Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 46 (1.12.1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 46. Frankfurter Israelitisches Fanrilienblatt. Seite 3. in dem von diesem gewünschten Sinne, das heißt durch eine bauernde und umfaßende wohltätige Stiftung, zu beteiligen. Berlin, 28. Nov. Die Protestversamml u n g gegen die russischen Iudenmetze - leien, die zu gestern Abend »ach der Brauerei Friedrichshain einberufen worden war, wies einen so starken Andrang ans, daß schon lange vor Beginn der Versammlung der Riesensaal mit seinen Gallerie» dicht besetzt war, und die Polizei den Eingang sperren mußte. Rechtsanwalt Dr. Horwitz wies in seiner Eröffnungsansprache darauf hin, daß furchtbarer blutiger Ernst die Veranlassung zu dieser Versammlung bilde. Grausamkeiten, wie sie selbst in den als - barbarisch gezeichneten früheren Jahrhunderten nicht anfzusinden seien, habe man an den russischen Juden begangen. Es gelte, die Taschen zu öffnen und den russischen Glaubensgenossen beizuspringen, da noch nicht abzusehen sei, ob die zivilisierten Staaten Europas sich, wie es vielleicht ihre Pflicht sei, herbeilassen würden, zu Gunsten der verfolgten Juden bei der russischen Regierung vorstellig zu werden. — Hierauf schilderte Rabbiner Dr. Eschelbach er die Greuel, denen die russischen Juden in den letzten Wochen ausgesctzt waren, und wandte sich dabei gegen jene Preßstimmen, die die Juden für die revolutionäre Bewegung in Rußland verantwortlich machen wollen. Justizrat Dr. F u ch s hob in einer Ansprache hervor, daß verschiedentlich versucht worden sei, diese Versanunlung zu hintertreiben, weil durch einen öffentlichen Protest den verfolgten Glaubensgenossen mehr geschadet als genützt werden könne. Da aber auf eine Intervention der Ai ächte nicht zu rechnen sei, so gelte es, das öffentliche Gewissen wachzurüfen. Nachdem dann noch Tr. Alfred Klee und Dr. Hirsch Hildesheimer in kurzen Worten an die werktätige Unterstützung der Glaubensgenossen appelliert hatten, schloß die Versammlung mit der Annahme einer Protest- Resolution. Köln, 26. Nov. Wie Ihren Lesern bekannt sein dürfte, tobt hier seit mehr denn Jahresfrist der Kamps um die Einführung einer Orgel in der neuen Synagoge in der Roo nstraße. Gegen den von Vorstand und Repräsentanz mit Majorität gefaßten Beschluß zur Einführung des kirchlichen Instruments ist von der unterlegenen Minderheit Protest erhoben worden, worauf die Entscheidung über die strittige Frage nach § 83 unseres Gemeiudestatuts dem aus den Herren Provinzialrabbiner Dr. Cahn-Fulda, Rabbiner Prof. Dr. Maybaum- Berlin und Rabbiner Dr. Samuel-Essen gebildeten Schiedsgericht überantwortet wurde. Obwohl nun der erstgenannte Herr Rabbiner, der Vertrauensmann der Minorität, der zur Fällung des Schiedsspruches anberaumten Sitzung nicht beiwohnte, hat der V o r st and der Synagoge »-Gemeinde auf das gutachtliche Urteil der beiden andern Herrn Rabbiner hin, das selbstredend günstig für die Orgelfreunde lautete, nunmehr trotz des von dem Wortführer der Minorität hiergegen eingelegten, begründeten Protestes, die A ns ch a f f u n g der Orgel beschlossen. Sofort am ersten Sabbat nach dieser ominösen Beschlußfassung wurde von einem Vorstandsmitglied in der Synagoge während des Gottesdienst e s tvcgen des zu bestellenden Instrumentes in i t dem ,p r g c 16 a n e r verhandelt. Dieses Gebühren des betreffenden Parneß, das nicht anders denn als Sabbatschändung im .Amte, als wahrhaftes Chillul Haschern zu charakterisieren ist, hat mit vollem Recht in weiten Kreisen großes Aergernis erregt. Ein Eingesandt des hiesigen „Israelitischen Gemeindeblattes" berichtet darüber unter der Spitzmarke: „Die Musik kommt", wie folgt: „Sie haben es wirklich