Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 42 (3.11.1905)
- Date
- 1905-11-03
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 42.__ Lehre göttliche Anerkennung genießt, noch ganz so modern ist wie die Kinder. Mit der Fackel der Wahrheit muß in das Obskurantentum hineingeleuchtet werden, das in der Maske der Wissenschaft die Quellen fälscht. Was gewisse Schwarmgeister über Rassen und Rassendefekte, Völkertugenden und Völkerfehler gesagt, das muß in seiner Ignoranz vom Verbände gebrandmarkt werden. Das Wissen vom Judentum niuß gemehrt werden, weil Abwehr Wissen verlangt, weil das Wissen Stolz und Selbstbewußtsein nnd damit die Treue bringt, die über das Ende des Kampscs hinausreichen. Zum Schluß die bisherigen Leistungen des Verbandes! Seine größte Tat ist die, daß er sich geboren hat. Außer der mühevollen Organisation der Wahlverbändc, der Schaffung des ganzen Apparates ist jedoch bereits als Grundlage für die Abwehr eine große Enquete in die Wege geleitet, die ein ausgiebiges Material verspricht, eine Denkschrift ist ausgearbeitet über die Schächtfrage und über das Bolksschulgcsetz nnd den zuständigen Stellen unterbreitet. Wir werden dem Vatcrlande zeigen, daß wir gute Deutsche sind und gute deutsche Juden bleiben können." Anhaltender und sich immer iviederholender Beifall lohnte die Ausführungen des Redners. Im Anschluß hieran brachte der Vorsitzende die folgende Resolution zur Verlesung: „Tie Hauptversammlung des' Verbandes deutscher Juden sieht in dem Verbände die auf autonomer Grundlage geschaffene Vertretung der deutschen Juden. Zweck des Verbandes ist es, die geistigen Kräfte der deutschen Juden zu gemeinsamer planmäßiger Arbeit zusammenzuschließe», um das Judentum selbst zu kräftigen und die Gleichberechtigung selbst zur Wahrheit zu machen. Aufgabe des Verbandes ist es insbesondere: l. alle Deutschen jüdischen Glaubens im Bewußtsein ihrer Zusammengehörigkeit zur Abwehr ungründeter Angriffe und zur gemeiusainen Verteidigung der ihren staatsbürgerlichen Pflichten entsprechenden staatsbürgerlichen Rechte zu vereinen; 2. als berufenes Organ a» zuständiger Stelle die berechtigte» Wünsche und Beschwerden der Deutschen jüd. Glaubens vorzutrage» und zur Auerkennnng zu bringen; 3. alle Angriffe gegen die religiöse Ehre des Judentums und gegen die Freiheit der Religions- Übung abzuwenden, insbesondere der Agitation gegen das rituelle Schlachtverfahren entgegcnzutreten und auf die Beseitigung der durch staatliche oder kommunale Anordnungen erlassenen Verbote hinzuarbeiten: 4. allen/ welche die Bestrebungen des Verbandes zu fördern bereit sind, mit Nachmessungen dienlich zu sein." (Schluß folgt.) Die Woche. In der stattgchabten Sitzung des „Zentral- Komitee der Zionistischen Vereinigung für Deutschland" ist es nach langen Verhandlungen zu einem Fx i e d e u s s ch l u ß z w i s'ch e n den Zionc- Z i o n i st e n und den politischen Zionisten gekomnien, und zwar auf folgender Basis: „Das Aktions-Koiuitcc lvird ersucht, den Beitritt zur „Jto" den einzelnen Zionisten freizustellen, weil nach Ansicht des Deutschen Zentral-Komitees damit die wichtige Voraussetzung für ein gedeihliches Zusammenarbeiten aller Zionisten innerhalb unserer Bewegung gegeben ist." „Tas Zentral-Komitec verwirft im Herzlschen Sinne, abgesehen von wissenschaftlichen Vorarbeiten, jede Tätigkeit der zionistischen Organisation in Palästina ohne Zustimmung der türkischen Regierung." Nach lder einstimmigen Annahme dieser Beschlüsse erklärten die anwesenden Mitglieder des „Verbandes politischer Zionisten", daß die weitere Tätigkeit des Verbandes überflüssig geworden und daher die Auflösung desselben den Verbandsgenossen zu empfehlen sei. — Dieses Resultat ist sehr erfreulich, mit ihm hat die Herzlsche Politik wieder die Oberhand gewonnen, und da die deutschen Zionisten in der Gesamtbewegung mehr .oder minder maßgebend sind, so ist nun zu hoffen, daß auch die übrigen Landsniannschafteii dem Beispiele der deutschen Zionisten folgen werden. Auch Ussischkin, der jetzt endlich eingesehen haben wird, welchen Schaden nach innen und nach außen er mit seiner Hartnäckigkeit angerichtet hat, wird sich nun zu fügen wissen. — Es ist also die Wiederherstellung der alten Einigkeit, die grade nach dem Entstehen der „Jto" noch