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Neue jüdische Presse · 1905-12-08 · Heft 47 (8.12.1905) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 47 (8.12.1905)
Date
1905-12-08
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 47. Lehrer Flaubert, ihr nennt mit Lerniautiow und ich I gefühllose slavische Zwcifüßlertum in seiner Brrnenne Ench Byron. Tie Lenker der Ge-1 schwominenheit nnd seelischen Jndisscrcuz, die nnS schicke Rußlands waren Jahrhunderte lang nwngo-1 massakriert.*) lische Chane und seitdem es selbständig geworden, sind es deutsche Barone, die cs beherrschen. Plehvc, Neidhard, Klingcnberg, Witte, Keller, Maycrdorf, Grippenberg und noch andere. Echt russischen Ursprungs ist Pobjcdonoszew. Er verkörpert das Russen» tum, wie Torquamodo das Spaniertum, wie Luther ein Ausdruck des deutschen Geistes war. Zgnaticw, Mrrrawiow und Trepow sind auch reine Russen.- Ich habe schon an derselbe» Stelle bereits Gelegenheit gehabt,') die Psychologie und den Charakter des Russentums auf Grund historischer Belege zu erörtern. Ich will mich hier nicht wiederholen, aber einiges sei nach kurzer Charakterisierung der „reichen russischen Natur", „bogata rußkaja natura" angeführt. Ein russischer Journalist teilt aus dem Jahre 1898 folgendes Erlebnis mit: 1. Anläßlich der Krönnngsfeier Nicolaus II. versammelte sich eine nach Tausenden zählende Menge an der Alexänderbrücke in Atoskau, um den feierlichen Zug abzuwarten. Die schwach gebaute Brücke konnte diese Menschenmassen nicht halten, und es entstand eine Katastrophe, bei der Hunderte ihr Lebe» verloren. An den Zugängen der Brücke standen viele gutgekleidete Bürger, Russen, packten die der Todesgefahr Entrinnenden und warfen sie in den Fluß Moskwa, Ivo sie ihren Tod fanden. Tiefe Bestien in Menschengestalten, nachdem sie einen oder mehrere Menschen dem Tode preisgegeben, johlten und lachten so cynisch und so niederträchtig, als hätte cs sich nicht um das Umbringci, vieler Menschen gehandelt. Ihre Gesichter verriete» keine Spur von Reue und Gewissensbissen. 2. Ter ehemalige russische Universitätsprofcssor Beschardski, der viel Material und Toknmcnte zur Geschichte der Juden in Rußland sammelte, übermittelt uns von einem russischen Chronisten folgenden.Vorfall: Als Iwan der Grausame den Befehl erteilte, die Juden in Pskow zu ertränken, da brach die russische Menge in Freudesjauchzen und Jubel aus. Und der Chronist fügt wörtlich hinzu: „Eine solche Vcrticrung, eine . solche Verrohung hat er trotz vieler Reisen in barbar. Ländern bei den niedrigsten Völkern nicht beobachte» können." Nu» wird man sagen, während dieser Jahrhunderte habe sich das Menschentum beim Slave» auch im zivilisatorischen Sinne entwickelt. Folgende slavische Tat soll diese Annahme Lüge strafen. 3. Eine hiesige Studentin der Medizin erhielt von ihren Angehörigen folgende detaillierte Mitteilung über die Ermordung einer jüdischen Familie durch Slave». Tie Mutter, eine greise Jüdin, verteidigte unter Einsetzung des eigenen Lebens ihre Kinder. Doch die Kinder sielen der Mcuchelmörderbande zum Opfer. Als die Kinder ermordet, blutüberströmt da lagen, begannen die Bestien die Mutter mit Hämmern zu bearbeiten. Jedoch einige Hooligans brachten eine Zange herbei, rissen der unglücklichen Mutter den Mund auf und zwangen sie, das Blut ihrer vor ihren Augen erschlagenen Kinder zu trinken. Man goß ihr das Blut in den Mund und