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Neue jüdische Presse · 1905-12-01 · Heft 46 (1.12.1905) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 46 (1.12.1905)
Date
1905-12-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Krcmksurter JsraelMschei Famüienblatt. Rr. 46. betätigten, blieben sie stets das Weib, die schaltende Hausfrau, der Genius ihrer Familie. München, 26. November.'Die Firma Moritz Brand eis, älteste Münchner Mazzosfabrik, erhielt auf der internationalen Kvchkunstausstcllnng in Paris die goldene Medaille und ei» Ehrend i p l o m. Snlzbnrg (Oberpfalz). Am 24 ds. Mts. wurden die beiden Kultusvorstände, Herr I o s e p h Regensburger und Herr S c l i g m a-n » Haas, crsterer zum Beigeordneten, letzterer als Mitglied der Markt» gemeindeverwaltung wiederum gewählt, ein erfreuliches Zeichen friedlichen Einvernehmens der hierorts wohnenden, konfessionell gemischten Bevölkerung. Brün« (Oesterreich) Der Vorsteher der hiesigen Gemeinde-, T-r. Hieran y in u s Fiall a,- wurde zum M i t g l i e d e des L a n d c s s,ch u l r <> t e s für M ähren ernannt. Paris. Der Sohn von Jules Berne tritt dem Gerüchte, sein Vater sei ein polnischer Jude namens Olchowicc gewesen, oer im Jahre 1861 in Rom zum Katholizismus übertrat und sich später in Frankreich naturalisieren ließ, mit der Veröffentlichung des Geburtsscheines des weltbekannten Schriftstellers entgegen. Er hat sich ihn in Nantes ausstellen lassen, wo der Advokat Pierre Verne a>n 8. F-cbruar 1828 mit zwei Zeugen, dem llntcrsuchungsrichter Trouyon und dem Haiiseigcntüme« Alexandre Verne vor dem Maire erschien und ein Kind männlichen Geschlechts anmeldcte, das seine Gattin Sophie Henriette Allottc ihm an jenem Tage um die Mittagsstunde geboren hatte. Tas Kind wurde mit den Namen Jules Gabriel in das Standesregister eingetragen. Aus der zionistischen Bewegung. Posen. Der,erste Erfolg der Agitation unserer Ortsgruppe in Gemeindeangclegcnheiten ist die Einführung der O e f f e n t l i ch - keit der Repräsentantensitznn g. Die beiden ersten öffentlichen Sitzungen entbehrten fast vollkommen des allgemeinen Interesses. 'Natürlich. Denn unsere Gemeinden fassen fast durchlveg ihre Ausgaben lediglich unter dem Gesichtspunkt technischer Vertvaltungs-, nicht modern-jüdischer Jüteressenpolitik auf. Doch .wird lvohl in naher Zeit eine Angelegenheit von größerer Bedeutung, die gegenwärtig den Vorstand beschäftigt, vor die Repräsentanteuvcrsammlung gebracht werden. Innerhalb der hiesigen Gemeinde haben seit vielen Jahren die liberalen Elemente ihre Kultusangelegenhciten in einem besonderen Verein „Israelitische Brüdergemeinde" geregelt. Tiefem Vereine, wiewohl ihm das Gros der jüdischen Plntokratie angehört, werden die Ausgaben für den eigenen Kultus nachgerade zu teuer. Insbesondere hat die Tatsache, daß die Hauptgemcinde eine große neue Synagoge nach altcin Ritus errichtet, . die Begehrlichkeit der reichen Liberalen erweckt, und sie lvollen nun auch ihre religiöse» Sondert,edürfnisse (!) aus dem Gemeindesäckel befriedigt sehen. So entstand der Antrag auf Eingemeindung der Orgclsynagoge, dessen Annahme, wie wir zuverlässig erfahren, beiin Vorstande im Prinzip gesichert ist. Jetzt erst wird also, aller Voraussicht nach, in die uralte Poscner Gemeinde das „Licht der Aufklärung" fallen, und sie wird