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Neue jüdische Presse · 1905-12-01 · Heft 46 (1.12.1905) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 46 (1.12.1905)
Date
1905-12-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 46. Ferner irrt Herr Pulido, wenn er denkt, daß eineEmigration der Sephardim, wenn anch nicht en rnasso, zu bewerkstelligen wäre. Abgesehen davon, daß diese „Hispanoles" auch nicht die geringste Sehnsucht nach der „patria" verspüren, gibt cs auch nichts, was sic aus materiellen Gründen nach Spanien verlocken könnte, Tic Sephardiin erfreuen sich unter türkischem und anderem Schutze einer solchen Freiheit und eines solchen Wohlstandes, wie sic das arme und noch immer klerikale Spanien ihnen unmöglich bieten kann. Wie unpraktisch auch jemand sein niag, so wird er doch unmöglich das Gewisse zugunsten des Ungewissen aus geben. Tie einzige Sektion der Sephardim, die noch in Betracht käme, Ivärcn die marokkanischen Juden, die sich in nächster Nähe befinden und denen die Mauren das Leben in Marokko unmöglich machen, von denen auch wirklich einige hundert sich bereits" in Spanien niedergelassen haben. Wer auch von dieser Seite wird nichts zu erwarten sein, sobald die Marokkofrage gelöst wird, was doch, wie Herr Pulido zugeben wird, nicht allzu lange, dauern wird. Mit der französischen Suzeränität in engerem oder weiterem Sinne muß auch die einzige Ursache, die die dortigen Juden' zur Auswanderung veranlassen könnte, die Verfolgungen, ganz wegfallen. Tie ökonomischen Verhältnisse hingegen bieten dem Juden in Marokko ein weit ausgedehnteres und vorteilhafteres Arbeitsgebiet, als in Spanien. Es gibt hunderttauscndc von Juden, die sin patria und in ewigem ziellosen Wandern begriffen sind, sie sprechen jedoch nicht spanisch und sind keine Hispanoles! Ws alledem dürfte klar hcrvorgehen, daß den an sich edlen Be st reb ungen Pulido's, abgesehen von der Stellung, die das Volk und die Regierung Spaniens zu denselben nehmen werden, auch seitens der Juden einstweilen jede r e a l e, m o r a l i s ch c u n d m a t e r i e l l e G r u n dlage vollständig abgeht. Ist Sennor Pulido sozusagen von einem imperialistischen Gedanken beseelt — was ihm jedoch, wie bereits oben erklärt, durchaus nicht zum Vorwurf gemacht werden soll — und betrachtet er die Juden als einen verlorenen Stamm Spaniens, den er sowohl in ihrem eigenen Interesse, als im Interesse Spaniens der armen Mutter zuführen möchte, damit sie dort im Spaniertum aufgehen, so wird er nicht viel Zeit brauchen, um sich überzeugen zu müssen, daß seine Bemühungen seitens der Inden vergeblich waren. Wenn er die Sephardim als Spanier betrachtet, weil sie ein paar hundert Jahre in Spanien zubrachten und ' grausig bluteten, so wird er erfahren müssen, daß sie sich jetzt — sofern sie nicht an ihre alte Heimat in Palästina denken — als Söhne derjenigen Länder betrachten, in denen sic nun seit 400 Jahren lebe» und sich aller Freiheiten erfreuen. Tenkt er aber als treuer Sohn seines Landes bloß an die ökonomische Hebung desselben durch die Heranziehung einer gewissen Menschcngruppc, die, im Austausch für Schutz und Gewissensfreiheit, so manches verlotterte Land zu einer hohen Stufe des Wohlstandcs cmporbrachte, so müssen hier alle spanischnationalen Momente aus dem Spiel gelassen werden, und da kommen nicht mehr Hispanoles in Betracht, sondern ein ganz anderes Mcnschenniaterial, das zwar kein Wort vom Spanischen versteht, das aber viel wertvoller ist und den ökonomischen Zwecken Pnlidos bei weftem besser dienen kann als die Hispanoles. No nt ckos. Spanien bietet den wandernden osteuropäischen Massen eine sichere Zufluchtsstätte und volle Religionsfreiheit und bekommt dafür ein ökonomisch hochstehendes Element, das' so manche alte Wunde Spaniens heilen könnte. In letzterem Falle müssen wir angesichts der jetzigen Lage in die ausgestreckte Hand freundlich cinschlage» und nicht nur die Bestrebungen Pnlidos nicht bekämpfen, sondern, insofern wir nicht a» die Schaffung einer eigenen Heimstätte denken wollen oder können, iin Interesse unserer grausam verfolgten Brüder, sic wenigstens unsererseits nach Möglichkeit förden und unterstützen. Tr. I. M. Dniklas. Die Woche. . Während der Erzbischof von Bamberg öffentlich Stellung für die Unterstützung der