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Neue jüdische Presse · 1905-11-03 · Heft 42 (3.11.1905) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 42 (3.11.1905)
Date
1905-11-03
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Lerte 2._ Unter lebhaftem Beifall wurde folgendes Bcgrüßungstelegramm an Seine Majestät den Kaiser zur Absendung gebracht: „Eurer -Majestät bringen dreihundert Abgesandte deutscher jüdischer Gemeinden aus allen Teilen des Reiches, geeint im Verbände der Teutfchen Juden, welcher zur Zeit hier seine Hauptversammlung abhält, alleruntertänigste Huldigung und das Gelöbnis unwandelbarer Treue dar." Alsdann hielt der hiesige Rabbiner Professor Dr. May bäum die Weiherede, die wir im Wortlaut folgen lassen: „Boruch habo bescheim haschein. Gesegnet sei, der da kommt im Stamey des Ewigen, wir segnen Euch aus dem Hause des Ewigen." Mit diesen Worten des Psalmisten begrüßen wir Euch, Vertreter von Gemeinden und Körperschaften, Männer von Namen, Stand und Ansehen, die Ihr heute erschienen seid, um durch den innigen Zusammenschluß im „Verband der Deutschen Juden" die gefährdeten Interessen des Judentums zu schützen und zu fördern. „Ihr kommet im Namen des Ewigen." Nicht um Machtfragen handelt es sich bei dieser Zusammenkunft, sondern nur um die Verteidigung der Gerechtigkeit; nicht herrschen wollet Ihr, sondern vielmehr dienen, dienen der Verwirklichung des göttlichen Heilplanes, der auf die Hebung der Kultur der Völker und ans den Frieden und die Wohlfahrt der gesamten Menschheit gerichtet ist. In diesem messianischen Berufe, sür Religion und Sittlichkeit unter den Menschen zu wirken, erblickten wir stets unsere Tascinsberechtigung und in ihm liegt auch noch heute die Wurzel unserer Lebenskraft. Mögen andere uns diesen Beruf für die Gegenwart und für die Zukunft absprcchcn: jede Gemeinschaft stellt sich selbst ihre Aufgaben und Ziele, und die sittliche Hoheit derselben zeugt nicht von Dünkel und Ueberhcbung, sondern im Gegenteil von Opferwilligkeit und Selbstverleugnung. Wir Juden wollen auch ferner die Sendboten des einig-einzigen Gottes sein, der die Menschen zur Selbstheiligung, d. h. zur Betätigung der Liebe und Gerechtigkeit berufen hat. Wir wollen über den Streit, wer zuerst die reine Liebe verkündet hat, ihre 'Hebung nicht vernachlässigen und so die alte Wahrheit von neuem bestätigen, daß die Liebe nicht bei dem Unterdrücker, sondern vielmehr bei dem Unterdrückten zu finden ist. — „Ihr iommet im Namen des Ewigen." Tenn Eure heutige Versammlung ist ein Bekenntnis zu in Judentum. Ms Juden versammeln wir uns und als solche fordern wir unser Recht und unsere Freiheit. Trotz der Eigenart unserer religiösen Hebung und der Verschiedenheit unserer Weltanschauung, die in unserem Wesen und in unserer Geschichte begründet sind, verlangen wir gleiches Recht und gleiche Wertschätzung. Tenn unsere Religion erzieht uns zur Sittlichkeit, zur opfermutigcn Hingebung für Kaiser und Vaterland und zur freudigen Mitarbeit an allen Kulturaufgaben der Gesamtheit. Und dieses Euer Bekenntnis widerlegt in wirksamer Weise die falsche Behauptung, daß das Judentum als das sogenannte „gäben unter dem Gesetz" wie ein schweres Joch von Euch empfunden wird. Nicht das Religionsgesetz, dessen Uebung den Frommen mit Freudigkeit erfüllt, bciidt auf uns, sondern nur die ungerechte Behandlung, die wir seinettvcgen durch die Unduldsamkeit der hohen Staatsbehörden erfahren, fühlen wir wie ein unerträgilches Joch, gegen das wir mit allen Mitteln des Gesetzes und mit allen Waffen der Humanität und der Wissenschaft ankämpfen wollen. Möchte dieses stolze Bekemrtnis zum Judentumc dazu beitragen, die falsche Vorstellung zu beseitigen, als ob der Truck und die, Zurücksetzung von außen uns in unserer Treue gegen die Religion zu erschüttern, unsere Auflösung zu beschleunigen und unsere Aufsaugung durch die Majorität des Volkes herbcizusühren vermöchten. Tiefe Hoffnung unserer Feinde ist bereits durch unsere mehrtausendjährige Geschichte