Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 46 (1.12.1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Serie 10. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. bei dem Hilfsverein der deutschen Inden betrug das Ergebnis 1200 000 JL Tie von der Israel. Allianz in Wien eingeleitete Sammlung hat bisher 360,000 Kr. ergeben. Tie Alliance israelite universelle in Paris hat 1200 000 Frs. gesammelt. In Belgien wurden über 120000 Frs. gesammelt. Cötheo, 28. Nov. Die Judenverfolgungrn in Rußland machen sich jetzt sogar unter den hiesigen jüdischen Studenten aus dem Zarenreiche bemerkbar. Biele russische Familien, denen ihr ganzes Eigen- -tum geraubt oder zerstört wurde, sind nicht mehr in der'Lage, ihren das hiesige Polytechnikum besuchenden Söhnen das Geld für Unterhalt und Studium zu senden. In hochherziger Weise haben sich die Mitglieder der Cohn-Oppenheim-Stiftung in Tessau bereit erklärt, einen Unterstütznngsfonds für 10 Studierende zu befürworten. 'Zn einer Sitzung von Mitgliedern des Kuratoriums wurde ferner beschlossen, um Entlastung einiger Studierender von der Zahlung 'des Kolleggeldes beim Kuratorium des Polytechnikums nachzusuchen. Frkstr. Ztg. Stratzbnrg t. Elf. Für dieOpfer der Ju denmetzeleien in Rußland, die bekanntlich von den Behörden augezcttelt wurden, bewilligte der hiesige Gemeinderat 5000 JL Karlsruhe i. B. Der Groß Herzog und die Großherzogin haben gemeinsam eine namhafte Summe für die unterstützungsbedürftigen russischen Juden gezeichnet. Auch Prinz Karl, der Bruder des Großherzogs, befindet sich unter den Spendern. Mauoheim. Die Sammlungen zu Gunsten der Opfer der russischen Verfolgungen ergaben bisher in Mannheim 87255JL, Heidelberg 10603 JL, Baden-Baden 2177 JL, Mainz 80000 JL, Köln 51 679 JL, Nürnberg 53000 JL, Basel 43097 Frs., Darmstadt 25000 Mark, Göttingen 5000 JL Aus Leu Vereinen. Fraukkurt a. M. Der Verein zur Pflege jüdischen Wissens, „T i f e r e s Bach u r i m" erösfnetc Sonntag, den 26. November mit einem Distüssionsabend seine dicswinterliche Tätigkeit. Auf der Tagesordnung stand das Thema: „Z u w e l ch e m Zwecke beschäftigen wir uns mit jüdischer Geschichte?" — Das einleitende Referat hatte Herr Dr. I s. H e i n c m a n n in bereitwilliger Weise übernommen. In gewohnter meisterhafter Art führte der Redner aus, daß es nötig ist, vor der Erörterung der auf der Tagesordnung stehenden Frage sich klar darüber zu werden, ob wir uns überhaupt mit jüdischer Geschichte beschäftigen sollen. Eine direkte Pflicht, wie sie für das Thoralernen vorliegt, läßt sich nicht dafür Nachweisen. Besonders fragt es sich daher für den im Berufsleben stehenden jungen Mann, dessen Mußestunden zwischen weiterer Ausbildung in den allgemeinen Wissenschaften und dem Thorastudium geteilt sind, ob er der Beschäftigung mit der jüdischen Geschichte noch Platz einräumcn soll. Es steht für uns fest, daß mit seltenen Ausnahmen in den vorangegangenen Jahrhunderten, besonders im Mittelalter/ das Studium der jüdischen Geschichte vernachlässigt worden ist. Ein sichtbarer Beweis dafür ist der Umstand, daß unsere großen Autoren nur in ihren Werken weiterleben, während ihre Person in den Hintergrund getreten ist. Forschen wir jedoch nach den Ursachen, so finden wir, daß das Lüben unserer Väter, welches weit mehr wie heute ein steter Kampf war, der historischen Momente nicht entbehrt, die ihnen die Kraft verliehen haben, welche wir heute aus unserer Vergangenheit schöpfen. Für uns müssen wir daher die Frage der Beschäftigung init unserer Geschichte unbedingt bejahen. Gerade sie verleiht uns das Rüstzeug im Kampf gegen die alles Ueberlieferte unterwühlende Tätigkeit der Reform. Aus. ihr erkennen wir, daß es eine Weiterentwicklung jm Sinne, wie es die Reform deduziert hat, im Judentum nie gegeben