Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 42 (3.11.1905)
- Date
- 1905-11-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Sfrnrljfifitirs fnmiliriiMatt. I r-:— -II Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungam Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— «.-— Me-aKti-ir «ir- Hsschäftsstelle: Frankfurt a. Leiligkreuzgaffe S2> Ecke Rlaxperseldstraße feCefoit 10507. Herausgeber: Kalg Heis. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile.2ö Pfg. Die Reklamezeile.100 Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. 3. Jahrgang. Freitag, den 5. Cheschwan 5666 (3. November 1905). No. 42 Inhalt des Hauptblattes: Artikel: Der Verband der deutschen Juden. — Die erste Hauptversammlung des Verbandes der deutschen Juden. — Die Woche. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Das Judengrab in der Steppe, Roman von Sanruel Gordon. — Homeler Silhouetten. — BunteChronik. — Familiennachrichten. Der Verband der deutschen Juden. Herr Provinzialrabbiner Dr. Cahn-Fulda, ein Mann, dessen selbstlose und nnerinüdliche Arbeitsfreudigkeit in Sachen des orthodoxen Judentums selbst seinen schärfsten Gegnern Bewunderung abringt, ein Mann, der in seiner rastlosen Energie als Vorbild für seine Amtskollegen gelten darf, hat neben seinem Kampf gegen den „Verband der jüdischen Lehrer- Vereine im deutschen Reiche" und den „Deutsch-Israelitischen Gemeindebund" nunmehr auch den Kampf gegen den „Verband der deutschen Juden" ausgenommen. In einer eingehenden Darlegung an den Ausschuß des Verbandes hat er seine Gegnerschaft damit begründet, daß die Gefährdung, welche aus der gemeinsamen Tätigkeit der in ihren religiösen Grundanschauungen diametral auseinander gehenden Bekenner des überlieferten und des Reform-Judentums, der Reinhaltung der Geistes- und Lebensprinzipien des überlieferten Judentums droht, für ihn weit schwerer wiege als alle die Vorteile, die der Verband für die deutsche Judcnheit erstrebt. Wir sind die allerletzten, denen die Reinhaltung der Geistes- und Lebcnsprinzivien des überlieferten Judentums nicht höher stünde als alle Vorteile sozialer, wirtschaftlicher oder politischer Natur; allein es will uns nicht einleuchtcn, wieso , unsere geistigen Güter, wenn wir organisiert dastehen, und unsere Berührungspunkte mit den Neologen nur sozialer, wirtschaftlicher ober politischer Natur sind, in Gefahr kommen können. — Uebrigens haben wir bereits gelegentlich der Besprechung des von Herrn Tr. Cahn gegründeten „Bund gesetzestreuer jüdischer Lehrer Deutschlands" unsere Ansicht dahin ausgesprochen, daß wir bei den nun einmal unter uns Juden bestehenden, sich einander ausschließenden Anschauungen einer positiven und einer negativen Richtung es für ein dringendes Erfordernis halten, die positive Richtung, die sogenannte Orthodoxie, fest zu organisieren; wir haben aber energisch betont, daßdieserZusammenschluß nicht zu einer Trennung von der jüd. G e s a m t h e i t f ü h r e n d ü r f e. In dieser Hinsicht ist plan, seitdem die Führerschaft der süddeutschen Orthodoxie in den Händen des Herrn Rabbiner Tr. Breuer-Frankfurt ruht, zu weit vorgegangen; man will die Trennung auf alle Gebiete — selbst auf das soziale — übertragen. Wenn der von Herrn Tr. Breuer geführte Teil unserer Orthodoxie an Stelle unseres Lehrers Mauscheh gewesen wäre, dann hätte er, als Gott das Volk wegen seiner Untreue vernichten und Mauscheh zu einem Volke machen wollte, erwidert: „Tue, wie du gesagt hast". Mauscheh Rabenu hat nicht so gesprochen — und auch wir dürfen nicht vergessen, daß alle von einer jüdischen Mutter Gezeugten als Söhne unseres Volkes mit uns verbnnden sind und wir ihnen gegenüber heilige Pflichten habe», deren wir uns nicht ledig sprechen können. Grade die Orthodoxie sollte mit ihrem intensivsten nnd selbstlosesten Interesse bei jeder jüdischen Arbeit dabei und die erste sein; grade sie sollte ihr Vertrauen zu Gott, der schon jedes ehrliche Wollen zum Besten lenken wird, zur Mi t arb e it an einer jeden jüdischen Arb e i t, bei der die religiösen Interessen unberührt bleiben können, auffordern. Oder wolle» wir uns vermessen, Gottes Politik zu machen? Und ist es nicht merkwürdig, auf der einen Seite sich von jedem Unternehmen der Gesamtheit fernzuhalte» und dann ei» Geschrei zu erheben, wenn die Interessen des positiven Judentums verletzt werden? — Die Parole für die Orthodoxie sei also: als geschlossene Phalanx überall die ersten nnd letzten sein, zeigen, daß man. eine Macht ist, sich Achtung erringen — und es wird besser werden in Israel! So aber ist der Orthodoxie nicht genützt und der Gesamtheit geschadet. Uebrigens dürfte auch die