nötig, die Neuerer, durch Einführung einer Orgel die Weihe und Feierlichkeit des jüdischen Gottesdienstes zu heben, denn manchem von ihnen scheint einstweilen noch das Empfinden und das Herz für die Heiligkeit unserer Gottesfeier zu mangeln. Kaum hatte am 7. November ein Rumpf- Schiedsgericht hier in Köln die Orgel als in vollkommener Uebereinstimmung mit der Gottesverehrung unserer Vorfahren erklärt, als am darauf folgenden Sabbat auch schon der zweite Vorsitzende unseres Vorstandes, Herr Bruno Heidcnhcim, seine Teilnahme an dieser Gottesvcrehrung in würdiger Weise betätigte. Er berief nämlich während des Gottesdienstes in der Hauptsynagoge in der Roonstraße einen christlichen Orgelbauer dorthin und verhandelte mit ihm unter Zuziehung des jüdischen Chordirigenten an Ort und Stelle die wichtigen technischen und geschäftlichen Fragen der Anschaffung eines solchen Instruments. Die albernen und veralteten Leute freilich, ans denen hier „die intolerante herrschsüchtige Minorität" besteht, wollen in dieser wichtigen geschäftlichen Verhandlung eine Störung ihrer Andacht erblicken, die weder in die Synagoge, noch am Sabbat, noch während des Gottesdienstes, noch für einen jüdischen Gemeindevorsteher passe." X. Allerdings scheint man ans der Gemeindestube sich doch nicht so ganz in seinem moralischen Rechte zu fühlen und Befürchtungen dahingehend zu hegen, daß es der mutig und unermüdlich fük ihr Heiligtum und für die Erhaltung der Einheit und des Friedens in der Gemeinde kämpfenden Minorität noch in letzter Stunde gelingen werde, den Tag hinauszuschieben, an deni zum ersten Male rauschender Orgelklang die Räume der Hauptsynagoge durchziehen tvird. So ist man auf den Gedanken verfallen, den von den Ordnern des Gemeindestatuts mit weisem Vorbedacht abgesaßten ß 83, der ein Bollwerk bilden sollte gegen neuerungssüchtige, auf religionsgesetzlichem Gebiete unwissende Elemente, zu streichen, und an seiner Statt den Beschluß zu fassen, fortan den Kultus und den Ritus der Willkür und dem Geschmack der jeweiligen Mehrheit des Vorstandes und des Repräsentantcnkollcgiums ausznliefcrn. Sollten die Herren nicht bedacht haben, daß ein solcher Beschluß noch weit, weit unjüdischer ist, als der der Einführung einer Orgel? Sollte die Herren nicht der Gedanke schrecken, daß sich kein 'Rabbiner von Charakter wird finden lassen, der sich zum gefügigen Werkzeug der jedesmaligen Majorität herabwürdigen läßt? Wahrlich! das Wohl und Wehe einer Großgemeinde müßte auch dem überzeugtesten Reformer höher Stehen, als der Sieg in einer durch die Kampfesstimmung geborenen und nur aus dem Parteifanatismus zu erklärenden Machtfrage. Stuttgart. In der am 26. bä. Mts. hier stattgefundenen Landesversaminlnng des Bundes der Landwirte (der Bund zählt 2l 68t Mitglieder) wurde auch stark in Antisemitica gemacht. Daß L i e b e r m a n u v o n S o n n e u b e r g in seiner Rede über '„Wirtschastspolitische Zeitfragen" auch seinem antisemitischen Herzen Luft machen und über den Einfluß des Judentums auf den kaufmännischen Mittelstand sprechen mußte, ist selbstverständlich; doch er war diesmal noch glimpflich. Ganz anders aber ein anderer Redner — Redakteur Schrempf nennt er sich — der geradezu eine Brandrede auf die Juden hielt. Tie jüdischen Kreise seien die lautesten im Geschrei gegen Brot- und Fleischwucher, er möchte ihnen zurufen: Blast nicht ins Feuer, denn ihr seid die er st e n, auf die es losgeht! Stuttgart, 29. Nov. Die Kgl. Israelitische Oberkirchenbehörde hat durch einen Erlaß sämtlichen Rabbinaten anheimgegeben, in den Gemeinden und Filialen T r a u e r g o t t e s d i e n st e abzuhalten, resp. durch die Vorsänger abhalten zu lassen. Ferner entsprechende Gebete von der Kanzel herab zu