Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1905-10-27 · Heft 41 (27.10.1905) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 41 (27.10.1905)
Date
1905-10-27
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2692297-2692409-2692450--01956-3518584
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

©eiti 6 Nr. 41 Frankfurlri Israelitisches ffamilienblatt behaupten, daß ich inich in meinen Leiden glücklich fühle, doch weiß ich, daß sie mir mehr Befriedigung gewähren, als früher meine Belustigungen." „Später kam ich zu meinen Bekannten und teilte ihnen mit, daß er mir gesagt habe, er sei nicht dazu imstande, mir zu folge». Darauf erwiderten sie: „Laß ihn laufen, es lohnt sich nicht, sich mit ihm abzugeben." Ich antwortete ihnen: „Einen solchen Menschen kann man nicht zum ersten Mal bekehre». Er kann sich nicht uns, sondern wir müssen uns ihm nähern. Ich weiß aus eigener Erfahrung, daß, als man sich mir näherte und zu mir sprach, ich auch nicht gleich aus alles einging." „Jetzt haben wir beschlossen, uns zusammenzutun: vier Kameraden geben je zwei Rubel, die wir aus der Kasse erhalten, zur Unterstützung jenes Diebes und seiner Frau, also achr Rubel im Monat. Jene sind reich, ich aber behalte fünfundzwanzig Kopeken für mich zurück und gebe ihm 1 3tubel 75 Kopeken monatlich. Meiner Ansicht nach ist es ein Unrecht, — von der Intelligenz habe ich natürlich kein Recht zu sprechen — daß die nicdrigstehendcn Klassen mit solcher Verachtung auf diese Leute sehen. Fängt man einen Dieb ein, so schlagen ihn alle und sagen: jetzt ist er fest, er wird schon daran denken — und stecken ihn ins Gefängnis. Aber darin irren sie sich, — wenn ein Dieb ins Gefängnis kommt, so wird er sich nie bessern. Je strenger es dort zugeht, desto verbitterter wird er; er denkt sich: mein Handwerk bringt es schon mit, daß ich im Gefängnis sitzen muß. Und wenn er in ein strenges Gefängnis gerät, so wird er fürs ganze Leben erbittert. Besser wäre es, Bücher zu schreiben, und die Leser mit guten Worten zu belehren, damit sie begreifen, was. Verbrechen eigentlich heißen. Besonders weise ich aus die Minderjährigen hin. Wenn man mich nicht in jenes Zuchthaus gesteckt hätte, so würden mir auch die Zuchthausgedanken und die Zuchthausordnung fremd geblieben sein, und vielleicht hätte sich dann mein Leben auch anders gestaltet. Nach dem Austritt aus dem Gefängnis begann ich, mich ein wenig mit Bücherlcsen abzugcbcn. Hebräisch lese ich garnicht, verstehe nur russisch, schreibe sehr schlecht, habe aber schon viele Bücher durchgelesen. „Schuld und Sühne" von Dostojcwsky ist ein ausgezeichnetes Buch. Vom Grafen Tolstoi habe ich ein Buch vom Nechludow und von der Maßlowa gelesen und auch Herrn Tschechow habe ich dürchgclesen. Es war mir sehr interessant, wie man so auf dem Papier Menschen so schildern kann, daß, wenn man sic auch nicht sicht, sie doch wie lebendig einem vor Augen stehen." „Dann nahm man mich in eine Vereinigung aus, ich'zeigte mich fähig, man wurde auf mich aufmerksam, und begann, mir Aufträge zur Ausführung zu übergeben. Jetzt fülle ich gleich den andern meinen Platz aus. . „Mein Horizont hatte sich erweitert. Ich begann den Gedanken nachzuhängen, daß wir die Brüderschaft. aller Nationen erstreben müssen, wie Frankreich, Deutschland und die anderen Länder, daß alle Arbeiter ein gemeinsames Ziel und Interesse 'haben und daß, wenn dieses erreicht ist, wir nicht mehr genösigt sein werden, unser Blut im Kriege, im Gefängnis, aus dem Schafott zu vergießen. Jeder Mensch muß durch seiner Hände Arbeit . und Kraft leben und