Bayern zählte im Jahre 1871 unter 4 852 626 Einwohnern 50 648 Juden und im Jahre 1900 unter 6176 057 Einwohnern 54 928 Inden. Tie jüdische Einwohnerschaft stieg in Würzbnrg von 1099 im Jahre 1867 auf 2567 im Jahre 1900. In denselben Jahren waren jüdische Einwohner in: München 2097 — 8739; Nürnberg 1254 — 5956; Augsburg 449 — 1171; Fürth 3116 — 3017; Kitzingen 57 — 463 und Nördlingen 69 — 408. ZeitschL. f. Temogr. u. Stat. d. Inden. Nürnberg. Bei dem hiesigen Hilfskomitee sind bis jetzt JL 113 000 für die Opfer der russischen Massakres eingegangen. Würzbnrg. 5. Dez. Ein Komitee, das sich aus Vertretern der 3 hiesigen jüd. Verbindungen und nicht inaktivierten Studenten zusammensetzte, veranstaltete zu G n n ste n derOpfcr der Judenverfolgungen in Rußland am verflossenen Mittwoch im Schrannensaale ein Kon zert, zu dem Mitglieder des Stadttheaters (die Tamen Bauer. Englerth und Gau; die Herren Lenz, Groß, Seiler, Werner und Zornitz) ihre glänzend bewährten Kräfte in den Dienst der guten Sache gestellt hatten. D?!ß das Unternehmen völlige Billigung in der gesamten Bevölkerung Würzbnrgs fand, bewies das stattliche Auditorium, das sich eingestellt hatte. Es gewährte eine gewisse Befriedigung, daß zahlreiche nichtjüdische hohe Persönlichkeiten, wie die Gattin des Regierungspräsidenten, Exzellenz von Kobelt, Mitglieder des akademischen Lehrkörpers, der nichtjüdischen Geistlichkeit, der Justizbehörden, durch ihre Anwesenheit Interesse und Mitgefühl für das Elend unserer Stammesbrüder zeigten. Verschiedene Universitätsprofessoren, unter ihnen der Revtor magnificns, überwiesen eine Geldspende, ha sie am persönlichen Erscheinen amtlich verhindert waren und drückten dem Vorsitzenden des Komitees, Herrn Tr. Pinczower, schriftlich ihre Snmpathie aus. — Tas finanzielle Resultat ist .IL 1700. Köln a. Rh. Am Sonntag, den 7. Januar kommenden Jahres, nachmittags 2Ve Uhr, findet hier im Sitzungssaale der Synagoge Roonstraße der Gemeindetag des Provinziäl-Verbandes rhcinischerSynagogen-Ge mein den statt. Die Tagesordnung weist folgende Punkte auf: 1. Bericht des Vorsitzenden. 2. Berbandstag der Deutschen Juden, Referent Herr Hermann Wahl-Barmen. 3. Gründung von Regierungsbezirksverbänden, Referent Herr Simoil Kaufmann-Andernach. 4? .Kassenbericht, Wahl der Revisoren und Dechargen-Erteilung. 5. Wahl des Ausschusses und des Vorsitzenden. 6. Verschiedenes. Alsfeld (Hessen). Die Einweihung der neuerbauten Synagoge, welche jetzt fertiggestellt ist und eine Zierde der' Stadt bildet, findet am 2 9. und 3 0. Dezember statt. Saarlouis. (Städtischer Beitrag zu einer jüd. Leichenhalle.) Von der Synagogengemeinde wurde im Anschluß an frühere Verhandlungen der Antrag gestellt, die Stadt solle zu einem neuen jüdischen Friedhofe, der 62 Ar 46 Quadratmeter groß sein Frankfurter Israelitisches Familienblatt. und mit einer Leichenhalle 18000 JL kosten soll, die Hälfte, also 9000 JL als Zuschuß leisten. Nach eingehender Beratung erklärt sich die Stadtverordnetenversammlung damit einverstanden, daß die Stadt ein geeignetes Terrain selbst erwirbt und der Synagogengcmeinde zu Begräbniszwecken zur Verfügung stellt. Der .Herr Bürgermeister wird behufs der weiteren Schritte das Nötige veranlassen. St. Ludwig