sägte ihr alsdann die Beine ab. Welche Bestie des Urwaldes martert so ihre Opfer? Ich könnte noch mehrere beglaubigte Bestialitäten anführen, aber ich glaube, es genügt. Der frühere russische Justizminister und jetzige Botschafter in Rom, Murawiow, hat vor zwei Jahren einem Mitarbeiter der „Franks. Ztg." im Haag versichert, er könne in, Namen seiner Negierung die Versicherung abgeben, daß „Kischinew" der letzte Judenpogrom war. Und liberale Philister glaubte» ebenfalls, daß Kischinew das letzte Brummen der slavische» Rassenbestie sei. Tie letzten Massakres haben die Versicherungen der russischen Regierung und die Annahme der Liberalen Lüge gestraft. Weder liberaler Optimismus, und noch eine Regierung, nicht einmal die russische, sind imstande, die blutgierige Bestie aus der Rasse auszutreiben. Tiefe Blutfraßgier der Russen wird auch dann zum Ausbruch kommen, wenn uns sogar die russische Bureaukratie bürgerlich den anderen Völkern in Rußland gleichstellt. Wir habe» damit zu rechnen, daß 6 Millionen Juden unter de» llrwaldtieren keiner verheißungsvollen Zukunft entgegengehen können. Es ist die Rasscnbestie, das amoralische und ') Vergl. meinen Artikel „Tie Slaven" in Nr. 32 dies. Blatt. Die Vernichtung der Juden. Unter diesem Titel veröffentlicht die liberale Petersburger Nowosti, eine der bedeutendsten Zeitungen Rußlands, den Brief eines Herrn Poljakow. Unseren Lesern wird zwar der Inhalt dieses Briefes nichts Neues bieten, denn es ist der Standpunkt, den wir in unseren Blättern bereits vertreten haben, aber die Tatsache, daß die von Assimilationsjuden redigierte Nowosti, die stets in Kosmopolitismus und Humanität gearbeitet hat, einen Brief derartigen Inhaltes ohne Kommentar verössentlicht, verdient festgenagelt und deshalb der Brief veröffentlicht zu werden. Die Tatsache ist ein stilles Eingeständnis von dem Bankerott der Humanitäts- Politik. Möchten auch unsere deutschen Assimilationsjuden und ihre Organe dies endlich osfen eingestehen. Der Brief lautet: Diese Zeilen schreibe ich nicht als ein Zeitungsschreiber, nicht als ein „russischer. Journalist" — ich schreibe sic als ein Jude, der -erschüttert ist von den Schrecken dieser Tage, in dem das Blut Hunderter gequälter Geschlechter sich empört, der ei» üementares Bedürfnis fühlt, endlich einmal die ganze Wahrheit laut herauszusagcu. Draußen fließt noch das^ Blut unserer Väter und Mütter, Brüder und Schwestern. Auf den Straßen unseres „Vaterlandes" werden die warmen Körper kleiner, hilfloser Kinder zertreten, die mit tastenden Händchen ihre toten Mütter gesucht haben. Uebcrall Schrecken, Zerstörung, Brand — überall Blut, Blut, Blut. Es wäre Schande, angesichts dessen noch länger zu lügen oder es verschweigen zu wollen: Ihr, russische Liberale, Radikale und Sozialisten, ihr tragt mit Schuld an diesen Greueln! Ja, ihr, die ihr jetzt entrüstete Artikel schreibt, ihr, die ihr jetzt die „Schwarze Bande" und die Gouverneure verflucht, ihr, die ihr jetzt über die Toten weint nnd — von den Lebenden schweigt! War es nicht eure graue Theorie, die behauptete, die Judenfrage sei nur „ein Teil der ganzen russischen Frage", und die ench den Vorwand gab, deshalb die spezifische Judenfrage totzuschweigen! Ihr wußtet wohl, daß die ganze russische Gesellschaft vom Antisemitismus durchseucht ist — vom brutal-offenen oder voni kulturcll-maskiertcn, vom intellektuellen oder vom gefühlsmäßigen Judenhaß — ihr habt