Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 42 (3.11.1905)
- Date
- 1905-11-03
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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o Ji Jj )' ii \\ I if | e £ i ]; }'• l r }. h £ l t f I I e*rtt 10 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr.-42. Nach dem Berichte siiid gehalten worden: 34 Vorträge über Medizin und Naturwissenschaft, 16 ,, „ Jurisprudenz, 24 „ „ soziale Wissenschaft, 56 ,, „ Geschichte und. Literatur, 13 ,, tr Kunst und Reisen, 4 „ Philosophie, 9 ,, „ Schrifterklärung, 12 „ „ Verschiedenes. Außerordentlich interessant ist der Bericht über die Vorträge des zweiten Teiles. Es sind deren gehalten worden von 311 Damen und 381 Herren, das heißt also von ca. 709 Personen. Diese 709 Personen mußten herangeschafft werden. Diese 709 Personen waren zu einem sehr großen Teile Künstler und, wer jemals es erfahren hat, wie schwer es ist, nur einen Künstler für einen bestimmten Abend festzunageln, und sich seiner zu vergewissern, der wird ungefähr erkennen, welches Maß von Arbeit erforderlich gewesen ist, um diese 311 Damen und 381 Herren für die entsprechenden Abende — man muhte an jedem Wende etwa 5 Vortragende haben — zu beschaffen. Das ist besonders das Verdienst des Herrn Julius Lindenheim. .Ist cs nun gelungen, das Publikum in die Toynbee-Halle zu bringen, für welches diese errichtet wurde? Ws diese Frage gibt uns Justizrat Joachim, dessen persönlicher, ziclbewußter und unbeirrtcr Tatkraft und Leitung das Zustandekommen der Toynbee- Halle in erster Reihe mitzudankcn ist, folgende Antwort : Unser Ziel bei Errichtung der Toynbce-Hallc ging in erster Reihe dahin, den „Aermstcn der Armen" einen Lichtblick in ihrem trüben Dasein zu verschafsen, dadurch, daß wir ihnen die Möglichkeit gaben, nach des Tages Last und Mühe in einer würdigen und anständigen Umgebung die seelische Erhebung zu finden, welche Kunst und Wissenschaft gewähren können. Wer >vir hatten doch auch noch ein anderes Ziel, das uns ebenso hoch, stand; wir wollten vor allen Dingen die erwachsene Jugend in, die Toynbee-Hallc führen, einmal um sie zu lehren, Ivic man in würdiger, für Gemüt und Geist anregender Weise den Mcnd verbringt, dann aber auch, um sic inöglichst davor zu bewahren/ ihre Abende dort zuzubringen, wo ihnen die sittlichen Gefahren des Großstadtlebens drohen. Und nun frage ich tviederum: haben >vir unser Publikum gehabt? Was die Jugend betrifft, so wird man sofort aus einer Statistik ersehen, daß unser Zweck erreicht worden ist. Wir haben nämlich an drei Wenden im März, am 16., 18 und Sonntag, den 19. März, eine Statistik durch Fragebogen ausgenommen. Auf einem Fragezettel sollte jeder Besucher Auskunft geben über sein Alter, Heimat, Beruf, und dann auch, da wir konstatieren wollten, ob wir Besucher auch aus entfernt von der Toynbee- Halle liegenden Gegenden Berlins habe», über die Lage seiner Wohnung. Diese Statistik hat inbezug auf die jugendlichen Personen folgendes ergeben: Es sind abgegeben worden aut 16. März 130 Zettel, darunter von jugendlichen Personen im Mter von 16 bis 20 Jahren 49 Zettel, also über ein Drittel; am Sonnabend, de» 18. März, 137 Zettel, darunter von Personen unter 20 Jahren 50 Zettel, also wiedcrum ein Drittel. An den Sonntagen konnte es der Besucher sofort merken, daß ganz besonders die Jugend uns die Ehre ihres Besuches gab. Am Sonntag, den 19. März, wurden abgegeben 168 Zettel, darunter 70 von Personen unter 20 Jahren. Man sicht also auch hier, daß fast zur Hälfte jugendliche Personen am Sonntag bei uns gewesen sind. Wenn wir also das Ziel erreichen wollten, insbesondere jugendliche Personen in die Toynbee-Halle zu führen, so haben wir dieses Ziel gewiß erreicht. — Nun aber das weitere Ziel: die „Mermsten der Armen" zu uns zu führen. Als wir die ersten Wochen uns unser