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Neue jüdische Presse · 1905-12-08 · Heft 47 (8.12.1905) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 47 (8.12.1905)
Date
1905-12-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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5trtinRfurfctr Iftnrlitifdirs laniliriililatt. Kedaktio« «nd Helchaftsstells: Zrankkurl 2. M„ Leiligkreuzgaffe 32, Ecke Rlapperfeldstraße -Ter-fo» 10307. Herausgeber: Kaks chsis. 3. Jahrgang. Freitag, de« 1V. Liaisv 5666 (8. Dezember 1905).Na. 47. Diese Zeitung, erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. Inhalt des Hauptblattes: Artikel: Die Wurzel des Uebels. — Die Vernichtung der Juden. — Die Woche. - Aus aller Welt. — Feuilleton: Zu „Haskoras-N'schomaus". — Bor dem Untersuchungsrichter. — Kunst und Literatur. — Sprechsaal. — Briefkasten. — Familiennachrichten. Die Wurzel des Uebels. Bon Maxim« Le Maltrs-Paris. — — — Als ich nach einein langen Zustande der Bewußtlosigkeit und tief empfundener Scham vor meinein Menschtume zum Bewußtsein erwachte, da suchte mein trüber Blick den Himmel der russischen Freiheit zu erspähen. Und siehe! Mit dem Blute jüdischer Kinder, Frauen und Greise ist er besteckt. Warum gar das? Ich frug den bleichen Mond, und er verkroch sich in graues Gewölk, die Sterne, — die flimmernden Sterne am azurblauen Himmel, und sie schwiegen verschämt, ich frug den Wind, diesen weltverstoßenen Gast, und er raste dahin, llnd als mir Niemand Antwort geben mochte, da wollte mir schier das Herz brechen, und ich schrie wie rasend: Hast dir uns O! Ewiger den Untergang durch Schwert und Dolch geschworen, ist es dein Wille, daß uns dein Hauch von dieser Erde verwehe? Ich schrie und fragte, fragte und schrie, aber alles schwieg.-Altes schwieg in Todesstille, nur das Todesröcheln vieler Kinder, das Stöhnen gemordeter Greise und das Schluchzen halb erschlagener Frauen glaubte ich zu hören. Neben, diesen Reihen Erschlagener, Erdrosselter, neben vielen Leichen mit aufgeschlitzten Bäuchen und eingeschlagenen Schädeln, ausgerissenen Zungen und ausgebrannten Augen, neben vielen Halberschlagenen, die sich in ihrem Blute wälzten, glaubte ich die Stimmen umherstehender Witwen und Waisen, klagender Väter und trauernder Mütter zu vernehmen. Keuchende und seufzende Stimmen, die in ersticktem Ton leise flüsterten: - Der Tod ist hier, der Tod ist dort Der Tod regiert an jedem Ort, Drunten, droben, ringsum droht Grimm der Tod, auch wir sind tot. Mein Herz stand still, mein Auge seufzte und ich zitterte so unheimlich am ganzen Körper. Ich sah die Opfer, ich sah ihr Blut und ihre Wunden. Abermals schrie ich entsetzt auf,- warum das gar? O! Gott der Allmacht und der Liebe. Ist es dein Wille, daß man nns in unseren! Blute ertränke? Ich schrie und schwor, schwor und schrie. Grabesruhe und Todesstille ward inir zur Antwort. - — —-Endlich kam die Erleuchtung. Blättere im Buche der Menschheit, lese die vergilbten Blätter, schaue rückwärts und du findest des Rätsels Lösung. Ich tat, wie es mir befohlen ward, ich schaute rückwärts, betrachtete der Menschen und der Völker Lauf unter der Sonne. Ich las die vergilbten Blätter und fand darin geschrieben:-— Der Genius der Völker, Nationen und Rassen bestimmt ihr Schicksal, ihr Glück und ihr Unglück, ihren Lauf und ihren Werdegang. Mer verschieden wie das Aussehen der Menschen, ist der lyenius der Rassen. Den heißblütigen Südländer verzehrt die Sehnsucht und die Liebe, die Völker des Nordens beherrscht die Vernunft, und die Rasse der Slaveu wird getragen vom Geiste des mörderischen Nichts, vom Gefühle tötender Gleichgiltigkeit. „Nitschewo", diese „Nirwana" der christlichen Slavcn in all' seinen fürchterlichen Folgen ist die oberste und leitende Triebkraft all' ihrer seelischen Bewegungen-. Nun war es mir klar, warum man in der Sonne Anioesenheit Greise erdrosselte, Frauen schändete und unschuldige Kinder vom vierten Stock auf die Erde schleuderte. Judenvolk! Die Bestie in der Rasse ist es, die deine Söhne martert und ermordet, deine Töchter schändet, deine Sc iber erw ü rgt und deine Kinder z e r - Ich kam zur Besinnung und bebte vor dem Gedanken zurück. Nicht war jetzt mein Herz erfreut, aber mein Blick war klarer->. Ich begann, diesen Gedanken vor der Rassenbestie auf seine letzten Folgerungen zurückzuführen, ich dachte viel und dachte lang. Was ich darüber erkannt und erforscht, will ich meinen Nächsten initteilen. - Wie entstehen Pogrome? Wer inszeniert, wer leitet sie? — Tie Regierung, antworten die Roten, die Reaktion