Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 3 (1905)
- Issue
- Heft 26 (7.7.1905)
- Date
- 1905-07-07
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26. Jahrbuchs so sprechen, jedoch hintennach identifiziert er doch die Stimmen des „Einzelnen, Einzelnen" mit dem Gesamtzionismus. (S. 20.) Wir können aber noch hinzufiigen, daß der' eine dieser beiden Mitarbeiter — der' andere, wir wiederholen es, ist in weiten zionistischen Kreisen und auch uns gänzlich unbekannt — noch vor wenigen Jahren nicht imstande war, selbständig in den Quellen „der mißverstandenen rc. Tradition" zu lesen — müssen wir Orthodoxe uns vor einem solchen Religionsgegner fürchten? — und daß die Behörde, die zu entscheiden hat, was Zionismus ist und was nicht, nämlich der Kongreß, diesen einen Mitarbeiter wegen seiner Ideen und Bestrebungen direkt desavouiert und bloßgestellt hat, so daß er grollend mit seinem Anhang den Sitzungssaal in Basel verließ. (Kongrcßbcricht V, S. 402.) (Wir wollen seine wirklichen Perdienste um den Zionismus hier nicht schmälern.) Also: der offizielle Zionismus mißbilligt alle Bcstrcbunge», die direkt oder indirekt ihre Spitze gegen die Religion richten. Das; man aber „von der offiziellen Zentralleitnng nicht verlangen kann, daß sie die atheistischen Elemente Ausscheide", geben die E. A. (D. 16) ja selbst zu. Wie tendenziös im übrigen der Autor der E. A. die ihm geeignet erscheineuden Stellen in der zionistischen Literatur ausnützt, dafür folgendes Beispiel. Der Autor zitiert (S. 7) anS Nordaus Broschüre: „Diese neuen Juden zucken die Achsel bei dem seit 100 Fahren in Schwung gekommene» Rabbiner- .... Geschwätz . . . ., daß die Jaden ewig unter den Völkern in der Zerstreuung leben müssen, ujtt sie . . . zu reiucm Rationalismus und zu einem idealen Kosmopolitismns zu erziehen nsw." und nimmt energisch gegen diese Sätze Stellung. Wer nur einigermaßen selbständig denkt, erkennt sofort beim Lesen, daß damit niemals orthodoxe Rabbiner -gemeint sein können, denn ihre Lehren sind nicht 100, sondern mindestens 1800 Jahre alt, auch lehren sie nirgends, daß der (Kölns ewig dauern wird und ferner strebt das gläubige Judentum niemals einem reinen Rationalismus, d. i. einem religionslosen, rein wissenschaitlicheu Erfassen des Weltganzen zu. Niemand wird behaupten, daß Nordau bei diesen Worten die altgläubigen, orthodoxen Rabbiner im Auge gehabt habe, die nach seinen eigenen Worten „schlichtgläubig noch heute die Gebote um Zion buchstäblich .meinen" (2. 6 der E. A.) Diese ganze Charakteristik (lOOjähriges Alter, Aufgeben des ZionsgedankenS, Rationalismus, Kosmopolitismus) paßt vielmehr genau auf die Rcformrabbiner. So hat es auch Nordau gemeint — es liegt uns ferne hier eine Lanze für i h n zu brechen — und das ist klar ersichtlich daraus, daß er den vorhergehenden Abschnitt mit „Das Resormjudentiim" bezeichnet und „diese neuen Juden" zu ihm in Gegensatz stellt. Das wußte auch der Autor der E. A., aber um den Zionismus zu bekämpfen, darf man auch die Arbeit der Reformrabbiner tun. 'Würden fvir nicht annehmen, daß die Gegnerschaft gegen den Zionismus seinen klaren Blick getrübt hat, so tvürden wir von böswilliger Entstellung reden. Noch leichter >vie in diesem Falle ist es, die Methode zu kennzeichnen, die die E. A. anwendcn, um daS Basler Programm als xcligionsfeindlich zu denunzieren.