Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 41 (27.10.1905)
- Date
- 1905-10-27
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10- Frankfurter AsraelrüMeS o^miltenblaü. Nr. 41. Weise keineswegs hemmend im Wege steht), so müsse» sich Leide Parteien zu dieser gemeinsamen Arbeit die Hand reichen. Ae P. Z. Deutschlands sind vor eine klare, unzweideutige Mternative gestellt; das ergibt sich schon ganz gewiß aus dem neuerdings in der „Jüdischen Rundschau" veröfsentlichten Aufruf Dr. Bodenheimers. Aus ihm folgt, daß alle diejenigen, die auf dem Boden der alten Organisation stehen und stehen bleiben wollen, sich in keiner Weise mit den Bestrebungen der I. T. O. vereinigen können. Und das geht nicht eigentlich aus jenem Briefe erst, sondern auch vor allem aus der bekannten, auf dem VH. Kongreß angenommenen Resolution hervor, durch die der Sinn des Baseler Programmes in 'bekannter Form präzisiert werden sollte. Tie mildere Komentation Mordau's, die die scharfe Ausprägung des gegensätzlichen Standpunktes abschleifen wollte, hat nur einen persönlichen, aber durchaus kernen offiziellen und irgend wie verpflichtenden Wert; zudem steht auch sie keineswegs im Einklang mit der Resolution des Kongresses. — Die politischen Zionisten .Deutschlands können, so lange sie auf dem Boden der asten Organisation stehen, niemals das erreichen, was sic erreichen wollen. Wollen sie aber mit ihren Ausgaben wirklich ernst machen, so hat jene Kongreßresolution und die Stimmung der von Ussischkin gelesteten Majorität das letzte Wort über ihre Stellung gesprochen. Und deswegen richten wir an sie die Frage, die ihnen selbst klar vor Augen, stehen muß: Jetzt wohin? D. I o ch e l m a n n. Aus den Ausführungen des gesch. Direktoriumsmstgliedes der „Jto" geht hervor, daß er die polit. Zionisten von der zionist. Organisation trennen und sie der territorialist. Organisation zuführen möchte, natürlich nur im Interesse der „Jto". Auch wii halten es für zweckmäßig, daß die politischen Zionisten organisiert in die „Jto" cintreten und zwar im Interesse des Zionismus, damit die „Jto" nicht das nationale Moment in den Hintergrund schiebe und zu einer rein philantropisch-soz i a l e n Aktion sich gestalte, eine Gefahr, die augenblicklich sehr nahe liegt angesichts der ihr in Massen zuströmenden westeuropäischen Assimilation. Eines möchten wir den Männern, die noch gestern so eifrig für Zion gearbestet haben, ermahnend vorstellen, daß dieselbe Forderung, die sie an die politischen Zionisten stellen, umgekehrt auch von diesen an sie gestellt werden muß. Nach unserem Erachten schließt das Eine das Andere nicht aus, denn die „Jto" denken wir uns als eine „E r g ä n z u n g" zum Zionismus, als ein Teil desselben, aber nicht als eine Gegenaktion. Die Redaktion. Personalien. Frankfurt a. M. Herr Benjamin B. Cassel, der Chef der angesehenen Firma B. B. Cassel, die er durch Tüchtigkest und Fleiß aus kleinen Anfängen zu ihrer heutigen Bedeutung emporgebracht hat, verschied nach langem Leiden im Alter von 58 Jahren. Der Verstorbene war Vorstandsmitglied der Löb Reiß'schen Synagoge und ein sehr tätiges Mitglied der Chewroh Kadischoh. Au den Jomim nauroim pflegte er in der Löb Reiß'schen Synagoge vorzubeten. Er war ein Mann, der sich gern iu selbstloser Weise mit den Angelegenheiten der Gesamtheit befaßte. Der Lebenswandel des Verstorbenen war ein streng religiöser, seine Kinder hat er in seinem Geiste erzogen, und so ivird sein Andenken ein dauerndes sein. Frankfurt a. M. Eine der ältesten und angesehensten Familien, das Haus S o n d h e i m e r, ist von einem herben Schicksalsschlage betroffen worden. Ein Sproß dieses durch echt jüdische Tugenden von jeher ausgezeichneten Hauses, Herr Arthur Sondheimer, ein junger Mann von 27 Jahren, war, auf