das wohl gewußt, und was habt ihr'getan, um euer Volk von diesem totbringenden Uebel zu heilen? Wo sind die Artikel, aus denen man euren Schmerz über euer wildes Volk gehört hätte? Wo sah mau eure Scham über früher Geschehenes, wo die Versuche, der Wiederholung solcher Schreckensszeucn vorzubeugeu? Ihr habt euch stolz in das Heiligtum eures „Programms" zurückgezogen, habt uns eure Doktrinen gepredigt, und das Volk überließet ihr den Kruschewans und Suworins!') Was habt ihr eurem Volke geantwortet auf die Broschüren: „Nieder mit den Juden!", die mau für eine Kopeke und sogar umsonst in allen Städten verteilt hat? Habt ihr vielleicht gemeint, daß wir verpflichtet seien, euer Volk aufzuklären? Oder habt ihr etwa gedacht, daß man uns mehr Glauben schenken wird als euch? Ihr entrüstet euch über die „Schwärze Baude", und ich zweifle nicht an Eurer Aufrichtigkeit. Aber hätte den» die Mehrzahl eurer Anhänger, ihren Gefühlen entsprechend, anders gehandelt, wenn sie auf dem kulturellen Niveau der „Schwarzen Bande" stünde? Was habt ihr nach den ersten Judenhetzcn in den achtziger Jahren getan? 'Eure Volkskämpscr haben sich ganz aufrichtig mit den Hetzen abgefunden als mit den ersten Anzeichen der llnzufriedenhcit des Volkes! Eure „Russija Wjedomvsti"-) hat zwanzig ^Jahre lang schmachvoll, geschwiegen, und nur Kischencw hat sie auf einige Tage-davon abgebracht. *) Ob die Behauptungen des Verfassers bezügl. des Wesens der Slaven so ohne iveiteres als feststehende Tatsache angenommen werden dürfen, wollen wir dahingestellt sein lassen; die Entscheidung bleibe den Anthropologen überlassen, und auch die Zukunft wird zeigen, ob das Slaventum knlturfähig ist oder nicht. Was wir aber hier fcstnageln ivollen, ist, da der Verfasser unbewußt in denselben Fehler verfällt, den er anderen zum Borwurf macht, indem auch er die Massakres nicht dem ewigen und internationalen Judenhaß zuschreibt, sonder» lokalen Gründen. Es kommt ja schließlich auf eins heraus, aus welche Weise sich der Judenhaß, äußert, ob durch wirtschaftliche Boykottierung oder durch Schächtverbote oder durch Austreibungen, oder durch die Inquisition, oder gar durch Massakres. D. Red. >) Kruschewan, der bekannte Anstifter der Kischcnewer Massakres vom April 1903; Suworin, Herausgeber der antisemitischen Zeitung „Nowoje Wremja" in Petersburg. 2) Bedeutende liberale Zeitung. „Man kann ja nicht mit der „Nowoje Wremja" polemisieren" — sagten die Leute, deren ganze Tätigkeit .durch lange Zeit sich aus die Polemik mit den Tschinowniks beschränkte. Wo waren eure Spenden (wir krauchen euer Geld nicht!) für die von den Krawalle» Betroffenen, damals, als sogar die Aermsten der Juden ihre Groschen opferten für die Hungernden im Gouvernement, Samara? Bon Zeit zu Zeit habt ihr gnädigst verkündet, daß die Juden nützliche Bürger sein können, und daß es ungerecht und unklug sei, ihnen die bürgerlichen Rechte zu entziehen. Wer als die Juden selbst etwas lauter von ihren Rechten zu sprechen begannen, als es dem feinempfindlicheu arischen Ohr angenehm war, da habt ihr es „Taktlosigkeit" genannt und habt sogar leise von „Unverschämtheit" gesprochen .... Eure ausländischen Apostel der Gerechtigkeit, die Sozialdemokraten, haben ihr Anathema gegen den jüdischen „Bund" ausgesprochen, als er die Frechheit hatte, von einer jüdische» Nation zu reden. Wir waren für euch die Parias, denen man gern einmal wohlwollend auf die