Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 42 (3.11.1905)
- Date
- 1905-11-03
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 42 des «enats für Seine, der frühere 'Minister für öffentliche Arbeiten, Ai. Millerand, jetzt Senatsmitglied für Rhone, sowie endlich der junge Ferdinand Cremieux, Rechtsanwalt und Mitglied des. Senates für Guard. Paris. Im Sudan ist ein tapferer französischer Offizier, der Hauptmann Julien Bloch aus Epinal, im 44. Lebensjahre gestorben. Er war bereits für den Posten eines Kommandanten ausersehen. Budapest. Redakteur Josef Vsssi wurde zum Ministerialrat ernannt; es ist 'ihm das Preßbureau unterstellt worden. Moskau. Der erste jüdische Privatdozent in — Rußland. Das Professoren-Kollegium der hiesigen medizinischen Fakultät hat die erledigte Stelle eines Privatdozentcn für Ohrenheilkunde dem Dr. Albert Braunstein verliehen, und der Unterrichtsminister Hab die Ernennung genehmigt. Dr. Braunstein aus Lodz, gebürtig, studierte' in Wien. Baltimore (Amerika). Der bekannte deutsche Literat Dr. Moritz Wiener, der Autor vieler Gedichte und Novellen und während 12 Jahre Chefredakteur der German Correspondent, ist im Alter von 94 Jahren gestorben. In Berlin geboren, schlug Wiener nach Vollendung seiner Studien an der Berliner Universität, die Jonrnalistenlaufbahn ein. Als junger Mann besuchte er Amerika, und einige Jahre nach diesem Besuche kehrte er zur dauernden Niederlassung nach Amerika zurück. Hamburg, den 1. Nov. Ein schwerer Verlust hat die hiesige jüdische Gemeinde und vor allem die Talmud-Thor a-Realschule betroffen: Herr Oberlehrer Dr. Samson Philipp Nathan ist gestern Abend im 86. Lebensjahüe verschieden. Dr Nalhan hat seit Mai 1848 bis vor wenigen Wochen segensreich an der Talmud-Thora-Renlschule gewirkt. Der Verblichene war ein hervorragender Leo taurvd (er hatte diellatauras boroo) und versah in letzter Zeit auch das Amt eines Dajan. _ Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Bei der Frankfurter Z onist. Bereinigung sind für den Nationalfonb eingegangen seit 1. Oktober: Sammlung bei der Verlobung von Frl. Gir-' disky mit Herrn Kassel M. 7,50 Sammelbüchsen Lewisohn Jk 2.— Dr. Schwarzschild Jk 12,51 B. Stark Jk 3,20 Janzon Jk 3;90 Geradwohl Jk 6,57 N. N. Jk 0,25 G. Rapp Jk 8,55 N. N. ' Jk 10,50 N?N. Jk 0,38 Sondheimer Jk 6,26 Dr. Hanauer Jk 2,15 Jk 63,77 Fraukfurt a. M. Bei der Expedition des „Frankfurter Jsr. Familienblattes" gingen für den Nationalfonds ein: David Kroll, Bockenheim Jk 2. F. Lachmann, cand. med. Lachmann und Harry Geis, Berlin, zusammen Jk 2,50 Wilh. van Eleef, Hamburg Jk 0,50 Durch I. Pappenheim gesammelt Jk 1,40 N. 9i. Jk 1, N. N. Jk 0,30 Isidor Hirsch Jk 0,25 Selbstbesteuerung für 6 Monate B. Jsaacsohn Jk 1,80 für 4 Monate Isidor Hirsch Jk 1,20 für 3 Monate Ingenieur Feingold Jk 0,90 für 2 Monate Lehrer Baruch Stern Jk' 0,60 für 1 Monat Dr. Jos. Mayer, Refer. E., Beno Lamm, Max Markus, S. N., Jos. Oppenheimer I., Leopold Oppenheimer, Saly Geis und «elmar Geis n 30 Pfg. Jk 2,70 Jk 15,15 Louis Kahn 1 Packet Marken, Georg Freudcnstein 1000 Marken und Jos. Oppenheimer Marken, Staniol und Zigarrenspitzen. Frankfurt a. M., I. Nov. Die gestrige Versammlung der hiesigen Ortsgruppe wurde von dem Vorsitzenden, Herrn I. L. G o i t e i n, eröffnet, indem er des am 