- Die E. A. charakterisieren selbst ihr Verfahren also (2. 18): „Feder oberflächliche Leser, der nicht zwischen den Zeilen zu lesen versteht, wird sich" sagen, eskaiin"doch unmöglich etwas verwcrsliches, gegen die Religion verstoßendes fein, was der Zionismus in diesem Programm zu erreichen sich vornimmt." Wso müssen die E. A., das ist folgerichtig, zwischen den Zeilen lesen, um etwas Verwerfliches, gegen die Religio» Verstoßendes im Basler Programm zu finden. Sie tun dies auch nach Herzenslust und ohne Skrupel. Solch ein Verfahren richtet sich von selbst und tvir haben weder Raum, um aus alles „zwischen den Zeilen gelesene" einzugehen, noch Lust dazu, da wir Gefahr lausen, daß nian wieder zwischen unseren Zeilen liest, was uns nicht im Entserntesteu in den Sinn stckommcn ist. Nur eins wollen tvir hier feststellen. Zielbewußt ergeht sich der Autor der E. A. (S.. 19) mit breiter Behaglichkeit in der Ausmalung all' der Möglichkeiten: Wenn eine Fabrik, von den Zionisten gegründet, am Sabbat arbeiten würde, wenn Schulen von Zionisten unterstützt würdenin Frankfurter Israelitischer Familienblatt. denen „jüdische Kinder der etwaigen Entfremdung vom Judentum ev. ausgesetzt würden, usw." Im bürgerlichen Leben würde man sagen: Wer solcherart Verdächtigungen ausstreut, verfährt nach den; Grundsatz: Nur frisch drauf los verleumdet, etwas bleibt immer hängen. Aber wir sind weit entfernt, dies von den E. A. zu behaupten, obwohl wir ja sicher wissen, daß wir diesen Vorwurf nicht gegen die' Rabbinerkommission erheben würden, sondern nur gegen einen jugendlichen Helden, „der sich in den Streit der Großen gemischt hat". Warum haben die E. A. nicht) versucht, für ihre vielen „Wenn und aber" nur eine Tatsache zum Beleg heranzuziehen. Tie Zionisten haben ja längst „zahlreiche Schulen und Fortbildungsanstalten gegründet" (S. 20)) die E. A. haben dies nicht getan, weil es unmöglich war. Das mögen unsere Leser glauben: Gäbe es irgendwo eine zionistische Schule, die den Abfall vom Gottesworte lehrte, unsre Gegner würden dieses Faktum trotz „ihrer Würde" in alle Welt hinausschreien. Und mit Recht! Wir aber wollen hier als Tatsache bezeugen, daß alle Unternehmungen, welche der Zionismus bisher ins Leben gerufen hat, streng nach bin tauroh geführt werden: Der Kongreß hat stets am Schabbos geruht; Beratungen kleiner Gruppen am Kongreß-Sabbat fanden stets statt unter der Devise: ohne Bleistift und Feder; die Bnrcans des offiziellen Qrgtzns, „Der Welt", sind an Sabbat und Feiertagen geschlossen; die „Indische Kolonialbank" in London hat am Schabbos ihre Büreans geschlossen und arbeitet nur mit Schtar isko. Das gleiche gilt natürlich auch bezüglich der Bankfiliale in Jaffa, von der uns jüngst ein palästinensischer Kolonist berichtete, daß sie in der kurzen Zeit ihres Bestehens segensreicher gewirkt habe, wie alle Millionen der Chalukah. Was wollen diesen Tatsachen gegenüber alle kleinlichen Verdächtigungen der Gegner? Wir Misrachisten fühlen den Mut und die Kraft in uns, dafür zu sorge», daß cs immer so bleibe, wie es auch ohne u n s e r E i n g r e i f e n bisher geworden ist. Und sollte einmal, was wir für eine Absurdität halten und was mit G. H. nie eintreten wird, „der offizielle Zionismus offenbar in unjüdische Bahnen geraten", warum, so fragen wir den Autor der E. A., soll es „daun nicht in unserem