Publikum ansahen, mußten wir uns; fragen, ob das wirklich, das Publikum war, das wir heranziehen wollten. Wir mochten uns wohl die Börstel ung gemacht haben, daß Männer und Frauen zerlumpt und in abgerissenen Kleidern zu uns kommen würden, und sahen zu unserem Staunen, daß unscre Besucher in ihrem Wentzercn sich, wenn auch manchmal ärmlich, so doch durchaus anständig gaben. Ja, wir sahen mitunter Damen vor uns, deren Hüte und Kleiderschnitt eine» so kvstspieligewGeschmack verrieten, daß man deren Besitzer kaum zu den „Aermstcn der Armen" zu rechnen berechtigt war. Unser Urteil ging deshalb in den ersten Wochen ganz allgemein dahin, daß cs uns nicht gelungen war, „unser Publikum" .heranzuziehen. Sehr bald aber hatten lvir Gelegenheit, uns davon zu überzeugen, daß unser Urteil ein ganz verkehrtes war. Wir bekamen diese Uebcrzeugung zunächst aus Gesuchen, die an uns von Toynbee-Hallen-Besuchern gerichtet waren, die uns mn Beschaffung von Stellen usw. baten und dabei ihre traurige wirtschaftliche Lage schilderten. Me Bilder, die sich da uns zeigten, entsprachen doch ganz und gar nicht dem äußern Eindruck, den die Besucher machten. - Des iRätsels Lösung zeigte mir u. a. folgender Vorgang. . Ein junger Mann, der aus München nach Berlin gekommen war, hier erkrankte und stellungslos war, bat uns um Beschaffung einer Stellung.,, Ich, ließ ihn mir kommen und saH nun einen anständigen, gebildeten jungen Mann in einem allerdings etwas ab-. geschabten Paletot. Da ich glaubte, ihm eine Stellung beschossen zu können, so ersuchte ich ihn, am Abend in die Toynbee-Halle zu kommen und sich dort den Bescheid zu holen. Er erwiderte mir: „Ich kann heute Abend nicht kommen." Erstaunt fragte ich ihn: „Sie sind doch, beschäftigungslos; warum können Sie nicht kommen?" „Ich kann nicht kommen," antwortete er, „denn mein Rock ist am Aermel ganz zerrissen." Das war recht bezeichnend. Das hat mir gezeigt, proletarische Juden, um einmal den Ausdruck zu. gebrauchen, gehen eben in eine Versammlung nur in anständiger Kleidung: und wenn sie sich nicht äußerlich anständig zeigen können, so meiden sie eben den Besuch einer öffentlichen Versammlung. Das war des Rätsels Lösung; das zeigte uns, daß wir unsere Besucher so falsch beurteilt hatten, weil sie äußerlich anständig angezogen waren und weil sie, was ich noch zu ihren: Ruhme hcrvorheben muß, sich auch anständig benahmen und andächtig rrnd voller Dankbarkeit den Vorträgen lauschten. Und in der Ucberzcugung, daß wir im großen Ganzen das Publikum hatten, für das die Toynbee-Halle errichtet war, sind wir wiederum bestärkt morden durch die vorher gedachte Statistik. Wie diese Statistik zeigt, haben wir zumeist Handwerker, Arbeiter und Arbeiterinnen unter unseren Besuchern gehabt — aber auch Rentiers! Und, ich habe mich auch darüber gefreut. Ich habe mich besonders bei der Durchlesung der Statistik darüber gefreut. Wir hatten unter anderen eine Dame, die sich auf dem Fragebogen als Rentiere ausgab im Alter von 75 Jahren. Sic kam aus der Rcgensburgerstraßc, also nicht aus dem Armcnviertcl: auch die. Schristzüge zeigten, daß man cs da wohl mit einer Dame aus den sog. besseren Kreisen zu tun hatte. Diese Dame setzte unter den Fragebogen, folgende Worte: „Voll inniger Dankbarkeit dafür, daß mir gestattet worden ist, hier zu sein!" Ja, wenn man das hört, wenn sich also herausstellt, das; nicht nur für die -Mermsten der Armen das Bedürfnis nach solchen Veranstaltungen vorhanden ist, sondern auch, für wohlhabende Leute, die sich zwar den Genuß von Theater und Konzerten gönnen können, die es aber vorziehen, sich bei uns belehren und unterhalten zu lassen, und das Gefühl herzlichen Willkommenscins zu genießen, das wir in allen unseren Besuchern, zu erwecken bestrebt sind, soll man diesen Leuten die Wohltaten der Toynbee-Halle versagen? Ich glaube, in