21. Oktober verstorbene» Mitglied des Aktionskomitees T-r. Oser Kokesch, Hof- und Gerichtsadvokat in Wien, sowie des jüngst verschiedenen Schekelzahlers Arthur Sondheimer-Frankfurt a. M. in warmen Worten gedachte. Sodann ergriff Herr Ingenieur Feingold das Wort zu seinem Referate Die Wasserkräfte Palästinas. Wir werden das Referat im Wortlaut .bringen und erwähnen deshalb nur, daß der bekannte Redner das Publikum zu fesseln verstand. — In der Diskussion sprachen die Herren Dr. Schwarz schilt», Emanuel Kaufmann- Stuttgart, Dr. Feuchtwanger u. a. Berlin. In der Sitzung des »Zentral-Komitee der Zionistischen Bereinigung für Deutschland" wurde Herr Dr. med. Adler-Lübeck zum Vizepräsidenten des Zentral -Komitees gewählt. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Würzburg. Die, hiesige Zionist. Bereinigung begann ihre Wintertätigkeit durch 2 Bereinsversammlungen, in denen am 17. v. M. Herr Dr. B l o e d e- Nürnberg, cun 27. Herr Lehrer H. Oppenheim er- Landenbach über den VIL Z i o n i ste n k o n g r e ß referierten. Während Herr Dr. Bloede den Standpunkt der Zione - Zion vertrat, erklärte Herr Oppenheimer seine. Zustimmung zum Programm der politischen Zionisten. An beide Vorträge knüpfte sich eine lebhafte Diskussion, deren Ergebnis in folgender Resolution zum Ausdruck kommt: „Die Zionist. Vereinigung Würzburg hat sich durch die Argumentation des VII. Kongresses nicht davon überzeugen können, daß die Besiedelung außerpalästinensischer Territorien auf autonomer nationaljüdischer Grundlage dem Geiste des Basler Programmes widerspricht, sofern Palästina als letztes Ziel zionistischer Politik beibehalten wird. Tie Zionist. Vereinigung Würzburg begrüßt daher freudig die Tendenzen der „Politischen Zionisten" und vermag in deren Agitation kein Vergehen gegen die Parteidisziplin zu sehen." Diese Resolution wurde mit allen gegen eine Stimme gefaßt. Wie«. Am 21. ds. Mts. verschied hier nach langem Leiden im besten Männesalter Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Oser Kokesch, ein Mann, der vom Entstehen der zionistischen Bewegung an in ihr eine leitende Stellung eingenommen hatte und in selbstloser Weise einer der tüchtigsten Arbeiter der zionistischen Bewegung gewesen ist. Noch vor dem Auftreten Herzls stand Dr. Kokesch an der Spitze jeder zionistischen Arbeit in Oesterreich; vor mehr als 15 Jahren war er eines der tätigsten Mitglieder des ersten in Wien gegründetenKolonisationsvereiiis „Wniath Jeschnrun", und als dieser Verein 1893 den Namen „Zion" annahm und sich mit den übrigen zionistischen Vereinen der Monarchie zu einem „Verbände" vereinigte, trat Tr. Kokesch nebst seinem Freunde Dr. Schnirer an die Spitze dieses Verbandes. Dr. Kokesch war Mitglied des Aktionskomitees und als solches ein treuer Mitarbeiter Theodor Herzls. Brooklyn (Amerika). Die hiesigen Zionisten hatten dieses Jahr, deni Beispiele der Juden in Rußland folgend, einen Boykott auf den Gebrauch von Korfu-Esrogim gelegt. In Rußland besteht der „Jssur" seit der Zeit, nachdem sich die Judenmeheleien in Korfu abgespielt hatten. Da die griechischen Händler einen Trust geschlossen und bereits dieses Mal den Esrogim-Preis bedeutend erhöht hatten, so wäre sehr zu wünschen, wenn die Boykottierung der griechischen Esrogim endlich einmal energisch durchgeführt