sprechen oder Stücke — z. B. Schomer Jisroet usw. — in die tägliche Liturgie eiuzuschalten. Oesterreich-Ungarn. Wien. Die „Neue Freie Presse" läßt sich aus Ode s s a melden: „Ter populäre Professor S ch t e p k i m, Teilnehmer der Deputation der hiesigen Bürgerschaft an W.itte und Mitglied der konstitionetl-demokratischen Partei, ist aus Petersburg zurückgekchrt. Er teilte Ihrem Korrespondenten über seinen Empfang mit: Witte beruhigte die Teputation und versprach, die Schuldigen an den Massakres, insbesondere aber den General Ncidhard, strenge zu bestrafen, gab seinen Sympathien für die Juden Ausdruck und bezeichnete Odessa als den Herd der revolutionären Bewegung. Nach den Worten des Professors Schtschepkin machte Witte den Eindruck der Aufrichtigkeit und der festen Entschlossenheit, die konstitutionellen Reformen in Rußland einzuführen. Wien. 27. Nov. Gestern veranstalteten die C h r i st l i ch s o z i a l e u eine große Wahlrechtsdemo n st r a t i o n im Rathause und davor. Es hatten sich an 50 000 Personen versammelt. In der Volkshalle sprachen Prinz Liechtenstein und Lueger und unter freiem Himmel mehrere christlichsoziale Abgeordnete für das allgemeine 'Wahlrecht. Sodann rief Lueger von der Loggia des Ratsturmes herab: „Hoch das allgemeine Wahlrecht! Nieder mit den jüdischen Sozialdemokraten! Hoch unser Vaterland Oesterreich, unsere Vaterstadt Wien!" Ein großer Zug begab sich zum Parlament, wo eine rote Fahne verbrannt wurde. Vor der Hofburg wurde die Volkshymne gesungen. Die Demonstrationen trugen zum Teile antisemitischen Charakter. Jüdische Passanten wurden von Burschen insultiert. Czernowitz. Die Entrüstungskundgebung über die russischen Massakres, welche der Landtag der Bukowina nach dem Referat Skedls und den Ausführungen der ^Abgeordneten Straucher und Nikolaj Wassilko einstimmig gefaßt hat, lautet: „Die Landesvertreter der Bukowina ohne Unterschied des Stammes, Glaubens und der politischen Parteirichtung verurteilen auf das schärfste die in Rußland geschehenen M a s s e n m o r d e und sprechen über diese barbarische Entwürdigung der Menschheit ihre tiefe Entrüstung und Empörung aus." Rußland. Petersburg. Die russischen Blätter veröffentlichen einen flammenden Protest Maxim G o r k i' s gegen die Judenexzessc. In diesem heißt cS: „Es ist ja bekannt, daß in Kischinew das Volk von Leuten aus den aufgeklärten Sphären angeführt wurde. Doch was ist unsere aufgeklärte Gesellschaft? Das ist auch Pöbel, noch schlimmer als das Gesindel aus dem Volke. Denn unser Volk ist erbittert durch die Last des Lebens, ist unwissend und umgeben vo» künstlich geschaffener Finsternis. Tic aufgeklärte Menge aber ist eine Schar feiger Sklaven, bar des Gefühls der eigenen Würde und des Bewußtseins ihrer Rechte, stets bereit, vor der Gewalt in den Staub zu fallen, fähig, jede Lüge anzunehmen, sofern sie ihr nur Ruhe und Frieden bewahrt, eine krast- und rechtlose Masse, ohne Gewissen und voll Schamlosigkeit, ohne Rücksicht auf ihr anständiges Aeußerc. An diese n s ch in a chvo l leu und graus a m e n M e tz e l e i e n i st d i e a u f g e k l ä r t e Allgemeinheit nicht weniger schuld als die At ö r d e r und P l ü »derer. Nicht allein darum, weil sie die Tahingemordeten nicht beschützte, sondern weil sie sich über die Morde erhaben dünkte, vor allem aber deshalb, weil sie sich viele Jahre hindurch von solchen Feinden der Menschheit, solchen Knechten des Bureaukratismus und ^Apologeten der Lüge vergiften ließ, wie Suworin, Bnrenin, Wielitschko, Schaxapow, Piatkowsky, Komarow, Kruschewan und vielen anderen. Tas sind die wirklichen Urheber der Entsetzen erregenden Morde, das sind die geistigen Väter der „Schwarzen Sotnien" und „Huligans". Zu allen Abscheu und Verachtung