in die Lage gebracht werden, sich offiziell mit weniger jüdischen Kultusformen und inehr christlichein Orgelspiel und, was sonst den Auchjuden „heilig" ist, zu befassen. Immer mehr wird darum ein Zusammenschluß aller derer geboten sein, denen die alten Kultusformen keine leere Schale sind, und diejenigen, die ihnen aus religiösen Motiven anhängen, werden vielleicht noch einmal Hilfe vo>i Seiten der bislang hier so scharf befehdeten Zionisten ersehnen, die aus nationalen Gründen das traditionelle Judentum erhalten wissen wollen, visoito moriti! Siehe Rhkestraße! 0 leniHefon. 0 (Nachdruck verboten.) Homeler Silhouette«. Skizzen von Tan, aus dem Russischen übersetzt von T. Bach. (Schluß.) „Wenn's Ihnen gefällig ist," beginnt der zweite Schlosser, „werde ich Ihnen vom Pogroni erzählen." In der Tat, yach Kischinew begann man hier den Progrom ins Werk zu setzen. Unter den Leuten hörte man sagen, daß' die Zeit jetzt eine günstige sei, daß man die Juden schlagen könne, daß die Obrigkeit es nicht verbietet. — Unter den Juden hörte man derartige Gespräche: -Unser sind hier viele. Hier ist nicht Kischinew, wir wcroen Euch schon zeigen." Tie Juden singen an sich vorzubereiten, schafften sich Revolver und andere Waffen an. Wir sagten uns: lvofür bereiten sie sich vor, zur Verteidigung, oder zum Angriff oder wozu sonst. Tarauf verbreiteten sich in der Stadt verschiedene Gerüchte, z. B. daß im Lubenskischen Walde ich sechstausend Temokraten mit Kanonen besinden und daß sie bestimmt in der Nacht ganz Slobodka nicdermachen werden, oder daß die ganze. Familie des Petrotschenko niedergemetzelt worden ist. — „Auch die Russen müssen Maßregeln zum Schutze ergreifen," lagtc man sich. Am Tage nach dem Pogrom z. B. gehen wir, Gesellen, zu dreien und sehen vom Sumpfe her einen Haufen Bauern, ungefähr 75 Mann, hercuikommen. — Ich sage: „Kinder, wir lvollen sie anseinanderjagcn, sic haben irgend welche böse Absichten." — Sie kommen näher. „Wohin geht Ihr, Jungen?" „Wir habe» gehört, daß man hier die Inden schlägt." , „9hm, was folgt daraus?" „Wir sind auch Menschen, die ihren Haß haben." „Marsch zurück!" „Was bist Tu für ein Herr?" „Wenn ich auch kein Herr bin, aber wir wolle» es nicht zulassen!" „Ihr seid, wer weiß woher, gekommen, werdet alles kurz und klein schlagen, und. nurdie Einwohner der Stadt mit Schmach bedecken. Wer hat Euch das Eisen gegeben?" Sie antworten nicht, gehe» aber auch nicht fort. Sie sind alle mit eisernen Stöcken und Säcken versehen, gehen also auf Raub ans. Ta kam ein Unterleutnant des Abschasker Regiments an unsere Gruppe herangcritten. „Was steht Ihr hier?" — Ich sagte ihm den Grund. Er sagt: „Werft das Eisen fort." — Ta mußten sic umkchren und wurden bis zum Kirchenplatz znrückgejagt. Wir gehen zurück und erblicken am Fenster den Offizier Ä. mit seiner Frau. — „Was gibt cs?" — — „Tenken Sie sich, die Bauern sind hierhergckommen mit der Absicht, die Juden zu schlagen." — „Verdienen sic es ctlva nicht, daß man sie schlägt." — „Wofür eigentlich nach Ihrer Meinnng?" „Wie, wofür? In Briel sind mehrere Faniilien, in Pschonka die 'Nonnen niedergemetzelt worden, die Kloster niedergebrannt, und heute nachts, sagt man, werde» sie Slobodka überfallen. Wie soll man sich da nicht zur Verteidigung rüsten?" „Wer hat dieses Gerücht verbreitet?" „Weiß der