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Neue jüdische Presse · 1905-10-27 · Heft 41 (27.10.1905) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 41 (27.10.1905)
Date
1905-10-27
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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-tr- 41. heit zu träumen und noch mehr an Träume zn glauben; und meine Frau soll gar keine schlechten Gewohnheiten haben." „Ich werde nie mehr träumen, Gregor," sprach sie mit der frühern Schüchternheit. Ihr Mann hatte etwas barsch zu ihr gesprochen. War es ihm peinlich, an den Hund erinnert zu werden, den er auf dem Gewissen hatte? — Draußen wieherten die Pferde und stampften ungeduldig den hartgefrorenen Boden. „Also, bis morgen Abend," sprach er jetzt mit der alten Zärtlichkeit, sie zum Mschiede umarmend; „und wenn Du ganz artig bist und ans Baby gut aufpassest, dann bringe ich Dir vielleicht auch etwas Schönes mit." „Das beste Geschenk kannst Du mir ja jetzt schon geben," lächelte sie unter Tränen. „Das soll aber nur eine Wschlagszahlung sein," ries er, sie wieder und wieder herzlich küssend. Lange noch nachdem das Wagengerassel schon längst verklungen war, saß Rachel noch nachdenkend vor dem lustig prasselndem Feuer, ihr Kind vor sich in dem Schoß liegend. Sie dachte daran, >vie unendlich glücklich sie doch sei — —. Wie glücklich sie war, konnte sie ja dm besten daraus entnehmen, daß sie daran denken konnte, ohne die geringste Beunruhigung zu empfinde». In all den Monaten, seitdem sie den Plan gefaßt, ihren Mann zu ihrem Glauben zu bekehren, hatte sie kein einziges Unbehagen mehr gefühlt, keinen einzigen Augenblick der Reue. Und das konnte als sicherer Beweis gelten, daß Gott ihr vergeben — und dafür wollte sie ihre Dankbarkeit dadurch bekunden, daß sie ihr gewordenes Glück freudig hinnahm und voll nnd ganz es auskostete. Selbst Marfa's feindliche Stimmung, die, wie sie es instinktmäßig fühlte, in der letzten Zeit sich vielleicht noch verschärft hatte, machte ihr nicht die geringste Sorge; im Gegenteil, es war ihr ganz lieb so; wenigstens war etwas vorhanden, um den Neid der bösen Geister abzuwenden —. Mag baljec Marfa grollen, so viel sie nur will; mag sie ihr Schwert noch so sehr schärfen — es hat nichts zu bedeuten — so lange sie damit nur die Luft durchschnitt.- Das Oeffneu der Türe unterbrach ihren Gedankengang. Sebastian betrat ohne Gruß das Zimmer. ■ „Die Spinner aus dem Dorfe sind da," verkündete er knurrend. „Warum kommen sie denn nicht, Ivenn mein Mann da ist?" „Sie wußten es nicht, daß der Herr verreist ist. Soll ich sie auf ein anderes Mal bestellen?" Machel war in Verlegenheit. Das Abnehmen des gesponnenen Garnes, den neuen Flachs wieder abzuwiegen, die Auszahlung des Lohnes, es würde mindestens eine halbe Stunde in Anspruch nehmen; das Kind allein lassen, konnte sie nicht; es nach der kalten, zugigen Flachsscheune mitnehmen, wollte sie nicht. Anderseits wollte sie die armen Leute nicht unverrichteter Sache fortschickcn: zumal sie den Arbeitslohn sicherlich sehr nötig, brauchten. Außerdem wußte sie auch, welche Freude es für Gregor sein würde, wenn sie sich seinen Angelegenheiten widmete und ihn während seiner Mwesenheit, so gut es ging, vertrat. Der letzte Grund loar für sie entscheidend. „Sage ihnen, sie möchten ein wenig warten — ich komme gleich," befahl sie Bastian. Das Kind war eingeschlafen, sie legte es sorgsam in die Korbwiege, ohne zu bemerken, daß eines der kleinen Schuhchen vom Füßchen sich abgestreift hatte, und als sie aufstand, unter den Tisch rollte. Noch