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Neue jüdische Presse · 1905-07-07 · Heft 26 (7.7.1905) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
3 (1905)
Issue
Heft 26 (7.7.1905)
Date
1905-07-07
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Möglichkeit nicht ausgeschlossen sei, dag schließlich Wege gegangen würden, die man selbst nicht billige: aber nimmermehr kann man es verzeihen, wenn Mutmaßungen und Annahmen in rascher Volte zu Grundsätzen jener Vereinigung umgewandelt werden, vor welcher man warnt; das ist grobe Täuschung und Bauernfängerei. Der dritte Punkt des Baseler Programms bezeichnet als Mittel feiner Ziele „die Stärkung des jüdischen Selbstgefühls und Volksbewußtseins". Nach der (nicht offiziellen) vom österr. Landcsverein herausgegebene Broschüre soll dieses Selbstgefühl genährt werben dadurch, daß die zionistischen Vereine für die Verbreitung der Kenntnis der jüdischen Geschichte, für Verbesserung der Hygiene, für Kindererziehung, Frauenbildung, für die Feier jüdischer geschichtlicher Feste und Gedenktage sorgen usw. Nun kann aber» so meint der Verfasser der E. A., olles dieses in einer Weise geleistet werden, die dem Geiste der jüdischen Lehre schnurstracks widerläuft, darum hat man sich vorher zu vergewissern, ob in den Vereinen nicht unjüdische Wege gegangen werden, ehe man durch Beitritt zu diesen Vereinen sein Bekenntnis zu den Vereinsgrundsätzen erklärt. Ja, was hat denn in aller Welt die Vereinsbildung innerhalb des Zionismus mit dem Zionismus selbst, seinen Ortsgruppen und der Zugehörigkeit zu ihm zu tun? Gewiß gehören Richtungen radikalster Tendenz dem Zionismus an, und gelingt es diesen, einen Verein mit radikalen Tendenzen zu gründen, eine Möglichkeit, die wir zugeben, so schließt der strenggläubige Zionist sich eben diesem Vereine nicht an, ohne aufhören zu müssen Zionist, resp. Mitglied seiner Ortsgruppe zu sein. Gerade auf dem Gebiet der Vereinsbildung kommt erst recht der Misrachi zur Geltung, welcher seinerseits Vereine bilden kann, die den religiösen Gedanken fördern und den Einfluß der Vereine mit destruktiver Tendenz einschränken, wenn nicht gar aufheben. : Der Hinweis auf die Möglichkeit der Gründung von Vereinen mit antireligiöser Tendenz kann also keine Handhabe vor dem Beitritt zum Zionismus tzu warnen, bieten, und das fühlt wohl auch der Verfasser und kommt daher zu einem Taschenspielerstückchen, das einem Bewunderung entlocken könnte, wenn ein solches Täuschungsspiel nicht gar zu traurig wäre. „Nachdem aber," so fährt der Verfasser der E. Ai tn gesperrter Schrift fort, „d e r Z i o n i s m u s aus seinem Programm jedes religiöse Moment geflissentlich ausgeschieden, hat er damit unzweideutig ausgesprochen, daßersichdieVerwirklichung der in der dritten Rubrik ausgesprochenen Ziele auch mit Beiseitelassung der jüdischen Religion zu denken vermag." Eine knifflichere Beweisführung hätte der beste Sophist nicht fertig bringen können. Das „Programm des Zionismus" besteht aus den aus dem ersten Kongreß angenommenen Punkten. Unter Nr. 3 wird als eines der Mittel zur Erreichung des Zieles genannt: „Die Stärkung des jüdischen Selbstgefühls und Volksbewußtseins". Was berechtigt nun den Referenten, den Abfassern dieses Punktes als „unzweideutig ausgesprochen" zu unterlegen, man denke sich die Verwirklichung des Zieles auch mit Beiseitelassung der „jüdischen Religion" möglich? Warum setzt der Referent nicht nach jüdischem Grundsätze das Bessere voraus, Iran habe nicht nötig gesunden, wenn man als Jude für Juden spreche, zu betonen, daß die „jüdische Religion" unter keinen Umständen ausgefchaltet gedacht werden könnte? Selbstverständliches sei nicht zu erwähnen? War überhaupt in der knappen Form, wie .sie in dem Programm vorliegt, noch Raum, über die religiöse Dichtung etwas zu sagen? Es ist wirklich ein sauberer Kunstgriff, jemandem aus nicht ausgesprochenen Worten einen Gedanken zu unterlegen, um ihm einen Strick daraus zu drehen. Wofür würde man den halten, der einem eine Wohnung vermietet und dem Mieter den Einzug durch die Tür verweigert, weil im Kontrakt von dem Rechte des Gebrauchs des Türeingangs nichts steht? Da du von der Tür nichts in den Kontrakt geschrieben hast, so hast du damit ausgesprochen, daß du dir deinen Einzug auch ohne die Benutzung der Tür als möglich gedacht hast; du kannst ja eine Leiter ansetzen und durchs Fenster marschieren. Wie Frankfurter Israelitisches Familienblatt. würden wir einen Menschen nennen, der so das Verschweigen auslegt? Was hat also der Verfasser, der E. Ä. für die Wahrheit der Resolution trotz alle» Aufgebots von