Teufel, wer," sagte der Schlosser, „meistens Weiber, andere sollen es von Schutzleuten gehört haben." „Sicherlich die Weiber!" bestätigt der Wagenbauer mit kurzem Lachen. „Sic sind besonders neugierig. Im Voriiberlaufen fragt eine: „Was gibt es Neues?" — „Tie Juden schlagen die Russen, da kommen sie." — Sie klammert sich an ihren Mann fest und läßt ihn nicht hinaus auf die Straße." Er ist sichtlich bemüht, dem Gespräch eine weniger ernste Wendung zu gebe», aber der unbändige erste Schlosser geht auf keinen Kompromiß ein. „Nicht Weiber," entgegnet er in demselben finstern Ton, „sondern kluge Leute haben uns das gesagt, Tanejew, der Kontrolleur, Plachim nnd sogar Seine Hochwohlgeboren. Er nennt die Namen einiger Personen, welche in der ganzen Stadt durch den verhängnisvollen Einfluß, den sie auf den Gang des Pogroms ansgeübt haben, bekannt sind. „Jetzt haben sic einen Prozeß angefangen," fügt er finster hinzu. „Nun, mir ist es einerlei, ich lese nicht die Zeitung. Mögen sie auch drei Jahre prozessieren, den nnsrigcn wird nichts geschehen. Tas Gericht ist auf unserer Seite . . . .!" „Haben sich die Bauern etwa nicht gefürchtet," bemerkt die Alte, „keiner verspürt Lust, wie ein Hammel zerrisse» zu werden." „So ist es!" gesteht der Alte ein. „Wir haben gewiß vierzig Inden versteckt, dabei dachten wir doch, daß, wenn die Juden die Oberhand behalten, sie uns plündern tvürden. . . . Ich selbst würde zwanzig Mann verjagt haben," fügt er mit Ueberzeugnng hinzu. „Ich hätte den Torriegel ergriffen »nd mich verteidigt" .... „Tie Bauer» im Dorfe haben sich noch mehr gefürchtet als die städtischen," fällt der Schwiegersohn Soimonow's ein, welcher es vorgczogen hatte, bei de» Alten zu bleibe», wahrscheinlich angezogen durch die Flasche, welche auf dem Tische stand. „Am Ticnstag z. B. entstand wieder eine Verwirrung; die Bauern flüchten sich, jagen die Pferde nnd schreien: „Auf den: Markte gibt cs ein lkuglück!" Ta sagten die städtischen Bewohner: „Was ergreift ihr die Flucht, wcnn's so ist, dann entfernt die Weiber nnd geht selbst in den Kampf hinaus." „Natürlich," fügt der Alte hinzu, „ivcnn sie wirklich uns angerührt hätten, so wäre keiner ruhig sitzen geblieben, alle wären aufgestanden, sogar die Weiber hätten Ofengabeln ergriffen »nd tvnren gegangen." „Wie denken Sie," fragte ich von Neuem, „wenn das Militär nicht eingeschritten wäre, welchen Verlauf hätte der Pogrom genommen?" „Wenn das Militär nicht für uns eingeschritten wäre," gestand der Alte aufrichtig, „so hätte» die Juden gewiß die Russen geschlagen. Tenn bei uns nimmt sich nicht einer des andern so an, wie bei den Inden." „Es ist sehr nötig getvesen, die Raubmörder aufzuhalten," entgegnet der andere Altgläubige, „tvenn man ihnen den Willen lassen sollte, so wäre» sie int Stande, auch unsere .Häuser zu zerstören." Er ist sorgfältiger gekleidet als sein mürrischer Gefährte nnd besitzt augenscheinlich ein wirkliches Hans, keine Hütte. „Weshalb hätte man die russischen Häuser angegriffen!" entgegnet finster der erste Schlosser. „Tie Russen habe» ja vor ihre Häuser Heiligenbilder heransgebracht; aber wo man sieht, daß das Haus öde ist, die Fensterladen geschlossen sind, da kann man losschlagen. Tie kleinen Kinder laufen umher und sammeln das Gerümpel auf, man fragt sie, wo es noch jüdische Läden gibt ... — „Hier und