als nichtig erwiesen. Israel wurde schon vom Propheten „ein ewiges Volk" genannt, weil Israels Bestand so ewig ist wie die Aufgabe, die eS zu lösen hat. Ter Abfall einzelner, den wir zwar tief besagen, nllrd reichlich ausgewogen durch die Steigerung der Wärme und Innigkeit in der großen Masse unserer Glaubensgemeinschaft, die, wie der heutige Tag wiederum beweist, immer neue Mittel zur inneren Erstarkung und äußeren Abwehr aufzusinden versteht. Älöchte aber dies Bekenntnis zum Judentum, das die heutige Versammlung ablcgt, auch dazu beitragen, in uns den Willen zur Einheit und Einigkeit zu festigen, daß wir sortan nicht das betonen, was uns trennt, sondern das, was uns einet; möchte cs insbesondere die Ungeduld beseitigen und den wankenden Glauben in uns kräftigen, so daß wir wieder harren und hoffen lernten! Weisheitsvoll ist der Plan der Vorsehung, die uns vor Jahrtausenden zum Werkzeuge des Heils erkoren hat, und wir sehen schon trotz allem Jammer der Gegenwart die Früchte der religiösen Bildung und der humanen Gesittung, die nicht zum wenigsten auch durch unsere schmcrzreiche Sendung zur Reife gelangt sind. Laßt uns daher hoffen und vertrauen, daß sich durch uns noch erfüllen wird das Prophetenwort: „Sie tun kein Leid und richten kein Verderben an auf meinem ganzen heiligen Berge, denn voll ist die Erde der Erkenntnis Gottes, wie Wasser den Meeresgrund bedecket." Und nun, da Ihr im Namen des Ewigen gekommen, ein- Frankfurter Israelitisches Familienblatt. pfanget den Segen aus dem Hause des Ewigen. Jewo rechecho haschem »sw. Im Anschluß an diese feierliche Ansprache, die ihren Eindruck auf die ansehnliche Versammlung nicht verfehlte, referierte Jüstizrat Dr. Eugen Fuchs- Berlin .in glänzender Rcthorik über die „Entwicklung und Aufgaben des Verbandes der Deutsch cn Juden." Redner ist sich, io führte.er aus, der Verantwortung, die auf dem Aufträge ruht, über die Entwicklung und Aufgaben des Verbandes zu berichten, wohl bewußt. In einem überaus knapp bemesscnen Zcitraunr soll sein Vortrag ein erschöpfendes Bild der Geschichte und Eigenart des Verbandes, seiner Leistung in der Gegenwart und seiner Aufgaben für die Zukunft geben, soll die Unkundigen belehren und die Gegner bekehren, und das heißt vielleicht seine Daseinsberechtigung und seine ganze Zukunft abhängig machen von dem Stern, der über dieser Stunde waltet. Und doch habe er kurz entschlossen den Auftrag übernommen, weil es ihn mit Stolz erfülle, einen langgehegten Gedanken verwirklicht zu sehen, weil er von seiner Berechtigung durchdrungen sei, und well er die niemals trügende Hoffnung habe, daß ein wahrer und berechtigter Gedanke sich selbst zum Siege verhelfe. Man brauche rückschauend nur die jüdischen Bestrebungen und Kämpfe der letzten Jahrzehnte sich zu vergegenwärtigen, um dessen inne zu werden, daß das geschaffen werden mutzte, was der Verband sei» wolle und nach den Gedanken und Wünschen seiner Gründer werden solle. Ter Verband der Tcutschen Juden sei nicht ein Kind der Laune, nicht ein überflüssiges Produkt einer viclgeschäftigen Vereinsmeierei, die für große Miseren und kleine Freuden Vereine schaffe und durch Satzungen und Sitzungen große und dringende Zcitaufgabcn meistern zu können glaube, cr sei eine geschichtliche Notwendigkeit, notwendig und berufen, eine Lücke aüszufüllcn, die sich in der- Geschichte der der Emanzipation nachfolgenden jüdischen Kämpfe und Bestrebungen überaus fühlbar gemacht und die sich als dringend ausfüllungsbedürftig erwiesen habe. Er sage, der der Emanzipation nachfolgenden Kämpfe und Bestrebungen, denn der Judenemanzipation seien Abwehrkämpfe der deutschen Judcnhcit in nennenswertem Umfange kaum vorhergegangen. Teutschland sei zur Judenemanzipation durch die geistigen Strömungen und die Auffassung von den Menschenrechten gedrängt worden, welche die große französische Revolution ausgclöst habe. Er wolle den Verdiensten der jüdischen Einzelkämpfer, jüdischen Gemeinden und Verbände, die für die Gleichberechtigung der Juden