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Neue jüdische Presse · 1905-11-03 · Heft 42 (3.11.1905) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 42 (3.11.1905)
Date
1905-11-03
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 42. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 5. anerkennen und durch einen frommen Lebenswandel nach seinen Gesetzen und Vorschriften, und wenn sie auch noch so schwere Opfer heischen, zum wahren Glauben sich aufschwingen? Und plötzlich fiel es Ivie Schuppen von ihren Augen; es deuchte ihr eine Erleuchtung voin Himmel 51t sein; denn nunmehr glaubte sie das flehentliche Verlangen ihres tote» Kindes zu verstehen. — Sie erinnerte sich setzt der Tradition ihres Volkes, die durch das ehrwürdige Alter zu cinein Gesetze geheiligt war, daß, wenn ein Mensch eines gewaltsamen, unnatürlichen Todes stirbt, da müssen seine Kleidungsstücke, alles, was er anr Körper hatte, mit ihm begraben werden. — Tarum kam auch ihr kleines Mädchen, um ihr Eigentum;u fordern, um den kleine» Schuh zu verlangen, den sie aus fälsch angebrachter Liebe beständig auf ihrer Brust getragen. Heiße, brennende Tränen stürzten ihr aus den Augen. Ja, ja; es war weit mit ihr gekoinmen — nichts war ihr mehr heilig! Ten einzigen, wahren Gott hat sie schnöde verlassen, um vor dem Gebilde von Menschenhand, wenn auch nur zum Scheine, zu knieen; sämtliche Satzungen des angestammten Glaubens hat sie gebrochen und übertreten, und nun hat sie sich auch noch gegen das eigene Fleisch und Blut so schwer versündigt-und dafür kam jetzt die Vergeltung! Sie hatte geglaubt, daß ihr Erdenglück einen festen Wall bilden werde, um dem mahnenden Gewissen keinen Einlaß zu gewähren — aber es hat sich dennoch Bahn gebrochen, und rächte sich jetzt um so grausamer, je länger sie es von sich fern zu halten gesucht. Es beschuldigte sie, für eine volle Schüssel und ein weiches Bett sich der göttlichen Fürsorge entzogen zu haben; es verhöhnte sie, daß sie die altgefestigte Religion nach ihrem Gutdünken ummodeln zu können glaubte; es klagte sie an, Gott und die Welt absichtlich belogen und betrogen zu haben; es trieb ihr die Schamrote ins Gesicht, daß sie schwach und mattherzig, die herrlichen Vorbilder des felsenfesten Gottvertranens, die die Geschichte ihres Volkes, in all de» Jahrtausenden, aufznweisen hat, mißachtet und unberücksichtigt gelassen, und sie glaubte sich mit glühenden Zangen erfaßt bei der Frage: „WaS wirst Tn einst Tciner Mutter antworten?" Sie wußte es noch nicht — aber sie will darüber Nachdenken — und bald — denn wer weiß es, wie viele Jahre und Jahrzehnte nötig sein werden, um eine passende Antwort zu finden — wenn sie überhaupt eine findet. Das war es, warum sie vor Gregor zurückbebte: er war ja die Verkörperung der Sünde; er war früher ihre Versuchung und jetzt wieder ihr Ankläger! Seine Zärtlichkeiten, seine Liebkosungen — es war eine verbotene Frucht, ob sie noch süß schmeckte — —. Trotz alledem aber war er ihr dennoch derselbe geblieben, ihr ein und altes; sic hat für ihn alles aufgegeben, allem entsagt, was ihr teuer, was ihr angeboren gewesen, drum war er ihr unantastbares Eigentum geworden. Er hat sie so in Sünden verstrickt, daß sie an der göttlichen Barmherzigkeit und Vergebung verzweifelte, darum gehörte er ihr mit Leib und Seele —! Und dieser Gedanke raubte ihr die klare Uebcrlegungskraft; er stachelte sie zur Empörung, zum schärfsten Widerspruch auf. Sie hat durch ihn die jenseitige Seligkeit eingcbüßt und darum will sie mit ihm das Erdenglück genießen! Tarum fort mit der Erinnerung — das Gewissen soll und darf aus ihrem Herzen keinen Spielball machen. — Es war der kleine Schuh, der das ganze Unheil augestiftet, der diese wahnsinnig machenden Ideen in ihr erzeugt —; nun, sie weiß sich Rat — sie wird ihn begrabe», wo ihr Kind ruht — dann hat die kleine Schläferin ihre Grabesruhe, und sie ist die Gcspenster los, die in ihrem Gehirn herumspnken.