Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1905-11-03 · Heft 42 (3.11.1905) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 42 (3.11.1905)
Date
1905-11-03
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2692297-2692409-2692451--01975-3518606
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Srüe 4. Bänffy begütert ist, brach vorige Woche nachts eine Revolte aus. Tie Ursache der Revolte ist aus eine Verordnung des Komitats-Munizipinms zurückzuführen, welche strengstens die Abdeckung der mit Stroh oder Rohr gedeckten H'i„jcr anordnete. "Tie Abtragung dieser Tücher wurde für die nächsten Tage bestimmt. Tie rumänischen Insassen der Gemeinde Apahida wurden über diese Verordnung in höchste Aufregung versetzt und beschlossen, die Abtragung der Tücher mit Gewalt zu verhindern. Die Insassen der Gemeinde schrieben die Verordnung den Juden und „Herren" zu. Sie überfielen nachts die mit Schindeln gedeckten Häuser der beiden in der Gemeinde ansässige» Juden Weinbcrgcr und Wolfgang , Klein. Sie erbrachen die Geschästslokalitäten der beiden Kaufleute, warfen die Waren auf die Gasse und raubten das Vorgefundene Bargeld. Von Klein allein raubten sie 2400 Kronen. Sodann drangen die Revoltierende» in die Wohnungen ein, zerbrachen die Möbelstücke und alles, was ihnen in die Hände fiel. Die Einwohner der beiden dcvasticrten Häuser retteten sich noch rechtzeitig, sonst wäre» sie von dem Raubgesindel ermordet worden. Tie Gendarmerie hat sofort die Untersuchung cingeleitet und von dem Vorfälle das Obcrstuhlrichtcramt verständigt. — Taß die Wut der 'Barbaren auch gegen die „Herren" zum Ausbruch gckomnicn wäre, davon hat man nichts gehört. Budapest. In Angelegenheit der Verweisung strittiger Fragen in Sachen der orthodoxen israelitischen Religionsgemeinden an autonome Schiedsgerichte anstatt an die Verwaltungsbehörden hat der Minister für Kultus imd Unterricht, Georg Lukäcs, an sämtliche Komitatt- und Städtemunizipien den folgenden Erlas; gerichtet: «In Folge motivierten Ersuchens der israelitischen orthodoxen Ncligionsgemcinden verfüge ich hiermit unter Erneuerung der sub Z. 2098/1800 erlassenen Zirkularverordnung, das; die im Sinne des auf Grund allerhöchster Entschließung vom 22. Oktober 1871 mittelst Zirkularverordnung vom 15. November 1871 Z. 26.915 publizierten orthodoxen israelitischen Organisationsstatuts ausschließlich im Schoße der orthodoxen Neligionsgemcinden auftauchcnden strittigen Fragen durch die unter Intervention des vermittelnden Ausschusses gebildeten autonomen Schiedsgerichte zu erledigen sind. Tie Verwaltungsbehörde ist mithin, entsprechend dem letzten A'inea der Ministerialverordnung Z. 1191 ex 1888, nur dann kompetent in solchen Angelegenheiten vorzugehcn, wenn diese zwischen orthodoxen Religionsgemeinden einerseits und Kongreß- oder Statiisquo-Religionsgemeinden andercrseits auftauchen. Hiervon verständige ich das Munizipium zur Tarnachrichtung, damit vorkommenden Falles die orthodoxen Religionsgemeinden oder deren Mitglieder mit ihren Beschwerden vor das Forum des kompetenten konfessionellen Schiedsgerichtes gewiesen werden. Lukäcs m. >>. Rußland. Petersburg. Hiesige Zeitungen veröffentlichen das folgende interessante Dokument: „Durch die Mandschurei — sowohl nach Chardin, als auch nach allen übrigen Orten — sind, so nur ihre Papiere in Ordnung sind, alle russische Untertanen mit Ausnahme der Juden durchzulassen. Was die Juden und die Ausländer anbelangt, so bleiben die früheren Verordnungen bestehen, sie müssen jedesmal eine besondere Erlaubnis, nach Charbin zu fahren, haben. General Radarow." Grodno. Russische I u st i z. Drei Juden aus dem hiesigen Gonvernemcnt haben einen politischen Prozeß über sich ergehen lassen müssen; der eine ist zur Verbannung nach Sibirien verurteilt worden, und die beiden anderen hat man auf acht Monate ins Gefängnis gesteckt. Grund: Ter Verbannte