würde. Ist doch auch gerade bei den „schönen" griechischen Esrogim zu befürchten, daß sie gepfropft sind, und ist, doch das Pfropfen nach dem jüdischen Gesetze verboten.' Aus den Vereinen. Frankfurt a. M. Monte fror e-B er ein. Schillers Vorlesungen über „Welt-GeschichteundJudentu m", so lautete das Thema, welches Herr Rabbiner Dr. Wachen heimer- Aschasfenburg am Mittwoch Abend im „Montefiore"- Verein behandelte. Ter Redner verstand es, den zahlreich erschienenen Zuhörern in knappen, klaren Zügen unseren Tichterheroen Schiller in seiner Eigenschaft als Universitäts-Professor in Jena vor die Augen zu führen. Die große, allumfassende Menschenliebe des genialen Dichters besonders betonend, verbreitete sich der Herr Referent zunächst über die Stellungnahme Schillers zu der Bedeutung des weltgeschichtlichen Studiums im Allgemeinen, um sodann die, allerdings eingeschränkte Wertschätzung hervorzuheben, welche das Judentum in Schillers Vorlesungen über „Weltgeschichte" einnimmt. Leider verbietet es der kleine mir zur Verfügung stehende Raum, näher auf die trefflichen Ausführungen des Herrn Hr. Wachenheimer einzugehen, welcher den lebhaftesten Beifall erntete. Am nächsten Mittwoch, den 8. November er., eröffnet Herr St. Jul. Hülsen, Privatdozent an der Technischen Hochschule zu Tarmstadt, seinen Zgliedrigen Vortragszyklus mit dem Thema: „Konstantinopel, seine Kunst - und Baudcnkm ä l e r." Dieser Vortrag wird durch Lichtbilder ergänzt und illustriert sein und im großen Saale der Loge Adler, Seilerstr. 22, stattsinden. Damen und Freunde des Vereins können durch Mitglieder eingeführt werden. Frankfurt a. M. Verein Nachlaß Zwi. Vortrag des Herrn Jacob Rosen heim über das Thema: „Auf dem Wege zum Baume des Lebens." (Schluß aus der vorigen Nummer.) Dos letzte Drittel des verflossenen Jahrhunderts war vom. Geiste der materialistischen Weltanschauung beherrscht und die Denker zweiten Ranges waren emsig an der Arbeit, diese Weltanschauung in ihren Folgerungen Seite 1t. auszubauen. Auf dem Gebiete der Ethik, Soziologie und Oekonomie waren es Herbert Spencer, Comic und Marx, von denen ein jeder aus seinem Gebiete die Konsequenzen dieses Weltbegrcifcns entwickelt hatte. Auch die Lyrik und das Drama, sowie die bildenden Künste sind von dieser Richtung beeinflußt worden. Naturalismus und Realismus im Drama und im Bild, die soziale Idee der Lyrik sind auf diese Richtung zurückzuführe». Es hat auch schon nicht an Versuchen gefehlt, die phänomenalste aller Künste, die Musik, „zu materialisieren". So hat es vor einigen Jahren ein Mathematiker von Fach unternommen, die Lustschwingung einer musikalischen Komposition zu berechnen, um auf Grund dieses mathematischen Resultates miisikalische Kompositionen zu verfassen. Kurzum, man wollte alles, die Seele und ihre verborgensten Winkel, materialisieren. Aber Wandern ist das eiste Losungswort im Werdegang der Kulturmenschheit. Ter jubelnde Kosmosbezwinger, der Materialismus, sollte nur eine gewi.se Zeit die Kiilturnieikschheit in seinem Bann halte». Seinem extremen Vorgehen folgten bald die ersten Spuren einer Reaktion, und heute ist die Reaktion aus allen Gebieten des Lebens, die der Materialismus früher beherrschte, bemerkbar. Zu Beginn der neunziger Jahre des verflossencn Jahrhunderts traten zwei Schriftsteller