Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 46 (1.12.1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 46. sie mit ihren Piken auffingen. Ich hielt einen Jungen auf -dem Arm, ihm fiel ein Brötchen gerade auf die Hände." „Hört auf damit!" ruft plötzlich der alte Söimonow, „cs ist mir schon überdrüssig geworden, das anzuhören.." — Seine Nerven waren augenscheinlich durch diese endlosen Schilderungen erschöpft. „Womit hat es denn angefangen," beginnt er auf's neue, ungeachtet seines eigenen Verbots. „Man wollte nur zum Scherz, zur Belustigung ein wenig die Jude» durchrütteln, es entstand aber daraus gegenseitiger Mord." „Könnte es vielleicht noch zu einem zweiten Pogrom kommen?" fragte ich zuletzt. Tiefe Frage hatte eine gewisse Berechtigung in Anbetracht der unmittelbar bevorstehenden Mobilisation. „Ach ein!" entgegnet Soimonow schnell. „In jeder Stadt kommt das nur einmal vor^. Bei uns wird es nicht mehr geschehen. Man hat gedacht, daß es als Scherz durchgehen wird, wenn man ein bischen an den Juden herumzerren wird. Aber jetzt, >vo manche mehrere Monate sitzen miifsen, jeden Tag vor Gericht geschleppt werden, sogar mit ihrem Eigentum verantwortlich sind, so werden sie sich besinnen, und sich hüten, das noch einmal zu tun." „Wir habe» eine Zeitung „Snauija", der Redakteur ist Pruschewan," hebt der unbändige Schlosser wieder an, „der Oberkondukteur hält sie. Lest mal, lvas da geschrieben steht: Tic Juden, sagt er, muß man morden und plündern, weil sie wie Würmer unter der Erde alle bestehenden Pfeiler untergraben." „Nun scher Dich mit Deinen Pfeilern und Fahnen!" sagt der Alte mit wachsendem Unmut. „Ach Gott, was verdirbst Tu der Gesellschaft die Laune!" Tie Gesellschaft erhebt sich von ihren Plätzen. — Ungeachtet der Entfernung der Jugend läßt der Homeler Pogrom diese bürgerliche Gesellschaft nicht mal zwei Flaschen Bier ruhig zu Ende bringen. Tie soziale Atmosphäre Hömels ist polarisiert, Mcht weniger als die Dreifuß-Affäre dringt der Homeler Prozeß unter jedes Tach und veranlaßt den bescheidensten und unparteiischsten Einwohner, sich eine bestimmte Meinung zu bilden und sie gegen alle andern zu verteidigen. Aus Rußlands Heldentagen?) (Nach fünfzig Jahren.) Von Simple x. F c d o r I w a n o w i t s ch: So, so, mein Schätzchen Iwan Fedorowitsch, du bist glücklich, daß ich dein Vater bin. Tu sitzest im weichen, sicheren Rest, das Gesetz wacht über dich, du bläst den Rauch deiner Pfeife in die Luft der Freiheit. Das heißt, du wirst ihn blasen, bis du erst eine Pfeife bekommst. Iwan Fedorowitsch: Sag mal, Väterchen, ist es wahr, daß zn jener Zeit die Polizei jeden, den sie wollte, hat ohne weiteres einfangen dürfen? Fe dar Jwa nowitsch: So wahr, wie unsere Glückseligkeit. Ta gub's nur einen Polizeiftaat und unsägliches Zähneklappern und unermeßliches Elend. Und, damit ich nicht aus einer Rede in 'die andere falle, weißt du, damals führten die Japaner Krieg gegen uns. I w a u Fedorowitsch: Was? Tie Japaner? Unsere Brüder?! F e d o r I w a n o w i t s ch: Jawohl mein lieber Fedi, die Japaner! Jetzt sind sie unsere Brüder, aber vor fünfzig Jahren waren sic noch „gelbe Hunde". Am ersten Kriegstage haben sic unsere Port Arthurer Flotte über den Haufen geschossen. Iwan Fedorowitsch: Und was habt ihr da getan? F e d o r I w a n o w i t s ch: Wir haben in unserer Wut mit den Zähne» geknirscht und als die Wut noch größer ward, haben wir die Ki sch i n e w e r Juden uiedcrgemetzelt. Tamals waren nämlich auch in