Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 42 (3.11.1905)
- Date
- 1905-11-03
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12. Franffllrtep>Jsraelitisches Familienblatt. Nr. 42. Ws interessanteste Persönlichkeit aber im Kampfe gegen Alaterialismus Und Realismus erscheint uns der Begründer des Neu-Vitalismus, Pros. Johannes Reinckc in Kiel. Er'ist ungefähr für den Materialismus, was Voltaire für den Papismus war. Ein naturwissenschaftlicher Fachmann und hervorragender Botaniker, hat er in seinem Hauptwerk „T<ie Welt als Tat" alle Lehrendes Materialismus vor den Kopf gestohen. Er erkennt auch das Gesetz von der Erhaltung der Materie und der Energie an, er gibt die Möglichkeit von Wundern zu, denn die Wunder, meint er, erscheinen nur uns als solche. Durch seine Lohre von den Dominanten treibt er einen Keil in die Feste des Womismus, Jonismus und. der Lehre der Electroncu. ,Tas sind ungefähr in grossen Zügen die Spuren der Reaktion auf das materialistische, naturalistische Weltbegreisen, die sich heute - überall bemerkbar machen. Tiefe 'Reaktion bedeutet einen Schritt weiter auf dem Wege zum Baume des Lebens. Llaxime Le Maitre. Hamburg. 28. Oft. Israelitisches Genieinschafdshcim. Tic Wiederöffnung der Zusammenkünfte für das Winterhalbjahr 1905/06 fand am Dienstag Abend im Logenheim an der Hartungftraße statt. Der Saal war bis auf den letzten Platz gefüllt. Geboten wurde ausschließlich Musik und Gesang. . Ei» geleit et wurde der . Abend durch das „Streich-Oktett" von Mendelssohn. Die zweite Abteilung brachte eine Anzahl Szenen aus' den Opern „Die Jüdin", „Die Königin von Saba" und „Die Makkabäer" mit verbindendem Text. Viel Beifall fanden auch mehrere Nummern aus den „Hebräischen Gesängen" von Löwe und aus Hillcrs Oratorium „Die Zerstörung von Jerusalem". Breslau. Der Verein jüdischer Studenten an der Universität Breslau kann das verflossene zwölfte Semester als ein. sehr erfolgreiches bezeichnen. Die altbewährte» Bahnen wurden weiter ausgebaut, und dadurch das Tätigkeitsgebiet erweitert. Das Semester begann am 2. Mai mit dem Antrittskonvent; hieran schloß sich einige Tage darauf eine große, zahlreich besuchte Antrittskneipc, auf der sich sechs neue Füchse aftiv meldeten. In der Generalversammlung des Zentralvereins Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens wurde wie bisher ein Bertreter des V. I. St. in den Vorstand gewählt, aber auch die innere Arbeit ruhte nicht. In den Fuchsenstunden wurden neben rein . studentischen Fragen jüdische Fragen lebhaft besprochen. Jüdische Geschichte und Literatur wurden gepflegt, und allwöchentlich fanden größere Vorträge über jüdische Themen statt, an die sich lebhafte Diskussionen knüpften. Hieran schlossen sich dann feuchtfröhliche Kneipen. Folgende Vorträge wurden im Sommer-Semester gehalten: Die Strömungen im heutigen Fudentume. Kritisches Referat über Fromcrs Wesen des Judentum, Geschichte der Entwicklung unserer palästinensischen Kolonien, Tie Bedeutung der Speisegesetze, Oppenheimer'sche Siedlungsgenossenschaftcn in Palästina (2 Teile). Gab der Verein so seinen Mitgliedern das geistige Rüstzeug, "um sie zu geraden, offenen und selbstbewußten Inden zu erziehen, so sorgte.er auch für ihre körperliche Ausbildung durch tägliches Fechten uud allwöchentlichen Turnunterricht. In dem Kampfe um die sogenannte akademische Freiheit hat unser Anfang Juli in Berlin tagender Kartelltag durch eine Resolution Stellung genommen, die bereits bekannt ist; ferner wurde aus dem Kartelltagc die Einrichtung eines jüdisch-akademischen Arbeitsamtes für die östlichen Provinzen mit dem Sitz in Breslau beschlossen. Dieses Arbeitsamt soll dazu dienen, jüdischen Akademikern geeignete Positionen zu verschaffen und gleichzeitig dem Rückgänge der jüdischen Bevölkerung, besonders in den kleineren Städten, durch Heranziehung von Vorkämpfern für ihre Interessen entgegenzuarbeiten. Außerdem beteiligte sich der