antworten die Gelben, und Witte und Pobedienoszew versichern einsttmmig, die Pogrome seien der Ausdruck der Massenwut — der russischen Massenlvut —. Und warum inszeniert sie die-Regierung, fragen die Philister? — Die Kräfte der Revolution zu paralysieren, antivortcn die Intellektuellen. Die Reaktion leitet sie, um de» Fortschritt und alles fortschrittliche Streben im Bürgerblute zu ertränken. Aber warum gerade im Blute der Juden? — Weil sie Menschenrechte fordern, antwortet Trepow, und Witte glaubt, ihnen nur Freiheiten und keine Freiheit gewähren zu können, damit sich nicht die Massenwut gegen die Juden richte. Es ist nicht meine Aufgabe, hier festzustellen, wer sich bei dieser Gelegenheit geirrt, wer wahr oder unwahr gesprochen, aber wenn wir noch die Antwort des Historikers abwarten und dann zur Feststellung der Tatsachen schreiten, ergibt sich, daß alles in allem, Regierung, sowohl „aueieu", als „noavel regime“, Voll, alle Teile der Nation sich ander Mschlachtung der Juden beteiligten, genau wie das ganze spanische Volk der Träger und Verkörperer der Jnquisitionskultur lvar. Man muß geradezu mit Blindheit geschlagen sein, um diesen Massenmord von Juden als eine flüchtige Erscheinung im Werdegang der Slaveu anzusehen. So schwätzen kann nur ein roter Speichellecker der russischen Massen. Nur die s l a v i s ch e R a s s e n b e st i e macht Pogrome, denn die ganze Geistesveranlagung, die ganze Geschichte des russischen Volkes und seiner Kultur sind uns die unstreitbare» Belege für diese Annahme. Die folgende Erörterung sott der Beweisführung dienen. Wir können die Formen unserer Marter und unserer Qualen im Exilleben dreifach klassifizieren. Die Inquisition der romanischen Bölk e r mit den Spaniern und Portugiesen an der Spitze, die Unverträglichkeit der Germane», die sich meist! in Austreibungen und Entehrungen und heute in sozialer Ausschließung und Zurücksetzung dokumentiert, und dic Pogromeder S l a v e n, wie wir sie jetzt erlebt haben. Diese drei Marterformen entsprechen auch den Eigenarten und Veranlagungen der drei Rassen, die heute die Kulturmenschen repräsentieren. Am klarsten sind die verschiedenen Eigenarten dieser drei Rassen an ihren Kirchen zu erkennen. Ter Katholizismus eutivricht de», Geiste der erotischen, heißblütige» Südländer. Die "Entwickelung der romanische» Völker wuchs parallel mit ihrer sinnlichen Veranlagung; als die südliche» Romanen de» Gipsel ihrer Entwickelung erreichten, erreichte auch ihr sinnliches Verlangen die höchste Spitze. Und, d i e I n q u i s i t i o n w a r »i ch t s a n d e r e s, a l s, der kirchlich sanktionierte Sadismus. Man lese die Einzelheiten der Inquisition, und man wird meine Annahme bestätigen. Solange die germanische Kultur wenig oder gar nicht individualisiert war, konnte der Katholizismus die Germanen in seinen Zaum zwingen. Aber der germanische Geist erwachte am Ausgange des Mittelalters zum neuen Leben, bildete sich schon vor der Resormation zu einer selbständigen Kulturindividualität heran. Tie etwas rohe, aber selbständige Natur der Germanen konnte in dem hierarchischen Gefängnis der katholische» Kirche nicht bleiben. Zu wenig differenziert, den Katholizisinus innerhalb seiner Grenzen zu überwinden, verstieß und rottete er ihn aus, zu wenig differenziert als soziale Persönlichkeit, mit keiner größeren äußeren Assimilationskraft begabt, verstieß und vertrieb der Germane die Juden von seiner Umgebung. Ganz anders der Slave. Seine seelische Berschtvommenheit und Zerrüttung, die Anarchie. von der sein Geist durchtränkt ist, konnte während eines Zeitraumes von fast elshnndert Jahren weder eine Nationalkultur schaffen, noch seinen Rassengenius entwickeln. Seine Kirche, die griechisch-orthodoxe, steht heute starr und versteinert da, ohne jede Entwicklung, genau wie vor 700 Jahren, als sie ihm von Byzanz aufgezwängt wurde. Tie russisch-orthodoxe Kirche gähnt heute unter ihrem ehernen Gemäuer vor lauter Leblosigkeit, >vie der Mujchik an seinem Kamine an einem Winterabend. Keine Nation ist so wenig beeinflußt vom Christentunie wie die russische. Im Herzen von Rußland herrscht noch heute ein Götzendienst unter den Bauern, als wäre Rußland ein heidnischer Staat. Nur die Kosakenherrschaft hat der russischen Kirche bis heute ihre Existenz gesichert. Unter Fatalismus und seelischer Jndisserenz, unter Amoralität kann keine Kultur entstehen. Tie größten Bestandteile der russischen Kultur sind importierte Ware. Ihr nennt mir Turgenjew und ich nenne seinen

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