seine eigenen Gedanken haben können." „Nehmen wir z. B. den Krieg. Ich ziehe in. den Krieg. Ich weiß nicht, gegen wen ich kämpfen muß,, ich habe den Menschen, den man mir zu töten befiehlt, weder gesehen, noch gekannt; er ist eben solch ein armer Teufel wie ich. Aus welchem Grunde soll zum Beispiel das 'ganze Proletariat sein Blut für die beiden Klassen, die Bourgcosie und Bureankratic, vergießen? weil die Bourgeoisie neue Märkte nötig hat und die Bnreaulraiie ihre finanzielle Lage aufrecht erhalten muß." „Meiner Ansicht nach besteht die Wahrheit darin, niemandem das Brot fortzunchmen und nicht ans fremde Kosten zu leben. Dem Menschen sollen auf seinem Wege zur Wissenschaft und zur Entwicklung keine Schranken errichtet werden. Jetzt bin ich fest in meinen Prinzipien, wenn ich sogar nicht hätte, wovon zu leben, so könnte ich mir immer durch Arbeit 20 Kopeken verdienen oder mir ein Stück Brot von einem Arbeiter erbitten, um satt zu sein." „Ferner bin ich zur Erkenntnis gelangt, daß ich, trotzdem ich als jüdischer Bürger keine Rechte habe, doch für nichts Abgaben zahlen muß. Weshalb muß ich immer exploitiert werden? Das jüdische Proletariat muß sich seine Rechte selbst erkämpfen, da man sich in der Welt nicht auf andere verlassen kann, jeder muß für sich selbst sorgen. Jetzt hat man aber zwei Nationen auf einander gehetzt und man ist gezwungen auf den Trottoirs mit Eisenstangen in der Hand umherzugehen." „Was mir besonders gefiel/ als ich zum ersten Male eine Versammlung besuchte, war, daß man dort zwischen der Intelligenz und dem Proletariat keinen Unterschied in der Kleidung macht, daß alle vereinigt für dieselbe Sache eintraten." „Was sah und hörte ich da nicht alles! In einem kleinen, niedrigen Hänschen, — wo wir uns früher gewöhnlich nur mit Karten, Branntwein und Weibern abgegeben hatte», befand sich jetzt eine große Menge von Leuten, znm Teil in anständigen, zum Teil auch in schmutzigen Kleidern. Aus einem erhöhten Platze stand ein' junger Mensch mit blassem Gesicht und redete zu uns mit leiser, einschmeichelnder und leidenschaftlicher Stimme. — Ach, was sagte er uns nicht alles! Wie betrunken, kam ich nach Hanse, legte mich hin, konnte aber nicht schlafen. In meinem Kopfe schwirrten die verschiedensten Gedanken durcheinander. Ich wälzte mich von einer Seite ans die andere, machte Pläne, als ob ich im voraus eine weite Fläche meines Lebens überschaue» würde; schlief darauf ein, so fest wie ein Stein, und erwachte am Morgen ruhig und zufrieden. An jenem Tage hatte ich mir gelobt, mich von meiner ganzen Vergangenheit, von all meinen gefallenen Freunden loszusagen und meine Kräfte dieser neuen Sache zu weihen" . . (Fortsetzung folgt.! Vereins-Kalender. Verein Montestore. Mittlvoch, 1. November, abends 9 Uhr im Vcreinslokale, Scilerstraßc 22, Parterre: Vortrag des Herrn Rabbiner 2r. Wachenheimer, Aschaffenbnrg: Schillers Vorlesungen über Weltgeschichte und Judentum. Donnerstag, den 2. November, abends 9 Uhr, Scilerstraßc 22, Parterre: Vortrag des Herrn Jul. Gans, Diplom. Handelslehrcr: „Ansgewählte Kapitel aus dem Handelsrecht." Verein Nachlatz Zivi. Sonntag, 29. Oktober, abends 6 Uhr, am Thiergarten 8. Vorlesung für Damen. I. Zyklus: Ausgewählte Kapitel aus den Psalmen. Dr. I. H. Bondi. Mittwoch, den l. November, abends 85/4 Uhr, im Vcrcinslokal Schützenstraße 2:1. Lehrgang: Grundtatsachen des jüdischen Bewußtseins. Leitung: Dr. I. H. Bondi; a) Montheismus und Heidentum. Referent: Max Neuberger. Zionistische Bereinigung Frankfurt a. M. Dienstag, den 31. Oktober, abends 8% Uhr, im Kursaal Milani: Vortrag des Herrn Ingenieur Jos. Feingold: „Die Wasserkräste Palästinas". Familiennachrichten. (Aufnahme in diese Rubrik kostenlos). Geburten. Ein Sohn, Herrn Joses Abramowitz (Bing), Frankfurt a. M., Friedbergcr Landstraße 103. Eine Tochter, Herrn Max Flink (Fränkel), Plauen. Eine Tochter, Herrn Amtsrichter Dr. Alphons David (Oppenheimer), Opladen. - Eine Tochter, Herrn Siegmund Sommer (Stettenheimer), Frankfurt a. M., Körnerwiese 15. Verlobte. Cäcilic Levi, Frankfurt a. Nt., Börnestr. 