im viel stärkeren Maße als früher von nöten, zu erwarten, und es ist ferner zu erwarten, daß der Zionismus ans all' den Wirren Frankfurter Israelitisches Familienblatt. der letzten zwei Jahre gefestigter denn je hervorgehen wird, denn er hat mit den Wirren eine Reihe von Klärungsprozessen durchgemacht und hat sonnt die Auffassung seiner Grundprinzipien krystallisiert. * * * Die führenden Persönlichkeiten der engl. Judenheit bereiten für die l. Tzemberwoche eine große Festseier zur Erinnerung an den 250. Jahrestag der Whitehall-Konferenz vor. Zufolge Edikt König Eduards l. war es den Jüden nicht gestattet, sich in England ansässig zu machen, und wenn diesem Edikt auch die gesetzliche Sanktionierung durch einen Parlamentsakt fehlte, so wurde es doch in Praxis streng befolgt. Im Jahre 1655 berief jedoch Oliver Cromwell infolge einer besondern Mission Menasseh ben Israels eine Nationalversammlung (die „Whitehall-Konferenz"), die darüber beraten sollte, ob und unter welchen Bedingungen eine Rückkehr der Juden nach England gesetzlich zuzulasseu wäre. Tie ersten staatsrechtlichen Autoritäten der Zeit erörterten diese Frage in erschöpfender Weise, und auf Grund ihres Gutachtens sprach sich der Konvent dahin aus, daß eine gesetzliche Handhabe, die Juden von England fernzuhalten, nicht bestünde. Was die Bedingungen der Wiederzulassung der Juden anbetraf, so kam die Konferenz zu keiner endgültigen Entscheidung, aber Oliver Cromwell sanktionierte bald darauf kraft seiner Autorität und Verantwortlichkeit die Rückkehr der Vertriebenen. Diese Handlungsweise eröffnete den Juden in England neue Laufbahnen, indem ihr gesetzlicher Status im Lande festgclegt wurde und seit dieser Zeit datiert die Gründung der auglo-jüdischeu Gemeinde. Die Whitehall-Konferenz tagte am 4., 12. und 18. Dezember 1655. Man plant nun für diese Daten besondere Festlichkeiten in London. Tie Vorbereitungen dieser Festlichkeiten (Bankett, Ausstellung, Gottesdienste usw.) liegen in den Händen der Jewish His» torical Society os England und ihres Präsidenten Israel Abrahams. Die genannte Gesellschaft will u. a. ein Museum und eine Bibliothek zur Aufbewahrung der Archive der anglo-jüdischen Gemeinden und Institutionen gründen und alle aus die Geschichte der Juden in England bezüglichen Dokumente sammeln. * * * Zu unfein Ausführungen in Nr. Hi) unseres Blattes über die hispano-jüdischc Frage, die der spanische Senator Dr. Pulido angeregt, erhalten wir von diesem Vorkämpser für die Rückkehr der Juden in Spanien folgende Zuschrift: Madrid, 24 10. 1905. He recibido el numero Israelitisches Farn. Despues que cocosca el articulo tendie nl qusto de contestar ä Ur. Le Maitre. Por el momento me permitirä le diga que en mi libro ultimo „Hispanoles sin Patria“ ce halla ampliamente tratado este punto y que alli demuestro de modo irrebatible que los jndios puedere, cuando quiüran, volver ä hispana, como lo prueba el hecho do que en este pais viven, comeroian y prosperan algunos miles de israelitas. Huyo affino Angel Pulido. Ich bestätige den Empfang der Nummer des Familienblattes. Auf die Ausführung des Herrn Le Maitre in seinem Artikel über die spanische Judenfrage gestatte ich mir zu antworten: Zunächst sei es mir erlaubt darauf hinzuweisen, daß in meinem letzten Buche „Spanier ohne Vaterland", alle diese Punkte ausführlich erörtert sind. Ich glaube bewiesen zu haben, daß der Rückkehr der Juden in Spanien nichts im Wege steht und daß wahrhaftig die Juden in dasjenige Land einwandern können, das schon tausende von Juden ausgenommen und beherbergt. Da blüht bereits Handel und Verkehr. Hochachtungsvoll Angel Pulido. Wir kennen freilich das Buch des Senators Pulido nicht und demgemäß auch nicht seine Argumente für die Rückkehr der Juden in Spanien. Aber aus der Zuschrift des Herrn Senator Pulido an uns geht sein Wunsch klar hervor. Die Juden sollen in ihre alte Heimat zurückkehren, denn man könnte sie dort jetzt gut gebrauchen. Besonders sollen die Juden in Spanien den Handel heben, der so brach liegt. Die Zeit, in der der Jude nur als Nützlichkeits- Objekt angesehen war, ist längst vorüber; das jüd. Seite 3. Volk hat schon verschiedentlich solche verlockende Angebote abgelehnt, weil es nicht mehr den Ma-JosiS- Juden spielen will. Wenn das spanische