erregenden Beinamen, die sich seit langem an diese Ungeheuer in Menschengestalt knüpfen, müsse» wir jetzt noch die verdiente Bezeichnung von Aufhetzern zu Morden und Plünderungen hinzufügeu. Diese Hypokriten, die den Namen Gottes auf den Lipven führen und unter das Volk den Samen des Hasses wider die Juden, Polen, Armenier, Finnen streuen - fic feiern noch immer die Triumphe ihrer niederträchtigen Handlungen und beschleunigen den Zersetzungsprozeß der Gefühle, Gedanken und des Willens des Volkes. Schande den K a i n e u! Möge das Feuer des Gewissens ihre vermoderten Herzen verbrennen, voll knechtischen Hochmuts und sklavischer Temut vor der Gewalt. Unserer sozialen Gesellschaft aber, die sich io schmachvoll vor diesen Elenden beugt, liegt jetzt die Pflicht ob, zu zeigen, daß sie -doch noch nicht von der Zügellosigkeit des Gedankens durchseucht ist, daß sie sich nicht solidarisch fühlt mit den Anfhetzern zu Mord und Raub, daß sie noch einen Rest wahrer menschlicher Gefühle besitzt." Petersburg. Auf Befehl des russischen Justizministers ManuchiN sind jetzt 2 5 jü dikche Rechtsa u w ä l t c in den Verband der v e r e i o e t e n Rechtsanwälte im Bezirk des Pe te r sb u r g er Ka in m e rg e r i ch t s aufgenomme» worden. Moskau. 27. Nov. (Meldung der Petersburger Telegraphenagentnr.j Vor Schluß des Semstwokongresses wurde e in stim m ig eine Resolution angenommen, worin Maßnahmen zur Verhinderung der Wiederkehr der Judenhetzen, durch welche nach Veröffentlichung des Manifestes vom 30. Oktober gegen 60 von Juden bewohnte Orte, heimgesucht und die teilweise, von den Verwaltungsbehörden organisiert worden seien, sowie Maßregeln zur Ausrottung des Begriffes der Rechtlosigkeit der Juden verlangt werden. Die Gleichberechtigung erscheine jetzt als eine Maßnahme der praktischen Politik. Die Aufhebung aller beschränkenden Gesetze, Vorschriften und Erlasse sei unaufschiebbar. Rumänien Bukarest. In den letzten zwei Wochen bringen sämtliche Züge aus B e s s a r a b i e n zahlreiche jüdische n u d auch ch r i st l i ch e F a m i - l i e n nach Rumänien. In Jassy haben sich vierzig solche Familien niedergelassen, darunter der Millionär Muschnik aus -südrußland, ein bekannter Philanthrop. Eine starke Auswanderung der seit Jahrhunderten in Südrußland seßhaften deutschen Kolonisten findet statt. Mehr als 60000 Deutsche sind zum Answandern bereit, mehrere Tausend sind schon abgereist. Philippopel. 2ü. November. Nachdem alle hiesigen Wohltätigkeitsinstitutionen Aufrufe zur Unterstützung unserer unglücklichen russischen Brüder verteilt haben, wurde gestern Nachmittag in der Synagoge „Zion" eine Tra uerfrier für die Opfer russischer Barbarei veranstaltet. Ter Eingang der Synagoge, die Wände, die Säulen und die Kanzel waren mit schwarzem Flor behängt, und lange Kerzen brannten für die Seelen der ermordeten Brüder. Zuerst sang der Schülerchor einige Verse aus „Echah", dann folgten feuerflammende Reden der Herren Preßjado Romano und Jakob Calow, die ihre Wirkung aufs Publikum nicht verfehlten. Mit dem Gebete des Rabbiners, Herrn Rachemim Piadö, endete die Trauerfeier. (Mögen auch die Leiden des bedrückten Volkes ein Ende nehmen.)' Persoualien. Berlin. Am 23 ds. Mts. vollendete Frau D r. Henriette Goldschmidt-Leipzig ihr achtzigstes und am 25. d. Mts. Frau L i n a M argen st e r n - B e r l i n ihr f ü n f u n d f i e b z i g st c s Lebensjahr, beide in harmonischer Frische vo» Körper und Geist. Tie Jubilarinnen haben ihr Leben dem Wohle der Frau geweiht, sie nehmen seit Jahrzehnten in der deutschen Frauenbewegung eine führende Rolle ein. Beide hielten sich fern von den Uebertreibungen der Frauenbewegung; trotzdem sie sich im öffentlichen Leben in so hervorragender Weise