Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 41 (27.10.1905)
- Date
- 1905-10-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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gtxan&fuxtet Zsnklitislhes foiiiliraklitt. H^e-aKtt-n Md Geschäftsstelle: Zrsnkfurl s. m.» Leiligkeuzgaffe 52, Lcke Llapperfeldstraße Telefon 10507. HevansgeSev: Aals Gels. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis Pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— stet ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 2ö Pfg. ' Die Reklamezeile. Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Üebereinkunft. 3 Jahrgang. Freitag, de» 28. Tischri 5666 <27. Oktober 1905). No. 41. Inhalt des Haüptblattes: Artikel: Die Notwendigkeit eines russischen Rabbinerseminars. — Die Woche. — Brief aus England. — Aus aller Welt. - Personalien. - Aus den Vereinen. —Vom Territorialismus. — Feuilleton: Das Judengrab in der Steppe, Roman von Samuel Gordon. — Homeler Silhouetten. — Vereins-Kalender. — Familiennachrichten. Die Notwendigkeit eines russischen Rabbinerseminars. Es war der Philosoph des Krastmenschentums, der Heldenverehrer Thomas Carlyle, der die Leistungen eines Volkes für die gesamte Kultur der Menschheit nach seinen hervorgebrachten Persönlichkeiten und Genien bewerten und die Fähigkeit eines Volkes nach dem Maße des Verständnisses, das es seinen Genien entgegenbringt, beurteilen wollte. Nach dieser Konsequenz muß die Grundlage für die Beurteilung einer Volkskultur der Grad der herrschenden Harmonie zwischen Volk und Führer bilden. Würden wir diese Wertungstheorie auf unser Volk, insbesondere auf unsere ein jüdisches Volksleben noch bewahrenden Brüder im Osten, anwendcn, so hätten wir wenig Grund, mit den Resultaten zu prahlen. Auf religiösem Gebiete ist freilich das Gefühl der Subordination hoch entwickelt, aber wie kläglich ist es damit auf sozialem und politischem Gebiete bestellt. Da herrscht infolge der schrecklichen ökonomischen und politischen Zustände eine Anarchie und eine Verwirrung, wie sie nicht schlimmer gedacht werden kann. Untersuchen wir aber die Ursachen dieser traurigen Erscheinung, so ergibt sich für uns, daß es nicht das schlechte Milieu allein ist, in dem unsere russischen Brüder leben, das diesem Uebcl Vorschub geleistet, sondern ein guter Teil für diese Zustände darf auf das Konto der russischen Juden gesetzt werden, die auf dem Gebiete der Erziehung den Mittelweg nicht finden konnten oder wollten. Man braucht gar kein Pestalozzi zu sein, um einzusehen, wie ein Teil der jüdischen Erziehung in Rußland im Argen liegt. Die Erziehung in allen ihren Abstufungen war in Rußland von jeher eine einseitige. Und eine einseitige Erziehung bildet größtenteils einen einseitigen Menschen heran. Die Folgen einer solchen Erziehung sind leicht einzusehen. Ein Jüngling, der für den Rabbinerberuf, den Gcmeindeführer, bestimmt, und zu solchen sind ja die meisten jungen Leute erzogen worden, verweilt Jahrzehnte auf den talmud. Schulen, lernt ausschließlich Talmud und tritt alsdann im Mannesalter in sein hohes Amt ohne Kenntnis der Welt und der Menschen. Wohl kennt der russische Rabbiner vom alten Schlag unser religiöses Schrifttum, den Talmud und seine Kommentare, die Responsenliteratur und die vier Coden, aber sein Voll und seine Bedürfnisse kennt er zum größten Teile nicht. Häufig fehlen ihm auch die Kenntnisse der hebr. Sprache, .und unsere schicksalsreichc, wechselvolle Geschichte ist ihm ein Buch mit 7 Siegeln. Daß er die Kenntnisse der Landessprache entbehrt und die politischen und sozialen .Zustände seincs- Milieus ignoriert oder nicht versteht, dürste ebenfalls zu den Ursachen des zwischen Volk und Führer herrschenden Mißverhältnisses gehören. Dabei ist aber nicht zu übersehen, daß die jüdische Gemeinde in Rußland keine „Kultusgemeinde" ist, die lediglich „regiöse Ziele" verfolgt: der jüdische Rabbiner in Rußland ist nicht nur Prediger und religiöser Repräsentant der Gemeinde. Schon die äußeren Lebensbedingungen unserer russischen Brüder im Ansiedlungsrayon verursachen nicht nur ein religiöses, sondern auch ein soziales und politisches Zusammenleben. Tie russischen Juden haben z. B. noch eine eigene Gerichtsbarkeit. Der „Choschen Mischpat" ist ihr Code nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis. Der Rabbiner^ ist noch also neben seinen religiösen Funktionen auch Richter usw. Vorsteher einer Gemeinde mit religiösen, sozialen und politischen Zielen, muß der Rabbiner mehr als das religiöse Haupt der Gemeinde sein. Seine Aufgabe muß es sein, seine Gemeinde auf allen Gebieten des Lebens zu vertreten. Um aber seines Führeramtes, der Zeit und deni Milieu entsprechend, zur Zusriedenheit der Gemeinde walten zu können, muß er neben einem Mann der Thora auch ein Mann des Lebens sein. Das war der Rabbiner in früheren Zeiten auch gewesen, und er hatte demgemäß einen großen Einfluß