B. I. C. auf Aufforderung des „Verbandes der Deutschen Inden" an der im Werden begriffenen Organisation zur Gründung eines jüdisch-akademischen Arbeitsamtes für ganz Deutschland. Schließlich seien noch die im Sommer bereits begonnenen jüdischen Arbeiterkurse erwähnt, die dazu dienen, den des Deutschen nicht mächtigen ausländischen, jüdischen Arbeitern durch Unterricht in der deutschen Sprache, Lesen usw. das Fortkommen zu erleichtern, mrd die nach dem Vorbilde der Berkner Arbeiterkurse weiter ausgebildet werden sollen. Diejenigen jüdischen Mademiker, die uns hierbei Helsen wollen, bitten wir, uns ihre Adressen anzugüben. Eine reiche, schwere, aber fteudige Arbeit wartet unser. Auf zur Tat! . •-?DrMaste«^ . .: ./• ... Arthur Meherowitz, Sekretär des Hilfsvereines der Deutschen Inden. Wir bestätigenIhnen auf Wunsch, daß das in unserer Nr. 40 abgedruckte Schreiben Nordaus an Zangwill uns von Ihnen privat — und nicht in Ihrer Eigenschaft als Sekretär des Hilfsvereins — eingesandt wurde. B. S. Rach der Volkszählung von 1900 gab es in Deutschland unter den Juden 489 Blinde. Die Zahl beweist zur Evidenz die dringende Notwendigkeit einer jüdischen Blindenanstalt. Vereins-Kalender. Verein Mekor-Ehajlm. Sonntag, den -5. November, abends 6 Uhr, Schützenstraße 2: Vortrag des Herrn Oberlehrer W e y l über I o s u a. ' Hebräischer Sprachverein. U n t c r r i ch t s st u n d c u: Sonntag, Nachmittag 2>/»—3Ys Uhr für Schüler und Schülerinnen. Sonntag, Nachmittag 4Ve—51/» Uhr für Erwachsene. Der Winterkursus beginnt nächsten Sonntag. Unterrichtslokal: Hermesweg 25/27. Beitrag: 50 Pfg. monatlich. Schule und Haus. Gedanken einer Mutter. Schon seit langen Jahren gewährte es mir immer ein besonderes Vergnügen, wenn ich zu irgend einer Stelle aus Chnmifch oder Tefillah mir meine eigenen Gedanken oder Erklärungen bilden konnte. Do ließ ich auch diesen Jöntof, während die Gemeinde bereits die Machsorstücke sagte, nochmals den Wortlaut der Sidrah im Geiste an mir vorübergeheu (eine Gewohnheit übrigens, die ich durchaus nicht als mustergültig hinstellen will, obgleich sie mir schon manchmal innere Beftiedigung gewährt hat). Und da war es diesmal die Gestalt der Hagar, die mich beschäftigte. An unser» hehren Stammniüttern blicken >vir ehrfürchtig hinauf, an ihnen erheben wir uns, durch ihr Beispiel veredeln wir uns. Aber kann nicht auch eine Hagar bildend auf uns wirken? Ja, muß nicht gerade in ihrer Geschichte, in ihrer Verhaltungsweise ettvas ganz hervorragend Wichtiges und Belehrendes für uns liegen, daß sogar am ersten Tage unseres heiligen Rosch Haschonoh - Festes gerade ihre Lebensgeschichte uns vorgeführt wird! Freilich können, sollen wir viel, wenn auch gar manches nur in negativem Sinne,'von ihr lernen, wir, die Mütter in Israel. Ist es doch gerade Hagars Verhalten als Mutter, das uns so lebhaft geschildert Ivird. Wie kann eine Mutter ihr Kind in der Stunde der Gefahr verlassen, ja nicht nur das, cs geradezu von sich stoßen, um sein Leiden nicht mit ansehen zu müssen? ' ' . Versuchen wir, nach dem Wortlaut der Schrift cs zu verstehen und die Nutzanwendung aufs heutige Leben zu ziehen. Wraham hat Hagar mit ihrem Kinde weg geschickt, hinaus „ins Leben!" Ein Begriff, der dem heutigen Geschlecht wohl geläufig ist, daß auch die Frau, auch die Mutter, nicht nur im Hause, im Zelte, ihr Wirken entfaltet, wie Sara, sondern selbständig hinaustreten muß in den Kampf ums Dasein. Und wie rüstet ein Wraham die Hagar zu diesem Unternehmen aus? — Er gibt ihr Brot mit und einen Schlauch Wasser — Brot, die leibliche Nahrung, — und Wasser, das belebende, erfrischende, erquickende, das ist der Glaube an Gott, die Zuversicht in Sein Walten, der jedes einzelne von uns Menschenkindern behütet und beschützt und in seiner Vatergüte begleitet auf dem Weg durchs Leben.; .Und Hagar jging. -— Doch sie verirrte sich in der Wüstk des Lebens. Das Brot war schon längst, zw Ende; da („ging auch zu