Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 41 (27.10.1905)
- Date
- 1905-10-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. linen, die in der von Rabbiner Reines gegründeten Jeschibah vorgetragen werden, nennen wir: 1. Talmud mit den Kommentatoren in aussteigenber Abstufung — und in sechs Lehrkurse cingeteilt. 2. Die vier Coden mit den Kommentatoren in vier Kursen und in vier Jahrgängen. Jüdische Geschichte, von Fachmännern vorgetragen. Hebräische Grammatik, die Propheten mit den klassischen Kommentatoren und Geographie Palästinas. Außerdem werden noch vorgetragen die Disziplinen Responsenliteratur und talmudische Methodologie, sowie die hebräische Literatur der spanisch-arabischen Periode. Alsdann wirb in der Jeschibah gelehrt: 1. Russische Sprache und Literatur, allgemeine Geschichte und Geographie, Mathematik und die ersten Anfänge der Naturkunde. Beim Verlassen der Anstalt soll der Kandidat die jüdische Bildung eines Rabbiners vom alten Schlage und dabei doch die Reife zum Examen, das nach Bestehen desselben ihn berechtigt, auch das Kronrabbinat zu übernehmen, besitzen. Soviel wir wissen, hat Herr Rabbiner Reines die bei der Regierung nachgesuchte Erlaubnis zur Gründung dieses Institutes erhalten. v Die Person düs Gründers dieser Jeschibah bürgt uns für die guten Erfolge des Unternehmens. Möge diese hohe Schule Männer hervorbringen, die ihren Bestimmungen und heiligem Berufe gewachsen sind und unsere russischen Brüder in die richtigen Bahnen leiten. Möge diese Lehrstätte den schlummernden jüdischen Genius wecken und zum Leben bringen. Wenn der Volksgenius zum Leben erwacht und sich cinstellt, schreitet das Volk sichern Schrittes und geht einer sichern Zukunft entgegen.' Die Woche. Wie unfern Lesern durch die Tagespresse bekannt ist, ist Fürst Trubezkoi, der Vorkämpfer für Wahrheft und Recht im Lande des Unrechts und Progrome, mitten in einer Beratung im russischen Kultusministerium plötzlich zusammcngebrochen und im besten Mannesalter jählings von: Tode hinweggerafft worden. Mft dem Tode dieses Mannes verlieren nicht nur—die Wissenschaft und die russische Freiheftsbewegung einen ihrer besten Söhne, sondern auch wft Juden erleiden einen großen Verlust. War doch Fürst Trubezkoi neben seiner steten Befürwortung der bürgerlichen Gleichberechtigung der Juden, der erste Gelehrte in Rußland, der, an der Sefte des jüngst verstorbenen Philosophen Solowieow, das Judentum und seine Kultur zu erkennen, die religiöse Wellanschauung der Juden wissenschaftlich zu erforschen bestrebt war. Trubezkoi hat eine streng wissenschaftliche Abhandlung über die religiöse Weltanschauung der Juden veröffentlicht, die an Wissenschaftlichkeit und Vorurteilslosigkeit nichts zu wünschen übrig läßt. Daß unsere Brüder in Rußland die Verdienste dieses Mannes als Menschen, Polittker und Gelehrten zu würdigen wissen, beweist der warme Nachruf des Moskauer Rabbiners Mase, den dieser am Grabe des Verstorbenen hielt und der Kranz mit der Inschrift: „Dem Vorkämpfer für Freiheft und Recht, dem Men Menschen und Freiheitsfreund", den die Moskauer Juden auf seinen Sarg gelegt. * » * Die in Wilna erscheinende hebräische Tageszeitung „Hasman" bringt aus der Feder ihres schweizerischen Korrespondenten, Simon MUlncr-Bern, eine Unterredung des letzteren mft dem bekannten russischen Priester Gapon. Der Berichterstatter hatte in dem offiziellen Anzeiger des Kantons Luzern gelesen, daß in Scheinau am Vierwaldstättersee, ein jetzt weit unb breit bekannter russischer Priester Aufenthalt genommen habe, und er vermutete gleich richttg, daß es Gapon sei; er fuhr nach Scheinau und interviewte ihn über die russische Judenftage. - Gapon ließ sich folgendermaßen aus: Die Judenexzesse werden zwar von den Hooligans, dem schwarzen Hundert, besorgt, doch sind sie ein Werk der Bureaukratte. — Rußland hat jetzt mehr als eine Frage zu beantworten. Die Judenfrage ist eine der Fragen, die in Bälde gelöst werden müsien, und sie wird dann gelöst werden, wenn das russische Volk seine eigene Frage selbst gelöst ■ haben wird. Der Sieg des Volkes über die Bureaukratte wird Ruß« Frankfurter Israelitischer FamDenblaN. land