hatte in einem Briefe an seine zu Gefängnis verurteilten Freunde „die allgemeinen Ideen der sozialistischen Partei" entwickelt. Amerika. Rew-Aork. Louis Stern, Mitglied der New- Uorker Handelskammer und bekannt als Philantrop, der vor 10 Jahren wegen Jnsultierung des Baron Thuengen, Vize-Kommissar von Bad Kissingen in Deutschland, zu 600 JL Geldstrafe und zwei Wochen Gefängnis verurteilt wurde, ist, wie ein Telegramm aus Berlin meldet, begnadigt worden. Tie Bürgschaft von 16000 Dollars ist verfallen. Der sztg. Vorfall hatte darin seine Ursache, daß Herr von Thuengen den Sohn des Herrn Stern während der Reunion aus dem Kursaal wies, da er noch nicht das 15. Lebensjahr erreicht hatte. Palästina. Jerusalem, 23. Oktober. Wie alljährlich, wollte man auch dieses Jahr an den Mitteltagen des jüngst verflossen. Laubhüttcnscstes einen Frauenball in Jaffa abhalten, dessen Reinertrag wohltätigen Zwecken zugewendet werden sollte. Die Polizei sah sich jedoch veranlaßt, dessen Abhaltung einzustellen, weil ihm ein jüdisch-nationaler Charakter unterschoben würde. Aus demselben Grunde ist, wie sich nachträglich herausstcllte, die in diesen Blättern (Nr. 39 S. 10 mitgeteilte Auflösung der Lehrerkonferenz erfolgt, was ich hiermit berichtige. — Die Weinernte in den Kolonien war im verflossenen Jahre ausnahmsweise eine sehr ergiebige. Frankfurter Israelitischer FamÜienblatt. Dennoch droht Vernichtung einem bedeutenden Teile dieser edlen Pflanze. Infolge des verhältnismäßig noch immer geringen Wsatzes sammelt sich nämlich, zumal in gesegneten Jahren, der Weinvorrat zu immer größeren Quantitäten an. Diese stete llcberproduktion verursacht ein jährliches Defizit von 50 000 Frs., das bis heute der Baron, bezw. die Jca deckte. Es werden nun zwischen letzterer und den Kolonien Unterhandlungen gepflogen, dahingehend, das; sie, bei Gewährung einer Summe von 1600 000 Franken, ein für allemal die berühmten Rischoner Kellereien in eigene Regie nehmen sollen. Davon macht nun Rischon le-Zion seinerseits die Bedingung abhängig, daß ein Teil der Weinterrains brachgelegt, um mit anderen Gattungen, wie z. B. Mandelbäumen ii. dgl. bepflanzt zu werden. Vom Ausgang der Angelegenheit werde ich Sic — s, G. tu. — seiner Zeit in Kenntnis setzen. Häaniitti. Nachdruck verboten. Das Judengrab Ht der Steppe. Roman von Samuel Gordon. Frei übersetzt von M. Pulverinan n. (Fortsetzung). Ohne seine Mutter weiter zu beachten, die jede seiner Bewegungen mit gespannter Anfmerksainki.it verfolgte, verließ Gregor ebenfalls das Zimmer. Er war furchtbar erschüttert. Es war nicht allein Bastian's Schwur, der ihn das Gehörte zu glauben zwang, sondern es war irgend eine Idee, die plötzlich in ihm aufdämmerte und die sich mit scharfen Spitzen in sein Herz einkralltc; cs war als ob ein Saatkorn lange in seiner Seele gelegen, das jetzt üppig emporwucherte und sein ganzes Leben vergiftete. Wie eine unheimliche, finstere Erleuchtung stürmten die Gedanken auf ihn ein: Wie denn, wenn seine Liebe ihn in der Tat bisher blind gemacht? Er erinnerte sich jetzt ihrer Worte vor seiner Abreise: daß sie anders denke als handele. — Freilich war es nur im Scherz gesprochen — allein konnte es nicht auch die wollüstige Gier der frechen Siegerin sein, das arme Opfer noch zu verhöhnen, nachdem sie cs unrettbar mit ihren "Netzen umsponnen? In ihm erwachte jetzt die scharfe Empfindsamkeit, das stete Gefühl der Gefahr, das unbewußte Lauern und Spüren, das durch ein einsames Leben erzeugt wird — und wo gibt es'ein einsameres Dasein als in der russische» Steppe? — Hatte er nicht auch von Jugend auf, in der Ähnle, in der Kirche, in der Gesellschaft von der Zaubcrmacht, von den Hexereien dieses verachteten und verstoßenen Stammes genug gehört? Sollten alle, alle sich täuschen — sollte alles, alles Lüge sein? Unmöglich! Freilich sträubte sich seine Intelligenz lange Zeit gegen diesen. Wahnglauben; doch