eingetreten seien und gerungen haben, nicht zu. nahe treten, aber man dürfe wohl sagen, daß Unseren Vätern die Emanzipation mehr als eine Frucht liberaler Weltauffassung in den Schoß gefallen sei, als daß sie dieselbe erkämpft und errungen hätten. Unsere Emanzipation sei nicht durch jüdisches Blut und jüd. Schweiß gekittet, und das habe sich bitter gerächt. Tie Emanzipation zeitigte das Assimilantentum im bösesten Sinne des Wortes. Tie Juden, die, wie jeder Einsichtige nur billigen könne, ihr äußeres Sein anpaßten an die Unigebung und sich bestrebten, getreue Söhne des Vaterlandes zu werden, beachteten nicht, daß sie Deutsche sein und' Juden bleiben, daß sie das Neue aufnehmen konnte», und das Alte nicht preiszugcben brauchten, daß sie die Erben einer großen Vergangenheit waren, die es ihnen verbot, die Väter zu verleugnen und restlos unter Preisgabe ihrer Traditionen in der Mitwelt unterzutauchcn. Hunderte und Tausende assimilierten sich restlos und wurden Renegaten, als der Judeuhcit ein neuer Feind erstand, der die Emanzipation bedrohte. Tie Menschenrechte waren den Juden zu mühelos in den Schoß gefalle», als daß man sieihnen unangefochten gelassen hätte. Redner schilderte alsdann das mit elementarer Heftigkeit erfolgende Einsetzen der antimitischen Bewegung, welche die Juden zum großen Teil indifferent und durchweg unorganisiert fand. So wie keine jüdische Phalanx eintrat, die Emanzipation zn erkämpfen, so war auch keine da, sic zic verteidigen. Es fehlte ein Organ, die bedrohten Rechte zn schützen. Ter Deutsch-israelitische Gemciudebund verfolgte im wesentlichen nur Erziehnngs- und Wohlfahrtsbestrebungen. Im Dezember 1880 wurde das Lazarussche Komitee gegründet, das jüdische Notabel» zu gemeinsamer Abwchrtätigkeit verband, zehn Jahre später der Verein zur Abwehr des Antisemitismus, der Juden und Christen umfaßt, und unter dem-Vorsitz von Gneist und Nickert eine verdienstvolle Tätigkeit entwickelte und der noch heute unter Barths Vorsitz segensreich wirkt. Eineinhalb Jahr später tritt das Komftee zur Abwehr antisemitischer Angriffe in Tätigkeit, zuerst unter Führung von Tr. Nathan, später unter Friedcmanns Leitung. Auch hier ist noch die Abwehr in oligarchischer Weise organisiert, die breiten Massen noch.nicht zur Mitarbeit herangezogen. 1893 wird daün der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens geschaffen und damit die Abwehr demokratisiert. Unter der Tevise Selbsthilfe im Lichte der Oeffentlichkeit werden 'die deutschen Juden zum Abwehrkampf herangezogen. Ein unvcrbringbares Verdienst,- das. sich der Zentralverein erworben, ist der Geist, den er hinäüsgetragen hat, er hat die Juden zu Stolz und Selbstbewußtsein Nr. 42. wieder znsammengeführt, die Gemeinsamkeit der Abwehr hat nicht nur die bangen Gemüter erhoben, sondern auch die Charaktere gestählt. Auch die zionistische Bewegung trug das ihrige dazu bei, die Judenheit wieder zu beleben und den Jndifferentismus zn bannen. Mit dem Zentralvercin wetteiferte der Zionismus, Stolz, Selbstbewußtsein und Treue llntcr den Juden zu verbreiten und. den Geist zu bannen, der inc Assimilantentum so gefährlich sür die Juden geworden war. Toch dem Zentralverein, eineni Verein von .Einzelpersonen, fehlte die Legitimation, die Gesamtheit der Juden zu vertreten. Ter Zcntralverein war mehr antisemitisch als positiv jüdisch, er steht und fällt mit der Antisemitenbewegung. Eine Reihe von Aufgaben war der Kompetenz des Vereins entzogen, so die Fragen der Einwanderung, der Auswanderung, der Naturalisation. Statistik und Apologetik mußten unbeachtet bleiben, die Schächtbestreüungen konnten nicht von ihm allein geregelt werden. Kurz, es fehlte die Zusammenfassung der geistigen Kräfte, die in Hundertey von Organisationen zersplittert waren, es fehlte das einheitliche Band, das sich um die jüdischen Organisationen schloß, und dadurch das Judentum positiv kräftigen konnte. Auf Anregung des Redners wurde im Jahre 1900 in ciner Audienz beim Kultusminister der Mangel einer Gesamtorganisation