einmal warf sie einen zärtlichen Blick auf die kleine Schläferin und ging dann zu den Spinnern —. Nach zwei Minuten schlich Marfa in das Zimmer. Grausame Entschlossenheit war ans ihrer Stirne eingegraben, bestialische Wut leuchtete aus ihren Augen, und die zurückgezogenen Lippen ließen die znsammengebissenen Zähne sehen. Horchend blieb sie einen Augenblick auf der Schwelle stehen. „Ha, Schlange," zischte sie mit teuflicher Rachgier. „Jetzt sollst du mir nicht entgehen —! und kann ich Dich nicht selbst treffen, so soll es Deine Brut büßen-." Entschlossen nahm sie einen brennenden Kienspahn vom Herd und legte ihn' dicht an die Wiege, in welcher das Kind so friedlich schlummerte. Sie wartete bis die Flamme ihre Fangarme nach dem dürren Korbgeflecht ausgestreckt hatte und eilte geräuschlos aus dem Zimmer. Dieses Mal hatte ihr Schwert nicht die leere Lust durchschnitten-. Rachel beendete ihre Arbeit in kürzerer Zeit, als sie anfänglich geglaubt. Im Hausflur schon schlug ihr ein beißender, stickiger Rauch entgegen, und als sie das Zimmer betrat, und den geschwärzten, halbverkohlten Leichnam ihres Kindes am Boden liegen sah, da erhob sie kein Wehgeschrei, sie raufte nicht ihre Haare, sondern blieb mit weit aufgerissenen Augen wie erstarrt stehen; ihr Blut schien sich in Eiszapfen verwandelt zu haben, und sie war keiner Bewegung fähig. Wie geistesabwesend öffnete sie endlich das Fenster, um den Rauch abziehen zu lassen, und als ihr Blick den kleinen Kinderschuh traf, der vorhin unter den Tisch gefallen war, da hob sie ihn mechanisch, auf und verbarg ihn in Frankfurter Israelitisches Familienblatt. ihrem Busen. Warum sie es tat, wußte sie selbst nicht — — —. Ms Gregor nach zwei Tagen von der Reise heimkehrte, da saß sie noch immer tränenlos, ein versteinertes Bild, neben dem kleinen Sarge, der die Ueberreste ihres Kindes barg. „Da haben sie es hineingelegt," war ihre stumpfsinnige Antwort ans alle feine herzzerreißenden Fragen. Gregor ging zu Marfa; er schlich leise und unhörbar an sie heran, seine Blicke fest und lauernd auf 'sie gerichtet, als er sie unvermutet ansprach. Doch Marfa ließ sich nicht überraschen —. Sie wußte ja, daß er sie fragen wird — und ihre Gesichtszüge blieben darum steinhart. „Was passiert ist?" wiederholte sie seine Frage, ihrer Stimme einen harten, metallischen Klang gebend; „wenn ich dabei gewesen wäre, wäre es nicht passiert — da ich aber nicht dabei war, so brauchst Du mich nicht zu fragen." „Vielleicht ist ein Funke vonr Herd in die Wiege gesprungen und hat die Betten in Brand gesetzt?" fragte er weiter, sie wie vorhin scharf beobachtend. „Vielleicht," war ihre kurze, schneidende Antwort. „Sie hatte doch das Zimmer verlassen, als es geschah —." „Ich führe kein Buch über ihr Kommen und Gehen." „Wer, hast Du nichts — rein nichts gesehen oder gehört?" „Nichts weiter, als was auch die Andern gesehen und gehört. Vielleicht weiß Bastian niehr." „Bastian?" „So sagt er; doch mir sollen gleich die Ohren abfaulen, wenn ich auf das Geschwätz des alten Narren hören sollte." Gregor ging hinaus und kam' bald wieder, Bastian am Kragen hereinzerrend. „Jetzt wiederhole, was Du weißt," befahl er nrit eisiger Stimme. „Ich weiß nichts," winselte er; „ich habe nichts gesehen — wirklich nichts.