Befreiung bringen und diese Befreiung wird das große Fragebündel löse». Wenn die'Führerschaft des russischen Volkes sich nicht mehr aus Suworins, Kruschwans und Gringmuts, sondern aus Patriotischen Männern zusammensetzen wird, Ivird auch kein Hooliganentum mehr in russischen Landen vegetieren. Es ist meine feste Hoffnung, daß noch der verheißungsvolle Tag anbricht, der uns einen Sieg der Wahrheit über die Lüge bringt — und dieser Tag eilt mit Riesenschritten heran. — Mein Aufruf an das russische Volk, der das Volk über das Wesen der Judcncxzesse aufklärt, hatte großen Erfolg; leider konnte er nicht in so großen Mengen verbreitet werden, wie es wünschenswert gewesen wäre. Brief, aus England. Die „Jomim nauroim” gestalteten sich im Ghettoviertel Londons zu wirllichen schrecklichen Tagen im konkreten Sinne des Wortes, ganz besonders aber der letzte Tag — Jom Hakippurim. Wenn deutsche Kommisbürschchcn mosaischer Konfession es unmöglich-finden, ihren Hunger für ganze 24 Stunden durch kiulim und Seliclioli zu stillen, stehlen sie sich unbemerkt aus der Synagoge und begeben sich in ein entlegenes Restaurant oder jn den nahen Wald, wie es in einer Erzählung Zlocistis der Fall ist. Das genügt aber den hebräischen Frciheitssöhnen des großen Zarenreiches bei weitem nicht. Stehen die Men 24 Stunden in tiefer Demut und Zerknirschung vor ihrem himmlichen Vater, ihn um Gnade und Vergebung anflehend, wobei manche die ganze Nacht hindurch in der Synagoge bleiben, so erachten es ihre demokratischen Söhnchen, die Blousenmänner, um mit meinem Freund Le Matlre zu sprechen, als ihre Pflicht, die Heiligkeit dieses Tages öffenttich zu entweihen und durch die ausgelassenste Freude zu dcmonsttieren, daß „Gott gestorben und die Welt jetzt aufgeklärt sei", wie es in einem ihrer Plakate heißt. Beginnt mit dem ersten Schall des Schofar am Roschctiodesch Ellul das religiöse Leben im Ghetto, welches auch sonst intensiv ist, stärker zu pulsieren, so werden auch unsere „Genossen" rühriger. Die großen verlockenden Affichen der verschiedensten Bethäuser und Lliasanim werden mit sozialistisch-anarchistischen Plakaten bedeckt, die die ftevelhaftesten, zugleich auch, dümmsten Lästerungen auf Gott und Religion überhaupt enthalten, und die gelbschnäbeligen armen Schlucker von Politiktreibern, die das ganze Jahr hindurch die intimsten Beziehungen zum Hunger haben, den sic im besten Falle durch ein Stückchen Brot mit einem Häringsschwauz oder ein paar Zwiebeln befriedigen können, legen unter den größten Entbehrungen einige Shilling zurück, damit sie einen recht lebhaften Anteil an dem Jomkippur ball nehmen und nicht nur sich selbst an diesem Tage satt essen, sondern auch einem andern eine fteie Mahlzeit anbictcn können. Da diese Orgien eine Art Kultus bilden und viele von den Feiernden gewesene Talmudjünger sind, so werden natürlich die Feste nach dem talmudischen Festprinzip cheziau laschem vcheziau lochem eingerichtet und wird auch für die Befriedigung des Geistes Sorge getragen. Parallellaufend niit den Gebeten werden verschiedene geistreiche „leclures" gehalten: Zu Kol-nidrei wird die Nichtigkeit der Beweise für das Dasein Gottes demonstriert, zu Llaktir ck-Jouab werden verschiedene Kapitel aus Auguste Eo.mtes Werken und Büchners „Kraft und Stoff", das sich bei diesen Leutchen einer ganz besonderen Popularität erfreut, vorgetragen und wenn die Tkioh gilaulah ganz Israel den Schluß des Jaurn-dadin und die Aussöhnung unsres Vaters und Königs mft seinem Volke verkündet, ertönt im Sozialisteirklub des Ghetto, der aber einer andren Vorschrift unsrer Weisen:■ Maussifia mechaul al hakaudesch folgend das Fest bis in die späte Nacht fortsetzt, der Klang der kriegerischen Marseillaise. Dieses wahre LIinhag chassickim ist hier, wie so manche gute Sftte, von der andren Hemisphäre unsrer Erdkugel herühergekommen. Nur sind unsre „Genossen" nicht so begütert, unr der Göttin der Freiheit einen Tempel zu widmen, wie es ihre amerikanischen Brüder sich leisten könnten und müssen sich daher mit einem „Klub" begnügen, der zwar mehr einem verwahrlosten Schweinestall als einem Klub ähnlich sieht, dafür aber den Vorzug