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Neue jüdische Presse · 1905-10-27 · Heft 41 (27.10.1905) · page 9

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 41 (27.10.1905)
Date
1905-10-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Beilage zu Nr. LI des Frankfurter Israelitischen Familienblattes. Inhalt der Beilage: Artikel: Medizin im Talmud. — Offener Brief an die politischen Zionisten Deutschlands. — Personalien. — Aus den Vereinen.— Aus derzionistischeu Bewegung — Aus der Lehrerwelt.— Sprechsaal. — Kunst und Literatur. — „I ü d i s ch e I u g e n d." Medizin im Talmud. Herr D r. I. Pagcl, Professor an der Berliner Universität, eine Autorität, er st c n Ranges auf dcnr Gebiete der Geschichte der Medizin, hat den sensationellen Bortrag „lieber de» Versuch am lebenden Menschen", den er beim Deutschen Naturforschertage zu Breslau am 21. September 1904 (auch zur Mwehr der vehementen Angriffe in parlamentarischen Körperschaften gegen experimentierende Aerzte) gehalten, in Heft 9 und 10 der „Deutschen Aerzte-Zeitung" veröffentlicht und sich veranlaßt gesehen, seiner Publikation nachfolgende» Brief anzufügen: „Als eine für einzelne Kreise vielleicht willkommene Ergänzung sei ein mit den: Inhalt meines Vortrags allerdings nur in sehr entferntem Zusammenhänge stehendes Schreiben hier noch verössentlicht, das aus Anlaß meines in Breslau gehaltenen Bortrages mir von dem auch als NEturwissenschafter und besonders als Vogelkundiger tvohl berufenen Herrn D r. Pla cz ek-Brnn» (Mähren) zngcgangcn ist. Es lautet: Brünn, den 25. September 1904. Verehrtester Herr Professor! De» Referaten über die Vorträge im Naturforscher-Kongreß gestatten Sie mir frenndlichst, einige vielleicht verwendbare Randglossen anzufügen: Galenits aus Pergamus, der im zweiten Jahrhundert nach Chr. lebte und ein System der Medizin stiftete, das sich beinahe 14 Jahrhunderte herrschend erhielt, hat den Bau des menschlichen Körpers nur air Affenleichen studiert, welche er zugleich als die menschenähnlichste Form unter allen Tieren erkannt hatte. Nach Celsus sollen schon Herophilos ans Chalcedon und Erasistratos ans Keos (300 v. Chr.) sogar lebende Verbrecher seziert haben. Es wird auch angenommen, daß altegyptische Priester bereits Anthropotomie betrieben. Eine Vivisektion bei Menschen findet nach der Auffassung R a s ch i s Erwähnung in Mddah 305. Es sind da zwei Versionen. Nach der elfteren wird als Einwand gegen eine Ansicht R. I s m a e l s angeführt: „Sklavinnen der Königin Kle opa tr a, die zum Tode verurteilt waren, untersuchte man durch Vivisektion und fand ani 41. Tage nach der Empfängnis den Unterschied der Geschlechter bei den Embryonen entwickelt." Räch der zweiten Version der Tosifta 4 erhob R. Jsmael den Einwand Wider seine Gegner in einer halachistischen Anschauung. Da heißt es jedoch, daß man das männliche Geschlecht am 41. Tage, das weibliche erst am 81. Tage erkenne. Allerdings wird dem Berichte keine Beweiskraft zu-, erkannt: „man kann keinen Beweis bringen von Toren". Damit soll entweder die Unzuverlässigkeit egyptischer Angaben dargetan oder die Vornahme einer Vivisektion verurteilt werben. Immerhin ist die SteUe für Egyptologen bedeutsam schon des Nachweises wegen, daß die Egypter Anthropotomie betrieben. Mehrere halachistische Diskussionen über die Leibesfehler, welche einen Ahroniden zum Priesterdienste untauglich machen, ferner über Teile menschlicher Kadaver, die nach verschiedenen Kategorien verunreinigen — bei welcher Gelegenheit jener Sektionsbefund als Beweismaterial zum Behuf einer ritualgesetzlichen Dezifion angeführt wird — oder in Bezug auf Verstümmelungen, durch die ein Sklave seine Freiheit erhält, weisen ebenfalls mit Bestimmtheit auf mehrfache eingeheude, pathologisch-anatomische Untersuchungen des menschlichen Körpers hin (Bechoroth 45a, Ohalot 1, S; 2, 1, Mddah 49b, Kiduschin 25a, 55a, Negaim 6, 7). Embryologische Forschungen, die Entwicklungsphasen des menschlichen Fötus betreffend und mit denen der Tiere verglichen, finden sich Niddah 25a, 31a, Sotah 45b. Chirurgische Operationen werden erwähnt, welche man an Menschen und Tieren vorgenommen, die sogar etwas Organoplastisches an sich haben: bei Menschen das