Kischinew noch Inden. Iwan Fedorowitsch: Und was taten inzwischen die Japaner? Fedor Iwan o witsch: Wie ein gelber Schneewirbel sind sie in unseren Körper eingestürmt. Väterchen sandte gegen sie eine Armee nach der anderen und ihre Beamten preßten das Volk lustig weiter aus. Wir hatten so viel Stenern zu zahlen, als man nur zn erpressen verstand, so, daß uns kein Bissen Brot im Hause blieb. Als wir bann bei Liaojang die entscheidende Schlacht verloren . . Iwan Fedorowitsch: Nun, was tatet ihr da, Väterchen? F e d o r I w a n o w i t s ch: Ich war damals elf Jahre alt, als wir die Schlacht bei Liaojang verloren haben, und in unserer Verzweiflung haben wir die KiewerIudcn niedergemetzelt. Tamals haben nämlich in Kiew noch Juden-.gelebt. *) Ans dem Ungarischen im „A Het" übertragen von I- Kr. im „Jüd. Volksbl." (Wien). Frankfurter JfraektischeS Familienblatt. Iwan Fedorowitsch: Und die Japaner? Fedor Jwanowitsch: Tie Japaner? Sie drangen wie der Wirbelsturm immer vor bis Mulden. Nun war der Lcidenskelch voll geworden. Knechtschaft auf der einen Seite, Armut auf der anderen und obendrein die fürchterliche Menschenschlächterei wegen einer Laune eines einzigen Mensche», des Zaren .... Tie Soldaten flohen ins Ausland und wir knirschten mit den Zähnen. Iwan Fedorowitsch: Und wo habt ihr um diese Zeit Juden niedergemetzelt? Fedor Jwanowitsch: Wieder in K i s ch i - n e w. Ta waren nämlich noch immer Inden vorhanden. Iwan Fedorowitsch: Und die Japaner? Fedor Jwanowitsch: Tie Japaner vernichteten damals bei Tschuschima unsere baltische Flotte. In unserer Wut darüber hielten wir 'wieder in Kischinew nach Juden Umschau. Und da mir hier zu wenig vorfaiidc», haben wir einen Teil der Ödes s a e r Jude n niedergemetzelt. Tic Unzufriedenheit hatte aber bereits solche Timensionen angenommen, daß Väterchen sich nicht mehr getraute, Militär in den Krieg zu schicke». Er brauchte sie.zu Hause gegen die Aufruhrer. I w an F e d o r'o witsch: Und was forderten den» diese? F cbm- I w anowit s ch: Verfassung und Gleichheit. Tas Militär »icnterte auch und hielt ,;»»! Volke. Damals war auch der Aufstand der Potemkin-Matrosen und wir metzelten die Inden n i c d e r. Iwan Fedorowits ch: Gab's denn in Ödes s a noch' Juden? Fedor Jwanowitsch: Es gab noch und es blieben jogar noch für den Freiheitskampf welche übrig. Man hat nämlich inzwischen mit Japan Frieden geschlossen und Väterchen widmete seine ganze Sorge den inneren Unruhen. Er ließ i» Petersburg und M o s k a u das Volk niederschießen und das Volk hat in seiner Verzweiflung die Juden in Pete r s b u r g u n d M o s k a n n i e d e r g e in c tz e l t. I w a >i Fedor owit s ch: Großartig! Fedor Jwanowitsch: Endlich hat Väterchen nachgegeben und verlieh uns die Persassnng. Hierauf haben wir die Juden i'i berall niedc r gemetzelt. I w an F e d o r o w i t s ch: Ueberall waren Inden? Fedor Jwanowitsch: Wir metzelten sie nieder, wo wir sie eben fanden. T r e p v w war um diese Zeit am fürchterlichsten. Blut floß an allen Orten. Tas Blut der Freiheitshelden. Zum Schlüsse haben doch wir gesiegt und im Verlaufe von einigen Jahren errichteten wir das freie, reiche, ans Grundlage der Rechtsgleichheit auigebante Rußland, in dem auch du jetzt sitzt. Iwan Fedorowitsch: Und die Juden? F e d o r I w a n o w i t s ch: T i e s e habe » iv i r , n a ch d e m w i r 11 n s e r e R echte ausgefochten hatten, all e s a m t und sonders niedergemetzelt. Aber wenn wir im nächsten Jahre eine Reise nach Teutschland