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Neue jüdische Presse · 1905-12-01 · Heft 46 (1.12.1905) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 46 (1.12.1905)
Date
1905-12-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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3rtit«Kftt*f et 3lvnrlitif(t|rs Fmilikidlitt. JedaLtto« und HefchaftSstelke: SrsnKfurl 3. M„ Leiligkreuzgasse 32. Ecke Llapperfeldstraße Ger-so» 10507. Herausgeber: Kalg cheis. 3. Jahrgang. Freitag, de« 3. Lialev 5666 (1. Dezember 1905). Ro. 46. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— Inhalt des Hauptblattes: Artikel: Zur Hispano - Jüdischen Frage. — Die Woche. — Aus allerWelt. — Personalien. — Aus der zionistischen Bewegung. — Feuilleton: Homeler Silhouetten. — Aus Rußlands Heldentagen. — Kunst und Literatur. — Briefkasten. — Familiennachrichten. — Barmizwohs. Zur Hispano-Indischen Frage. Die energische Agitation, die der spanische, liberale Senator Angel Pnlido ans sein bekanntes Bnck, „Hispanoles sin Patria" folgen ließ, warf u n e r - warteterweise in einem Teile unserer Presse eine sogenannte hispano-jüdische Frage auf. Ich betone unerwarteterweise, weil diese Frage einsttveilen nur in dem Gehirn eines einzelnen Mannes existiert und ihr, da weder das spanische Volk an die Rehabilitierung der Juden denkt, noch unsere ziellos wandernden Massen eine Sehnsucht nach Spanien verspüren, jede reale Basis schlt. Diese Frage wurde durch meinen Freund Le Maitre auch i» die Spalte» dieser Zeitung eingeführt, die allen sowohl das geistige als materielle Wohlergehen unseres Volkes berührenden Frage» stets das wärmste Interesse cntgegenbringt, und Sennor Pnlido hielt es sogar für notwendig, ans die Angriffe meines Freundes zu reagieren. Ich möchte daher zu dieser Frage einige Bemerkungen machen, wozu ich mich einerseits als Nachkomme einer berühmten scphardischen Familie (Ton Jachja), andererseits als Kenner der Werke Pnlido's im Original berechtigt fühle. Ich muß gestehen, daß die seindliche Stellung unserer Presse dieser Frage gegenüber für mich unbegreiflich ist. Diese iväre vielleicht ain Platze, wenn unser armes Volk bereits ein eigenes Heim hättx, oder wenigstens in den verschiedenen Ländern seines Aufenthalts genügend geschützt wäre. Unter solchen Umständen wäre ein Appell an den nationalen Stotz unseres Volkes, nach Spanien, welches uns vor 400 Jahren in einer schimpflichen Weise aus seinem Gebiete gewiesen hatte, nicht zurückzukehren, vielleicht berechtigt. Aber zu einer Zeit, wo das Blut unserer Brüder in Strömen fließt und hunderttausende jährlich ziellos wandern nassen, weil sie nirgends willkommen sind, kann ich unmöglich einsehen, warum die Erschließung ein/s neuen und nahe n Jmmigrationsgebietes zu vertverfcn wäre und waruin die paar Hundert marokkanischen Juden, die sich nach dem nahen Spanien vor den gräßlichen Verfolgungen der Mauren flüchteten, als „Volksverräter und Schänder der nationalen Würde" bezeichnet werden sollten. Die Lage unseres Volkes ist noch bei weitem nicht so glänzend, als daß wir uns Revanchegedanken hingeben dürften. Tie Vertreibung der Juden aus England war bei weitem brutalerer Natur und dennoch achtete Rabbi Menasseh ben Israel nicht aus die nationale Würde und gab sich die größte Mühe, die Erlaubnis einer Rückkehr nach England zu erwirken, (die, n propos bemerkt, unserem Volke. in jeder Hinsicht nur Segen brächte), und Deutschland behandelte die Juden viel grausamer als Spanien, und dennoch wird es niemand einfallen, jetzt Deutschland ans diesem Grunde den Rücken zu toende». Ob die edlen Bestrebungen Putido's, der in seinen Forderungen so weit gehen soll, daß er sogar eine ossizielle Rehabilitierung unserer Ehre verlangt, ihr Ziel bei dem Volke und der Regierung der pyrenäifchen Halbinsel erreichen werden, ist eine Frage, die hier nicht erörtert werden soll, das eine ist jedoch klar, daß, so schwarz auch die Spanier »och sein mögen, die Szenen von Kischinew und Odessa dort unmöglich vorgekomme» wären. Das ist zwar nicht alles, es ist jedoch etivas, und wir müssen, leider, bei dem jetzigen Stand der Tinge Bescheidenheit lernen. Argentinien hat auch eine s p a n i s ch e Bevölkerung und dennoch fanden dort viele von unseren unglücklichen Brüdern sichern Schutz und wie viele noch würden sich glücklich fühlen, wenn sie nur die Mittet besäße», nach diesem Lande zu emigrieren. So edel aber und gutgemeint auch die Bestrebungen Pnlido's sind — worüber ich auch nicht den geringsten Zlveifel hege — so muß es doch zugegeben werde», daß sie, sagen >vir, wenigstens in erster Linie, im Interesse Spaniens geschehen. lind wenn Sennor Pnlido dabei auch an n n s e r e n Vorteil denkt, so gieschieht es nur in ziveiter Reihe. Ich will daraus Herrn Pnlido durchaus keinen Vorwurf machen. Im Gegenteil, als Nationalist kann ich das nur billigen. Ich