endlich gab er nach und ließ es geschehen, daß diese Märchengcbilde sich als unausrottbare Wahrheit in seine Seele festsetzten. Er verfolgte jetzt in Gedanken den ganzen Weg rückwärts, den er mit ihr gemeinsam gewandelt, und bei jedem Schritt wuchs das Unkraut des Mißtrauens, trat sein Fuß gleichsam in giftige Schlingpflanzen, die ihn umklammerten. Er sann und dachte und forschte und grübelte, bis er wieder dahin gelangte, wo er begonnen. Was sollte er jetzt tun, wie die Wahrheit hcraiissinden. Sollte er offen mit ihr sprechen? Sie wird sicherlich leugnen, abstreiten und leidenschaftlich widersprechen. Nein, dabei kann nichts hcrauskoinmen; im Gegenteil, er wird sie nur vorsichtiger machen. — Drum will er lieber warten; aber dabei die Augen offen halten; er muß sie erst wieder ganz sicher machen-und in einem unbewachten Augenblick wird sie sich vielleicht selbst verraten — dann aber wird er handeln! Und so wartete er geduldig von Tag zu Tag, bis er endlich gelvissc Anzeichen entdeckt zu haben glaubte, das; seine Ausdauer nicht ersolglos bleiben wird. Seit dem gräßlichen, ihr noch immer unerklärlichen Tode ihres Kindes, war mit Rachel eine große Veränderung vorgegangen. In den ersten Tagen hatte sic, gänzlich gebrochen, die Gesellschaft ihres Mannes gesucht und trostbedürstig sich ihm'angeschmiegt, obwohl sein gänzliches, anscheinend gleichgültiges Schiveigcu über den traurigen Unglücksfall sischmerzlich berührte. Doch bald änderte sie ihr ganzes Benehmen: sic mied seine Gegenwart, sie vernachlässigte ihre häuslichen Pflichten, und wenn schon die Notwendigkeit sie dazu zwang, so tat sic es unlustig, ohne sich überhaupt die geringste Mühe zu geben, ihren Widerwillen zu verbergen. Sie wußte wohl, daß dieses Benehmen-befremden mußte; dennoch ließ sie sich zu keiner Aussprache herbei — sic hatte es als das Nichtige erkannt, und das genügte ihr. — So kam denn bald die Zeit, wo Gregor bemerken mußte, daß sie vor seiner Umarmung zurückbebte, und unter dem Drucke seiner Küsse die Lippen fest zusammciibiß, als sollte sie weißglühendes Eisen berühren. Gregor, in seiner hälbasiatischen Natur, beobachtete diese sich steigernde Abneigung mit grausamer Freude, die sein Herz in Todcspeiu laut pochen machte. An der Größe seines Hasses srkannte er _Rr. 42. erst die Größe seiner ehemaligen Liebe. Er schwelgte förmlich darin, den ängstlichen und scheuen Blick ihrer Augen zu sehen, als er sie mit Zärtlichkeiten überhäufte — er verdoppelte sie, jemehr er ihre Qual wahrnahm; denn er wußte, daß seine grenzenlose abgrundtiefe Liebe nur unter solchen höllischen Küssen zum Absterben gebracht werden könnte. Doch es war nicht der Mangel an Liebe ihrerseits, daß sie vor dem Gatten zurückbebte. Es war ein stiller Mahner, ein unsichtbarer Besucher, der Nacht für Nacht sich , bei ihr einstellte — er ließ sich nicht abweisen, so sehr sie sich auch sträubte und wehrte —; kaum daß sie die Augen, geschlossen, so war er auch schon da; bald in Gestalt der Mutter, häusiger noch in der Gestalt ihres Kindes. Und es war kein Phantom ihrer überreizten Nerven; sie Uh es ja ganz deutlich: die "Mutter auf dem Grabe in der einsamen Steppe sitzend, das Kindchen im prunkvollen Sarge liegend; und das letztere sah sie nicht nur, sondern sie hörte auch das feine Ssimmchen, das immerfort und flebentlich rief: „Mutter, meinen Schuh, meinen kleinen Schuh!" Es drängte sich peinigend an sie heran, es quälte sie unaufhörlich, bis sie laut stöhnend aus ihrem Schlafe auffuhr, uni mit verzweiflimgsvoller Angst im finsteren Zimmer sich nmzuschen, das ein treues Spiegelbild ihres eigenen, düster» Lebens war. Und aus der Finsternis der Nacht schleppte sie es mit sich in das Helle Licht des Tages hinein. Es stach ihr in die Augen inmitten des goldenen Sonnenscheines; es gellte ihr in die Ohren inmitten des lieblichen Vogelfanges: „Mutter, Mutter, mein kleiner