Ende das Wasser im Schlauche". So lange'sie von diesem erquickende» Element noch Vorrat hatte, hatte sie auch den Mangel an Brot uicht -so drückend empfunden; doch -jetzt -fehlte, ihr alles, die materielle Existenz und das . Gottvertrauen — da wirft sie ihr Kind von sich „unter eines der Gebüsche". Gleichgültig ist es ihr, wohin ihr Kind fällt, gleichgültig, welches - Geschick ihm bevorsteht, ob es sich wieder, auf eigene Füße wird stellen -können oder ob es " verkommen wird im Gewühl' des Lebens. Daß sie sich, aufraffc, dem Kinde zulieb, dazu fehlt ihr die moralische Kraft, sie kann nichts anderes mehr als weinen, als klagen und jammern. Da hört Gott die Stimme — nicht Hagars — nein, die Stimme des Knaben! Das unschuldige Kind, es fühlt sich fremd, es fühlt sich verlassen und einsam im Leben, es hungert, aber noch mehr, es dürstet! es fehlt ihm das Brot, .über mehr noch fehlt ihm das Wasser, denn in jedem Kinde, sei es das Kind einer Sara oder der Sohn einer Hagar, schlummert das Bedürfnis nach geistiger Nahruiig, liegt das Sehnen nach idealen Gütern. Und diese Stimme des Knaben erhört Gott. Das Kind soll unr des Kleinmuts seiner Mutter willen nicht verschmachten. „Fürchte dich nicht, Hagar," ruft ihr ein Engel zu, „denn Gott hat die Stimme des Knaben erhört, dort,' wo er ist." Sei er auch in der Einsamkeit, sei er auch in untergeordneter Stellung, ja, sei er gar in schlechter Gesellschaft, dort, wo er ist, dort soll er - nicht verkommen, dort soll er nicht nntergehen. Doch er selbst ist noch zu schwach, um sich allein zu erheben, er bedarf noch der Stütze, er bedarf noch der Führung, darum erhebe, ermanne dich, Hagar, nimm den Knaben, fasse ihn mit deiner Hand, stütze ihn, leite ihn, laß ihn nicht von dir, bis daß er selbst Kraft, Energie und iiinern Halt gewinne, um dereinst zu einem großen Volke zu werden. Und Gott öffnete ihre Augen. Und da erst erkannte sie, warum ihr bisher das Leben so öde, so gar nicht des Kampfes wert gewesen war; da erst sah sie „den Brunnen lebendigen Wassers," da erst hörte sie wieder das liebliche Rauschen des belebenden Quells, an dem sie sich im Hause Wrahams erquickt und gelabt hatte, und eilte zu diesem nie versiegenden Oüell und schöpfte aus ihm für sich und den Knaben. Und so aufs Neue ausgerüstet mit Glaube und Vertrauen, konnte sie wieder Führerin, Erzieherin ihres Kindes sein. „Und Gott war mit dem Knaben und er wuchs heran." „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein". O möchten doch alle Mütter in Israel, eingedenk dieses Verses, es verstehen, selbst zu trinken aus dem Born des ewigen Lebens und ihre Kinder lehren, aus diesem -Oncll immer neues Heil zu schöpfen. Aus der Lehrerwelt. Stockholm (Schweden). Herr Dr. M. Fried, ein Schüler des Breslauer Rabbinerseminars, ist einstimmig zum zweiten Rabbiner.der hiesigen jüdischen Gemeinde gewählt tvordcn. Höchberg (Bayern). Dar uns liegt der Jahresbericht für 1904 bezw. 1904/05 der „Lazarus Ottenfofer-Stistung für die Israelitische Präparantenschule (Talmud-Thora) in Höchberg". Dem Berichte geht eine Arbeit des Leiters der Pcäparanden-Schule, Herrn Hauptlehrer Eschwege über den „Derech-Erez" voraus. Die .Schulchronik gibt das Bild eines geregelten, segensreichen Arbeitens; sie verzeichnet einen Bestand von 37 Schülern. Auch die Wrechnung (Vermögensbestand JL 202 625) ergibt einen erfreulichen Status. Jedoch sind die Zinsen dieses Kapitals noch bei weitem nicht so genügend, daß die Anstalt auf den fortlaufenden Zufluß von Legaten, Spenden und Jahresbeiträge nicht sehr angewiesen wäre. Leopold Seligmann’s Nachfolger Neue Zeit 7 Inh. JYUchael Schuster Recfmeigrabenstr. 18 unter Aufsicht Sr. Ehrir. des Herrn Babbiner Dr. Breuer. . Condttoreiwaren. ■— Eis. ' Versand nach dem Innnd Ausland. Ich habe mich hier Sehillerstrasse 5 “• (vis - a - vis Cafe Bauer) niedergelassen. Zahnarzt S. Hermann vorher Assistent an der Zahnärztlichen Mellin-Klinik, Hamburg.