Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 42 (3.11.1905)
- Date
- 1905-11-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Juhatt der Beilage: . Artikel: Die hebräische Sprache inPalästina. — Die jüdische Toynbee-Halle. — Personalien. — Aus der zionistischen Bewegung. — AüsdenBereinen.— Schule und Haus: Gedanken einer Mütter. — Aus der Lehrerwelt. Die hebräische Sprache in Palästina. Gar viele, die Palästina nur vom Hörensagen kennen, glauben, die Umgangssprache der dortigen Inden sei hebräisch. Wer aber nur einmal das heilige Land besuchte oder sich, sonstwie genau informierte, der wird sich schwerlich dieser süßen Illusion hingeben. Denn während alle anderen Nationalitäten Palästinas fest an ihrer Sprache halten und ihr de» ersten Rang zu verschassen suchen, sind unsere Juden gleichgültig, ja phlegmatisch darin und ziehen den häßlichen Jargon unserer heiligen, wohlklingenden, alle Juden vereinigenden hebräischen Sprache vor. — ' Dieser Jndifferentismus für die hebräische Sprache erklärt sich daher, daß der Palästinenser, der den auf diesem Lande lastenden Fluch täglich spürt, für Palästina nicht das empfindet, was den Exiljnden beim bloßen Denken ans heilige Land begeistert und erhebt. Selbst solche, die vom Ideale getrieben, alle. Schwierigkeiten überwindend, Palästina aufsuchen und eine inbrünstige Liebe für dasselbe mitbringen, büßen dieselbe allmählich ein, da sie auf jedem Schritt und Tritt Hindernissen begegne», die ihnen das Leben erschweren. Wenn man nun noch den Fanatismus der meisten dortigen Juden, die im Lernen der hebräischen Sprache wie in jeder Bildung überhaupt gleich Abfall vom Judentum erblicken, in Betracht zieht, so darf uns das schwache Interesse für die jüdische Nativnalsprache nicht mehr wundernehmen In Jerusalem, wo die Macht der sogenannten „Kanoim", welche die Bevölkerung in Unwissenheit halten wollen, sehr groß ist, ist die hebräische Sprache am wenigsten verbreitet. Ueberall wird der heilige Jargon gesprochen, auf der Straße wie zu Hanse. Als ich während meiner Anwesenheit in Palästina vor einigen Wochen mit einem angesehenen Manne deutsch sprach, bat er mich, doch „jüdisch" zu sprechen, da er kein Deutsch verstünde. Ich glaubte, er meine hebräisch und begann auch so zu sprechen. Rein, verbesserte er, ich meine echt jüdisch, Jargon: denn rein hebräisch ist doch nur die Sprache für „Epikorsim". Auch in der gebildeten Welt Jerusalems, die einen kleineren Kreis umfaßt, ivird die hebräische Sprache stiefmütterlich behandelt. Wohl hört man hier und da eine hebräische Unterhaltung, aber hebräisch als Umgangssprache, als Muttersvrache, finden wir in Jerusalem nur bei zwei oder drei Familien. Von der Jugend sollten wir viel erwarten, denn sie zeigt uns das Bild der Zukunft. Ist unsere Hoff- 'nung, daß die künftige Generation Jerusalems die hebräische Sprache mehr schätzen und würdigen wird, berechtigt? Wenn wir dieses nur von der Tätigkeit der jungen Leute abhängig machen, so müssen wir diese Frage verneinen. Vor wenigen Jahren gründete sich in Jerusalem ein Verein „Agudat Zeirim", dessen Mitglieder hebräisch.zu sprechen verpflichtet ivaren. Dieser Verein, dem es zu verdanken ist, daß die bis dahin wöchentliche Zeitung „Haschkafa" nun zweimal wöchentlich erscheint, wurde in den hebräischen Zeitungen des Auslandes enthusiastisch begrüßt. Und was ist er jetzt — eine öde Ruine. Wegen mangelhafter Unterstützung seitens der Großen und viel mehr durch die Verfolgungen der „Kanoim", die in ihnen nur Abtrünnige erblickten — wie weit dieser Verdacht seine Berechtigung findet, sei dahingestellt — verloren die jungen Kämpfer allen Mut und nahmen die allgemeine gleichgültige Haltung an. Das einzige Mittel, der hebräischen Sprache die Zukunft zu sichern, wäre noch das energische Vorgehen kn den dortigen Schulen. Leider aber sind die Schulen in Jerusalem zu wenig selbständig und müssen mehr oder weniger Len Zielen der sie erhaltenden Institutionen Rechnung trägen) so daß hier französisch, da englisch und dort deutsch bevorzugt werden. In den sogen. „Chadorim und Ieschiwaus", wo diese europäischen Kuktursprachen verketzert sind, hat der jüdisch-deutsche Jargon die Oberhand. , Einen