Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 41 (27.10.1905)
- Date
- 1905-10-27
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 41. Hierauf besprach Herr V. Schö »feld die Schädlichkeit der modernen Erziehung der jüdischen Zugend und forderte dieselbe zum Anschlüsse an den Verein ans. Nun erstattete der Delegierte des VII. Kongresses, Herr H ermann Steine r, sein Referat. Gleichmäßig Licht und Sch.-t.en 'verteilend, schilderte der Referent sehr anschaulich die bewegten Szenen des Kongresses, und gab der Hosfnung Ansdruck, daß beide Parteien den einzig ersprießlichen Weg der Einigkeit wieder finden würden. Zum Schlüsse erhob sich .Herr Komitatsoberphysikns Dr. Leopold Stein und dankte der Pereinsleitung im Namen der anwesenden Nichtzionisten dafür, daß die Zionisten mit der ösfentlichen Bibliothek ein gemeinsames Arbeitsfeld geschaffen. Ter Abend hat zu den Erfolgen des Ahavat-Zion einen neuen gereiht. Aus der Lehrerwelt. Berlin. ' 'Zum Direktor des Reichenheimschen Waisenhauses wurde Tr. Siegmund Feist-Mainz gewählt. Dortmund. Rabbiner Dr. Jacob-Göttingen ist an die hiesige Synagogengemeinde berufen worden. Bnk i. Posen. Herr Lcdrcr Spieldoch ist als Vorsitzender des hiesigen Le-hrervcrcins mied e rg c w ä h l t worden. Wien. Ezechiel Pollak, pensionierter Beamter der israelit. Armenanstalt und lvährend fünf Dezennien Borbeter an der Schifsschul, ein Schüler des Ehnsain Sofer und des Ksaiv Sofer, ist im 86. Lebensjahre nach einem gesegneten Leben gestorben. Pretzburg. Die Judenheit hat einen schweren Berlnst erlitten; Rabbi Leb Groß, der Leiter der hiesigen Jeschiwoh, ist am Morgen des ersten Tages Chaul-hamaucd unerwartet verschieden. Sein Name ist eng verwachsen mit der Preßburger Jeschiwoh. Ein Schüler des Ksaiv Sofer wurde er von diesem, der seine hohe geistige Begabung und seine außerordentliche Frömmigkeit schätzte, an die Spitze der Jeschiwoh gestellt, und während 50 Jahren hat er seines Amtes mit Aufopfernng gewaltet. Jeder, der an Rabbi Leb Groß herantrat, fand in ihm einen treuen Berater, einen Freund, einen Helfer, einen Wohltäter, einen Beschützer; tausenden von nnbemiltelten Schülern hat er Wohnung. Kleidung und Verköstigung verschafft. — Welchen Namen Rabbi Leb Groß hinterlassen hat, zeigte die spontane Kundgebung bei seiner Beerdigung: unaufgefordert schlossen in den Gasse», durch welche der Tranerzng sich vewegte, sämtliche Kauflente ihre Lüden. Ledenburg (Ungarn).Z Herr Religionslehrer .Hermann H o r o w i tz, ein Gelehrter von Ruf, verschied in seinem -48. Lebensjahre. Er wurde vor einige» Wochen wegen eines literarischen Unternehmens nach Zürich berufen, auf dem Bahnhof in Zürich traf ihn nun kurz vor seiner Rückreise ein Glassplitter mit solch' großer Wucht, daß er ihm den Schuh durchschnitt und den Fuß verletzte. Ohne auf die Wunde zu achten, fuhr er mit einem Umwege nach Alsöld, wo er seine greise Mutter besuchte, nach .Hause. Tie Schmerzen mirrden von Tag zu Tag schlimmer, ärztliche Hilfe konnte nichts mehr ausrichlen, und so verstarb H. in der Kraft seines wissenschaftlichen Schaffens an Blutvergiftung, betrauert von allen jenen, die seinen tadellosen Charakter, seine persönliche Liebenswürdigkeit und sein wissenschaftliches Streben kennen nnd achten gelernt hatten. Bekannt ist sein unter dem Pseudonym Sinowitz erschienenes Werk „Tas neue Leben", eine Studie über Tante, in der er nachzuweisen sucht, daß Dante jüdischer Abstämmling war. Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) N ii r n b e r g. In Nr. 38 Ihres geschätzten Blattes bespricht ein .Herr Ploni die Verhältnisse des Würzburger Lehrer-Seminars, nnd gewähren Sie mir wohl, als Kuratoriumsmitglied neueren Datums (nach Herrn Plonis Aufputzstück) eine de» Tatsachen entsprechende Entgegnung: Es ist sehr notwendig, daß der Herr Einsender seine Objektivität des öfteren versichert, da es für jeden Unparteiischen schwer fallen dürfte, sonst daran zu glauben, denn wenn ich auch nicht Verdächtigung annehmen will, so muß es doch als 'grobe Oberflächlichkeit bezeichnet werden, von Geheimnissen überhaupt und besonders von solchen in finanzieller Beziehung zu sprechen bei einer Anstalt, die jährlich einen klaren Rechenschaftsbericht herausgibt, worin der Vorstand, Herr Rabb. Bamberger mit bewundernswerter Genauigkeit und Klarheit die Einnahmen, Ausgaben und Bilanz des Vermögens, vorlegt, und wo zwei angesehene Männer Würzburgs bestätigen, Rechnung und Vermögen (das bei der kgl. Bank deponiert ist) geprüft zu haben nnd dem Vorstand danken für seine penible und sparsame Geschäftsführung. Es ist absolut falsch, daß etwas „unter uns" abgemacht wird, es sei denn, der Herr Verfasser würde nur dann eine Kuratorinmssitzung für legal ansehen, wenn er Mitglied wäre. (!) Tas Kuratorium ergänzt sich durch Wahl, nicht der Herr Vorstand beruft die Kuratoren. Daß eine Anzahl Rabbiner darunter ist, finde ich, und wohl die Allgemeinheit mit mir, ganz natürlich, denn wenn Frankfurter Israelitisches Familienblatt. der Rabbiner vom Staate über die Schule gesetzt ist, dürfte er wohl der berufenste Kenner der Schul- und Lehrer-Bedürfnisse sein. Ter Herr Ploni kann beruhigt sein, es ist für alle Zeiten dafür gesorgt, daß das Kuratorium sowohl über alle Personalfragen als auch über alle Finanzangelegenheiten bestimmt. Und nun der letzte Schmerz, daß kein Lehrer (oder vielleicht Herr Ploni nicht) im Kuratorium bis jetzt sitzt; ich habe mich bemüht, alle Akten des Seminars kennen zu lernen, ich habe keine diesbezügliche Eingabe der Lehrerschaft gefunden, die abschlägig beschieden worden wäre, wohl hat das Kuratorium, bevor Herr Ploni den von unbegründeten Angriffen strotzenden Artikel geschrieben hat, beschlossen, den Herrn Oberlehrer bei Anstellungen zu seinen Sitzungen zur Beratung zuzuziehen, die technischen Schulfragen werden ohnedies im Lehrer-Rate, also von Fachleuten, beschlossen — was bleibt nun übrig von all den Anregungen (!) des Herrn Ploni? Gewiß ist ernsten 'Männern jede wahrhaft ernste Kritik angenehm, aber sie muß zeitgemäß sein und am richtigen Platze; heute, wo die ganze Anstalt mit enormeit Mehrkosten zur Bewundern n g a lle r Kreise, d ie Interjef fe für Lehrerbildung haben, ausgebaut ist nnd wo das Kuratorium einen Appell an die O e f f e u t l i ch k e i t zur M e h r l e i st u n g richte n in u ß, mit dieser Beleuchtung in der Presse zu kommen, gewissermaßen als Antwort auf den Aufruf, das, verehrter Herr Ploni, ist keine Kritik, sondern sieht was Anderem gleich. — Sie wundern sich, daß man auch die Lehrerschaft um ihre Mithilfe bat, ich gestehe, daß dieser Antrag von mir kam, weil ich eine sehr hohe M e i n u n g von der Bildung und Dankbarkeit unserer Lehrer habe, und nicht glauben kann, daß sie vergessen, welche Opfer das Seminar für ihre Ausbildung brachte, wie der derzeitige Vorstand, Herr Rabb. Bamberger, wenn ihm ein Vorwurf zu machen ist, eine übergroße Güte an den Tag legte, und die .Herren Seminaristen gegen oft lächerlich kleine Vergütung aufnahm und nicht Mühe und Opfer scheute und in absolut s c l b st l o s e r Weise die ganze Last der Spendenbeibringung übernahm. — Ich habe die feste ikeberzeugung, daß jeder gerechte Wunsch und Anregung, von wo immer selber kommt, vom Kuratorium gerne gewürdigt wird und gebe mich der Hoffnung hin, daß diese Aufklärung alle Kreise bestiinint, kräftig mitzuhelfen an der Erhaltung dieser für alle Kreise des Judentunis unentbehrlich gewordenen Anstalt. A. G r ü n e b a u m. * * -st Königsberg, 20. Oktober 