Aller Sinne zu sprechen,-wenn ich. sage: wenn wir auch prinzipiell für diese Kreise die Toynbee-Halle nicht geschaffen haben, so können wir uns trotzdem über den Besuch, dieser Kreise doch freuen. Unter den Besuchern war auch ein Rentier, ein älterer Mann, der uns sehr häufig besuchte. Dieser Mann hat zwar vier verheiratete Söhne in Berlin, aber doch steht er als Witwer vereinsamt da. Für ihn war es ein Segen und eine Wohltat, daß er in unserer Toynbee-Halle seine Wende verbringen konnte. Ich meine, eine Wohltat erweisen zu können, lohnt auch unscre Bemühungen, und ist auch kein geringer Erfolg unserer Arbeit. Ich resümiere mich also: lvir haben tatsächlich das Publikum, für das die Tohnbec-Halle bestimmt ist, gehabt; wir haben damit auch gezeigt, daß in Berlin ein Bedürfnis nach, einer Toynbee-Halle vorhanden war. Wer weiter hat sich auch gezeigt, daß das Bedürfnis so stark war, daß wir cs mit unseren beschränkten Räumen nicht voll habe» befriedigen können; insbesondere an den Sonntagabenden haben Hunderte von Einlaß Begehrenden abgewiesen werden müssen, weil die Halle bereits voll besetzt war. Darum ivird cs die nächste Sorge des Toynbee-Hallen-Kvmitees sein niüssen, ein größeres Lokal zu beschaffen, wenngleich dies — wie die bisherigen Versuche gezeigt haben '— sehr schwierig sein wird, weil an das Lokal die verschiedenartigsten Anforderungen gestellt werden müssen. Unsere Statistik sollte auch darüber Aufklärung bringen, lvieviel Ausländer wir unter unseren Besuchern hatten. Es war uns, .als lvir an die Errichtung der Toynbee-Halle gingen, u. a. auch damit bange gemacht lvordcn, daß wir nur Missen, Pole», Galizier, kurz ein fluktuierendes Ausländerpubki.um, bekommen würden, nicht aber das seßhafte Berliner Publikum der kleinen Kreise. Auch diese Befürchtung hat sich als unbegründet erwiesen. Ausländer waren in unserer Halle: am Donnerstag, den 16. März, nach der. Auskunft von 127 Besuchern: 10 Russen, 3 Mmäuen und 13 Oeslerreicher, während über 109 deutsche Besucher gemeldet waren. Am Sonnabend, den 18. März, gab es wieder ein etwas anderes Bild. Unter den 137 abgegebenen Zetteln befanden sich solche von 15 Russen, 23 -Ocslerreichern, 2 Rumänen und einem Engländer, während sich 96 Deutsche eingeschrieben hatten. Ain Sonntag, den 19. März, zählten wir bei 168 abgegebenen Zetteln 29 Ocsterreichcr, 22 Russen, 2 Rumänen und 2 englische Damen; die beiden letzteren waren aus London, die eine Friseurin und die andere Lehrerin. Deutsche Besucher waren also 105. gemeldet. Sie sehen, daß doch die weit überwiegende Zahl unserer Besucher aus deutschen Landen stammt. Und nun wollen wir das statistische Material verlassen und versuchen, in aller Kürze zu schildern, welchen Eindruck unsere Darbietungen auf unser Besucher- Publikum gemacht haben, wie unser Publikum in der T,0y>>bf.e-Hallle sich Verhalten hat. Was ich hierzu zu berichten' häbe7"ist'°AbevauL..,erfreulich.. Das Publikum folgte den Vorträgen mit der größten Ruhe und Aufmerksamkeit und lohnte die Vortragenden mit dankbarem Beifall. Ich habe bei der Schlußfcier in der Toynbee-Halle selbst am 39. März Gelegenheit genommen, unserem Publikum speziell zu danken dafür, daß sie diese Andacht, diese Dankbarkeit, diesen Anstand an allen Abenden gezeigt haben. Ich bin der Ansicht, sie haben damit viel zur Ehre des jüdischen Namens beigetragen; haben mir doch viele Vortragende, selbst auch Christen, erklärt, eine solche Ruhe, ein solch' gesittetes Betragen und eine solche Dankbarkeit für das Gebotene, wie man es in der Toynbee-Halle beobachtet hätte, wäre in einer christlichen Versammlung aus etwa denselben Bevölkerungsschichtea einfach unmöglich gewesen. Also wir können auch nach dieser Richtung hin außerordentlich zufrieden sein. Dem Bilde, das ich von unserer Toynbee-Halle zu geben versucht habe, würde der