Mehrzahl der orthodoxen Rabbiner Deutschlands nicht auf dem Standpunkte der Herren Dr. Breuer—Dr. Cahn stehen, denn den Aufruf, welchen Herr Tr. Breuer jüngst gegen den Beitritt zum „Verband der jüd. Lehrer- Vereine im Deutschen Reiche" erließ/ hatte nur ein Bruchteil unserer orthodoxen Rabbiner unterschrieben und man sagte uns, daß sich große Mühe gegeben worden sei, die Zahl der Unterschriften möglichst imprnierend zu gestalten. Wir glauben also 'in der Mehrzahl der orthodoxen Rabbiner Deutschlands (tzesinnnngsgenosscn zu haben, loenn wir „im Prinzip" dem Verband der deutschen Inden durchaus wohlwollend gegenüber stehen, nnd es geschieht aus dem Boden dieses Verbandes, loenn wir nunmehr auf den Verband selbst näher eingehen. Ter Verband ist am 27. April 1904 gegründet worden. Er bezweckt die Vertretung aller den Juden im Deutschen Reiche gemeinsamen Interessen; die Erörterung von Fragen der Religion und des Kultus, sowie der inneren Verwaltung der Gemeinden ist nur insoweit statthaft, als es sich um die Abwehr von Angriffen handelt, mit anderen Worten: Der Verband will erreichen, daß die uns Juden auf dem Papiere gewährte Gleichberechtigung auch in der Praxis auf allen Gebieten ihre Verwirklichung findet, und er ist deshalb in der Hauptsache eine antiantisemitische Organisation. Er teilt diese Aufgabe mit dem „Zentralverein deutscher Staatsbürger israelit. Glaubens", nur mit dem Unterschied, daß dieser sich aus Einzclmitgliedern zusammensetzt, während der Verband die Vertretung der israelit. Gemeinden sein will, womit er den Erfolgen seiner Tätigkeit einen erhöhten Nachdruck zu verleihen glaubt. Aufrichtig gestanden, möchten wir die Tätigkeit des Zentralvereines, sowie des Verbandes auch noch vom Gemeindebund ausgeübt sehen; der Gemeindebund bekäme dann schwerer Gelüste, in das Gebiet des Kultus einzugreifen, und außerdem ist auch auf der einen Seite das unter uns deutschen Juden sluierende jüdische Interesse ein so geringes und die Anforderungen an einen jeden Einzelnen heute so mannigfaltige, daß eine unnötige Inanspruchnahme der ideelle» und materiellen Leistungen unbedingt vermieden werden muß. Die Folgen dieser unnötigen Zerstückelung zeigen sich denn auch in der 1' ,-jährigen Tätigkeit des Verbandes; mit großem dlpplomb wurde er ain 27. April 1904 ins Leben gerufen, mit großem Älpplomb hat er am verflossenen Montag, den 30. Oktober, seine Hauptversammlung abgchalten, doch darüber, daß er außer seiner Organisierung noch etlvas geleistet hat, — darüber hat die Oesfentlichkeit nichts erfahren. Es sollte uns freuen, würden wir uns darin geirrt haben; wir wollen erst das Protokoll der Hauptversammlung abwarten, und werden uns, lvenn dasselbe uns eines anderen belehrt, gern rektifizieren. Hossentlich gibt uns das Protokoll Gelegenheit, in einen» zweiten Artikel recht viel günstiges über das Tun und Wollen des Verbandes zu berichten. Die erste HanpIversammlnnK des Verbandes der deutschen Jude». (Offizieller Bericht.) Unter imposanter Beteiligung von Vertreter» von Gemeinden, Verbänden und von Einzelpersonen trat hellte im großen Saale der Gesellschaft der Freunde der Verband d e r D c u t s ch'e » I n d e n zu seiner ersten Hauptversammlung zusammen. Zn dieser Versammlung hatte sich außer den berufenen Delegierten auch ein zahlreiches Publilllm eingefunden, so daß der große Saal überfüllt ivar. Es waren aus 163 deutschen Orten Vertreter erschienen, darunter u. a. 29 aus Bayern, 8 aus Sachsen, 6 aus Württemberg, 12 aus Baden, 8 ans Hessen, 2 aus Oldenburg, 4 aus Anhalt, 4 ans den sächsischen Herzogtümern, 1 aus Elsaß-Lothringen, 1 aus Mecklenbilrg-Schwerin. Im Namen des Ausschusses des Verbandes richtete der Vorsitzende desselben, Justizrat Dr. Edmund .L a ch m a n n, der stellvertretende Vorsitzende des hiesigen Gemeindevorstandes, herzliche Begrüßungswortc an die Erschienenen. Er lvies darauf hin, daß der Gedanke, den Verband der Deutschen Juden zwecks Vertretung aller den Inden Deutschlands gemeinsamen Interessen zu begründen, ein recht glücklicher gewesen sei, wünschte der Versammlung einen guten Verlauf und sprach die lleberzengung aus, daß die heutige Tagung auch einen Erfolg haben werbe, wenn die Verhandlungen sachlich und zielbewußt geführt werden. Tie Versammlung schritt nunmehr zur Bureauwahl. Es wurden dem Vorsitzenden Justizrat Dr. Lach mann folgende Herren auf Grund der gestrigen Vorbesprechung als Beisitzer beigegeben: Rechtsanwalt D r. B l a u - Frankfurt a. M., Stadtrat H o mb u r g e r - Karlsruhe, Landgerichtsrat Wollstein- Breslau, Kommerzienrat Galliner - Nürnberg, Professor Dr. Lassar-Cohn -Königsberg und Kirchenrat Dr. Kroner-Stuttgart.