da!" — dann geht es wieder los." „Nun, ja!" brummte ärgerlich sein Nachbar. — ,Mbet wenn Juden in russischen Häusern wohne». Wie dann? .... Ta war man doch gezwungen, für sein Eigentum einzutreten. Tie hätten sich ja gar nicht geniert, alles kurz und klein zu schlagen, Wände und Fensterläden und alles zu verwüsten." „Tas war auch der Fall bei meinem Kameraden Kusuezotv," begann der zweite Schlosser. „Als der Pogrom begann, kam er zu mir gelaufen. „Komme, bitte, schnell zu mir, ich habe zwar einen Revolver, aber allein kann ich doch nicht mit so vielen fertig werden! — Wollen wir uns vor die Tore stellen und sic nicht herankoinmcn lassen, sonst zerstören sie mir das Hans." — Nun, ich war einverstanden nnd ging mit ihm. Aber als wir hcrankame», hatten sie schon das Haus verwüstet, alle Fenster eingcschlagen, die Türen aus den Angeln gerissen. Tie Juden waren, Gott weiß wohin, geflüchtet. Nun, denke ich, da ist nichts mehr zu machen. Wollen wir wenigstens das nächste Hans versperren. Tie Menge nähert sich schon: Ziegelbrenncr, Bürger aus Monastirok, alle die Ksernen -Stöcke geschultert, wie die Flinten beim Militär. Ich sprang in den Hof nnd versperrte vier Wohnungen: da wohnten alles Bekannte; ein Tischler, ein Wasserträger, ein Fuhrmann, ein Tagelöhner ans einer Sägemühle, Rodnjanski, alles arme Leute." „Was suchst Tn hier?" fragt man mich aus der Menge. „Hier leidet mein Interesse, hier beim Tischler steht meine Maschine nnd mein Schrank," brachte ich als Einwand vor. „Wenn Ihr wenigstens zu Lnrie, dem reichen Manne, dein Bankier, gegangen wäret, aber zu wem seid Ihr gekommen, zu den Bettlern!" Sie hören mich aber nicht, stürmen gleich wilden Tieren aus de» ll> Wäldern vorwärts. Zweimal drangen sie in den Hof. Mittlerweile lief Rodnjanskis Frau zum Pristawgehilfcn Kasanski. — „Man mordet uns." — „Wie," — sagt er — „Tu bist ja heil und ganz!" — Erst am folgenden Morgen kam Kasanski in die Wohnung zu Rodnjanski. Tie Frau sagt ihm: „Euer Wohlgeboren, ich habe Sie gestern gerufen, damit Sie uns schütze» sollen nnd Sic kommen heute." „Ja," sagt er, „ivenn man Euch schlägt, dann kommt ihr, es zu melden. Weshalb kamt Ihr aber nicht, als bei Euch Versammlungen zur Besprechung verschiedener Fragen stattfanden? Nächstens zeigt mir Eure Versammlnngcn an, dann werde ich kommen." Sie antwortete: „Was für Versammlnngcn, ich weiß von keiner Versammlung. Wir sind arme Leute." — Taranf ging er fort. „Tie Inden haben es aber auch faustdick hinter den Ohren," sagte der alte Soimonvw. „So stehe ich um die Mittagszeit vor meiner Tür, da läuft eine Bande, mit Stöcken versehen, vorüber. Berka Äasarow, der dicke Tischler, mit einem Schwengel in den Händen, ist ihr Anführer. Ei» fester, rothaariger Kerl. Ich beruhigte sie und sagte ihnen: „Werft doch die Stöcke fort!" — „Nein," sagt er, „sie haben unsere Heiligtümer mit Füßen getreten. Wir wollen Rache nehmen." Er war dabei ganz außer Atem gekommen. Ich mußte lachen." „Tes einen Freud, des andern Leid," entgegnet der zweite Schlosser. „Ta ich niemals im Kriege war, so interessierte cs mich, dem Pogrom zuzpsehen, obgleich es kein Feldzug ist. Tie Läden werden demoliert, die Soldaten stehen ruhig dabei, lieber die Köpfe hinweg begann man den Soldaten Brote zuzuwerfen, welche

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