hat. Gewiß hat das jüdische Volk im Laufe der Jahrhunderte die verschiedensten Entwicklungsphasen durchgemacht; jedoch diese vollzogen sich immer nach den strengen Grundsätzen, die die Thora uns lehrt. Das Judentum kennt keine Unterschiede zwischen Forscher und Laien, daher kann es sich jeder Einzelne zur Süifgabe machen, selbst, kritisch forschend, in die jüdische Geschichte einzudringen. Bei dem Mangel an jüdischen Geschichtswerken, die in unserem Sinne, in echt jüdischem Geiste gehalten sind, ist. dies um so nötiger, und es wird uns dann auch nicht schwer fallen, das Wahre von dein Unrichtigen zu unterscheiden. Studieren wir in diesem Sinne die 1000jährige Geschichte des Judentums, das alle Angreifer überlebt hat, so werden uns dadurch auch die Waffen in die Hand gegeben, den Angriffen, die uns auch heute poch nicht erspart sind, gerüstet entgegenzutreten. Die dem Bortrage sich anschließende Diskussion, an welcher sich auch der Ehrenpräsident des Vereins, Herr RabbinerDr. Horovitz lebhaft beteiligte, förderte noch manche wichtige Gesichtspunkte des schwer zu erschöpfenden Themas zu Tage. Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Der Vortrag über das Thema „Nationaljudentum und Religion", den Herr R a b b i n e r D r. I. Unna- Mannheim letzten Sonntag im hiesigen „Misrachi-Verein" hielt, hatte ein sehr zahlreiches Publikum angezogen. Der Redner führte Folgendes aus: Die Frage, wie sich das Nationaljudentum zur jüdischen Religion verhält, ist für uns gesetzestreue Juden das wichtigste Problem des Zionismus. — Der namentlich im letzten Jahrhundert sin Völkerleben bewußt ins Tasein getretene Nationalismus war der Boden, auf dem auch der Zionismus erstand. Wie bei den anderen Völker», so war auch im Judentum die nationale Idee von jeher vorhanden; es möge nur an Jehuda Halevi erinnert werden. Das Ghetto konnte dem nationalen Prinzip selbstverständlich nur förderlich sein, erst nach der Emanzipation verblaßt das Nationalbewußtsein, die Reform mit ihren Assimilationsbestrebungen auf religiösem und sozialen Gebiete drängte es immer weiter zurück, bis es fast entschlummerte, — und der Rückschlag, das Wiedererwachen des Natioualbewußtseins, ist eben der Zionismus. So stand also an der Wiege des modernen Zionismus die Erkenntnis von der Haltlosigkeit der Reform und der erstarkte Nationalismus unter den Wirtsvölkern nach einem Zeitalter des Kosmopolitismus. — Worauf beruht aber der Natioüalgedankc im Judentum? Jedenfalls aus anderen Voraussetzungen als bei den anderen Völkern! Das Kennzeichen einer Nation ist Land und Sprache. Ein Land besitzen wir seit 2000 Jahren nicht, — und unsere Sprache ist zwar nicht tot, wird jedoch als allgemeine Schrift- und Umgangssprache nicht verwendet. Wie konnte das jüdische Volk ohne Land und Sprache, die Basis eines jeden anderen Volkes, zivei Jahrtausende in der Zerstreming existenzfähig bleiben? Dadurch, daß das Volksdasein Israels mit der Befreiung aus Egypten nur einen äußeren Anfang nimmt, seine innere Stärke aber erst durch die sinaitische Osfcnbarnng gewonnen hat, ist der Lebensnerv des jüdischen Volkes sein. Gottesgesetz. Deshalb blühte Israel z. B. in der ersten Königszeit, während eine Wendung zum Schlechteren in seinem Geschicke dann eintrat, als zur Zeit Salomos wirtschafllich'e Ausdehnung angestrebt wurde und dabei fremdländisches Wesen Einzug in Israel fand; so mußte auch das Reich Israel, das die religiösen Interessen den politischen opferte (Külberdienst), untergehcn. Das jüdische Volk besteht heute, »veil es bei dem Verluste seines Landes sich seine Religion gerettet hat. — Der Vortragende betrachtet nmi das Problem vom Standpunkte der Gegner, .die alles nach dem Gesetze der Entwicklung behandelt wissen wollen, und die demnach die Frage stellen: Was hat das jüdische Volk für die Kultur geleistet! — Doch zuerst: Was ist Kultur? „Kultur ist — nach Kurt Laßwitz — Leben und Arbeit um der Würde der Menschheit willen." Diese Grundgedanken — die ethischen Ideale — haben dem' Christentum seine welterobernde Macht gegeben, das Christentum aber hat sie aus dem Judentume entnommen. Die ethischen Ideale sind: Wille zum Guten, Achtung vor. dem 'Menschenleben (auch bei dem Sklaven), Achtung vor dem Weibe,, — alles Ideale, die die Bibel lehrt. Also: Die Kulturarbeit des jüdischen Volkes beruht auf seinen sittlichen Ideale», die das Volk sich nicht selbst gegeben, sondern am Sinai empfangen - hatte. Eine andere Ansicht, wie z. B. die Erhaltung auf Grund des nationalen Empfindens, gemeinsamer Sprache und Geschichte usw. ist absurd, denn die entgegenstehenden, auflöscnden Faktoren inmitten der Völker sind viel mächtiger und können nur durch den fortwährenden Einfluß der Religion paralysiert werden. Hat doch auch im eigenen Lande Israels Volkstum stets auf religiösem Grunde geruht. — Die neologen Zionisten verlangen nun, daß die orthodoxen ihre Forderungen vorläufig noch zurückstellen; diesem Verlangen kann aber nicht entsprochen werden, den» für den Offenbarungsgläubigen ist alles vom Standpunkt der Religion aus zu betrachteil, also doch gewiß auch die Zukunst unseres Volkes. Mer auch unberechtigt ist dieses Verlangen, da auch von der anderen Selle keine Zurückhaltung geübt wird; so hat ein zionistischer Schriftsteller die Ausschaltung des Religionsunterrichtes aus den Schulen verlangt und so behaupten andere, daß sich z. B. in einem modernen Staatswesen der jüdische Sabbat nicht verwirklichen lasse; wer aber in Betracht zieht, was im modernen Staate an sozialen Einrichtungen, wie z. B. die Sonntagsruhe, Arbeiterfürsorge usw., die man vor 50 Jahren noch für ganz utopisch hielt, erreicht wurde, der wird mit derartigen Behauptungen etwas zurückhallender sein. Für den orthodoxen Zionisten ist die Grundlage der Bildung die Religion und die Grundlage des jüdischen Staates der Sabbat: — Ein wahres Judentum kedas Mauscheh läßt sich nur in der innigen Bereinigung von Religion und Nationalität denken. Da demnach auch das Nationale ein intregierender Teil des Judentums ist, so soll sich die gesetzestreue Judenheit fteuen, daß aus der Grundlage des nationalen Bewußtseins ein Zusammenarbcllen der verschiedenen Mchtungen der JUdenheit für die dringlichsten Aufgaben (dauernde Hllfe für die russischen Brüder) möglich 'ist, besonders aber noch, da aus logischen und historischen Gründen vorausgesagt werden darf, daß im Zionismus auch der andere Teil des jüdischen Ideals zur Anerkennung gelangen muß. Nach diesem mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Vorträge entspinnt sich eine rege Debatte. Berlowitz würde in einer Versammlung, in der sich das Religiöse von selbst versteht, es für nötig erachtet haben, mehr- Gewicht auf das nationale Moment zu legen. Das Judentum ist durch und durch national, international ist nur. der jüdische Gott und die jüdische Ethik, wie sie in dem Zehngebote mit Slusnichme des Sabbatgebotes niedergelegt ist. Oberlehrer Wehl: Der Referent hat auf die Bedeutung des Christentums für die weitere Entwicklung der sittlichen Ideen hingewiesen, doch das Christentum allein war noch nicht imstande, die sittlichen Ideale zu verwirklichen. Einen Fortschritt bedeutete die Reformation. Ganz besonders hat die Zeit, der Renaissance den Begriff des allgemein Menschlichen zur Geltung bringen helfen. — Die nattonale Seite bei der Erziehung war von jeher sehr wichttg; das historische Element war stets ein wichtiges Moment dex religiösen Erziehung. Ja, bei keinem Volke der Erde hat nach Wilmanns in dem organisierten Erziehungsshstem die geschichtliche