-Ja, ja; begraben tief, tief unten — daß es nie wieder zum Vorschein kommen kann!!- (Schluß folgt.) (Nachdruck verboten.) Homeler Silhouetten. Skizzen von Tan, aus dem Russischen übersetzt von T. Bach. (Fortsetzung.) Eines Tages gestand mir Gaiski ganz unerwartet, daß er zur Schriftstellerei Neigung verspüre. „Ich habe verschiedene Lieder bei mir," erzählte er, „auch Arrestantcnlieder darunter. Natürlich, habe ich nichts hinzugedichtet, aber ich habe sie ein wenig „reformiert."" Er diktierte mir nacheinander drei oder vier Lieder und in der Tat, auf ihnen lag ein Wglanz seiner leidenschaftlichen und zur Selbstgeißelung geneigten Seele. Etwa vor zwanzig Jahren hatte ich Gelegenheit, in einem der südlichen Gefängnisse eins von diesen Liedern zu hören, aber die Bearbeitung von Gaiski war feiner und durchgeistigter. — Unser Gespräch berührte die zukünftige Lebenslausbahn Gaiski's. „Jetzt lerne ich noch immer," sagte er, „was das einfache „Haarschneiden, Rasieren" anbetrifft, das verstehe ich beinahe schon, nur das Kräuseln habe ich noch nicht gelernt, oder z. B. Damen-Frisuren zu machen. Ich werde aber alles erlernen und ein tüchtiger Meister werden. Tann werde ich mir einige Rubel verdienen, nach Jekaterinoslaw zu meinen Verwandten fahren und dort ei» Geschäft eröffnen. Mögen sie da, wo ich niich in den Straßen umhergctrieben habe, sehen, daß ich ein ordentlicher Mensch geworden bin." „Werden Sie heiraten?" warf ich ein. „Nein," eutgegnete Gaiski. „Jetzt ist die Zeit nicht danach geschaffen, an Frauen zu denken. Ich meine folgendes. In Beliza, bei Hömel, lebt ein alter Jude, Schäme Kitsch, ein Musikant, ein Geiger, er geht von Haus zu Haus nnd spielt aus seiner Geige. Er sammelt in seinem Hause um sich verschiedene Leute, Blinde, Lahme, Ausutzige oder solche, welche ohne Obdach sind, und ie leben bei ihm. Wenn etwas da ist, essen sie, wenn nicht, spielt Schäme ihnen auf der Geige vor. Ich denke mir eben, daß es nicht nur Menschen gibt, die körperlich krank sind, sondern auch solche, die an einer kranken Seele leiden, und das ist noch viel schlimmer. Niedrige Gedanken sind, mit Erlaubnis zu sage», noch schlimmer als Anssatz. Deshalb möchte ich, wie Schäme, solche Leute >aufsnchen, aber nicht Erwachsene, sondern Kinder, wissen Sie, solche verwahrloste, die auf den Straßen uniherlaufen nnd stehlen, welche man als verloren anieht und um die es niemand leid ist. Mir tu» sie deshalb leid, weil ich selbst so nmhergelanfen bin. Freilich kann ich ihnen nicht au; der Geige vorpiclcn, wie Schäme, aber ich lverde in Worten zu zu ihnen reden und ihnen sagen, >vie man auf der Welt leben muß, um des Guten und nicht um des Bösen willen. Ich werde die Knaben aus dem Gefängnis befreien und ihnen sagen: „Laßt das Stehlen. Tut anderen Mensche» nichts Böses, damit sic Euch nichts Böses tun." „Wie denken Sic darüber, kann man etwas auf diese Weise erreichen?" fragte Gaisky mit besorgter Miene. „Gewiß ist cs möglich," bestätigte ich, ohne jedoch besonders davon überzeugt zu sein. Mir schien es plötzlich^unwahrscheinlich, daß dieser finstere, entschlossene, unruhige Mensch in seiner weitere» Entwicklung solch einen ruhigen Weg gehen würde, denn unsere Zeit ist für ein idyllisches Leben nicht geschaffen und eher geeignet, gesunde Seelen krank, als kranke gesund zu machen. In dem Städtchen Beliza mußten zur Zeit des Pogroms die siechen Patienten des alten Straßenmusikanten iir der Flucht ihre Rettung suchen. Es wäre mir leichter, mir die bewegliche Figur Gaisky's an der Spitze einer nächtlichen Patrouille vorzustellen, als