wünschte, alle unsere „Großen" wären zuerst ans das Wohl ihres eigene» Volkes bedacht. Es stünde dailn ganz anders »Nt uns, und so manche Träne wäre erspart geblieben. — Während einer Reise im Orient stieß Senator Pnlido in vielen Orten unverhofft auf eine große Menschengrnppe, die die lingua castellana in ihrer alten Reinheit und in ihrem alten Wohlklange sprach, die noch so manches Lied und manchen Brauch, welche an den Ufern des Tejo und Manzanares ihren Ursprung hatten, treu bewahrte und die zugleich sich durch ihre Rührigkeit und eine Menge andrer geistiger ltnd körperlicher Vorzüge auszeichncte. Und als er an die verlotterten Zustände seines Vaterlandes dachte, die er sich als liberaler Patriot nicht verhehlen konnte, da tauchte in seinem Gehirn ein glänzender Gedanke auf: Was, wenn man dieses brillante Menschenmaterial, diese nicht-katholischen Hispanoles nach der alten patria verlocken könnte, damit sie ihr das wiedergeben, was sie trotz aller Entdeckungen und »eugefundenen Reichtnmsqnellen, durch die dumme und ungerechte Vertreibung derselben verloren hatte! Pulido fand, daß die Verwirklichung dieses hohen Ideals es verdiene, zu einer Lebensaufgabe gemacht zu werden — und er machte sie zu der seinigen. Aber hier ist cs notwendig, Pulido auf einen doppelten Irrtum in seinem Kalkül aufmerksam zu machen. Wenn lvir auf 'das „do ut des"- Prinzip eingehen wollen, so müssen die Karten aufgedeckt werden. Senator Pulido irrt, wenn er auf Grund des Umstands, daß die Sephardim spanisch sprechen, sie als Hispanoles bezeichnet und von einer Anhänglichkeit au Spanien spricht. In gleicher Weise wäre es lächerlich, wen» man aus Grund des Umstands, daß die aschkenasische Sektion des Judentums ein mehr oder weniger reines „teutsch" als sein Idiom hat, von einer Gemeinschast derselben mit Deutschland und Tentschtum überhaupt sprechen wollte. Der Sephardi hat bereits jede Gemeinschaft mit Spanien exsndiert und fühlt für die Freuden und Leiden des Spaniertums ebensowenig, wie der aschkenasische Jude — sagen wir — Rußlands für die des Teutschtums fühlt. (Hoffentlich bringt Sennor Pulido die Fälle der Deputationen der Londoner spanisch-portugiesischen Kehillah mit Tr. Gaster und Sir Franeis Montesiore an ihrer Spitze, die die Könige von Spanien und Portugal während ihrer letzten Besuche in London begrüßten, nicht als Gegenbeweise. Diese Fälle beweisen nicht mehr als de» Sklavensinn der Herren des Londoner Mahamads und ihres geistlichen Oberhauptes. Als Liberaler mußte sich Pulido selbst nicht wenig gewundert haben, wie Juden die Ahne» des span. Königs, deren verbrecherische Behandlung der Inden Sennor Pulido jetzt gut machen möchte, „g l o r r e i ch" nennen konnten.) Und wenn sowohl bei diesen als bei jenen die Sprachen ihres früheren Aufenthaltsortes noch leben, so verdanken sie ihre Existenz nur dem Ilmstande, daß sie allmählich in das religiöse Leben des Juden gedrungen sind und den niederen Schichten des Volkes insbesondere die ihnen schwer zugängliche hebräische Sprache mehr oder weniger substituierten. In diesen Sprachen unterrichtete der Vater die Torah und in diesen Sprachen las die Mutter die Techinoth. Sie bildeten eine Art laschon-Kodesch zweiten Grades und waren dem Inden lieb als so zu sage» ein gewisser Teil seines religiösen Lebens, aber keinesfalls als nationales oder sonstiges Souvenir an Spanien oder Deutschland. — Mit dem Zuge der neuen Zeit und dem allgemeinen Schulzwang änderte sich jedoch das Bild zum Nachteile dieser Sprachen. Ter moderne Jude empfindet diese Sprache» als lästigen Ballast, ja, er haßt sie als ein Stück Ghettomerkmal, als eine Art geistigen gelben Flecks und gibt sich alle Mühe, ihrer so schnell als nur möglich los zu werden. (Natürlich gibt es auch vereinzelte Ausnahmen, die diese Sprache» zuin Range von Nationalsprachen erheben wollen, und wenn sich in der letzten Zeit eine ziemlich ausgedehnte Laienliteratur in denselben entwickelte, so geschah es nur dadurch, daß die verschiedenen Sektionen und Strömungen im Judentum sich ihrer als Mittel bediente», um durch sie die niederen Schichten des Volkes für ihre Ziele und Lehren zu gewinnen. Trotz aller künstlichen Revival- Versuche tragen diese Sprachen in sich unverkennbar den Todeskeim und verlieren eine Provinz nach der anderen, da auch die unteren Schichten des Volkes sic mit dem Augenblick aufgeben, in dem sie die Ghettomauer» verlassen.) Ter nationalgesinnte Jude möchte sie durch das Hebräische ersetzt wissen, der der Assimilation zugängliche Jude verdrängt sie zu Gunsten seiner betresfenden Landessprache. Tie Folge davon ivar, daß der sogenannte „Jargon" in Deutschland und in vielen Teilen der österreichischen Monarchie und das Ladino in Holland, Süd-Frankreich, London usw. sogar aus dem Kultus ganz ausgestorben ist.

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