Schuh—!" Es machte sie wahnsinnig — sie wollte vor Schmerz laut auffchreien; durste aber dennoch keinen Menschen ihre Pein merken lassen — am wenigsten ihren Mann. Sie erinnerte sich noch ganz genau seiner barschen Zurechtweisung, als sie ihm ihren Traum mit Kallasch und dem roten Kleide erzählte. Durch eine abermalige derartige Erzählung wird sie in seinen Augen womöglich als Wahnwitzige erscheinen — als von einem bösen Geist Geist Besessene — zum mindesten wird er es als eine grenzenlose Lieblosigkeit ihrerseits anffassen, daß sie ihm das Leben mit solchen Hirngespinsten verbittere. Und darum begrub sie die drückende Last in ihrem Innern, hoffend, daß es tatsächlich nur Nachtgespenster seien, deren man sich am besten entledigen kann, wenn man sic furchtlos anblicke, und mit festeni Willen ihnen den Fuß auf den Nacken sehe. So kämpfte sie ihren seelischen Kampf, mit wahnsinniger Angst, mit zagender Hoffnung, bis-sie sich an der Steinmauer des pochenden Gewissens die Geistcsschwingen gebrochen und ermattet und entkräftet am Boden liegen blieb; ihre Versuche scheiterten; es wollte ihr durchaus nicht gelingen, die quälenden Gedanken zu verscheuchen; darum gab sie sich wieder dem Brüten und Grübeln hin, um wenigstens die Ursache der Qualen herauszusinden, um sie bis zum Ursprünge zu durchforschen; vielleicht, daß sie daun ein Mittel findet, sie zum 'Schweigen zu bringen. Mittlerweile tönte die Geisterstimme fort imd fort: „Mutter, mein kleiner Schuh! Mutter, mein kleiner Schuh!" Eines aber war ihr inzwischen klar geworden, das; Gott ihr gewagtes Unternehmen damals nicht gut heißen; das; er ihr kühnes Unterfangen, sein Sendbote zu sein, nicht vergeben. — Im Gegenteil — Gott zürnt — Gott straft! Und er straft hart. — Mit einem einzigen Atemhauch hat er alle ihre Pläne und Absichten lvie Streu verweht. — Durch ihr bisheriges Vermeintliches Glück ivar ein großer Riß gegangen. Mit Gregor, das fühlte sie jetzt, konnte sie nie ein Herz und eine Seele mehr sein. Das Fremdartige ihrer ganzen Lebensweise, das Verschiedenartige ihrer Erziehung, ihres Glaubens, es konnte nicht ohne weiteres beiseite geschoben werden; es war nur in Schlaf gehüllt worden und erwachte jetzt zu seiner ganzen Größe; cs stand riesengroß zwischen ihnen und lies; keine Gemeinschaft mehr aufkommen. Wie sollte auch diese sich ferner noch gestalten? Auswandern? Gregor zum Jndentume bekehren? Soll sie sich noch ferner erkühnen, die Rolle der Vorsehung spielen zu wollen? Will sie denn überhaupt noch auswanbern? Zwei Gräber halten sie wie init eisernen Ketten, an diese Scholle gefesselt. Mit deni Grabe der Mutter hat sie selbst die Vergangenheit getötet, und in dem Sarge des Kindes lag auch ihre ganze Znkunft begraben —; sie war die düstere Gegenwart mit ihren Schrecken und Aengsten, das Bindeglied zwischen jenen beiden und durfte sich daher nicht von ihnen losreißen! Aber ist cs denn durchaus erforderlich, fort zu gehe»? Könnte sie nicht auch hier ihre Mission erfüllen, Gregor für ihren Glauben zu gewinnen, und durch dieses Geschenk Gott zu versöhnen-? Ein trauriges Lächeln umspielte bei diesem Gedanken ihre bleichen Lippen. Sie als Helfer Gottes!! Sie, die Abtrünnige, die Zahl der Gläubigen vermehren!! Sie, die die Religion leichtfertig aufgegeben, ja förmlich mit Füßen getreten, sie soll einem andern Achtung und Liebe für diese Religion bcibringen wollen!! Freilich war sie nicht so weit gegangen, den Gott der Väter gänzlich ans dem Herzen zu reißen — als ob ein Jude dieses überhaupt könnte —; allein hat sie denn die ganze Zeit über, daß sie hier gelebt, auch nur ein einziges der göttlichen Gebote in der Väterart beobachtet? Heißt es denn Gott verehren und verherrlichen, wenn man ihn verborgen, im finstern Herzcnskänimerlein verschlossen hält? Soll man ihn nicht vielmehr auch öffentlich, äußerlich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.