als Leiter eines Asyls für obdachlose Kinder. — X. P e i s a ch N e i k i n. Das >var ein feiner Knabe, mit blassem Antlitze und blaue» Angen. Seine Figur war mädchenhaft zart und zerbrechlich. Er war lg Jahre alt. Er bewegte sich leicht und fast unhörbar, sprach leise, beinahe flüsternd. Tiefes Flüstern konnte man wohl der Wirkung der schweren Schläge zuschreibe», die er während der Haft erdulden mußte. Besonders ans einiger Entfernung erschien Neikin matt, schwach und geknickt wie ein Schilfrohr. Aber im Gespräch änderte sich dieser Eindruck. Tie großen Auge» Reikin's sprühten Funken und leuchteten in strahlendem Glanze, seine Stimme klang vertrauenerweckend und eindringlich, er hatte in seinem ganzen Wese» etivas Anziehendes, fast Magnetisches. Er erschien nicht mehr so schwach, mau ahnte in ihm eine verborgene Kraft, welche im Stande sein mußte, einen bedeutenden Widerstand zu leisten. Neikin war schiver augeklagt, denn er war mit der Waffe in der Hand verhaftet worden. Er halte zusammen mit zehn andern, ebenso schwere» Verbrechern, bis zur Beendigung des Prozesses gegen sechzehn Monate im Gefängnisse zugebracht. — Diese Waffe gab dem Vorsitzenden der besonderen Gerichtsverhandlung ^Veranlassung, Neikin folgende Frage vorznlegen: „sagen Sic, Angeklagter, weshalb hielten Sie den Riemen mit der Wurfkugel tut Aermel?" Neikin schwieg eine kleine Weile. — „Soll ich die ganze Wahrheit sagen?" — fragte er endlich mit lciser Stimme. — Das System der Verteidigung der Augeklagten bestand zum größten Teile darin, daß sie ihr Alibi und ihr Unbcteitigtscin am Selbstschutz zu beweisen suchten. Sie waren fast alle auf's Geradewohl verhaftet worden und viele von ihnen standen in der Tat in keiner Beziehung zu dem „frechen" Versuche der Homeler Jugend, die jüdischen Häuser vor dem Pogrom zu schützen. — „Gewiß, sagen Sie mir die Wahrheit," verlangte der Vorsitzende. „Nach der Schlächterei in Kischinew," sagte Neikig leise, „war ich entschlossen, mich nicht so schimpflich und schutzlos niedermachen zu lassen, und deshalb habe ich mich belvaffnet." — In Bezug auf die Verhaftung Neikin's machte der Zeuge Weisband, der Gehilfe des Chefs der freiwilligen Feuerwehr, vor Gericht folgende charakteristische Aussage. — „Als ich und mein Freund,-der Offizier selentschikow, vom Bahnhöfe fortfuhrcu, rief uns der Stallmeister der Gendarmerie, Tuckin, nach: „liebergcben Sie, bitte, dem Polizeimeister, daß man doch mehr Juden verhaften soll!" — Ich sagte zu Selentschikow: — „Ist es möglich, daß Du, Wasja, das dem Polizeimeister übergeben lvirst?" — In diesem Augenblicke sahen wir, wie zwei Soldaten eine» jungen Inden arretieren. Ich sagte zu meinem Freunde: „Wasja, rette diesen Menschen!", denn die Soldaten schlugen ihn unbarmherzig. Er sprang herunter und befreite ihn. „Schlagt ihn nicht," sagte er, „so unmenschlich darf man doch nicht schlagen!" — Trotzdem aber ver< setzte er ihm selbst noch einige Ohrfeigen, und svga so kräftig, daß sein weißer Leinwandkittel über und über mit Blut bespritzt wurde. . . . Nichtsdestoweniger hatte wahrscheinlich das Tw zwischcntrcten des Offiziers Neikin in gewissem Sinne gerettet, denn ein anderer Angeklagter, Schmerka Kaplan, der unter denselben Umständen verhaftet wurde, erlitt schwere Verstümmelungen, Verletzungen am Kopfe und einen Armbruch.'" „Haben Sic die Waffe gesehen, die man diesem Juden abgenommen hat?" fragte laut der Proknrer. „Was ist das für eine Waffe," sagte Weisband, „eher irgend ein Spielzeug für Kinder". . . . Mit diesem »»ehrerbietigen Namen bezcichnete er die oben erwähnte Wurskugel. Ich habe auch einige Mal selbst diese Wurskugel» oder „jüdische Nagaikas", wie man sie in Honiel nennt, gesehen. Unter de» wesentlichen Beweisstücken sigurierte