einer Geschäftsreise begriffen, in Newyork angelangt und erkranttc alsbald am Typhus. Nach mehrwöchigem, schweren Krankenlager ist er im fremden Lande verschieden. Die sterblichen Ueberreste des Verblichenen werden hierher gebracht. Der Verewigte war glücklich verlobt; seine Hochzeit sollte gleich nach seiner Rückkehr gefeiert werden. — Der traurige Fall erregt allgemeine Teilnahme. Lemberg. Am 8. ds. Mts., unmittelbar vor Beginn des Kol Nidrc-Gottcsdicnstes, verschied nach fünfzigjähriger Amtstätiglcit unser geliebter Oberrabbiner, Rabbi Isaak Schmclkes. Einer ruhmreichen Gelehrten- und Rabbinerfamilic entsprossen, war er unstreitig die b e d c u t e u d st e t a l - mudische Autorität der Gegenwart. Er wirkte nacheinander als Rabbiner in Zurawno, Brzczan, Przemysl und Lemberg, und es war ihm beschicken, auf eine große Zahl hervorragender Jünger in hohen Stellungen zu blicken, die sich durch umfassendes Wissen und tiefe Gelehrsamkeit auszeichnen. Er war die Quelle, von der die galizischcn Rabbonim ihr Wissen schöpften, er war ihnen ein Licht, das ihnen voranleuchtete auf ihrem Wege nach der Erkenntnis des Gotteswortes. Aus de»» Vereinen. Frankfurt a. M , 26. Ott. Nach einer langen Sommerpause nahm der Verein Nachlaß Z' w i am Mittwoch, den 25. Oktober d. I. seine Herbsttätigkeit auf. Herr Jacob N o s e n h e i m leitete den diesjährigen Vortragszyklus mit einem Vortrag, der den Obertitel „A u f d e m W e g c z u m Baume des Lebens" und den Untertitel „Eine literarische Plauderei" führte, ein. Der Untertitel hat mich dazu verleitet, meine Kollegieuhefte zu Hause zu lassen, da der Vortrag doch angeblich eine literarische Plauderei sein sollte. Indessen sollte ich später im Laufe des Vortrages meine Leichtgläubigkeit bitter bereuen, denn in seiner großen Bescheidenheit nannte Herr Rosenheim seinen Vortrag eine literarische Plauderei, während doch sein Vortrag eine regelrechte philosophisch geschichtliche Vorlesung war, wie ich sie während meiner mehrjährigen philosophischen Studien von meinen Philosophie - Professoren zu hören nicht besser gewöhnt gewesen bin. Und ich glaube dem Leser schon dadurch das Verständnis für die Ausführungen des Herrn Rosenheim zu erleichtern, wenn ich seinen Vortrag mit der richtigen Ueberschrift versehe: Die gegenwärtige Reaktion auf das materialistisch - naturalistische Weltbegreifen in ihren drei Hauptströmungen. — Wir stehen am Tage nach dem Sukkothfest, das das jüdische Volk mit dem allgemeinen Gedanken der Kulturmenschhcit so nahe bringt, denn Wandern simbolysicrt das Laubhiittcnfest, ein Wandern der Menschheit im höheren Sinne. Und nichts fesselnderes kann dem Menschcngemüt geboten werden als einen Einblick in diese Windungen und Zick-Zack - Pfade auf dem langen Wege mcuschlicheu Geschehens. Ein Hauch der Ewigkeit durchströmt unsere Brust, wir spüren die majestätische Erhabenheit der unendlichen Fülle göttlichen Tun und Walteus. Wir betrachten dieses wilde Gestrüpp geschichtlichen Werdens, und unserem geistigen Auge offenbart sich ein grandiöser Anblick. Auf mannigfache Art sucht die Kulturmenschheit den Weg zum Baum des Lebens zu erreichen. Mehr als ein Jahrtausend lag die Menschheit im Banne kirchlichen Glaubens, bis endlich der jähe Wechsel der Zeit die Macht des Kirchenglaubens brach, und aus den Trümmern des Kirchenglaubens entstand nunmehr die italienische Renaissance. Doch was die Herren der Renaissance dichterisch empfunden haben, nahm logische, greifbare Formen ini Jahrhundert der Aufklärung an. Das achtzehnte Jahrhundert war mit der Revolution ausgekluugen, und cs wollte scheinen, als habe die Menschheit einen neuen Weg auf ihrer Wanderung eingeschlagen. Aber die erste Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts zeigt uns bereits wieder eine