1, mit Hermann Hirschberg, Zwesten (Bez. Kassel). Johanna Sichel, Frankfurt a. M., Hasengassc 7, mit Sigismund L. Rubinstein, Wilna. Hanna Heilbnt, Frankfurt a. M., Rvderbergwcg 39, mit David Rothschild, Fürth. Helene Rosenbaum, Frankfurt a. M., Röderbergweg 37, mit Berthold Danzig, Breslau. Paula Vogel, Frankfurt, Elkenbachstraße 8, mit Max Vogel, Frankfurt a. M. Sterbefälle. Alexander Mayer, 87 Jahre alt, Frankfurt a. M., Gärtnerweg 31. Edmund Weil, 36 Jahre alt, Mainz. Adolf Lichteubergcr, 73 Jahre alt, Brette». Josef Levy, 63 Jahre alt, Gernsheim. Fräulein Schulze, Sie vertreiben mir die Kundschaft. fmit dem bellenden Husten und Sie stecken mir das andere Personal an. — Aber ich kann doch nichts dafür, wenn ich erkältet bin. Was soll ich denn machen? — Was sollen Sie machen? Fah's ächte Sodener Mineral- Postillen sollen Sie kaufen? Sie wissen doch, daß die in ein paar Stunden schon lindern und auch den hartnäckigsten Husten beseitigen. Gehen Sie jetzt nach Haus, kaufen Sie für 85 Pfg. unterwegs, eine Schachtel und morgen sind Sie gesund — verstanden?! Wochen-Kateuder. (Zeitangaben nach dem Lunch.) Samstag, den 28. Oktober, Wochenabschnitt Bereschis. Sabbath-Ausgang in Frankfurt a. M. 5 Uhr 55 Min., Straßburg ü Uhr, Berlin 5 Uhr 55 Min. Kaiser Friedrich Quelle - Offenbaeli a. M. - Vornehmstes Tafelwasser. Offenbacber Druckluft=Hnlage Telefon 123. Offenbach a. M. Telefon 123. Unübertroffene bewährteste Teppichreinigung. Der heutigen Nummer unseres Blattes liegt ein Prospekt über B n t t e r i ck ' s M v d e n - R e v u e bei, worauf-wir die Leser besonders aufmerksam machen! " ——— ™ — Oje neueste Familien-Zeitschrift «.KIND UND KUNST» Herausgeber: Hobst ALEXANDER KOCH—Pamitadu "I erregt allgemeines Aufsehen und erobert sich im a . Sturme die Herzen aller Eltern, Lehrer und Kinder m Das soeben erschienene 1. Heft des IL Jahrgangs (Oktober 1905) enthalt 60 Illustrationen und 3 ein- und mehrfarb. Beilagen und bringt u. a. Beitrage aus allen Gebiet " im Leben des Kindes": der Zeichen-Kunst, dem Spiel, dem Tanz, der Musik, der Dicht- und Märchenkunst in vortrefflichen Originafleistungen. Bestellen Sie umgehend das Oktobcrheit 1905 zum Preise von nur Mk. Weihnachtsband (1905) mit Ob. 600 Illustr. eleg. gebunden Mk. 14L I»!80- I . .. ' AVGX: KOCH Leopold Seligm&nn’s Nachfolger Nette Zeit 7 Illik. JNichael Schuster Rechneigrabenstr. 15 unter Aufsicht Sr. Elirw. des Herrn Rabbiner Dr. Brener. . Conditoreiwaren, -r TiTS«. -.----- Versand nach dem In-und Ausland. X. Delliehausen, Frankfurt a. M. Holzplbrtclien 1. Mainzer liaiitlstrasse 138. Telephon 754. Telephon 1430. Möbeltransport, Spedition, Lagerung. Ueberseeische Transporte in eigens dazu konstruierten Möbelkoffer. Auf der internationalen Ausstellung für Kochkunst in Frankfurt a. M. (Oktober 1905) wurde das Kochbuch für die einfache und feine jüdische Küche von Marie Elsässer, das 3759 praktisch erprobte Rezepte enthält, mit der Medaille _ ausgezeichnet. — Preis eleg. geb. Mk. 7.—. Frankfurt a. M. J- Kauffmann, Verlag.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.