größeren hebräisch sprechenden Kreis finden wir in Jaffa. Während in Jerusalem die entsetzliche Armut den dortigen Juden zu jedem idealen Streben unsähig macht und ihn durch-die traurige Wirklichkeit, an die seine hungernden Kinder fortwährend erinnern, hindert, sich einen Augenblick in das Reich des Ideals zu flüchten, erfreuen sich die Juden Jaffas im allgemeinen dank dem Fremdenverkehr und dem mit den nahe liegenden Kolonien eines währen Wohlstandes. In Jaffa, wo auch die Chaluka keine geistigen Fesseln anlegt, sind die Jude» auf einer höheren Kulturstufe, sind mehr europäisch als die Jerusalemiten. Da außerdem die Fanatiker hier keine allzu große Gewalt ansüben, so können sich die Juden in jeder Hinsicht frei entfalten. In Jaffa gehört es schon zur Mode, hebräisch zu sprechen. I» Geschäften, bei Spaziergängen und bei anderer Gelegenheit hört man schon viel hebräisch. Viel leistet zur Verbreitung der hebräischen Sprache in Jaffa Herr Krischcwsly, der Direktor der Mädchenschule von der Chowewei Zion. In dieser Schule ist hebräisch die Unterrichtssprache; ich wohnte einer Physikstunde im Hebräischen bei und war höchst erstaunt, wie die Schülerinnen die technische» Ausdrücke auf Hebräisch so geläufig anwandten. Wenn die hebräische Sprache in den Städlen Palästinas nicht die Stellung einiiimmt, die wir wünsche», so ist cs noch gewissermaßen begreiflich, da man im Verkehre mit den Richtjudcn anderr Sprachen anznwenden gezwungen ist. Aber i» den jüdischen Kolonie», wo ausschließlich Inden wohnen, sollte man meinen, daß die hebräische Sprache glücklicher daran ist als in den Städten. Dem ist aber nicht so. Allerdings erstrecit sich mein Urteil nur auf bic Ko.'onie», die ich besucht habe. Ich besuchte Rischon-lezion. (Rifchonlezion gehört der „Jca", deren Angestellte meistens Assiniilaiiottsjudeii iven» nicht gar Christen sind, nid das erklärt zur Genüge, warum durch die Leiter der Jea-Kolonic» keine Förderung ideell-jüdischer Interessen zu erwarten ist. Die Red.) Mit welchen heiligen Gefühlen betrat ich den Boden dieser Kolonie! War ich doch in einem ivirklich jüdischen Lande, wo mir die Herren sind, und ich träumte schon von einer Zeit, in der ganz Palästina den Juden gehören wird. Doch die i» dieser Kolonie herrschenden mißlichen Verhältnisse, der fortwährende Streit unter den Kolonisten und ihre Mißachtung der nationalen Interessen erweckten mich aus dem süßen Traum. Wir wollen uns nicht täuschen, die Rischoner bekämpfen die Zuwanderung fremder Juden, da sie durch sie eine Erschütterung ihrer Existenz befürchten. Unter diese» Ümständen kann in Rischon für das Rationale wenig geleistet werden. Jm Weinkeller mit cinein riesigen Betriebe, auf den wir stolz sein dürfen, wo Hunderte jüdischer Arbeiter beschäftigt werden, ist das Hcbräisch-- Sprechen verboten, wie unglaublich auch dieses scheint. In Rischon, der ersten, hervorragendsten jüdischen Kolonie, hört man sehr wenig, viel weniger als in Jaffa, hebräisch sprechen. Herr Dr. Metmann, der vor einem Jahre in die dortige Schule als hebräischer Lehrer angestcllt wurde, hatte in kurzer Zeit Erstaunliches geleistet. Er eroberte sich die Herzen der Jugend, die er für das Judentum und besonders die hebr. Sprache begeisterte. Das gefiel den Rischoner» nicht. In dem Kampfe zwischen dem französischen Lehrer der Jca, Herrn Carssenti, mit Herrn Dr. Mctinann um die Verwaltung der Schule, dem Kampfe zwischen Franzosentum und Judentum, unterstützten sie den Franzosen, und Herr Dr. Bietmann mußte als Besiegter mit seiner hebräischen Sprache das Feld räumen. Zwar traurig, aber wahr. Die zweite Kolonie, die ich besuchte, war Petachtikwah, die größte und reichste jüdische Kolonie. Wenn es auch wahr ist, daß wir von Petachtikwah in nationaler Hinsicht nicht viel zu erwarten haben, so brauchen wir doch dort für bas Judentum nichts zu befürchten; die Kolonisten dieser Kolonie sind wenigstens echte, gesetzestreue Juden. Doch bezüglich der hebr. Sprache hat Petachtiktvah keinen Vorzug vor Rischon; hier wie dort hört man fast nur den Jargon. Ging ich jedoch von Rischon weg, aller Hoffnung zu einer Rettung der hebräischen Sprache beraubt, so zeigte mir ein Ereignis in