Reaktion auf politischem Gebiete, und erst im Laufe des Jahrhunderts gelang cs der Menschheit, einen Teil der verkündeten Lehren der großen Revolution zum Gesetze zu erheben. Jedoch auf dem Gebiete der geisttgen Kultur sollte keine Unterbrechung stattfinden. Der philosophische Faden sollte weiter gesponnen werden, denn gerade nach den Enttäuschungen der Revolution beniächtigte sich der Menschheit eine gewaltige Sehnsucht — man empfand nach jenem großen Taumel eine Oede und Leere des Daseins. Die Fragen cur qui quo lag auf der Zunge jedes Menschenkindes, bis die Kant- La Placesche kosmogenische Theorie entstand, die eine Entwicklung alles organischen Seins auf ein Produkt eines physikalischen Prozesses der Himmelskörper znrückführen will. Diese kosmogenische Erklärung war zwar am wenigsten geeignet, die enipfuudene Leere des Daseins auszufüllcn, denn ist der Mensch nur der Zufall eines. Naturprozesses ohne höheres Ziel, ohne höhere Bestimmung — wozu das ganze Lebe»? Aber man sehnte sich nach irgend einer Antwort, und als diese angeblich Kant-La Place gegeben hatten, gingen die großen Metaphysiker Hegel und Schelling ans Werk, der empfundenen Oede des Daseins einen metaphysischen Inhalt zu geben. Inzwischen erscheint Darvin mit seiner Deszedenz und Selektionstheorie, mit dem großen Gedanken der Evolution, und die darvinische Lehre schließt sich an die Kant-La Placesche Theorie. Nun war die große Mauer des materialisttsch-naturalistischen Weltbegreifens lückenlos geformt, lind mit dem Beginn des sechsten Dezenniums des verflossenen Jahrhunderts tritt diese Weltanschauung ihren Triumphzug durch die Kulturmcuschheit an. Denker vom Range eines Spencer und Comte gehen daran, diese Lehre in ihre ethischen und soziologischen Konsequenzen auszubauen. Aber gerade diese objektiv gezogenen Konsequenzen aus der darvinisttschen Lehre sollten dem triumphierenden Naturalismus einen Damm setzen. Nach der spencerschen Ethik ist „gut" mit „allgemein nützlich" zu identifizieren, denn diese Ethik hat in der darvinisttschen Evolutionstheorie ihren Ausgangspunkt. Auf sozialem Gebiete entstand im Anschluß an den Darvinismus und durch Umkehrung des Hegelianismus die nraterialistische Geschichtsauffassung. (Schluß folgt.) Maxime Le Mai t re. Frankfurt a. M.; M o n t e f i o r e - B e r e i n. Am Mittwoch, den 25. cr., eröffnete der „Montefiore"-Verein die Reihe seiner zahlreichen Veranstaltungen mit einer musikalisch-dellamatorischen Soiree. Der große Saal der „Adler"-Loge vermochte kaum die Anzahl der erschienenen Mftglieder zu fassen, ein Beweis, welcher Beliebtheit sich die „Mittwoch"- Abende des „Moutefiore"-Vereins crsreneu. Der allseittg verehrte Ehrenpräsident, Se. Ehrwürdeu Herr Rabbiner D r. H o r o v i tz hatte es sich nicht nehmen lassen, persönlich mit einer festlichen A nspräche die Winter-Saison des Vereins zu eröffnen. Der Redner führte etwa ans: Meine lieben Freunde! „Seit einer Reihe von Jahren ist es mir vergönnt, das Blühen und Gedeihen des „Montesiorc"- Vereins zu beobachten, einen Blick in seine freundlichen Räume zu werfen, in de» ruhigen Lescsaal, in das schöne Schreibzimmer, sowie in den gemütlichen Erholungsraum. Und ich kann mich so recht hineindenken in ein junges Blut, das den ganzen Tag über tätig war und dessen .Herz sich nun nach einer Stunde der Erholung sehnt, wie ihm da die Räume des „Montcfiorc"-Vercins eine Anfenthaltsstätte bieten, in der der treue Sohn den süßen Traum träumt, daheim bei seinen Eltern zu sein, die in der Ferne an ihn denken. Ich habe mich sehr gefreut mit dem reichhaltigen Programm, in dem eine wahrhaft herrliche Blüte zusammen gebracht ist: Nahrung für den Geist! Entwicklung für den Körper! Aber auch der Seele ist gedacht, der Religion, die alles frisch erhält. Das