russischen Inden genommen hat, hält die „Donau-Ztg.", das Organ des Passauer Tomkapitulars und Reichs- und Landtagsabgeorbnetcn Di'. Pichler, die Mahnung für angebracht, daß man im Deutschen Reiche das M i tg e f ü h l f ü r d i e v e r s o l g t c n r u s s i s ch e n I nd e n, wen» auch nicht zum Schweigen bringe, jedoch i» den nötigen Grenzen halte. Tie Sammlungen hätten ohnehin keine Bedeutung, weil die Juden der Erde doch selber das meiste Geld besäßen und so ihre» russischen Stammesgeiiosscii selbst helfe» könnten. Zudem seien die treibenden Elemente der Revolution in Rußland die Inden, die dann gegen sich die Gegenrevolution der von ihnen ansgesogcncn Russen wachgernfen hätten. ' Von demselben Geiste des selbst vor dem Unglücke nicht Halt machendeir Judenhasses ist auch eine Petersburger Korrespondenz der ultramonianen „Augsburger P o st z t g." durchweht. „Christen sammeln mit," so heißt cs darin, „damit der revolutionäre Fonds noch niehr anwächst und die Juden noch besser ihr nmstürzlerisches Treiben verfolgen können. Ten Schaden, den die Juden in Rußland erlitten haben, sollen ihre jüdischen Mitbrüder im Ausland decken, es ist nicht gar zu viel. Es ist aber bezeichnend, daß auch in Teutschland alles mitsammelt, und warum das? Weil der judenliberalen Presse es möglich gewesen ist, durch ihre Kapitalkraft die ganze öffentliche Meinung irre zu leiten." Gegen die herzlos verlogenen Schachzüge einer intransigenten Politik gibt es keine Waffen. Nur darauf sei hingewiesen, daß wir Juden in dieser schweren Zeit von nichkjüdischer Seite nur sehr wenig wahres Mitgefühl — und selbst dieses wenige mißgönnt man uns — bemerkt haben. Wir freuen uns, daß cs auch Christen gibt, die ihre Menschenpflicht kennen. Toch diese, wie gesagt, immerhin vereinzelten Erscheinungen, können uns Juden nicht über die Tatsache hinwcgtäuschen, daß wir keine Annehmer haben, daß die große Welt unserem Schmerze, unseren Leiden teilnahmslos gegenübersteht. Möge deshalb die Katastrophe den einen Erfolg haben, der in der Selbsttäuschung verharrenden westeuropäischen Judenheit endlich einmal die Augen zu öffnen und ihr die Wirklichkeit zu zeigen. Hat sie diesen Erfolg, dann sind an jenem grauenhaften 4. November die Ströme Blutes nicht umsonst. geflossen! * * * In einem Artikel „Tie jüdische Tragödie in Rußland" schreibt die „Breslauer Zeitung": „Tie Verweigerung der Bürgerrechte den Inden in Rußland wäre gleichbedeutend einer Auswanderung der Juden aus Rußland. Und aus diesem Grunde gewinnt die I u d e n s r a g c i u R u ß l a n d ein internationales politisches Interesse. Es ist dies eine Sache der Juden selbst, wie sie ihr historisches Geschick anffassen, ob sic in der nationalen Assimilation oder nationalen Renaissance ihre Zukunft erblicken. Keine Verfassung aber, die sich auf die unverletzlichen Menschenrechte und die bürgerliche Freiheit stützt, kann die Judenemanzipation ausschließen, wenn sie nicht sonst ein innerer Widerspruch und eine rohe Gewalttätigkeit werden will. Gegen eine solchen Versuch muß sich das öffentliche Gewissen auflehncn, zumal dadieJudenauswandern n g in die Interessensphäre der übrigen Völker e i n g r e i f t. In dem Berliner Vertrag haben die europäischen Mächte die Gleichberechtigung der Juden in Rumänien durchgesetzt. Es ist dies eine Forderung der Humanität, sowie der internationalen Interessengemeinschaft, daß in Rußland jetzt die verfolgten und gehetzten Juden die bürgerliche Gleichberechtigung unwiderrufbar erlangen." . Tiefe Ausführungen hören sich sehr real an, wenn man aber des Näheren auf sie eingeht, dann sicht man, daß ihr praktischer Erfolg nur ein sehr minimaler sein kann. Wohl würden die'Mächte Europas cingreifen, wenn die Lage der russischen Juden mit ihren kommerziellen Interessen in Konflikt kommen könnte. Es ist aber nicht einzusehen, wieso eine Benachteiligung ihrer Interessen durch jüdische Auswanderung zu befürchten sein sollte, da ihnen ja frei steht, ihre Tore zu schließen. Was nun aber den rumänischen Vertrag anbetrisft, so genügt wohl ein Hinweis auf die traurige Lage der runrän. Juden. Mit Rechten auf dem Papier ist den Juden nicht geholfen! Es gibt, wie bereits in der vorigen Nummer ausgesührt, augenblicklich nur ein Mittel, aus Rußland von außen mit Erfolg zu wirken: der