-Ich kann mich auch getäuscht haben." „Erzähle — oder ich reiße Dir die Zunge aus dem Halse." „Herr, ich kann nicht — es war zu gräßlich!" Bastian spielte seine Rolle gut. „Desto besser! Ich höre gern gruselige Geschichten. — — Also hole tief Atem und fange an." Bastian sah hilfesuchend Marfa an, als sollte sie ihm beistehen, um ihm das Schreckliche zu ersparen —. Doch sie zuckte mit den -Achseln und wendete den Blick weg. Endlich schien Bastian genügend Mut gesammelt zu haben, und er fing an: „Bald nach Ihrer Abreise, Herr, hatten die Spinner aus dem Dorfe das Garn gebracht; ich ging zu der Herrin, meldete es und sagte ihr, daß ich sie für ein anderes Mal herbestelleu wollte; doch die Herrin gab es nicht zu; sie sollten warten, sie werde gleich zu ihnen kommen; zuvor habe sie jedoch noch etwas Wichtiges zu tun — —. Als ich schon wieder im Hofe war, fiel es mir ein, daß ich ihr auch noch von dem Kalbe hatte berichten wollen, welches die Kuh getreten hatte; ich ging wieder zurück, und als ich die Türe leise öffnete . . . ." Bastian hielt inne, als falle es ihin ungemein schwer, sortzufahren, und vor lauter Angst und Schmerz preßte er beide Hände krampshast auf die Augen. „Höre aus mit Deinen Bewegungen," sprach Gregor, keinen Blick von ihm verwendend, „und fahre fort mit Deiner Erzählung." Bastian holte tief Wem und gehorchte scheinbar widerwillig. „Als ich die Türe öffnete, da — da — stand sie, den Rücken mir zugekehrt, über die Wiege gebeugt, ihre Arme in der Luft hin- und herbewegend und fremde, unheimliche Worte leise murmelnd. Ich sah noch ein kleines blaues Fläinmchen aus der Wiege aussteigen, und ein übelriechender Rauch erfüllte das ganze Zimmer. Vor Schreck wäre ich fast zn Boden gesunken, und in meiner großen Angst lief ich in meine Kammer und schloß mich daselbst ein, denn ich glaubte, daß sie mit ihrem Zauber hinter mir her sei, weil ich ihr schreckliches Geheimnis, wenn auch unfreiwillig, belauscht. Aber dieser Anblick wird mich verfolgen, bis ich tot bin, und vielleicht auch noch lange nachher." Gregor hatte bisher schweigend, ohne mit der Wimper zu zucken, zugehört; jetzt riß er das silberne Kreuz von der Wand, und dicht vor Bastian hintretend, preßte er es ihm in die Hände und rief mit furchtbarer Stimme: „Hier, kniee nieder und schwöre!" Bastian fuhr zurück. Das hatte er. nicht erwartet. Was, er sollte jetzt einen Falscheid leisten, und die ganze Seligkeit einbüßen? Das war doch nicht so einfach —. Aber, was sollte er machen? Die Wahrheit eingestehen? Da könnte er wohl bald sein letztes „Vaterunser" beten. Ter Herr würde ihn mit eigenen Händen erwürgen —. Das ist eine gute Entschuldigung vor dem Heiligen; zumal es galt, eine verfluchte Ungläubige zu vernichten —. Das kann als zweite Entschuldigung angeführt werden. Uebrigens, wozu gab es denn geweihte Kerzen und Wlaßzettel?-Und Bastian schwor bei dem hei¬ Seite 5. ligen Kreuz, daß es die reine Wahrheit sei, was er soeben berichtet. Mit einem Fußtritt und einem heiser» „Hinaus" wurde er von Gregor verabschiedet. lFortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Honreler Silhouetten. Skizzen von Tan, aus dem Russischen übersetzt von T. Bach. (Fortsetzung.) Ms ich zum ersten Mal einem bekannten Dieb begegnete, reichte ich ihm die Hand nnd sprach mit ihm. Darauf traf ich einen Bekannten nnd er sagte mir: „Ich würde ihm die Hand nicht reichen!" Aber ich sagte: „Nein, da ich so viele Jahre das Handwerk dieser Leute geteilt habe, habe ich jetzt kein Recht, sie nicht mehr kennen zu wollen." Darauf versuchte ich einmal, auf einen meiner gewesenen Kameraden meinen Einfluß auszuüben nnd begann, ihm in die Seele zu reden. „Urteile selbst über Dich," sagte ich ihm, „sieh mal zu, wie die Menschheit auf Dich sieht. Wenn Du bei einem ehrlichen Menschen lebst, betrachtet er Dich nur als eine Citrone, die