Zunähcn einer aufgcschlitzten Bauchhaut: die künstliche Ersetzung eines verletzten Schädelteiles durch eine trockene Kn» bisschale: ferner eine Art Tracheotomie bei einem Schafe. — der Riß in der Luftröhre desselben verbunden und ansgejüllt mit einem Rohrplüttchen: die Luxation tzes Hü st knocheiis einer Henne geheilt durch einen angelegten Röhrcnvcrband; ein lebend abgerupfter Hahn wird in die Schürze eines Schmiedes gehüllt, der Ofen- Wärme ausgcsetzt und erhält ein neues stärkeres Gefieder. Die letzteren Versuche werden ansgeführt von Simon b. Chalafta, der de» Beinamen „Experimentator" führte und den Wahlspruch „ich will sehen und mich überzeugen", Ahlnlin 56b, 57b. Beispiele von Oväriotomie bei Tieren finden sich Chulin 48a, 55b, besonders bei Kuh und Schwein, Bechoroth 28b, Synhedrin 33a.*) Schon lange gehe ich der Krebsfrage nach und habe vor zwei Jahren dem Komitee für Krebsforschung in Berlin freundlich ausgenommen,: Anträge vorgelegt. Sehr anregend wirkte» daher auf mich die Darbietungen D r. K e l l i n g s, lvelcher der bekannten heteroplastischen Erklärungsweise durch die Annahme von parasitären Eiweißzellen aus ordnungssremden Tierleibern eine neue Richtung und dadurch eine unabsehbare Ausdehnungsfähigkeit gegeben.**) Ter nächste Schluß, der sich für mich daraus ergibt, lautet: Wenn keimfähige Partikelchen aus einem Bogelkörper imstande sind, durch ihre schmarotzende Weiterentwicklung solche entsetzliche Verheerungen im Menschenleibe anzurichten, so kann ihnen auch die Fähigkeit innewohnen, als Substanzen mit irgend einer Heilwirkung in einen kranken menschlichen Leib übertragen zu werden, sei cs auch nur nach einem Durchgänge durch Säugetiere. An eine Virulenz von Ptomainen ist dabei vorderhand nicht zu denken. Doppelt überrascht haben mich als Ornithologe» vom Fach und als dilettierenden Mitforschcr »ach den Krebs-Problemen und mit etwas wie froher Genugtuung erfüllt, die Untersuchungen von Fr a ic D r. R ab ill o w i t s ch , die Tuberkulose bei verschiedenen Vogelarten betreffend, mit der Vorahnung therapeutischer Anwendung auf die verwandten menschlichen Krankheitsforme». Hat keiner an einen möglichen Zusammenhang beider Forfchnngsergebnisse und Hypothesen gedacht? Gegen die Allgemcingültigkeit der K e l l i n g - scheu Theorie ließe sich doch unter anderem einwenden : Es ist längst bekannt, daß beispielsweise in Bayern das häufige krebsigc Erkranken von Magen, Darm und Speiseröhre auf die landesübliche Ernährungsweise zurückznführen sei. Die große Menge heißgenossener Mehlspeisen und der übermäßige Biergenuß wirken abschwächend und auflockernd auf die Gewebe und Phagozyten der in Betracht koinmenben Organe und machen sie zu einem aufnahme- -ähigen Bodeil sür die Wucherungen fremdartiger Gewebsteile. Auch auf Korsika, wo ein Hauptbestandteil der Nahrung in Kastanien besteht, werden für das häufige Auftreten des Magenkrebses die Härchen der inneren Kastanienschale angeführt. Der Mensch ist nicht nur das, was er ißt, er wird auch spezifisch krank von. dem, was er ißt. lind wie es Berufskrankheiten gibt, so gibt es auch durch Nahrungswahl bestiminte Krankheiten. *) Nachstehende später erfolgte Ergänzung blieb unerwähnt, nämlich die gewiß sehr merkwürdige Talmudstelle Baba Mezia 83b, wo von einer Narkose zum Zwecke einer Operation, wie von einem gebräuchlichen Vorgänge berichtet wird: „Dem R. Elasar, Sohn des Simeon, gab man .ein Schlafmittel und brachte ihn in ein Marmorhaus, wo nian jhm den Bauch aufschlitzte und daraus eine große Menge Fett mit roten Wucherungen entfernte." Sollte unter dem „M a r m o r h a u s e" ein aseptisch hergerichtetes Operationslokal verstanden werden? (kl.) **) Dr. K. will nämlich Carcinome der Speiseröhre usw. auf den Genuß von rohen Eiern zurückführen. (PI.) Wie über so vieles zu»» Schuhe der Gesundheit, so geben die biblisch-talmudischen Speise-Gesetze gerade über das vorliegende Thema beachtenswerte Andeutungen: Nach der rabbinischen Auslegung des Bibelverses l. I!. 1l. 9, 4, ist cs allen Menschen strenge untersagt, ei» Stück aus einem lebendigen Tierleibe zu reißen und zu genießen. Es kam die-? in alter Zeit öfter vor, sei es ans ungezügelter Gier oder aus snperstitiöseu