hat, an 41. einer der orthodoxesten Synagogen Whitechapel's zu grenzen. In der Provinz wirkte das Beispiel der Hauptstadt-ansteckend nur in Leeds, wo die große Kolonie orthodoxer Juden aus Rußland und Polen ebenfalls ein Häuflein ähnlicher Geistes- und Freiheitsheldeu in ihrer Mitte beherbergt. Solange aber die „Genossen" ihre Feste für sich feierten und nickst aggressiv wurden, beachtete sie auch niemand. Wohl blutete manches jüdische Herz beim Anblick dieser Missetat und mancher Mund öffnete sich vielleicht zu einem Fluche, aber dabei blieb es auch Man rief den Zorn des Herrn auf sie herab, man stötte. sie aber nicht in ihrem Tun und ließ sie nach ihrer Fa?on selig werden. Das schmeckte nicht besonders den ' Blonsemnännern, die es auf eine Propaganda ihrer resormiertesten Auffassung vom Versöhnungstag unter den Massen abgesehen hatten, und sie beschlossen, die Agitation wirkungsvoller zu betreiben. Die Wände vieler Synagogen wurden mit ihren „aufgellärten" Affichen bedeckt, nach der Synagoge gehende Greise wurden verspottet und manchmal sogar mit Bierflaschen beworfen, die Vorsteher und Rabbiner vieler Schulen erhielten Einladungen zum Ball und Mittagessen, und Handwagen wurden mit Obst beladen und mit der Aufschrift „Kol dichfin jeisse wjeichul” versehen, vor den Eingang der orthodoxen Schulen aufgepflanzt. Diese unerhörte Frechheit erschütterte endlich die Geduld des Volkes und steigerte ihre Empörung bis zum Siedepunkte. Und so begann die Reihe der wüstesten Schlägereien und Prügeleien, die sich jahraus, jahrein mit einer merkwürdigen Regelmäßigkeit wiederholen und der Volkspresse, den „halt penny papers” so reichhaltigen Stoff anbieten, während sie den „englischen" Juden die Gelegenheit geben, auf die Polacken" wieder ein Wenig schimpfen zu können. Ihren Höhenpunkt erreichten aber diese Szenen am heurigen Versöhnungstag, obwohl der Chief- Rabbi Dr. Adler zwei Tage vorher in feiner Schabboß-Schuwoh-Predigt sein ganzes Rednertalent dazu verwendete, die Massen zu ermahnen, nichts mit den Sozialisten anzufangen. Tausendköpsige Menschenmengen füllten alle Straßen und Zugänge, welche zum Gäßchen führen, in den: sich der Sozialistenllub besindet. Die Polizei wurde durch 200 Schutzleute und mehrere Wachtmeister verstärkt, erwies sich jedoch in vielen Falle» als zu schwach, dem Andrang der Masse Hält gebieten zu können. Eine Abteilung überwachte das Gäßchen Princeletstreet und ganz besonders den Klub, und jeder, der den Klub verlassen wollte, mußte von ein paar Polizisten eine ganze Sttccke begleitet werden, damit er nicht der Wut der Massen zum Opfer falle. Denn wehe dem, der nicht schnellfüßig genug war, seine Wohnung bald zu erreichen, nachdem die polizeilichen Schutzengel sich von ihm verabschiedet hatten; er war nicht seines Lebens sicher. Die Feier endete diesen Versöhnungstag damit, daß nicht weniger als 8 Personen mehr oder weniger gefährliche Wunden erhielten und ein öfterer Herr von einem töttichen Messerstich getroffen wurde. Diese Zahlen werden zwar von der englischjüdischen Presse in Abrede gestellt, aber sie scheint in diesem Falle nicht zuverlässig zu sein, da sie überhaupt die Tendenz hat, diesen Exzessen aus irgend einem Grunde ihre Bedeutung zu benehmen. Die Polizei machte sehr viele Verhaftungen und scheint diesmal härtere Strafen über die Verhafteten verhängen zu wollen, wodurch sie ein warnendes Beispiel für die Zukunft zu geben glaubt. Merkwürdigerweise sind aber die Verhafteten, mit wenigen Ausnahmen, Sozialisten, die, Atheismus als Grund angebend, sich auf die Bibel nicht beeidigen-lassen wollten. Der Richter, der, ohne die Dinge näher zu untersuchen, in den „Genossen" wegen ihrer Anschauungen Verfolgte zu sehen glaubt, scheint mehr auf 'Seite der Sozialisten zu sein und gab der Hoffnung Ausdruck, es nächstes Jahr mit den in Wirklichkeit Schuldigen zu ttin zu haben. Wir hoffen aber, daß die Massen nächstes Jahr vernünftiger sein und in der Synagoge bleiben werden, um nicht durch diese fürchterlichen Szenen unsren stammesbrüderlichen „Genossen" unnütze Reklame zu machen. Der Hefkeiruß ist auf diese Weise kein Damm zu setzen. .. London. J. M. S.