Unterweisung eine solche Rolle gespielt, wie bei den Juden. — Gewagt ist cs auch, die schlechte Lage der Juden nur auf den Mangel an religiöser Gesinnung und Betätigung zurückzufahren. Ist doch das jüdische Volk gerade im Mittelalter — zu einer Zell, da seine Gesamtheit in traditionellen Bahnen wandelte — am meisten verfolgt worden. In die Weisheit der Vorsehung bei Verhängung von Leiden können wir Menschen keinen Einblick tun, - sicher aber ist, daß wir Juden zur Besserung unserer Lage etwas tun müssen. Betonen wollen wir, daß uns das religiöse Moment dem nationalen vorangeht. Diejenigen, die heute den nationalen Gedanken im Kidentum Hochhalten und deswegen die Mißbilligung ihrer Glaubensgenossen finden, werden vielleicht einst' als Helden und Verkünder eines Epoche machenden Gedankens gefeiert werden, wie man jetzt als-Märtyrer des deutschen Einhcitsgedanken jene preist, die man vor 50 Jahren wegen ihrer nationalen Gesinnung eingekerkert und erschossen hat. Jacob S. Posen: Das Nationale ist ein sehr wesentlicher Bestandteil des Judentums. Auch von Religionswegen ist uns Selbsthilfe erlaubt. Der Posuk „Esri meint Haschern ause schomajim woorez (meine Hülfe kommt von Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde) hat die Roschai tewaus „Ami asu (mein Volk arbeite, hilf dir selbst)". — Es gilt jetzt für uns,. unseren russischen Brüdern in ihrem Streben, sich atrs ihrer verzweifelten Lage - zu befreien, beizustehen; materiell und ideell bedürfen sie unserer stützenden Hand. Bei dieser Gelegenheit möge in einein orthodoxen Kreise darauf hingewiesen werden, daß für die Erhaltung der russischen ' gesetzestreuen Judenheit in der gegenwärtigen Sturm- und Drangperiode, die in Rußland alles aus den Fugen reißt, eine Jeschiwoh, in der „Tauroh im derech erez" gelehrt wird, eine Lebensfrage ist. Der Präsident des Misrachi, Rabbiner Reines in Lida, hat sich bereits dieser Aufgabe unterzogen und eine Jeschiwoh gegründet, die neben' der intensiven Pflege der jüdischen Lehre allgemeines Wissen im Lichte des Judentums lehren will. Wenn diese Jeschiwoh später auch ihre Existenzmöglichkeit zur Genüge in Rußland finde» wird, so ist sie in der gegenwärttgen, für die russische Judenheit so traurigen Zeit, die aber gerade einer solchen Jeschiwoh bedarf, nur dann zu erhalten, so die westeuropäischen, religiösen Juden ihre Pflicht kennen und nach Kräften materielle Beihülfe leisten.*) Jacob Rose »heim spricht dem Referenten im Namen derer seinen Dank aus, die nicht den Vorzug haben, der zionistischen Organisation aber dem Misrachi anzugehören. Er habe sich besonders gefreut, daß der Referent Nationalbewußtsein und Religion nicht als zwei gleichberechtigte geistige Faktoren nebeneinandergestellt, sondern in präziser Formulierung ausgesprochen habe, wie nach jüdischer Anschauung die Religion die alle übrigen nationalen Lebensäußerungen tragende und bedingende Wurzel sei. Wenn der Standpunpt des Referenten durchdringe, so könne er vielleicht in seinen weiteren Konsequenzen zu pem Aufbau eines unabhängigen, kräftig nach links ankämpfenden Misrachi führen, an dem auch die jetzt prinzipiell abseits Stehenden ihre Freude haben würden. Rabbiner Dr. Unna erwidert, wbwohl es ihn freue, daß Herr Rosenheim ihm zustimme.Fo müsse er doch betonen, daß er nicht mit ihm rauf.dem .gleichen. Boden stünde. Aus logischen und historischen Gründen müsse der Zionismus dieVerbindung zur Tradition suchen — ist hoch eine.nationale Fdee ohne Vergangenheit nicht henwar und deshalb auf die Dauer auch nicht bestandfähig! Die Tatsachen beweisen, daß durch Den Zionismus eine Besserung auch auf religiösem Gebiete stattgefunden hat, und *) Jahresbeiträge und einmalige Spenden beliebe man an Herrn Jacob S. Posen, Frankfurt a. M., Fichtestraße 5, zu richten.