Volk sich wahrhaft nach der Rückkehr der Juden in Spanien sehnt, so hat es zunächst die Gesetze, die Juden betreffend, von l492 und 1823 aufzuheben. Tann wird das jüd. Volk die Antwort geben. So lange das aber nicht geschieht, nützen alle scharfsinnigen Beweise des Senators Pulido, daß die Juden nach Spanien zurückkehren dürfen, nicht. Solange die Gesetze der Inquisition zu Recht bestehen, wird kein Jude den spanischen Boden betreten. Wenn sich aber einzelne Inden in Spanien trotzdem niedergelassen, die Herr Senator Pulido irrtümlich auf tausende schätzt, so will das nur sagen, daß es unter Jude» ebenso Volksverräter und Schänder der nationalen Würde gibt, wie unter andern Völkern. * * Das allerneneste M a n i fe st des Zaren ist unleugbar von Bedeutung, denn es verspricht dem Volke bürgerliche Freiheit. Wie es scheint, hat der Zar endlich einseheu müssen, daß das Volk nicht länger mit sich spaßen lasse und daß auch Untertanen einmal widerspenstig werden können. Wir werden auf die bedeutungsvolle Aktion noch zurückkommen. Aus aiXex Weü. Deutsches Reich. Berlin. S t a t i st i k. Die Oktober - Nummer der „Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden" bringt u. a. folgende statistische Zahlen: Im Jahre 1903 erfolgten im Deutschen Reiche 259 A u s t r i t t e a ü s d e m I u d e n t u m e (davon allein in Berlin 126) und 20 Uebert r i t t e zum I u d e n t u in (für Berlin fehlen die Zahlen hierfür). In drei Fällen waren die Uebertretenden früher Juden gewesen, sind also zum Judentum wieder zurückgckehrt. Bei dieser Statistik sind die zahlreichen Taufen von Neugeborenen aus Mischehen nicht mitgezählt. Berlin. In der letzten Sitzung der Repräsentanten-Versammliing der jüdischen Gemeinde wurde über die Rechnungsabschlüsse pro 1904/5 der Armenkommission und der Kommission zur Unterstützung hilfsbedürftiger durchreisender Juden Bericht erstattet. Tie A r in e n k o m m i s s i o » bewilligte an einmaligen Unterstützungen 70 790,14 Jk, an laufenden Unterstützungen 64153,50 Jk, an Speisemarken für die Volksküche 2497 Jk, an Speisemarken für. die Kochschule 384 Jk, an Gewerbescheinen 1180 J6, für Badereisen 10 705 Jk lt. a., im ganzen 151 779,64 Mark. Aus dem Fonds für verschämte Arme wurden bar gegeben 41360,86 Jk, für Badereisen 4615 Jk, im ganzen also 45 975,36 Jk Der Gesamtzuschuß seitens der Gemeindeverwaltung belief sich auf 87 500 Mark, und das Vermögen der Armenkommission stellte sich am Schluß des Berichtsjahre» auf Mark 993 570,60. Der Rechnungsabschluß der Ko m m i ssi o n zur Unterstützung hilfsbedürftiger durchreisender Juden für das Jahr 1904/05 ergab als Einnahmen 17 228,60 Jk, als Ausgaben Mark 15 501,28, so daß ein Minderverbrauch von 1727,32 Mark entstand, der an die Hauptkasse zurückgezahlt worden ist. Es wurden insgesamt 1953 Parteien mit 2640 Köpfen um Unterstützung vorstellig. Hiervon wurden 672 Parteien abgewiesen, teils weil die Bittsteller bereits früher mit Reisemitteln unterstützt und ohne triftigen Grund wieder nach Berlin gekommen waren, teils weil sie sich zu lange hier aufgehalten hatten, um noch als Durchreisende gelten zu können, teils weil sie selbst mit genügenden Geldmitteln versehen waren. Die übrigen 'Bittsteller lmirden teils durch Gewährung von Reisegeld, teils durch Bewilligung von Zehrgeldern nnd Speisemarken unterstützt. Stuttgart, 29. Oktober. Heute fand eine außerordentliche Generalversammlung der Jsr. Religionsgesellschaft statt. Herr Emanuel Kaufmann, der stellvertretende Vorsitzende, widmete dem langjährigen, verdienstvollen Vorsitzenden Hermann Gutmann s. A., der in der Religionsgesellschast eine unersetzliche Lücke hinterlassen hat, einen kurzen Nachruf, die Mitglieder ausfordernd, Hermann Gutmann's Beispiel nachzuahmen und alle Institutionen der Religionsges. kräftig zu fördern. — Hr. Kaufmann konnte die erfreuliche Mitteilung machen, daß die Zahl der Mitglieder auf 17 angewachsen ist. — In der nun folgenden Wahl wurde Herr Kaufmann zum Vorsitzenden und die Herren F. M. Kahn und Gustav Schloß in den Ausschuß gewählt. Die Kasse wurde, aus Pietät für den verstorbenen Vorsitzenden, dem Sohne desselben zur Verwaltung überwiesen. Oestcrreich-Nngar». Budapest. In der nächst Klauscnburg gelegenen Gemeinde Apahida, wo auch Barou Tesider