Belieben stehen, plötzlich unsere Beziehungen zu ihm abzubrechen", (S. 22), im Belieben jedes einzelnen Zionisten sowohl wie des Gesamtmisrachi? Gibt es doch jetzt schon unter den Mitgliedern und Freunden der Rabbinerkoininisfion solche, die ihre früheren Beziehungen zum Zionismus abgebrochen haben und Material gegen den Zionismus liefern! Wenn die E. A. jenem unfreundlichen Artikel gegen den Misrachi in „Ter Welt" eiitnehiuen, daß man cs „nie dulden werde, daß die Orthodoxie in der Bewegung hie Oberhand gewinnt" (S. 26), so geben wir den E. A. Recht, sofern sie darunter ein gewaltsames Aufdrängen der eigenen Anschauungen ans die Gesamtheit von seiten des Misrachi verstehen. Wir würden auch dann jenem Artikel in „Ter Welt" seine Berechtigung zuerkenncn. So etwas lag und liegt aber gar nicht in der Absicht des Misrachi und nur ein bedauerliches Mißverständnis konnte einen solchen Artikel entstehen und Aufnahme in „Tie Welt" finden lassen. Ilcbrigcns trotz der Aufnahme in das offizielle Organ doch noch die Meinung eines Einzelnen, denn die offizielle Vertretung des Zionismus in der kongreßfrcien Zeit, das Aktionskomitee, hatte einen Vertreter zur Begrüßung des Misrachi-Kongresses entsandt, war also anderer Ansicht, wie jener Artikelschreiber. Ter Misrachi sucht nur durch Beispiel und Belehrung, nienials durch Gewalt, seinen Ideen Anhänger zu erhalten und zu gewinnen, hofft auch auf diesem Wege innerhalb der zionistischen Kreise sein Ziel zu erreichen, eine Hoffnung, die die Rabbinerkommission umsomehr mit uns teilen müßte, als sie nicht minder wie wir von der sieghaften Kraft des Gotteswortcs überzeugt ist. Immerhin ist aber auch aus diesem Artikel ersichtlich, daß selbst Zionisten, die dem Misrachi unhold sind, nichts religionswidriges im Schilde führen, denn darin steht: „Innerhalb der Bewegung betätigen die Anhänger nur dasjenige, was allen gemeinsam ist und vermeiden alles, ioas eine Uneinigkeit herbeiführen kann." Vielleicht sogar kann man aus dieser Kundgebung fchlietzeite 11. ßen, daß der Misrachi innerhalb der zionistischen Bewegung ein beachtenswerter und beachteter Faktor ist, der umso beachteter werden kann, je weniger uns unsre eigenen gesetzestreuen Brüder Steine in den Weg legen. (Schluß folgt:) Die Führersrage im Zionismus. In der „Hazefirah" vom 3. er. schreibt N. S o k o l o w: „Bon zuverlässiger Stelle wird mir berichtet, Max Nordau habe nach Wien.und London mitgeteilt, daß er aus Gesnndheitsrücksichten das Amt eines A.-C.- Präsidenten nicht annehmen könne, auch nicht unter den Bedingungen, mit denenerin Karlsbad sicheinverstanden erklärt hatte. Dies ist ein schwerwiegendes Ereignis siir unsere Bewegung. Wenn es auch wahr ist, daß unsere Größe nicht von einzelnen abhängen darf und wir stets darauf gefaßt sein müssen, der Platz von diesem oder jenem könnte leer werden; — doch wird jeder eingestehen müssen, daß das Fehlen Nordaus in der Oberleitung einen unersetzlichen Verlust bedeutet. Es stimmt, der Gesundheitszustand Nordaus war in letzter Zeit schwankend, — aber wir glauben, diese Ursache allein hätte nicht vermocht, diesen Entschluß zu bewirken. Vielmehr will es uns dünken, daß unterirdische Wühlereien und Machenschaften, wie sie die Erregung und die Agitation solcher Kreise, die teils vom Starrsinn, teils gar von Nebenabsichten geleitet werden, Hervorbringen