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Neue jüdische Presse · 1905-12-01 · Heft 46 (1.12.1905) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 46 (1.12.1905)
Date
1905-12-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage zu Nr. 46 des Frankfurter Israelitischen FamiliMattes. Inhalt -er Vellage: Artikel: Brief aus Paris. — Mar Samuel als Arzt. — Aus aller Welt. — AuS den Bereinen. — Aus der zionistischen Bewegung. — Personalien. — Aus der Lehrerwelt. — „Jüdische Jugend." Brief aus Paris. Paris, den 24. Nov. Tie unerhörten Ausschreitungen des russischen Mobs gegen unsere Brüder in Südrußland haben hier einen beachtenswerten Wechsel der Stimmung in der nach vielen Tausenden zählenden jüdischen Studenten» schast aus Rußland hervorgerufen. Tie brutalen Judenmassakres werden auch eine Substitution der Parteiverhältnisse im russischen Ghetto zur Folge haben. Ein großer Teil der freisinnig gesinnten jüdischen Studentenschaft hatte sich in den letzten Jahren dem russischen Sozialismus angeschlossen, in der Erwartung, daß nach einem energischen Borstoß der russischen sozialistischen Arbeiter gegen den um sich greifenden Plehwismus auch die unerträgliche Lage der russischen Juden eine llmgestaltung erfahren werde. Tiefe Hoffnung hat sich als eine trügerische erwiesen, und die .Enttäuschung, welche durch die Vernichtung jüdischen Guts und Abschlachtung Tausender von Inden am hellen Tage sich so deutlich dokumentiert, bringt nun . Klarheit in die verworrenen Berhältnisse der jüdischpolitischen Parteien in Rußland. Ein Teil der jüdischen Jugend im Ausland, dem das jüdische Bewußtsein noch nicht abhanden gekommen ist, kehrt nach dieser grausamen Enttäuschung in den Schoß des Judentums zurück und stellt seine Kräfte ausschließlich in den Dienst des jüdischen Volkes. Die aber vom Sozialismus, vom slavischen Sozialismus zerfressenen Elemente, die der Erreichung eines freien Rußland für die Mörder jüdischer Kinder und Greise das jüdische Volk opfern wollen und die Existenz einer spezisischen Judensrage ignorieren — tauchen in den Strudel des allgemeinen Kampfes um den Znknnftskäs unter. Wir Juden erfreuen uns zwar keines llcberschusses politischer Kräfte, die dem Judentum dienlich -sind, indessen werden wir das Untertanchen dieser Träger der „freien slavischen Kultur" im Momente höchster jüdischer Not wenig-bedauern. In den hiesigen jüdischen Studentenzirkel» ist es schon zu harter Auseinandersetzung gekommen, weil eine kleine, jüdisch gesinnte Minorität die Einleitung einer rein jüdischen Aktion für die unglücklichen Brüder in Rußland forderte, da mit dem Worte „Spenden für die Opfer der russischen Revolution" — wie die „plirase politique“ bis jetzt hieß — nichts gesagt sei. Einige Kosakenwitwen sind auch Opfer der russischen Unruhen, hob einer von ihnen mit Recht hervor. Tabei ist hervorzuheben, daß die Antragsteller der Minorität sowohl dem Zionismus, als dem Territorialismus gänzlich fernstehen. Begreiflicherweise, da die Mehrheit zu beschließen hat, ist die Forderung der Minderheit abgelehnt worden; aber diese Ablehnung führte bereits zu einer Spaltung, und die Folgen sind noch nicht abzusehen. Tiefes an sich unlvichtige Ereignis ist charakteristisch für die Stimmung in den russisch-jüdischen Studentengruppen des Westcnds. In größerem Maße sind die Spuren dieser Reaktion in Rußland zu beobachten. Die Odessaer Presse hat auf Grund einer Enquete sestgestellt, daß von den in Odessa organisierten 40000 russischen Arbeitern nur ein einziger russischer Arbeiter in einer jüdischen Mühle die Juden während des viertägigen Mafsakr es verteidigte, daß aber viele von ihnen sich dem schwarzen Hundert angeschlossen und am AuSrauben jüdischer Läden teilgenommen haben. Die russischen Juden werden jetzt die Konsequenzen aus dieser Tatsache zu ziehen wissen. Die ganze jüdische Presse in Rußland hat dieses Faktum festgenagelt, und die Stimmung gegen den „Bund" ist jetzt in Rußland allgemein. Nicht wenig zur Heraufbeschwörung dieser Reaktion hat die geradezu antisemitische Haltung der jüdisch-sozialistischen Studenten an den schweizerischen Hochschulen während der Judenmassakres beigetragen. Ein Mann, der zwar kein Sozialist, aber zu den freisinnigen Radikalen zählt, der hebräische Journalist