ausgeübt; daß er zum großen Teile es heute nicht mehr ist, hat manches Uebel in der russ. Judenheit verursacht. Sein Einflllß ist und muß so ein beschränkter sein; er ist nicht „die" Autorität der Gemeinde, sondern eine Autorität auf einem Gebiete der Thora. Nun befindet sich der Staat, in dem die größere Hülste unserer Brüder lebt, in einem Uebergangs- Stadium. Eine vollständige politische und ökonomischsoziale Umwälzung ist jetzt in Rußland in Sicht. Tie Erregung der Gemüter in Rußland und besonders innerhalb der Judenheit, ist eine starke. Niemand kann Voraussagen, welche Folgen dieser Umwälzungsprozeß in Rußland für die Juden haben kann. Sie sind nun aber einmal in den Strudel des politischen Kampfes hineingezogen worden, sic hab^n schon da ein großes Stück Weges zurückgelegt, und ihr Fortschreiten auf diesem Wege ist nicht mehr aufzuhalten, auch, wenn es im Interesse des Judentums wünschenswert wäre, was ich allerdings nicht beurteilen kann. Und gerade in diesem Momente des tobenden Kampfes und der Verwirrung macht sich das Bedürfnis nach einem jüdischen Führer von ausgeprägter Individualität und scharfem Blick fühlbar. Tie russische Judenheit entbehrt bis jetzt eines solchen Mannes, der vermöge tieferer Einsicht und Macht die Mittel in Händen hätte, die großen jüdischen Volksmassen zusammenzuhalten. Solche Volksführer, wenn sie im Interesse des historischen Judentums wirken sollen, müssen sich aus den Kreisen der Rabbiner, der Gemeinde-Repräsentanten, rekrutieren. Aber uns fehlt in Rußland bis jetzt jede Stätte für die Heranbildung solcher Männer. An Versuchen hat es schon allerdings auch auf diesem Gebiete nicht gefehlt. Ich erinnere nur an die „seligen" Rabbinerseminare in Wilna und Schitomir. Tie genannten Institute waren nach deutschem Muster errichtet, die russische Judenheit versprach sich seiner Zeit sehr viel von diesen zwei Instituten. Aber die Verhältnisse und Lebensbcdingungen der deutschen Judenheit sind doch gar zu verschieden von den Lebensbedingungen und Verhältnissen der russischen Juden. Die jüdische Gemeinde Deutschlands ist seit der papierenen Emanzipation der deutschen Juden zu einer „Kultusgemeinde" herabgesunke», während die jüdische Gemeinde in Rußland eine Gemeinde in des Wortes weitester Bedeutung ist. Die deutsch-jüdische Gemeinde verlangt ja wirklich nicht mehr als einen „Prediger" und einen Vertreter nach außen. Nun, dieses deutsche Muster der Rabbincrseminare zu Wilna und Schitomir sollte auch ihr Verderben sein. Tie Zöglinge dieser Institute erhielten eine gute allgemeine, formale Bildung, waren vielleicht beim Verlassen der Anstalt gut ausgebildete Redner und gebildete Männer, aber mit ihrem jüd. Wissen war es nicht so weit her, als daß das Volk ihnen Vertrauen entgegenbringen konnte. Die ergänzende allgemeine Bildung ward da zur Hauptsache, und der Geist, der in diesen Schulen herrschte, konnte nicht auf die zukünftigen Volks- und Gemeindeführer derart wirken, daß sie nach dem Eintritt in ihr Amt die Interessen des traditionellhistorischen Judentunis vertreten konnten. Tie genannten Rabbinerseminare waren vom Geiste der alles negierenden Haskala geschwängert. Den Leitern der Seminare fehlte der tiefe, moralische Ernst, und ihr Einsluß auf ihre Schüler war geradezu verderbend. Mit anderen Worten: Das Aeußerliche und Oberflächliche herrschte in jenen Lehrstättcn vor, und da die Leistungen der Seminare den Bedürfnissen des jüdischen Volkes in Rußland nicht entsprachen, verloren sie jeden Bode» und mußten zu Grunde gehen. Und seitdem — es sind inzwischen Jghrzehnte verflossen — die jüdischen Lehrerseminare zu Wilna und Schitomir geschlossen wurde», wollte es unser» Brüdern in Rußland nicht gelingen, ein Erziehungsheim für ihre einstige» Rabbiner und Führer ins Leben zu rufen. Wir wollen nicht an dieser Stelle die Gründe dieses Unterlassens untersuchen, sondern nur die Tatsache feststellen. Es wird heute in Rußland die einseitige Erziehung sortgesctzt, und die schweren Folgen dieses Erziehungssystems lassen sich kaum absehen. Auch fehlt uns dafür jede Garantie, daß mit dem Wechsel der Verhältnisse und der Lebensbedingungen in Rußwand die talmudifchen Schulen, „Jeschiboth" genannt, in der Zukunft werden bestehen können. Nur wenige scheinen diese drohende Gefahr klar erkannt zu haben und einer dieser wenigen ist Rabbiner Reines in Lida, der berühmte talmudische Methodolog und Misrachistensührer, der es unternommen hat, durch die Gründung eines den modernen und jüdischen Bedürfnissen entsprechenden Rabbinerseminars Aiänner von gediegener talmudischer und allgemeiner Bildung heranzubi.dori. Herr Rabbiner Reines hat uns den Plan seines; Unternehmens, sowie das Lehrprogramm dieses seit kurzem bestehenden Instituts in aller Ausführlichkeit auseinandergesetzt. Danach ist ei» sel's?nhrig?r Besuch dieses Instituts, das sich ebenfalls „Jeichibah" nennt, vorgesehen. Von den einzelnen Tir-zip-