als das Grnndübel vorgetragen. Das Ergebnis jener Konferenz war eine Tenkschrift, die damals auf Veranlassung des. Kultusministers von Herrn M. H. Klausner verfaßt wurde. Seit dieser Zeit ruht diese im Ministerium. Und das ist vielleicht gut so, da uns mit nur einer territorialen Landcsvertrctung, die uns der preußische Kultusminister nur geben kann, nicht gedient ist, und es ist ferner auch besser, daß wir uns selbst schaffe», was uns fehlt. Wir wollen kein staatliches Kirchenregiment; was wir hierdurch an Ordnung und äußerer Macht gewinnen könnten, würden wir einbüßen an innerer Freiheit und innerem Frieden. Als Abhilfe sür die allseitig empfundenen Mißstände ivurde alsdann zuerst von Justizrat Breslauer der Gedanke eines großen Judentages angeregt, von Pros. Philippson lebhaft ausgenommen und vertreten. Tie konstituierende Versammlung vom Tezember 1900 lehnte den Judcntag ab und übertrug einem Ausschuß die Schaffung ciner dauernden Vertretung durch den Zusammenschluß der schon bestehenden jüdischen Organisationen. Taraus ist alsdann der Verband der Deutschen Juden hervorgegangen. Tas Statut ist von Professor Philippson entworfen, der insbesondere die Organisation der kleinen Gemeinden glücklich gelöst hat, so daß nichts unvertrctcn geblieben ist in der deutschen Judenschaft und niemand den Mangel der Legitimation des Verbandes ailfechten kann. Ter Verband ist kein Judentag, in dem Judentag ist das wesentliche die einmalige oder periodisch einzuberufende große Versammlung mit ihren Protestrufen, in der Verbandsidee ist das wesentliche die Zusammenfassung der- Organisationen und dem Ausschuß ist eine intensivere und stetigere Arbeit zügcwiesen, als der Hauptversammlung, die nur eine Erscheinungsform ist, in der sich der Ausschuß betätigt. Ter Verband ist aber auch kein bloßer Abwehrverein, wie der Zentralverein, er soll durch positive Arbeit sür die Fortentwicklung und Stärkung des Judentums sorgen. Mit allem Nachdruck ist je-doch zur Beruhigung der Orthodoxen zu betonen: der Verband ist keine Kultusorganisation, er erstrebt weder eine staatliche noch eine autonome Kultusorganis ation! Das Statut des Verbandes ist derartverankert, daß eine Aenderung unmöglich ist. Der Verband will alles, was dem Juden und dem Judentum frommt, nur nicht die Gewissensfreiheit der Juden ei »schränken, die Minorität bedrohen, Kultus, Ritus und Dogma reglementieren. Er will nur die weltlichen Interessen des Judentums vertreten, die uuitas in usosssariis Herstellen und in ällbüs die libsrtas gestatten. Ter D. I. G. B. konnte nicht zum Verbände ausgestaltet werde», ohne seine bisherigen Aufgaben zu schädigen, der Verband mußte auch auf reichsrechtlicher Basis geschaffen werden. Und nun zu den Aufgaben des neuen Verbandes. Er hat in erster Reihe die Abwehrkämpfe des Zentralvereins durch das Schwergewicht seiner Legitimation zu unterstütze» und die Gleichberechtigung zur Wahrheit zu machen. Ans dem Heere'und der Verwaltung sind die Juden wortlos gestrichen, in der Justiz zur Not zugelassen und auch dort dem Geiste der Verfassung zuwider mit der prozentual konfessionellen Elle gemessen. Schlimmer ist noch die Herausdrängnng der Juden aus dem gewerblichen Leben. Auch zu dem neuen Volksschulgesetz mutz der Verband Stellung nehmen nnd bei der etwaigen Einführung der konfessionellen Schule ist. die Berücksichtigung der Wünsche der gesamten Juden zu fordern; in gemeinsamer Arbeit mit den übrigen Organisationen muß hier das statistische Material beschafft iverden. Betreffs der Schächtfrage, durch die auch der liberale Jude in seinem religiösen Gewissen verletzt wird, ist nicht zu dulden, daß unserer Religion der Vorwurf der Inhumanität gemacht werde. Apologetische Schriften müssen in die Lande hinausgeschickt werden,-um die Ehre und die Ethik des Judentums zu verteidigen.. Wir müssen der Welt Nachweisen, daß dieses Judentum die Mutter der Kulturreligionen, in welcher die Wissenschaft und die

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