Eharmonie, weiß schaurige Dinge über die Haltung der Berner Studenten zu erzählen. Nach diesem ohne Zweifel zuverlässigen Bericht haben es die jüdischsozialistischen Studenten und Studentinnen in Bern für gut gehalten, während der Judenschlächterei in Odessa einen Ball mit Tanz zu Gunsten der Armenier zu veranstalten. Die russischen Juden wissen nun, was sie von solchen Söhnen und Töchtern zu erwarten haben. Das Pariser Komitee für jüdische Selbstverteidigung in Rußland erläßt folgenden Aufruf an die Juden in Frankreich: „Tie Leichname unserer erschlagenen Brüder füllen noch die Gassen von Odessa, Rostow, Mew, Krementschus, Kischinew, Pheodossia, Poltawa usw. Das Blut unserer Brüder, das die schwarzen Banden des absterbenden Zarismus vergießen, fließt in Strömen und rötet die russische Erde. Tie barbarische Bureaukratie ist entschlossen, die russische Revolution im Blut des Bürgerkrieges zu ertränken, weshalb sie Judenmassakres massenweise organisiert. Nur die jüdische Selbstverteidigung, die unsere tapfere Jugend organisierte, hat eine allgemeine Abschlachtung von Juden verhindert. Tiese tapfere -Organisation rettet die Ehre und das Leben des jüdischen Volkes. Brüder! Es ist euere Pflicht, diese Organisation »ach Kräften zu unterstützen. Tie materiellen Zuschüsse werden für den Ankauf von Waffen verwendet. In diesen! Moment der Not, welches unser Volk jetzt durchlebt, nmß ein jeder von Euch dem Volke gegenüber seine Pflicht erfüllen. Unterstützet die Organisation der jüdischen Selbstverteidigung." Tiefer kurze und warmo Aufruf wird seine Wirkung nicht verfehlen. Zum Lobe der französischen Juden sei es gesagt, daß sie trotz ihres Franzosentums sich zu einer imposanten Kundgebung zu Gunsten unserer unglücklichen Brüder znsammengetan und nach straften bestrebt sind, das über sie herangebrochene Elend zu lindern. - ölaximo Io Malt re. Mar Samuel als Arzt. Von vr. med. Joseph Mayer in Frankfurt a. Bi. Es gibt wohl kein zweites, ebenso hervorragendes literarisches Erzeugnis in der ganzen Welt, welches so sehr den ganzen großen geistigen Niederschlag einer sehr langen Zeitperiode in sich ausgenommen hat, als dies der Talmud ist. Ter Talmud ist als ein vielbändiges Protokollbuch aufzufassen, in loelchem sich alle in den Lehrhäusern geäußerten Meinungen und Ansichten der jüdischen Gesetzeslehrer protokolliert vorfinden. An der Hand der Mischna, welche als ein kurzer Abriß der inündlichen lkeberlieferung anzusehen ist, wurde über die durch die schriftliche Lehre (Tauroh) fixierten Reiigionsgesetze eingehend diskutiert. Tabei wurden jedoch, wie dies ja auch im gewöhnlichen Leben der Fall ist, auch andere nicht streng zum Thenia gehörende Tinge in deni Bereich der Tiskussion gezogen. So kommt es, daß wir im Talmud zahlreiche philosophische, juristische und nicht zum wenigsten auch medizinische Lehren finden, welche jedoch, wie gesagt, nicht in einem systematischen Zusammenhang, sondern vielmehr zerstreut und nur gelegentlich wiedergegeben werden. Zu denjenigen Talmudlehrern nun, welche sich insbesondere durch gute medizinische Kenntnisse auszeichneten, gehört in erster Reihe Mar Samuel, das um das Jahr 200 der gewöhnlichen Zeitrechnung lebende^ Oberhaupt der jüdischen Hochschule in Nahardäa, ein Mann, der, abgesehen von seiner hervorragenden jüdischen Gesetzeskunde, gerade wegen seiner allgemein großen profanen Gelehrsanlkeit von seinen Zeitgenossen hochgeschätzt wurde. Hierfür sprechen auch die zahlreichen ehrenden Beinamen, welche ihm der Talmud beilegt.' So wird er in Baba Kama 96b Schabur Malka genannt (s. auch Pesachim 54a) nach dem zu seiner Zeit lebenden Perserkönig Schabur (Berachoth 56a), weil seine rechtlichen Anordnungen denselben großen Wert hatten, wie diejenigen eines Königs. Das gleiche bedeutet der Beinamen Arjoch (Chulin 76b). Ferner hieß er Jarchinaah, der Mondkundige, weil er in Bezug auf die Bestimmung des Neumonds außerordentlich kundig war (Mezia 85b, Rosch haschanah 20b), wie er ja überhaupt ein großer Astronom war (Berachoth 58b). Auch hieß er Schakud, der Fleißige, Genaue, weil er sehr emsig bedacht war, seine Rechtsnormen mit peinlicher Genauigkeit abzufassen (Kesuboth 43b). In Chulin 76a wird er „ein großer Mann", und in Sabbath 129a „der weiseste" unter den Juden genannt. Ferner