Gründe» - eine Perversität, der man noch jetzt bei wilden Völkern begegnet. Es ist darin, ivenn überhaupt, nicht so sehr das ethische Motiv der Tierschonung zu erkennen, da ja auch. das Rupfen lebendigen Geflügels verboten ist (s. Eben H a ä s e r 5), vielmehr das Diätetische des Genusses zu erblicken, ivorauf auch die Blutscheu bei den Nahrungsmitteln zurückzuführen ist. (? D. Redakt. i Selbst ein Ei, worin ein Blutstropfen gesunden wird, gehört zu den verbotene»» Dingen. Wie »väre es, wenn ' Sie die Güte hätten, unter Himveis aus obige Darlegung Fr a n D r. R a b i n o - iv i t s ch zu bestimmen, Vögel auch auf karzinomatische Disposition oder Jmiunnität z>» prüfen? Die Uutersuchuugsergebnisse könnten von größter Bedeutung sür die Menschen-Krebs-Fvrschnng alle Etappen hindurch — Aetivlogie, Pathogenie, Symptomatologie, Prophylaxe, Therapie, Diätetik — zumal sür erblich Belastete oder bei erworbener allgemeiner und lokaler Disposition — und Volks-Hygiene — werden. Darauf hinzielende Aufschlüsse aus eigenen Untersuchungen und Anschauungen bin ich aus W»»nsch zu erteilen gerne berei. Dr. B. Placzek. Offener Brief an die politische» Zionisten Deutschlands. Seit dem Ugandaprojekt haben sich die Tendenzen, die iin Schoße der zionistischen Partei latenterweise schlummerten, zu selbständigen Gruppen heraus entwickelt. Auf eigenen Prinzipien haben sich solchermaßen drei Gruppen ausgebant, die unsere Aufmerksamkeit und Würdigung in hohen» Maße herausordern: l. die Partei der Zione-Zion (Z. Z.) welche jedes airdere Territorinin außer Zion als Grundlage für den jüdische» Staat verwirft. 2. Ihr gegenüber stehend die Organisation der Jüdisch-Territorialistischcn Partei (I. T. O.), welche zi» solcher Gr»»ndlage jedes selbständige Territorinin erhebt, ohne dabei Zion auszufchließen: und schließlich 3. die Gruppe der politischen Zionisten (P. Z.), welche Zion als Endziel und jedes andere Territorium als eine bloße Vorstufe zu deinselben betrachtet. — Es ist nun »nit Freude zu begrüßen, daß sich in der alten, bestehenden Organisation, die jede Gründung eines jüdischen Gemeinwesens außerhalb Palästinas ausschließt, eine Zahl von solchen zusammengefnnden hat, die das Programn» der Zione- Zion nur bcdingterweise anerkennen, um nicht zu agen verwerfen. Wenn wir die Beziehungen, in denen die Organisation der Z. Z. zu der Gruppe der polit. Zionisten steht, untersuchen, ergibt sich unmittelbar, daß die letztere mit der ersteren beständig in Konflikt geraten muß, sowie es sich un» praktische Realisierung der Ziele und Ailsgabeir handelt. Es ist gewiß erfre»»lich. Gesinnungsgenossen, deren energisches Aujtreten sich bereits wirksan» in den Ttürinen des Kongresses entfaltet hat, in den Reihe», der Gegenpartei zu finden. Andererseits wird aber doch die Frage an iie berechtigt und dringlich, welche Förderung für ihre Pläne die politischen Zionisten Deutschlands von der geschlossenen Uebermacht der russischen Zione- Zion erwarten können. Mit der Organisation der „Jto" dagegen befinden sie sich theoretisch in ganz naher Verwandtschaft, praktisch müssen beide sogar die gleichen Schritte tun, um vorivärts zu koinnien. In der Tat: Die Organisation der Z. Z., welche edes mögliche Territorium außer Zion aus ihrem Programm ausgeschlossen haben will, kann unmöglich »nit einer Gruppe zusainmengehen, die ihre Tätigkeit zu 'Gunsten eines anderen Territoriums entfaltet. Was ivar doch das Grundinotiv, das die deutschen Zionisten dazu be>vvg, eine selbständige Partei mit ihren eigenen Zivecken zu gründen? Nichts anderes als die Einsicht in die Notwendigkeit, die Organisation der Z. Z., die jede praktische Tätigkeit auf unabsehbare Zeit hinausschiebt, zu befehde». Zu „I. T. O." dagegen, die ein jedes Territorium, Zion mit einbegriffen, als den Zweck ihrer Tätigkeit anerkennt, zu ihr kann die Gruppe der deutschen P. Z. in keinen anderen als freundschaftlichen Beziehungen tehen — soviel, was die theoretische Frage betrifft. Was die praktische Tätigkeit jedoch anbelangt, die nur darin bestehen kann, ganz unmittelbar uni) geraden Weges auf die Erlangung eines möglichen Territoriums loszusteuern (wobei der Endzweck natürlicher

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