1905. Verehrliche Redaktion! Ein gewisser Dr. Rabinowitz, angeblich Rabbiner und Sohn des Schriftstellers Schefer, brandschatzt seit einiger Zeit die jüdischen Wohltätigkeitsanstalten, namentlich im Osten. Rabinowitz ist ein raffinierter Schwindler. Briefe, die er vorzeigt, z. B. von Tokolow, Warschau, sind gefälscht. Rabinowitz ist mittelgroß, hat ein breites Gesicht, große Nase, kleinen schwarzen Schnurrbart, ist im übrigen glatt rasiert, schwarze Haare, trägt ei» goldenes Pincenez und 2 glänzende Ringe. Alter ca. 25 Jahre. Im Knopfloch hat er häufig Herzls Bild. Er gibt an, wegen politischer Verbrechen ans Rußland geflohen zu sein. Alle seine Angaben beruhen aus ilnwahrheit. Mit vorzüglicher Hochachtung Schutz-Komitee für durchreisende russische Juden in Königsberg i. Pr. -st -st * Die Frankfurter „Israelitische Gemeinde", die doch, wo es sich um nichtige Wichtigkeiten oder wichtige Nichtigkeiten handelt, glaubt an der Spitze marschieren zu müssen, sollte doch in ihren Institutionen, die e i n st m a l s aus wahrer jüdischer Humanität gegründet wurden, fortlaufend diesem Geiste insofern Rechnung tragen, daß nicht die Zwecke dieser Institute statt zuni Segen zum Fluche werden. Oder ist es ein Segen für einen armen Russen, wenn er durch irgend einen Unglücksfall gezwungen ist, im Königswarter - Spital Aufnahme und Hilfe zu finden, wenn die Parade-Phiiantropen, die die Ehre haben, in der Leitung dieser Stiftung Sitz und Stimme zu besitzen, in kleinlichem Krämergeist ihre Pflicht darin suchen, daß sie die Kosten, die ein solch heimatloser Jude der Anstalt verursacht hat, von der städtischen Armenpflege reklamieren: unbekümmert darum, daß mit dieser Reklamation dem armen, kaum noch gefundenen Juden der Zufluchtsort, den er auf seiner hoffnungslosen Wanderung endlich gefunden, alsbald wieder genommen wird? Wenn so das so oft angeführte jüdische Rachmonus in der Frankfurter Jsr. Gemeinde betätigt werden soll, dann ist es wahrlich selbst für die Reformer Zeit, gründlich zu reformieren. Frankfurt a. M., 25. Okt. 05. S. L. Goldschmidt. * * -st Jugenderziehung und Judenerziehu n g. Wie ähnlich klingen diese Worte, und wie verschieden ist ihr Inhalt. Die Erziehung der jüdischen Jugend sollte wirklich eine Judenerziehung im buchstäblichen Sinne des Wortes sein, d. h. eine Erziehung Seite 11. zu einem Juden, der seine Religion im innersten Herzen trägt, nach ihr lebt, nach ihr handelt und sie zu verteidigen weiß gegen Angriffe solcher, die einer anderen Religion angehören. Ist dies 'immer so? Ist die Erziehung der jüdischen Jugend immer so, wie sie sein sollte? Ich will versuchen, eine Antwort auf diese Frage zu geben nach dem, was ich selbst erfahren habe, und was vielen anderen ebenso ergangen ist, wie mir. Fragt mich jemand nach meiner Religion, so antworte ich ihm: Ich bin ein Jude. Habe ich ein Recht zu dieser Antwort? Bin ich wirklich ein Jude? Allerdings, meine Väter waren Juden und getauft bin ich nicht, also kann mir niemand das Recht streitig machen, mich einen Jude» zu nennen. Aber das ist auch alles. Was man unter einem Juden im engeren Sinne versteht, einem gläubigen Juden, der seine Religion kennt und sie achtet, das bin ich nicht. Woran liegt es, daß es nicht der Fall ist? An mir? Wir werden sehen. In kurzer Zeit werde ich zwecks Weiterführung meines Studiums nach Berlin gehen, der Stadt, in der eilt Jude wohl inehr als in einer anderen feindlichen Angriffen ausgeseht ist? Was kann ich auf einen solchen Angriff erwidern, womit ihn widerlegen? Was kann ich zur Verteidigung der Inden tuil? Nichts! Zn meiner Schande muß ich es gestehe», nichts. Ich müßte denn mit allgeineinen Redensarten, irgendwo aufgegriffenen Phrasen und Schlagwörtern komine», die zwar einem unwissenden