ein ganzer Kasten solcher eigentümlicher Waffen. Täglich kamen neue Muster hinzu, die man aus de» Hinterhöfen der jüd. Häuser gefunden haben wollte. Im Gericht entstand sogar die Vermutung, daß diese neue Waffe ml hoc, fabriziert wird, und als Beweis von Gewandtheit um den Preis einer Belohnung vorgeftcllt wird. — Man hat mir erzählt, daß jede Stadt ihren besonderen Typus von „Ragaika" hat. Am wirksamsten sind die NagaikaS aus Bobruisk. Bezüglich der .Homeler sind die Meinungen geteilt. Unbeteiligte Zeugen, welche in Menge vor Gericht geladen waren, verglichen sic hartnäckig mit Kinderspielzeug nnd sagte», daß sie nur dazu tauglich seien. Fliegen zu schlagen. Tie Vertreter des Selbstschutzes, lvie diejenigen der Anklage waren anderer Meinung, natürlich, wie sich von selbst versteht, aus ganz verschiedenen Gründen. Die „Nagaikas", welche ich gesehen habe, bestanden aus einem Stück Gummi, an dessen Ende ein kleines, bleiernes Gewicht befestigt loar; der Gummi wurde oft durch eine kurze Spiralfeder, wie sie zum Selbstschließen der Türen gebraucht werden, ersetzt. Solch' eine Nagaika trägt man im Aermel und läßt sie durch eine unerwartete schleudernde Handbewegung in Aktion treten. Man erzählt, daß sie „in der Hand eines Spezialisten" ein zolldickcs, hölzernes Brett durchschlagen könne. Allein, ungeachtet aller Nachfragen, gelang cs mir doch nicht, etwas Bestimmtes bezüglich der wirklichen Anwendung der'jüdischen Nagaikas zu erfahren. Wie die Erfahrung der letzten Jahre lehrt, sind die Nagaikas der Kosaken weit wirksamer, und es bedarf keiner besonderen Kunst, um sie funktionieren zu lassen. „Mein Großvater beschäftigte sich mit dem Holzhandel," — erzählte mir Neikin die einfache Geschichte seines Lebens — „aber ich erklärte ihm, daß ich nicht in einem Laden angestellt sein wolle. Ich wünschte, auch in den Holzhandel zu treten, weil ich die Gesellschaft der Bäume der der Menschen vorzog, obgleich ich wußte, daß das Leben im Walde ein sehr schiveres sei. Ich verbrachte vier Jahre im Walde, dann ivurde der Großvater krank, und ich kam für den Winter in die Stadt. Ta fand ich einen Lehrer für zwei Rubel monatlich. In einem Winter erlernte ich russisch. Mein Lehrer riet mir, das Lernen nicht aufzngeben. Ich nahm mir vor, das Ertcrieureramen zu mache». Als der Großvater hörte, daß der Lehrer mit mir zufrieden sei und mich lobte, wurde er gerührt. „Ist es wahr," sagte er, „daß Tu solch' eine Mütze tragen wirst, wie die Studenten? .... Ta ist Bistronogow, er ist Doktor und seine Mutter war eine Kuchenverkäuferin. Im Winkel aus dem Ofen hat er seine Aufgaben gelernt". .... Ich lernte so zwei Jahre, dann erteilte ich eine Stunde, wofür ich Rubel monatlich bekam. Ich wohnte bei meinen Verwandte». Tn aber erkrankte der Großvater am Krebs und verlangte, daß ich bei ihm bleiben solle. So vergingen vier Monate. Ich faßte de» Entschluß, in eine Fabrik zu gehen, weil ich dachte, daß es besser für mich wäre, ein Handwerk zu erlernen. Ter Großvater war unzufrieden damit, er sagte: „Tu bist schon ein großer Bursche, als Schüler muß man mit zwölf Jahre» rintreten." Ich ging trotzdem von ihm, froh trat ich in die mechanische Werkstätte von Tubinok ein, um mit dieser Arbeit ein ivenig vertrant zu werden. Ich dachte mir, vielleicht bringe ich eS doch auf diese Weise zu etwas. Tann zog ich wieder zu den Verwandten. Ter Großvater hintcrließ mir einige Hundert Rubel. Ich iväre vielleicht ins Ausland gefahren. Da kam die Zeit des Pogroms. Wissen Sie, da ich klein bin, traute man mir nicht viel zu. Es waren wenig Waffen vorhanden, daher bekam ich keine. Ta begann ich selbst, die „NagaikaS" zu verfertigen und machte eine für inich. (Fortsetzung folgt.)

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