man auspressen kann, bringst Du ihm aber keinen Vorteil, so bedarf er Deiner nicht. Wenn sie sagend daß sie Deine Freunde sind, so ist das Lüge. Und merke Dir auch: unter den Dieben gibt es keine Solidarität, ergeben sie sich dem Kartenspiel, so beraubt einer den andern. Nehmen wir an. Du hast 50 Rubel verspielt. Du willst sie wieder gewinnen, fängst au zu riskieren, gerätst ins Feuer, man packt Dich, steckt Dich ins Gesängnis. Denke über Dein Leben nach, wieviel Jahre Du im Gefängnis gesessen hast und wie bange Du frei warst. Wenn ein Dieb auch 50 Jahre alt ist, so wird er niemals die Hälfte seines Lebens in Freiheit zugebracht haben, sondern immer mehr im Gefängnis. Bald im Gefängnis, bald auf der Wache, bald per Etappe, bald in der Geheimpolizei, — schließlich müssen die Polizeiagenten auch ihren Gehalt verdienen, sie suchen die Verbrecher auf, schreiben ihnen auch vieles zu, was nicht wahr ist. Und wenn Du ein „Recidivist" bist, so werden sie sagen: „das ist ein professioneller Dieb," wie kaimst Du Dich dann rechtfertigen?" Er sagte zu mir: „Ich kann nicht so viel aushalten, mich nicht so abhärten, wie Du." Ich antwortete ihm darauf, daß mir jedes meiner Leiden angenehm ist, weil ich weiß, daß ich für die Gesellschaft und für eine gute Sache leide. Und die Glieder der Gesellschaft sind dazu da, um ihr zu dienen und nicht, um ihr zu schaden. Er antwortete mir: „Wozu habe ich Deine Gesellschaft nötig." Ich aber sagte ihm: „Denke nur nach, wenn jemand einen Baum pflanzt, so wird er vielleicht selbst nichts von ihm haben, besonders nach fünfzig oder sechzig Jahren, aber dennoch pflanzt er ihn. Wenn unsere Väter uns nichts gelehrt haben, nun, so wollen wir unsere Kinder wenigstens gut erziehen, daß sie uns nichts vorzuwerfen haben." Ich sagte ihm weiter: „Ueberlege Dir mal Dein ganzes Leben. Jetzt bist Du „Recidivist", wenn Du jetzt ins Gefängnis kommst, dann ist es nicht auf drei Monate, sondern auf zwei Jahre. Ist Deine Frist abgelausen, so beginnst Du von Neuem Dein Glück zu suchen, fällst wieder herein und findest Dein Unglück. Und so wirst Du vielleicht das ganze Leben lang betrogen und anstatt des Glückes wird Dir nur Unglück geboten." Er antwortete mir: „Ach was, so wie so werden die Leute von mir sagen, daß ich ein Dieb bin." Ich aber sagte ihm: „Nimm mich zum Beispiel. Ich war auch so wie Du, aber nichtsdestoweniger lebe ich jetzt unter den vesten und edelsten Menschen, und keiner erinnert mich je daran, was ich früher war, keiner wirft mir meine Vergangenheit vor. Für sie hat es im Gegenteil einen Wert, daß ein Mensch aus solch einem Leben zu ihnen zurückgekehrt ist, möge er nicht mir ein Dieb, sondern auch ein Räuber gewesen sein. Und wenn Dich trotzdem einmal irgend jemand an Deine schlechten Handlungen erinnern sollte, dann betrachte ihn mit Bedauern, weil er einen Menschen nicht zu beurteilen versteht." „Sieh' mal, wie Du bleich und mager geworden bist. Du siehst ja kaum menschenähnlich aus," entgegnete er mir. Ich zeigte ihm aber, baß mir meine Leiden nur angenehm erscheinen. Was war ich früher? Ich betrank mich, mehr hatte ich doch nicht; aber jetzt habe ich ein Ideal, und das Leben ist für mich inhaltsreich und interessant. Früher dachte ich, daß ich für die Welt ein Nichts bin, jetzt aber ist mir ein neues Leben ausgegangen und in diesem Leben steckt die Wahrheit. „Derjenige, der hungert und Not leidet, steht mir näher als der, die in Equipagen umherfährt. Ich ziehe den leidenden Menschen vor. Ich kann nicht

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