in die Oessent» lichkeit, die — noch in etwas unsicherem Ton, aber deutlich genug — einer Abkehr vom Materialismus das Wort reden. Später kommen diese beiden Schriftsteller Laßwitz und Bölsche, aus einen Denker zurück, den man schon als verschollen glaubte. Ter bekannte Psycholog Theodor Fechncr, der Entdecker des psychophysischen Parallelismus, hat schon zur Zeit, als die Wogen des Materialismus hoch gingen, gegen diese verderbliche Weltanschauung Front gemacht — blieb aber ungehört. Seine Argumente gegen den Materialismus wurzeln mehr im Gefühl, als im Jntellect, und ich glaube seine Betrachtungsweise in nachstehenden Lenau'schc» Versen zusammenfassen zu dürfen: „Tie Felsen, schroff und wild. Der See, die Waldumnachtung Sind dir ein stilles Bild Tiefsinniger Betrachtung." Von Stimmungen gepackt, die ihn berauschten und ewigkeitstrunken machten, durch das majestätische Erhabene des Naturharmonischen in eine Welt reinster Intuition versetzt, dann aber wieder durch irgend einen Zufall in die Welt des Irdischen zurückgesetzt, spürt der Mensch alsdann im Wechsel der Stimmung der Gefühlsregungen, daß unser Wl nicht der Ausfluß eines reinen Zufalles ist, sondern daß es «ine fürsorgliche Intelligenz sei» muß, die schafft und wirkt und regiert und leitet. So ist auch Fechner auf dem Wege des Analogie-Schlusses zum Theismus gekommen. Als zweiter im Bunde in der Reaktion auf den Materialismus tritt uns der Jenenser Denker, der Philosophie-Professor Rudolf Eucken, entgegen. In seinem Werke „Ter Kampf um einen geistigen Lebensinhalt" hat er die reifste Frucht seines Denkens niedcrgelegt. Schon im Vorwort erklärt der Verfasser, daß feine Darlegungen sich im Gegensatz zn den gegenwärtigen Strömungen wissen. Er lehnt sowohl den konventionellen Idealismus als den Realismus in allen seinen Schattierungen ab. Mit dem Hinansgehen des Menschen über die Natur bricht das ganze Gebäude der natnralistischen Ethik jäh zusammen. Er erkennt, daß ein Wille, ein starker intelligenter Wille, den Werdegang der Menschheit beherrscht, daß die Geschichte den Menschen festhält. Eucken lehnt schon jede Negation aus dem Grunde ab, weil der Mensch viel zu sehr am Saume der Tinge steht, >oeil zu verwickelt das Getriebe des menschlichen Daseins, als daß wir mit unserer sragmentarischen Kenntnis alle Möglichkeit ausschließen und eine endgültige Leugnung wagen dürften. Nach einer Darlegung der Widersprüche im Leben, in der Geschichte und in der Philosophie gelangt er zum Schlüsse, >Kiß die einzige Möglichkeit, diese Gegensätze im Leben und Wirken zu umspannen, jene Betrachtung der Tinge ist, die weder die Welt noch die Seele zum Ausgange ninimt, sondern das Geistesleben. In den Regungen der menschlichen Seele, > in ihren Bildungen und Nuancen soll unser Leben seinen Ausgangspunkt haben. Vom Standpunkte der philosophischen Kritik würde man sagen müsse», daß diese Antwort, wenn sie auch als Mittelweg die den Mensche» am meisten befriedigende ist, doch keine Lösung des Problemes ist. Tie Antwort kann zur Beruhigung des menschlichen Gewifsens viel beitragen, . das Problem aber ist nicht gelöst, sondern verschoben. Aber uns interessieren hier nur die Gestalten in der Reaktion aus den Materialismus, und Eucken ist einer der feinsinnigsten Bekämpfer der Gemüsc-Philosophie.