Rahme» fehlen, wenn ich nicht noch einige Worte über die Organisation des äußeren Dienstes an den Abenden sage» wollte. Zur Leitung der Versammlung und zur Aufrechterhaltung der Ordnung waren für jeden Abend ein Leiter und vier Ordner, sämtlich Logenmitglieder, bestellt. Ter Leiter hatte den Vorsitz zu führen, alle für den Abend erforderlichen Anordnungen zu treffen und über den Verlauf des Abends für das Archiv ein Protokoll zu führen. Tie Ordner hatten den ordnungsmäßigen Ein- und Austritt der Gäste zu überwachen und nach den Weisungen des Leiters die Ordnung während des Abends aufrecht zu erhalten. Die Einheitlichkeit der Geschäftsführung der Leitung wurde dadurch erreicht, daß für ihren Dienst eine allgemeine Anweisung bestand, deren Beobachtung sich durch die Protokolle kontrollieren ließ. Neben den Leitern und Ordnern (Abendvorstand) fungierten die Ehrcndameu, welche vom Vorstande des Damenkomitees (Vorsitzende: Frau Tr. Eschclbachcr) zur Besorgung der wirtschaftlichen Angelegenheiten für jeden Abend bestimmt waren. Ter umsichtigen »und zielbewnßtcn Geschäftsführung der Leiter und dem gewissenhaften Zusammenarbeiten, aller am Abeuddienste Beteiligten war es zu danken, daß die Abende in voller Harmonie verliefen. Tie Toynbee-Halle ist ein soziales Element, weil es dem Aermsten zu einem gewissen Frieden mit sich selbst verhilft, weil es sozial versöhnt. So bescheiden die Toynbee-Halle, an großen Kulturaufgaben gemessen, erscheinen mag, so ist sie doch ein markanter Ausschnitt aus diesen. Tenn die Kultur schreibet nicht mit Siebenmeilenstiefeln vorwärts, sie bedarf der Stützpunkte; als einer Kulturstation, und wäre sie auch nur eine Nebenstelle, gebührt der Toynbee-Halle volle Beachtung und tatkräftige Förderung. Personalien. Berlin. Die Rotekreuzmedaille lll. Klasse lvurde dem Stadtrat H a n's S a m t c r - Charlottcnburg und dem Kommerzienrat W. Gerngros- Nürnberg verliehen. (Saftet. Frau Auguste Alsberg erhielt anläßlich des Geburtstages der Kaiserin die Rote Kreuzmedaille 3. Klasse. Karlsruhe. Herr Rechtsanwalt Dr. - L u d w ig Frank aus Mannheim ist in der Stichwahl in den Landtag gewählt worden; er hat sich bedeutende Sympathien erworben, als er anläßlich der Kischinewer Greuel ,s. Z. eine große Protcstversammlung in Mannheim einberief, sich dabei als hervorragender Kenner der Verhältnisse der russischen Juden erwies. Auch in Mannheim ist ein Glaubensgenosse, Herr S ü s k i n d, in den badischen Landtag gewählt. Bon Interesse dürfte ferner .sein, daß der im vierten Bezirk Mannheim gewählte Nationalliberale E. Mayer getaufter Jude ist. Breslau. Am 29. Oktober feierte Herr Bernhard Guttentag, Mitbegründer der gleichnamigen bedeutenden Engrossirma in Herreu-Kleider- Konfcktion, in voller Rüstigkeit seinen 80. Geburtstag. Herr Guttentag hat von jeher an dem jüdischen Gemeinde- und Vereinsleben Breslaus regen Anteil genommen. Minden i. W. Hier verstarb am 25. Oktober Herr Moses L i l i c n t h a l im 84. Lebensjahre. Der Verstorbene fungierte 50 Jahre hindurch als Gemeindevorsteher.' Hellimer (Lothringen). Herr Henri Levy feierte am letzten Sabbat sein 4 0 j ä h r i g c s. Amtsjubiläum als V o r st e h e r der jüdischen Gemeinde. Zu Ehren des Jubilars fand in Anwesenheit des Herrn Bezirksrabbiners Dr. Dreyfus ans Saargcmünd eine Feier statt. Paris. In Flovac ist der junge Bankier Louis Dreyfus, Sohn des bekannten Getreidegroshändlers' Leopold Louis . Dreyfus, im ersten Wahlgange mit der enormen Majorität von 3639 Stimmen gewählt worden. Dreyfus ist Mitglied des Zentralkomitees der Mliance Jsraölite lkniverselle. Gegenwärtig sitzen in der Deputiertenkammer drei Juden, der neugewählte Louis Dreyfus, Raphaels Bischofsheim und L. L. Klotz. Ferner sitzen drei Juden im Senat und zwat: Paul Straus, Präsident des höchsten Rates für öffentliche Wohltätigkeit, Mitglied