Programm des „Montefiore"-Vereins kommt mir vor, um im Bilde des vergangenen Festes zu reden, wie ein Festesstrauß. Wie man die schöne, duftige Esrog-Frucht behutsam und sorgfältig auswählt, so daß kein Fehler und kein Makel an ihr haftet, so sei es auch mit der geistigen Nahrung für ein junges Gemüt. In der großen Apo- thcke Gottes gibt es für alles ein Heilmittel, nur nicht leicht für ein durch falsche geistige Nahrung verdorbenes Gemüt, da ist schon die Hausapotheke, die jeder Mensch in seinem Innern trägt, das bewährteste Mittel, das Gott ihm mitgegeben. Das Prinzip, nur das Beste seinen jungen Mitgliedern zu bieten, verfolgt auch der Verein in der Auswahl seiner Bibliothek. Der „Montefiore"-Vercin ist zu vergleichen mit der Arche Noah. Wie die Taube, die Noah aussandte, um nach dem Stande des Wassers zu sehen, zu ihm znrückkchrte, so möge auch der Jüngling stets in dem „Montesiorc"-Vcreine eine Zufluchtsstätte finden vor den Wellen und den Stürmen des Lebens. Möge Gott dazu seinen Segen geben!" Mit brausendem Beifall und Jubel wurde die Ansprache des ehrwürdigen Redners ausgenommen, und sicher wird der warme Appell an die Jugend des Vereins seine segensreiche Wirkung ausübcn. Nun kam eine Reihe der besten Darbietungen auf musikalisch-deklamatorischem Gebiet. In Herrn H a i n e b a ch lernten wir einen V i o l i n - K ü n stler kennen, der mit warmer Auffassung eine brillante Technik verbindet und begeisterten Beifall bei den Zuhörern auslöste. Ebenso verstand es Herr K o w i n s k i, sich mit einer schön gesungenen Arie a u s H a y d »' s „S chöpf u n g" die Gunst des Publikums zu erringen, und kann man wohl mit Sicherheit aussprecheu, daß seine gewaltigen Stimmmittel den jungen Sänger zu den besten Hosfnungen für die Zukunft berechtigen. Tic Herren Stein und Fleisch Hacker sorgten mit Rezitationen ernster und heiterer Art in oft bewährter Weise für Abwechslung im Programm, an dessen schönem Gelingen Herr Pfefferkorn, welcher sich sowohl durch Solovorträge wie auch durch seine meisterhafte Begleitung am Klavier hervortat, keinen geringen Anteil hatte. Alles in Allem war dieser Abend ein großer Erfolg für den ausstrebenden Verein und ein vielversprechender Anfang für den Reigen der kommenden Veranstaltnngen. Am n ä ch st e n Ai i t t w o ch , den 1. Nov., spricht Herr Rabbiner D r. W a ch c n h e i m e r aus Aschaffenbnrg; am Donnerstag, den 2. Nov. beginnt Herr Jul. Gans, D i p l o m - Handelslehrer, seinen B o r t r a g s - Z y k l n s über „H a n d c l s r e ch t". I?. LI. Aus -er zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Der rührige jüdische Verlag zu Berlin veranstaltet z. Zt. eine Gesamtausgabe von Theodor H e r z l s g e s a m m e l t c n Schriften, heransgcgcben von Prof. Tr. Levi Kellner. Ter erste und zweite Teil liegt bereits in prachtvoller Ausstattung vor. Angehörige einer zionistischen Organisation können den Band durch Vermittlung ihrer Vereine zu einem sehr billigen Preise beziehen. Die Mitglieder der Frankfurter zion. Vereinigung und die hiesigen Schekclzahlcr, die auf das Werk reflektieren, werden ersucht, den Betrag von JL 3,50 baldigst an Herrn B. Stern, Rödcrbergwerg 33, cinznsenden, da die Bestellung bereits zu Ende der kommenden Woche erfolgen soll. Pretzburg. Der Aha'vat-Zi andere in hat, einem längstempfundenen Bedürfnis entsprechend, eine öffentliche jüdische Bibliothek und Lesehalle gegründet. Tie feierliche Eröffnung derselben hat Sonntag, den 24. September, stattgefunden. Tic elegant ausgestatteten weiten Räumlichkeiten waren von einem zahlreichen Publikum gefüllt. Nach dem einleitenden Gesänge des Männerchores ergriff der Präses, S. Bettclheim das Wort und erörterte in längerer Rede die Bedeutung dieser neuen Jnsti« tutton für die Preßburger Gemeinde.