machen werden, das noch nicht die Freiheiten genießt, die wir haben, da werde ich dir eine» Jude n zeige n. Kunst und Literatur. Hiltys neuestes Buch. Prof. Tr. E. Hilty: Studien. Ausgewählte Aufsätze ans dem Politischen Jahrbuch der schweizerischen Eidgenossenschaft. Bern, K. I. W»ß. 1W->. -120 Seiten. Preis geb. Fr. (i.50. Hilty muß jeder Gebildete kennen. Und wer ihn kennt, wird von ihm mehr lernen, als beispielsweise von Tolstoi und Ibsen. Diese sind Verzerrungen, Hilty ist die gesunde Geradheit. Möglich, daß Viele finden werden, das, was Hilty sagt, haben schon die großen Männer der Vorzeit auch gesagt. Hilty selber erzählt uns ja, daß er von den Mten viel, sehr viel gelernt hat, und weist auch, so oft nur irgend möglich, auf seine Quellen hin, unter denen das Alte Testament die erste Stelle einnimmt. Und wenn das Verdienst Hiltys nicht mehr wäre, als daß er das alte aufs neue wiederholt, so wäre auch das nicht gering zu achten. Das ist jedenfalls klüger und heilsamer, als 'mit aller Gewalt etwas Neues sagen zu wollen, etwas geistig Verrenktes, gemütlich Krankhaftes, womit man den gesunden Sinn des Lesers verwirrt undseine Nerven in krankhafte Erregung bringt. Aber Hilty ist modern, modern bis in die Fingerspitzen, denn ergibt Lehren für die moderne Zeit, und niemand kann behaupten, daß seine Betrachtungen für verschwundene Tage berechnet sind. Und das; wir es gleich sagen: Hilty ist E t h i - k e r und in seiner Weltanschauung g o t t e s gläubiger Stoiker. Zwei Lehrbücher hat Hilty, aus denen er Weisheit schöpft, Weisheit für unsere Tage und für die Zukunft: die Bibel und die Weltgeschichte. Tazu natürlich sein klarer «imi, sein kluger Verstand, sein reines Gemüt: seine innere Welt, die ihm ermöglicht, hier nicht sinnlos durcheinander geworfene Tatsachen und dort nicht stumme, tote Buchstaben zu sehen. Hilty besitzt die Kunst, die sein eigen ist, in jenen beiden gewaltigen Büchern kesen zu können. Seite 5. Bon den Aufsätzen, die in die vorliegende Sammlung «ufgenommen sind, interessiert uns vornehmlich der crstje, mit dem Titel: Vergelt»ng. Man liest kauni einige «eiten, so merkt man gleich: hier spricht ein hoher Geist zu uns, ein Geist, der sich nicht erniedrigt mit den kleinlichen Händeln des Alltags, der vielmehr von der hohen Warte des weltgeschichtlichen Ausblicks die Tinge um ihn herum betrachtet, sie auf der Wagschale der ewigen, göttlichen Werte wägt und dann besonnen urteilt, gemessen lobt und liebevoll tadelt. Und ein gesunder und strenger Sinn gibt sich kund in diesen Blättern. Ein gesunder und frischer, von dem modernen nenrasthenischen Pessimismus freier Ton erklingt da, und ein strenger, der zur Rechenschaft zieht, der nicht alles verstehen will, um alles zn verzeihen und so die Grenzlinien zwischen Gut und Bös gänzlich zn verwischen. Aber auch ein seines, edles Gemüt ofsenbart sich hier. Reinheit merkt man da überall und Einfachheit und stille Fröhlichkeit. Die niedrige Selbstliebe ist von hier verbannt, von prunkender Wichtigtuerei keine Spur — und fern die griesgrämige Tadetsucht. Es muten uns diese Ansführiingcn an, wie eine gemütliche feiertägliche Unterhaltung eines weltklugen, aber menschenfreundlichen Mannes, ermutigend und aiismunternd. Und ein Zug erhabenen Ernstes weht uns hier entgegen, die Ehrfurcht vor der göttlichen Weltordnung durchzieht alle Blätter. Steine Zeile verleugnet diese, eine jede ist in Hinblick ans die Anerkennung derselben geschrieben. Ter Geist, der hier