mochten, die eigentlichen Ursachen für Max Nordaus Rücktritt gewesen find. Es liegt die Notwendigkeit zu Heimlichkeiten gar nicht vor. Vielmehr sei es offen gesagt: ich bin ein entschiedener Gegner des Territorialismus und des Ugandismus, und wenn Nordau zu einer dieser Richtungen hinneigen sollte, so werde lch ihm mit der größten Nachdrücklichkeit Opposition machen; aber dies hindert mich .nicht cinzusehen, daß es absolut notwendig sei, ihn an der Spitze unserer Bewegung zu habe». Auch aus dem Privatleben Nordaus ist es nicht nötig, ein Geheimnis zu machen. Es wäre auch übertriebene Naivität, wollten wir darüber, was allerorten an die große Glocke gehängt wird, schweigen: es gibt eine (Seite in seinem Privatleben, die — eine Tragödie ist! Afber es ist Nordau, der sich durch das Feuer seiner Beredsamkeit, durch hingebende Arbeit und flammende Begeisterung und seinen großen Einfluß aus andere, als achter Zionist dokumentiert hat, der überdies so viel, insbesondere auf dem Gebiete des politischen Zionismus, zu leisten fähig wäre, daß wir, nachdem wir Herzl nicht mehr haben, unmöglich ans ihn verzichten können! Dies waren auch die Erwägunge», von henen die in Wien versammelten Männer sich haben leiten lassen und welche sie bewogen, in Nordau zu dringen, baß er diese Arbeit auf sich nehme. Wer j.n letzter Zeit machte sich wieder der alte Geist des Golus und der Verwesung, der Satan, der von jeher jede nationale Tat und fede Initiative zum allgemeinen Besten unmöglich machte, bemerkbar. Der böse Geist der Starrköpfigkeit und des Rechthabertnms, der Schleichwege wandelt, die Herrschsucht einzelner und ganzer Kliquen. Dazu die Eifersucht einer Zentrale gegen die andere; obendrein kommen noch die Organisations-Vorschläge, die dazu angetan scheinen, den Führern j>ie Hände zu binden und ihnen die Möglichkeit des Handelns zu nehmen, ohne daß man bedenken will, daß die Folgen — Tatenlosigkeit fein müssen. Denn wenn die Führer nicht handeln können, so kann es die Masse noch weniger. Ist unsere Annahme, daß diese Auswüchse und Treibereien die Schuld am Verzichte Nordaus tragen, wahr, so laden diese Menschen eine ^roße Verantwortung auf sich, indem sie dem Zionismus eine solche Kraft rauben, während wir an solchen Kräften wahrlich keinen Ueberfluß haben. Und mehr noch, als dem Zionismus, rauben sie dem Kongreß, denn Nordau ist die hervorragendste Gestalt des Kongresses. Die Herren scheinen vergessen zu haben, baß es — abgesehen von Ost und West, Zione-Zion und Territorialismus — ein allgemeiner Zionismus gibt, den auf der Höhe zu erhalten, unsere Pflicht ist. Wir dürfen auch für keinen Moment vergessen, daß der Zionismus, wie ihn Herzl geschaffen, eine Bewegung ist, die im Mittelpunkt der Welt und des Weltinteresses steht, offen und unter der Kontrofle von aller Welt sich befindet, aber nicht siir Krähwinkel und Bierbankpolitiker berechnet ist. Wir brauchen Männer, die nach außen wirken! Wenn der Kongreß zu einer Versammlung von Kliqnen herabsinken soll, so haben wir ihn nicht nötig, weil er dann nutzlos wäre. Die Gefahr, welche uns aus den neuesten Bestrebungen und Quertreibereien in; zionistischen Lager entgegentritt, ist — „Die Verkleinerung". Ich fürchte, man will das .Ziel verfleinern und zu den kleinen und kleinlichen Methoden der Chowewe- Zion zuriickkehren, wie sie vor Herzl bestanden; ich