i. Elf. Bau einer Synagoge. Es sind ca. 3 Jahre her, da, einer Anregung von Seiten des Präsidenten des Israelitischen Konsistoriums im Ober-Elsaß, Herrn Lazard Lantz, folgend, die in St. Ludwig wohnenden Mitglieder der bisherigen Kultusgemeinde Hüningen-St. Ludwig beschlossen, eine selbständige Gemeinde zu bilden und eine eigene Synagoge zu errichten. Sie gingen bei diesem Entschlüsse von den Erwägungen aus, daß die gemeinsame Synagoge in Hüningcn für die Feiertage ohnehin nicht mehr genüge und daß es beim schlechten Wetter zu beschwerlich ist, den Gottesdienst zu besuche». Infolge der Rührigkeit der Bankommission und ihres Vorsitzenden, H. Emil Weil, hat der Plan des Synagogenbaues nun schon soweit greifbare Gestalt angenoimnen, daß vor einigen Monaten bereits ein Platz in der Nähe des Marktplatzes gekauft werden konnte. Nachdem nun auch der Bauplan von der Kaiserl. Regierung genehmigt worden ist, wurden die Arbeiten am vorigen Mittwoch der Firma Schumacher ans Haltingen übertragen. Selbstverständlich wird Samstags nicht gearbeitet werden. Tie Synagoge muß bis zum 25. August fertiggestellt Oesterreich-Ungarn. Wien. Abgeordnetenhaus. Abgeord. Tr. S tr auch e r: Die vom Ministerpräsidenten nur leise angedeutete Einführung der sogenannten Wahlpflicht ist durchaus unannehmbar. Zunächst weil es praktisch undnrchbührbar wäre, dann aber auch, weil darin ein Mittel gelegen ist, um einen Truck auf die lvirtschastlich Abhängigen anszuüben. Was die Frage der Seßhaftigkeit betrifft, muß man sich mit aller Energie gegen die fünfjährige oder eine der Zeit nach ihr auch nur annähernd gleiche Seßhaftigkeit wenden. Redner bespricht sodann die in jüdischen Kreisen herrschende Bewegung nach Schaff» » g einer nationalen A n t o n o m i e de r I nden s ch a f t. Tiefe Juden betrachten sich wie jedes andere Volk im Reiche als eine polit. Individualität und verlangen ihre Berücksichtigung zunächst auch bei der Schaffung der' Wahlreform. Pl b g. T a s z Y n s k i: Will man Jargongymnasien oder nicht? A b g. D r. S t r a u ch e r: Darum handelt cs sich nicht! Es kann ein Volk, das die Sprache eines anderen Kulturvolkes spricht, doch eine eigene nationale und politische Individualität besitzen. Ob die gekennzeichnete Bewegung der Judcnschaft gerechtfertigt ist oder nicht, bleibe nncrörtcrt, sie besteht, und deshalb muß die Regierung bei der Praktischen Durchführung der Wahlreform ihr einige Beachtung schenken. Uns, die wir in Ländern wohnen, wo große Massen von Inden nebeneinander wohnen, dürfen Sie cs nicht verargen, wenn wir hier die Interessen der jüdischen Bevölkerung verteidigen, die in Angst darüber ist, daß sie bei Schaffung eines Volkshanses unvcrtreten bleiben könne. Prag, 1. Dezember. Heute wurde ein kleiner Anfang mit Plünderirngen von Geschäftsleuten gemacht. Im Prager Trödlerviertel in der Karpfengasse erschien heute ein Trupp junger Burschen und vergriff sich in der panslawistischen Begeisterung, die die Tiegcsberichte des russische» Pöbels erzeugt hatten, an alten Stiefeln, alten Hosen und Ueberziehern. Erschreckt schlosse» alle jüdischen Trödler schnell die Läden. Abends wurden bei mehreren Deutschen die Fenster eingeschlagen, in der Synagoge der Vorstadt Smichow wurden alle F e