zu uns spricht, schöpfte aus unseren heiligen Schriften, an ihnen ist er groß geworden. Darum ergreift er uns und stimmt uns fast zur Andacht. Hilty hat recht, wenn er sagt, daß jedes Menschen Herz nach der Uebcrzeugnng verlangt, daß es eine Vergeltung überhaupt gebe, und daß damit auch, mehr als man gewöhnlich glaubt, der Glaube an einen Gott und die vorwiegend pessimistische oder freudige Weltanschauung ziisammenhängt. .Hilty will die Lösung des Problems nicht so bequem machen, wie jene, die die Vergeltung in ein unkontrollierbares JenseirS verweisen, er ist vielmehr überzeugt, daß eine Vergeltung auf dieser Erde, in diesem Leben bestehen muß. Freilich darf diese Vergeltung nicht zu materiell gefaßt werden, sic ist vielmehr sein ausgebildct, denn die göttlichen Gedanken sind nicht unsere Gedanken, die nur die äußere Erscheinungen betrachten. Tie Vergeltung ist im I n n e r n des Menschen, wohin eines Ändere» Blick nicht so leicht reicht. Wir können alles vergessen, nur nicht die Schuld: schon das ist Vergeltung, lind daß Menschen, die unter ein gewisses Maß von menschlicher Unvollkommenheit gesunken sind, schließlich nicht niehr gut sein k ö n neu, und auch den Mut dazu, es zn wollen, völlig verloren — ist das nicht eine Vergeltung? Dann wieder, daß die Schlechten in einer beständigen F u r ch t vor der Vergeltung leben, ist ja schlimmer noch, als jede äußere Strafe. Darum behauptet .Hilty ernst und entschieden: Vergeltung b e st e h t. Hilty dringt nun tiefer in das Thema ein, und stellt Betrachtungen an über den Zeitpunkt der Vergeltung, über die Frage, wozu die Bösen gut seien, über die Aktion des Guten in der Welt, über das Leiden der Unschuldigen, Bestrafung der Bösen und Belohnung der Guten, über das Problem: ob und wieweit das Böse durch Kampf und Vergeltung der Menschen beseitigt werden kann und soll, über Strafrecht u. a. m. Wir wollen hier nicht alles verraten, was der Aufsatz und die folgenden der vorliegenden Sammlung enthalten, vielmehr alle Freunde wirklich guter Bücher ans diese Studien selbst verweisen. Wir sind überzeugt, keiner, der ernsten, Herz, Verstand und Gewissen nahe berührenden Fragen nicht ausweicht, wird diese Studien ohne wirklichen seelischen Nutzen lesen; sie sind im edelsten Sinne Geist und Gemüt bildend. B. F. I ü bische Bibliotheken. Die großartige Schenkung der Büchersaininlung des Sanirätsrats Dr. Neumcinn an die (tzeineindebibliothek der Berliner jüdischen Gemeinde lenkt die Aufmerksamkeit aus das jüdische Bibliothekswesen im allgemeinen. Zwar hat der Änkauf der Bibliothek des sel. Dr. Kayserling für das „Hebrew Union College" von Cincinnati Europa um eine, namentlich für die Geschichte der sphardischen Judenheit hochwichtige jüdische Büchersammlung ärmer gemacht, aber es muß sich mit der Tatsache trösten, daß die wertvolle Taininlung wenigstens nicht zersprengt und an einzelne Personen verhökert wurde. Bei diesem Anlaß wollen wir hervorhcbcn, daß Europa noch eine überaus große Anzahl jüdischer Büchersammlungcn besitzt, von denen wohl nur sehr wenige ihren Weg nach Amerika finden dürften. Zunächst besitzen fast sämtliche jüdische Rabbinerseminare überaus wertvolle Bibliotheken: so die Rabbinerscminare von Wien, Budapest und Paris, ferner die beiden Anstalten zur Heranbildung von Rabbinern in Berlin, wie das Fränkelsche Seminar zu Breslau. Die Bibliothek des Rabbinerseminars zn Berlin ist namentlich reich an Responsen. Drei solcher Seminarbibliothekeii bcsinden sich ferner in