P., daß, wenn auch die hebr. Sprache in Palästina augenblicklich nicht die Herrschenke ist, sie dennoch Aussicht hat, es zu werden. Es war ain Tage meiner Ankunst: ich ivar vom Wege sehr müde und sehnte mich nach der nächtlichen Ruhe. Doch kaum schlief ich ein, erweckte mich ein heftiger Streit zwischen Mann und Frau im Nebenzimmer. Streit ist überhaupt eine häßliche Sache und besonders zwischen Mann und Frau, dennoch ergötzte mich diese Zänkerei, weil sie auf hebräisch geführt wurde. Nun drehte ich mich vergnügt aus meinem Lager um und dachte, wenn unsere Sprache zu dieser Stufe gelangte, daß sie in einem so kritischen Momente angewandt wird, so dürfen wir von ihr hoffen, daß sie sich noch die Oberhand in Palästina erobern wird. Als ich nun Jaffa verließ, fuhren i»i Kahn, mit dem ich ineinein Schisse zusteuerte, viele Frauen und Mädchen, und alle sprachen zu meinem Erstaunen reines, fließendes Hebräisch. Das war für mich ein Fingerzeig, in dem Aiomente, wo ich im Begriffe war, Palästina zu verlasse», daß Palästina doch der Boden ist für die Saat unserer nationalen Ideen, daß sich gerade an Palästina unsere besten Hoffnungen knüpfe» und nur da die vollständige Wiedergeburt der hebräischen Sprache erfolgen kan». Philipvopel, Ende Oktober. Jsaac Kanel. Die jüdische Toynbee-Halle erösfnet am l. November ihre?. Wintersaison. Aus dem uns vorliegenden Bericht über das l. Betriebsjahr entnehmen wir folgendes: Die „Jüdische Toynbee-Halle der Berlinec Bnei- Briß-Logen" ist am!?. Oktober li)U4 feierlich er» öffnet worden. An ihrer — vielköpfige» und arbeitsreichen — Verwaltung sind ausschließlich Logenmitgliedcr und deren Angehörige beteiligt, die erforderlichen Geldmittel werden ausschließlich aus Logenkreifen aufgebracht. Rur dadurch ist die Einheitlichkeit der Tendenz und vielleicht auch ihre bauernde Existenz gewährleistet. An 170 Abenden, d. h. täglich mit einer einzigen Ausnahine bis zum 31. März tiJOr», öffneten sich die Pforte» der Toynbee-Halle, um ihre,» Publikum pünktlich!> Uly: abends den Genuß eines popnlär-wisienschastliche» Vortrages» darauf, etwa um!t;l» Uhr, eine Bewirtung mit Tee und Gebäck, endlich von etwa 1«) Uhr bis pünktlich ll Uhr eine musikalisch-deklamatorische Unterhaltung, zu bieten. Als das Vorhaben, in Berlin eine Toynbee-Halle zu gründen und dort an jedem Abend Borträge halten zu lassen, bekannt wurde, äußerte sich eine kompetente Persönlichkeit dahin, daß außer anderen Dingen schon der Mangel an Vortragenden das Unternehme» zum Scheitern bringe» müßte. Dieser Mangel ist nicht eingerrcten. meint es uuef) zunächst nicht leicht war, für jedeit Abend eine geeignete Persönlichkeit zu finden. Au Rednern fehlte es nicht, aber nicht Jedem ist es möglich, einem Publikum, wie es in der Halle sich zitsamineiisiiidek, klar und deutlich das darznstellen, was er darstclten will, nicht Jeder besitzt die Gabe, populär zu sprechen. Zumeist waren es die jüngeren Lettte, deiten es hieran, fehlte. Ta ivaren Borträge, die, vor einem gebildeten Publikum gehalten, sich ohne Ziveifel des größten Beifalls erfreut hätten, den Hallenbesuchern aber teilioeise unverständlich ivaren. Zum Glück litt man nicht allzusehr unter diesem liebet. Vermeide» ließ sich zunächst der Mißstand nicht, denn man kannte die überwiegende Zahl der Herren, die ihre Kraft in liebenswürdiger Weise zttr Verfügung stellten, nicht. Für die folgenden Jahrq wird cs das Bortragskomitee in dieser Beziehung leichter haben. Um die Abwechslung in de» Vvrtragsgegenständen zu schaffen, teilte man die Mende so ein, daß in der Reget am Somitag Kunst und Reisen, Montag Jurisprudenz und Nationalökonomie, Dienstag Geschichte, Mittwoch Literatur und Philosophie, Freitag Mbel nnd Talmud, Sonnabend Medizin und Naturwissenschaften an die Reihe kamen. Der Donnerstag sollte ein Tiskussionsabend sein. Der Leiter der Debatte hatte mit einem Referat die Einleitung in das zu diskutierende Thema zu geben und dann zu Meinungsäußerungen aufzufordern. Mein schon der erste Versuch zeigte, daß es bei der eigentümlichen Zusammensetzung der Zuhörerschaft ein gefährliches, zu Dissonanzen führendes, Unternehmen sein würde und so mußte man die Diskussionsabende aufgeben.