n st e r s ch c i b e n z e r - Budapest. Eine antisemitische Partei in Ungarn ist die j ün g ste Errungenschaft der Koalition. Nicht mehr verbrämt durch irgend einen Anstandstitel, sondern ganz klipp und klar „christlich-sozial-antisemitisch" nennt sich die neue Partei, die zuerst in Stcinamanger, in dem Komitate Koloman von Szells, in die Oeffcntlichkeit getreten ist. Interessant an der ganzen Sache ist, daß ein Führer dieser neuen Partei, ein gewisser Alexander Gotthard, zum Präsidenten der Kossnth-Partei von Steinamanger gewählt wurde. Als nun einige Mitglieder der Kossnth-Partei ans dieser Partei scheide» wollten, weil sie es mit dem freisinnigen Programme der Achtundvierziger für unvereinbar hielten, daß ihr Präsident sich offen als Christlichsozialer bekenne, richtete F r a n z K o s s u t h folgendes Telegramm „Mit Rücksicht darauf, daß Gotthard die Grundsätze unserer Partei anerkennt, sehe ich keinen Grund dafür, daß er seine Stelle niederlege, ich bitte ihn vielmehr, daß er zur Vermeidung von neuerlichen Verwicklungen auf seinem Platze bleibe. Tie christlichsoziale Partei bewegt sich als politische Partei in anderer Richtung als wir, aber ein Mitglied der U n a b h ä n g i g k c i t s p a r t e i kann natürlich ans soziale in Gebiete alle diejenigen Bestrebungen der C h r i st l i ch - s o - zialcn fördern, welche nichtpolitischer Natur sind «eite ». und sich nicht im Gegensätze zum Programme der ttnabhängigkeitspartei befinden." Wir glauben, daß diese Sprache deutlich genug ist; — doch für die Juden Ungarns, die in ihrem ungarischen Patriotismus chauvinistischer wie die Stock-Magyaren sind, wird sie noch zu schwach sein! Sie werden sich erst dann aus sich selbst besinnen, wenn es zu spät ist. Brünn (Mähren). Die .Borstandssitzung der hiesigen i s r. K n l t u s g e m e i » d e vom 26. Nov. durfte auch weitere Kreise interessieren, denn sie gewährt einen Einblick in die hier seitens der C h r i st e n gegen ihre jüdischen Mitbürger gehegte Gesinnung. Tr. Fialla, der Vorsitzende, berichtet über die Sammlungen für die russischen Juden; das Ergebnis der Sammlungen habe ca. 20000 Kr. betragen und sei bei dieser Gelegenheit zu bemerken, daß sowohl die Stadtgemeinde wie auch die offiziellen Vertreter sich der ganzen Aktion gegenüber vollständig passiv und gleichgültig verhalten haben. — Stein verlangt, man möge dies protokollarisch feststellen, wie sich die christliche Bevölkerung, mit der die Juden durch Dick und Dünn gehen, anläßlich der Exzesse benehme. — S t r a ß e r teilt mit, daß der Aufforderung an den „Tagesboten" und „Korrespondenten" zu veröffentlichen, daß sie Spenden für die russischen Juden in Empsang nehmen, seitens der liberalen Redaktionen nicht entsprochen wurde. — Rosenthal regt an, man möge sich diesbezüglich mit der Stadtgcmeinde in Verbindung setzen. — «schwa r z spricht sich in entschiedener Weise dagegen aus. — Straßer hebt hervor, daß die jüdische Bevölkerung (Brünn hat 8400 Inden) in der Stadtgemeinde nicht vertreten sei. — R o s e n t h a l hat von den Herren in der Stadtgemeinde erwartet, daß sie als liberale Gemeindevertretung in irgend einer Form zu den russischen Judcnmassakres bezw. der Hilfsaktion Stellung nehmen würden. — Tr. Spitzer