sind hier noch Stellen in Kesuboth 23a und Mezia 86a heranzuziehen. Aus Megklla 22a geht hervor, daß er dem Priestergeschlechte angehörte. Schon sein Vater Abba (s. Rasch! zu Jarchinaah Mezia 85b) muß in Nahardäa eine führende Stellung eingenommen haben, denn in Beza 16d wird erzählt, daß der Vater Samuels für alle jüdischen Einwohner von Nahardäa Eruf tafschilin zu machen pflegte. Was nun die äußeren Eigeufchasten Samuels betrifft, so scheint er nicht besonders schön gewesen zu sein (Nedarinr 50b). Um so größer waren aber seine geistigen Vorzüge, die selbst von Rav in so hervorragender Weise gewürdigt wurden, daß er auf ihn den Vers in Daniel 4, 6 anwendete: Kein Geheimnis ist dir verhüllt (Chulin 59a). Besonders berühmt war aber Samuel als Naturforscher und Arzt. An der oben erwähnten Stelle in Mezia 85b wird erzählt, daß er der Leibarzt des Rabbi Jehudah hanafi war, und daß er sich in der Behandlung desselben als geschickter Praktiker beivährte. Rabbi Jehudah hatte nämlich ein Augenleiden, welches Samuel durch Einträufelung behandeln wollte. Aber Rabbi weigerte sich dessen. Ta schlug ihm Samuel vor, ihm nur leise mit dem Medikament die Augen zu bestreichen. Aber auch dieses wollte Rabbi nicht. Ta brachte Samuel das Medikament in eine Tube und legte diese zu Kopse des Patienten, so daß die Dämpfe bis zu den Augen dringen konnten, und der Patient wurde geheilt. Wie sehr er bemüht war, seine Kenntnisse in der Naturkunde zu crlveitern, geht aus Sabbath 90a hervor, wo es heißt, daß er eine große Umfrage gehalten habe, um die Natur einer bestimmten Substanz kennen zu lernen. In Nedarim 50b wird erzählt, daß Samuel die beza tormita als diagnostisches Hülfsmittel verwendete. Samuel sagt dort: Die Arbeit, die inan mit der Zubereitung der beza tormita hat, ist 1000 Denare wert. Man bringt das Ei 1000 mal in heißes und 1000 mal in kaltes Wasser, bis es sich so verkleinert, daß man eS ganz verschlucken kann. Wenn nun eine Krankheit da ist, so hastet sie an dem Ei, und der Arzt weiß, wenn das Er abgeht, welches Medikament für de» Kranken erforderlich ist. An derselbe» Stelle heißt es weiter, daß Samuel ein so gefährliches medizinisches Experiment au sich selbst mit einer Substanz Kulcha gemacht habe, daß sich deswegen seine Hausleute die Haare ansrauften. Auch sonst muß er vivisektorische Versuche gemacht haben. So wird in Bechorot 37b folgendes erzählt: R. Ehisda wollte wissen, welches die Größe des Knochcnstückes sei, welches losgelöst von: Schädel das Leben des Individuums gefährden könne. Ta sagte R. Tachlifa, Sohn deS Abdimi, zu ihm: Nach der Lehre Samuels muß dasselbe mindestens so groß wie ein Sela sein. Aus Nidda 25b geht hervor, daß Samuel imstande war, das Alter von Mißgeburten, die man ihm vorlegte, genau anzugcben, so genau, daß er sogar den Tag der Konzeption mit Sicherheit feststellen konnte. Tabei wird auch erzählt, daß Samuel in medizinischem Wissen eine hervorragende Ausnahmestellung einnahm. Von solchen Mißgeburten ist auch Nidda 24a die Rede und zwar von einer fötalen Doppelmißbildung, bei der Rücken und Wirbelsäule doppelt angelegt feien. Indem hierbei die Unterscheidung zwischen einer menschlichen und tierischen Mißbildung dieser Art gemacht wird, lehrt Rab, daß beiin Menschen eine solche fötale Abnormität nicht als Fötus zu betrachten ist nnd beim Tiere dieselbe zum Genüsse nicht erlaubt werden darf. Samuel ist aber gerade entgegengesetzter Ansicht. Die beiden Gelehrten diskutieren hier nur über die Interpretation, welche R. Chanan, Sohn des Abba (nach Chulin Sohn des Rowo) über den in Deworim 14 vorkommender Ausdruck „Schesua" gibt, von dem derselbe meint, daß er obige Doppelmißbildung bezeichne. Rab glaubt nun, eine solche komme lebenii niemals vor und Gott habe mit Moses nur von der embryologischen Abnormität gesprochen, aber Samuel behauptete, daß diese Abnormität auch später öftervorkomme, daß für Gott sonst kein Grund vorhanden gewesen sei, dieselbe unter den verbotene» Speisen aufzuzählen. Man vergleiche übrigens auch Chulin 60, 6. (Schluß folgt.) Aus aller Mett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Die Sammlungen für die Opfer der russischen Mafsakres ergaben bei dem Hilfskomitee in Frankfurt 670000 .ft f

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