Menschen Sand in die Augen streuen, einen gebildeten jedoch nicht zu überzeugen vermögen. Und doch kann ich ohne Prahlen sagen, daß ich wenigstens kein Tunnnkopf bin. Wieso kommt das, woher rührt diese Unwissenheit? Habe ich etwa auf der Schule nichts gelernt? Allerdings in Latein und Griechisch tut mir es so leicht keiner zuvor, und in allen anderen Fächern bin ich ebenfalls stets unter den Besseren gewesen. Aber >vie steht es mit dem, worauf mirs jetzt an« meisten ankommen muß, mit dem, was ich als Jude unbedingt wissen muß, mit der Religion? Damit bin ich auf den springenden Punkt gekommen. Boi, dem. was ich jetzt ausführen will, ist nichts erdichtet, nichts schlimmer dargestellt, als es ist, sondern alles Tatsache, leider reine, nackte Wirklichkeit. Wir hatten in der Schule, wenigstens auf den oberen Klassen, um die es sich hier hauptsächlich dreht, in der Woche eine einzige Religio n s st n n d e, oder, richtiger gesagt, eine halbe, denn länger wurde sie nie gehalten. Und wie oft fiel diese eine Stunde aus, sei es eines christlichen Feiertags wegen, oder wegen der Hitze oder aus sonst einem Grunde. Gar nicht zu rechnen das „Schwänzen", das bei den bestehenden Berhältnisfen nur allzu leicht möglich, aber auch — entschuldbar war. Und bei diesen Verhältnissen sollte man etwas lerneir, so lernen, daß es Eigentum wird, daß man es als bleibende Frucht des Unterrichts stets bei sich trägt, als Stütze und Waffe? Gewiß haben wir etwas gelernt, einige Gesetze, etwas, ivenn auch ein verschwindendes Etwas, aus der Bibel gelesen, haben in früheren Jahren auch die Geschichte des Jtldentnms in großen Umrissen gelernt, aber was ist davon sitzen geblieben? Biel sicherlich nicht. Jeder, der die Schule besucht hat, weiß, wie sehr die Bedeutung einer Lehrstunde von der Person des Lehrers abhängt, wie langweilig oder interessant, wie schwer oder wie leicht der Lehrer einen Gegenstand machen kann. „Gedächtilis ist Interesse", so pflegte einer unserer Lehrer zu sagen, und bas Interesse an einer Sache zu wecken oder zu erhöhen, ist Pflicht eines jeden Lehrers. Wer diese Aufgabe ist nicht leicht, und nicht jeder versteht sie. Genau wie unser Religionslehrer, ein Rabbiner, es nicht verstand. Tas Wenigste, was inan von einem Lehrer verlangen muß, ist, daß er sich Ehrerbietung zu verschaffen weiß. Und erst eilt Rabbiner, dessen Person doch schon an und für sich Ehrfurcht gebietend, unantastbar sein sollte. Er sollte es wirklich nicht nötig haben, diese Ehrerbietung sich erst verschaffen zu müssen. Aber selbst das kann er oft nicht. Und weshalb? Nun, weil er, der das Vorbild, die Leuchte der Jugend insbesonders sein soll, er, der die Jugend durch sein Beispiel führen und zu Inden erziehe» sollte; die einen festen, sittlichen Halt an ihrer Religion habe», weil ein solcher Rabbiner kein Man» sein darf, der einen wässrigen Leitfadenunterricht — ohne Begeisterung und in Hungerportionen — gibt, und der dazu noch dem Schüler unabweisbar den Gedanken einjlößt: Handelt nach meinen Worten, aber ja nicht nach nieinen Taten. — Kann ich bei einem solchen Lehrer etwas lernen nnd ein bewußter Jude werden? Ich glaube nicht; und vielen, die unter den gleichen Zuständen ihr Judentum kennen gelernt haben, wird es gerade so gehen. Ist es nun erstaunlich, wenn der ausgestreute Samen aufgeht und üppiges Unkraut hervorsprießen läßt? Was sollen die Leute tun, die unter solchen Verhältnissen ausgewachsen sind, wenn sie später ins Leben treten und erfaßt werden von den Wogen des gegen das Judentum gerichteten Kampfes, die Leute, die schon in frühester Jugend über Gott, die Religion und alles Heilige spotten, die den Schmähungen und Verleumdungen nichts entgegensetzen, ihnen vielmehr beistimmen, die jede gute, edle Tat als