wirtschaftliche Boykott! Aber dazu ist in erster Reihe eine Solidarität der Juden Bedingung; von der christlichen Welt ist leider Gottes nach unseren traurigen Erfahrungen' wenig zu erwarten. * * * Wie die russische Presse meldet, ist die baldige Aufh ebung des Ansiedlungsrayons — also die Freizügigkeit der Juden! — zu erwarten. Nun heißt es aber, baß Moskau und Petersburg auch fernerhin den Juden verschlossen bleiben sollen. Ties zeigt, daß anch unter Witte die Bureaukratie ihre alte Methode nicht ausgeben will und vorläusig noch nicht daran denkt, die wirkliche Gleichberechtigung durchzuführen. Moralisch kommt es wohl auf dasselbe heraus, ob man die Juden von ganzen Gouvernements oder von einigen Städten ausschließt. Aus aller Well. Deutsches Reich. Frankfurt a. M.» 28.Nov. Im Russisch-Poln. Bcis-Hamidrasch, hier, hielt am verflossenen Sonntag Herr Rabbiner Chaim Ru bin st ein vor großer Versammlung in trefflicher Ausführung ein Hesped für unsere erschlagenen russischen Brüder. Mit ergreifenden Worten schilderte Redner die Lage unserer Brüder in Rußland und stellte an Hand von Bibel-Versen und . Aussprüchen unserer Weisen Vergleiche an zu früheren Verfolgungen und deren Voraussage durch unsere Propheten. Viele Zuhörer wurden durch die Worte des ehrwürdigen Redners derartig ergriffen, daß sie in lautes Schluchzen ausbrachen. — Am darauffolgenden Montag wurde ein ganzer Fasttag abgehalten. — Auch wurde eine Geldsammlung. veranstaltet. Frankfurt a. M. Die Abhaltung von Fasttagen anläßlich der russischen Judenmass akres wird in Teutschland nur von wenigen Städten berichtet; als erste trat die Religionsgesellschaft in Stuttgart mit dieser alt-jüdischen Gepflogenheit auf den Plan, dann kamen Marburg, Fürth, Ädaß-Jisroel-Gemeinde und eine Anzahl orthodoxer Gemeinde-Vereinigungen in Berlin, Emden, Altona, und die Religionsgescllschaft in Köln — vielleicht sind es noch einige gewesen, doch das Eine ist sicher: cs fehlen viele, die man hierbei sicher erwartet hätte. Berlin. Den Aufruf, den das auf Einladung der Herren Oberbürgermeister Kirschner und James Simon am 23. dss. Mts. im. Rathause konstituierte Hilfskomitee für die Opfer der russischen Jüdenmetzeleien erlassen hat, haben unterzeichnet: Die Reichstagsvezw. Landtagsabgeordneten Justizrat O. Cassel, E. v. Eynern, H. v. Gerlach, Prinz Heinrich von Schoenaich-Carolath, Dr. Otto Hermes, Staatsminister a. D. Hobrecht, Johannes Kaempf, Jnstizrat Dr. Krause, Kreitling, Direktor K. Mommsen, Dr. H. Müller-Sagau, Eugen Richter, L. Rosenow, Lanbgerichtsrat O. Schmidt, K. Schräder, ferner Wirkt. Geh. Rat Prof. v. Bergmann, Geh. Reg.-Rat und Direktor der Universität Dr. Diels, Wirkt. Ober- Konsistorialrat und Generalsuperindent von Berlin Fabcr, Staatssekretär a. D. v. Hollmann usw. usw. Berlin. Ein antisemitischer Bischof. Bischof Keppler in Rottenburg (Württemberg) schreibt in seinem neuesten Buche „Aus Kunst und Leben", Seite 63, unter dem Titel „Helgoland": „Möge diese Zahl zwanzigtausend (nämlich Bade- und Kurgäste) nur Gutes für Helgoland bedeuten. Möge sie sich nicht allzu sehr aus den Stämmen Israels aus den traurigsten Elementen der „oberen" Schichten rekrutieren. Möchte dieser Völkerstrom, dem zweifellos sehr viele schlechte Tropfen beigemischt sind, nicht den üblichen Schlamm der Unsitten und Laster der Hyperkultur und der oberen Kreise auf dem Boden der Insel ablagern, nicht das „Heiligland" entweihen und schänden. Möge es ihm nie gelingen,.dieses Jnselvölkchen zu verderben. Noch scheint es gesund bis ins Mark hinein." Berlin. Der Magistrat der Stadt Züllichau (Reg.-Bez. Frankfurt a. d. Oder) hat dem „Deutsch- Israelitischen Gemcindebuiidc" für seine bei Gelegenheit der Silbernen Hochzeit, unseres K a i s e r p a a r e s zu errichtende „Erziehungsanstalt für schwachsinnige israelitische Kinder" ein Terrain von fünfzehn Morgen Größe kostenfrei zur Verfügung gestellt. Hoffentlich findet dieses Beispiel großartigen Edelsinns ebenso die Schenkung von 10000 JL zu dem gleiche» Zwecke seitens der Synagogengemeinde Breslau bald bei jüdischen Gemeinden wie bei Einzelpersonen reichliche Nachahmung. Es ist eine Ehrenpflicht, zumal der jüdischen Gemeinden 'Deutschlands, sich an dem .schönen Feste des Kaiserpaares

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