hält es unter der Würde des Vorstandes, mit einem diesbezüglichen Ansuchen an die Stadtgcmeinde heranzutreten. Innsbruck. Wie man in Tirol den F r e in d e n v e r k e h r heben k a n n, hierfür hat der Kitz b üh el e r Fr e in d e nv erkeh rs v erei n ein merkwürdiges Mittel ausfindig gemacht: — er hat nämlich aus das Titelblatt seiner Reklamebroschiiren, die er in alle Welt hinausschickt, folgenden Satz drucke» lassen: Anfragen von Juden bleiben unberücksichtigt. Rußland. Petersburg. Auch in den deutschen K o l o n i e n S ü d r n ß l a n d s haben Judenverfolgnngen stattgesnnden. Wie die deutsche „Odessaer Zeitung" mitteilt, sollen sich aus der Station Jgren die dortigen deutschen Kolonisten an den Iud e n v e r f o l g n n g e n be t e i l i g t und sich an jüdischem Eigentum vergriffen haben. Ebenso in Rybalsk, von wo dem genannten Blatte berichtet wird: „In Rybalsk ging cs den Juden nicht besser, nur raubten da nicht Russen die Ware, sondern cs fanden sich in Rybalsk Deutsche, die es taten. Ehe die Unruhen nach Rybalsk kamen, versainmelten sich meistens lauter Rybalskcr Landlose vor dem Laden des Inden und warteten mit Schmerzen, bis es losging. Ter Jude versteckte seine Ware auf dem Dachboden. „Geh, guck mal, Peter, ob se schun komme." „Ne, se komme noch net." Nach einer Weile rief einer wieder: „Geh, guck jetzt du, Josef." „Se komme, se komme," rief Josef. Bis die Ausrührer kamen, hatten die Deutschen das Werk schon angefange». Alles wurde zerschlagen. So begegnete ein Rhbalsker Bauer einem Deutschen, ber etwas auf dem Buckel nach Hause trug. „Na, du hoscht wohl Kaffee im Sack." „Wu der Teuwel, wenn's nur Kaffee wär, des isch Pfeffer, den brauch ich zum Schweineschlachte." So hat jeder was nach Hause geschlepvt und einer sagte später: „Dumm ist der, der nix genumme hot, ich heb Mehl 3 Kulte." — Unterdessen versammelten sich alle Juden an dem naheliegenden Flusse Ssamara, um weiter zu flüchten, aber der Pristaw (Polizeikommissär) gab Ordre, daß kein Jude iibcrgesetzt werden dürfe. (Es muß bemerkt werden, daß über den Fluß nur eine Bahnbrücke geht, Fuhrleute und Fußgänger niüssen bei Zag und bei Nacht mit einer Fähre übergesetzt werden. Tie Fähre wird von der Semstwo unterhalten.) Zum Unglück der Juden regnete es, man hörte ein Geschrei und Oiejammer der Kinder, alle halb nackt. Es war himmelschreiend, Steine hätten sich erbarmen können, aber nirgends Hilfe. So versteckten sich die Juden ans dem Felde und im Walde. Als die Zerstörungen zu Ende waren, und kein Jude mehr zu sehen war, verlangten die Gauner (die Provokatoren der „Schwarzen Hundertschaft") von den Deutschen 17 Fuhrwerke. Eine Zögerung war nicht möglich, sie stießen viele Trohungen aus. so mußten die Teutschen sie nach Jgren znrücksahren. Jetzt hieß es, die Juden sind weg, nun geht's an die Tentschen. Bo» Verteidigung keine Rede. Ein Jude versteckte sich mit seiner Familie im Torfe Billersfeld, das fünf Werst von Rybalsk entfernt ist. Als die Russen dies hörten, sagten sie ganz einfach: „Ihr Tentsche, versteckt nicht den Juden, es wird schlimmer, morgen kommen wir zu euch." Bei Nacht und Nebel entfernten die Billersselder den Juden ans dem Torfe. Am anderen Tage kamen nach Jgren aus der Stadt