Schulter klopfte — und doch war in uns die revolutionäre Kraft, die den Anbruch der Freiheit beschleunigte. ■ Ja, nun ist auch die Presse freigeworden. Und was für „unzensurierte" Nachrichten brachte sie am ersten Tage der verkündeten Freiheit? Von den Strömen jüdischen Blutes mußte sie berichten, die aufs neue vergossen waren, von neuen Schandslecken in der Geschichte eures Volkes. Ich weiß — das ist die „Schwarze Bande"! Ich weiß — das ist Plehwe! Und wer jetzt? Witte? Vielleicht Trepow? — — Ich wage zu behaupte», daß Trepow, der wahrlich keine Patronen spart, diese Hetzen nicht inszeniert, nicht einmal veranlaßt hat, so wenig wie ihr, freilich aus anderen Gründen. Der letzte Urheber dieser Metzeleien ist die russische Gesellschaft, ist das russische Volk! Die antisemitische schwarze Bande ist nur der rohe Ausdruck eures verfeinerten Antisemitismus, wie einst die revolutionäre Garde nur der Ausdruck war des dunkle» Bureaukratenhasses des Volkes — die „Schwarze Bande" ist eure Hand, wie die revolutionäre Garde das Haupt des Volkes war .... Genug — ich habe gesagt, was ich fühle, und was heute jeder Jude fühlt, der sich nicht selbst betrügen will. . Was folgt daraus? Jetzt ist nicht die Zeit, daraus den Schluß zu ziehen. Jetzt sind die Tage der Trauer, Tage schrecklichen Leidens, und uni so schrecklicher, als man sich loSreißen muß zur Organisation der Hilfe für die vernichteten Existenzen, für die Tausende, die mit einem Schlag in Not und Elend gebracht sind ... Möge dieser blutige Schrecken unsere Arme und Herzen stark werden lassen. Möge er uns Juden zu einem große», nationalen Kampfe vorbereiten! Die Woche. In der E i n w a » d c r u u g s f r a g e, meint die letzte Botschaft des P r ä s i d c n t c n R o o s e v c l t au den Kongreß, seien scharfe Gesetze erwünscht, vielleicht sci eiue Regelung durch eine internationale Konferenz möglich. Tiefe Acußerung ist sehr beachtenswert für uns Juden; ist doch die Einwanderungsfrage eine fast ausschließlich jüdische, llnioillkürlich drängt sich die Frage auf, ob nicht ein Einwirken seitens des jüd. Volkes aus die Eiuberuscr dieser Konferenz möglich sei, und zwar in dem Sinuc, daß die Konferenz der L ö s n n g d c r j ü d. F r a g c ü b e r h a u p t näher trete, da das ewige Wandern des jüd. Volkes nur seiner anormalen Lage unter den Völkern zuzuschreiben ist. Tie letzten Ereignisse im Osten und die schiefe Lage der Juden im allgemeinen sind vielleicht doch dazu angetan, auf die Völker einzuwirken, daß sie sich endlich des jüd. Volkes erinnern nnd ihm dazu verhelfen, eine Zufluchtsstätte zu gründen. Vielleicht! .... Das engere Aktionskomitee der zionistischen Bewegung hat bei seinen letzten Beratungen in Köln beschlossen, im Januar eine allgemeine jüd. Konferenz nach Brüssel einznberufen. Es wäre wünschenswert, daß die Konferenz unserer Anregung näher trete. Gar manchen Schluß könnte man von der Stellungnahme der allgemeinen Presse zu den Massakres der Inden ziehen. Taß gar viele Zeitungen — darunter auch sozialdemokratische — den Massenmord mit Stillschweigen übergingen, wen wollte das Wunder nehmen! Sind wir doch, trotz aller schönen Worte und sogar Systeme über Freiheit und Gleichheit und Brüderlichkeit schließlich Judenvolk! Allein nicht genug damit, man hat es fertig gebracht, die entsetzlichen Menschenschlächtereien zu rechtfertigenindem

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