Wortwendungen und Argumenten bewiesen? — Nichts, rein garnichts! Es ist nichts anderes als die schroffste Trennungstendenz, die hier die F-eder führt und das Möglichste und Unmöglichste den Verfasser an Behauplungen herbeischleppen läßt. Trennung qumui me»«! Und in dieser Meinung werden wir bestärkt durch eine Frankfurter Korrespondenz in Nr. 49 des „Israelit". Das „Mitglied der F. V.", das hier gegen die Erklärung des Misrachi eine Lanze bricht, steht dem Verfasser der E. A. nicht allzufern, man dars ohne fehl zu gehen, >vas hier bemerkt ist auf dort, das was dort auf hier beziehen. Nun wirft der Korrespondent des „Israelit" eine Frage hinein, welche ein Licht auf 4>eu Kampf gegen den Misrachi wirst, nämlich die des Austritts aus einer Reformgemcinde. Die beiden Dinge haben aber nichts miteinander zu tun, was dort berechtigt Jein kann, ist hier unberechtigt; sie sind nur für diejenigen gleichartig, die Austritt und Trennung guauck meme predigen, und zu denen gehört der Korrespondent, zu diesen.auch der Verfasser der Ei Man höre: „Gegen den Geist einer Reformgemeinde Protestiert man nicht, indem man innerhalb dieser Reformgemeindc eine orthodoxe Nebengemeinde schafft — die bloße Mitgliedschaft zu einer Reformgemeinde imvolviert immer das Bekeniitnis zu ihren Grundsätzen (!!! der Korrektor) und benützte man nie in seinem Leben eine ihrer Institutionen — sondern indem nkan außerhalb der Reformgemeinde als Mitglied einer selbständigen orthodoxen Gemeinschaft ihre Existenzberechtigung in Wrede stellt." Also ganz derselbe Gedankcngang, fast wörtlich tviedergcgeben, wie in den Ausführungen gegen den Misrachi, nur das „verbrecherisch" hat der Korrespondent vorsichtiger Weise sortgelassen; wir nehmen keinen Anstand, es für ihn zu ergänzen. Ter schroffe Standpunkt kann nicht besser gezeichnet werde», als wie es der Korrespondent selbst tut und so deckt sich, sein Standpunkt mit dem des Verfassers der E. A. und zeigt so die Seelcnverwandtschaft, oder vielleicht noch eine nähere Verwandtschaft, der beide» Autoren. Ist aber dieser Standpunkt der berechtigte? Wenn er es wäre, dann möchten wir aber dem Korrespondenten den, Rat geben, in seiner Stadt, in Frankfurt, dem Vorstand der Gemeinde der Religionsgesellschast eine gehörige Pauke zu halten, hat dieser doch durch seine Bemühung, bei der Regierung es fertig gebracht, daß die Mitglieder der Religionsgesellschast auch zugleich Mitglieder der „Refornigemeinde" sein können, während in ganz Preußen kein Jude Mitglied zweier Gemeinden sein dars,' und hat so ein „Verbrechertum" sündigen Bekenntnisses gezüchtet! Ja, es gibt solcher „Verbrecher" viele in Frankfurt, und es ist die ungeheuere Tatsache zu verzeichnen, daß ein solcher „Verbrecher" Vorsitzender des Vorstandes der Religions-Gesellschaft ist. — Und nun noch eine bescheidene Frage: Wie kommt cs, daß in Mainz selbst, dem Erscheinungsorte des „Israelit" noch nicht e i n Mitglied der Religionsgesellschast, vom Führer bis zum kleinsten Nachzügler, aus der Resormgemeinde ausgetreten ist und sie keinen anderen Beweis für deren Nichtexistenzberechtigung bringt, als daß sie sich von jener eine» Zuschuß zu ihren Jnstitiltionen zahlen läßt? Die E. A biete» der Resolution keine Stütze, wir halten sic vielmehr für eine Belastung, gesuchte und nichtige Begründung entivertet das, was begründet werden soll. Was könnte als Beweis für die Richtigkeit der Resolution angeführt tverden, nichts als was bereits als beweisend gegen den Zionismus angejührt worden ist: die große Zahl der Autoritäten, die sich gegen ihn ausgesprochen haben. Wir wollen an der Bedeutung der immensen Zahl der „Oberrabbiuer", die Ungarn ausweist, nicht mäkeln, aber steht nicht eine ebenso große Zahl anerkannter Gelehrter, wenn sie auch keine „Oberrabbiner" sind, jenen gegenüber, die den Anschluß an den Zionismus befürworten, und hat bei so strittig scheinenden Fragen die erlaubende Stimme nicht größeres Gewicht, als die verbietende? Verbietende Stimmen zu sammeln, wie leicht! Ich mache mich anheischig über folgende Fragen Hunderte von verbietenden Stimmen zu sammeln: Nr. 36. . Ist Chorgesang in der Synagoge erlaubt? Ist es erlaubt, Trauungen in der Synagoge vorzunehmen? Darf der Rabbiner Ornat und Bäsfchen tragen? Dars inan seinen Sohn studieren lassen? Darf eine Frau statt der vollen Haarverhüllung einen Scheitel tragen? usw. Hier würden Antworten einlausen, die nicht nur von der Unvereinbarkeit Mit den Prinzipien der Orthodoxie sprechen, sondern die geradezu ein Verbot anssprechen würden. Man unterlasse im Interesse der Orthodoxie selbst, sich auf die ablehnenden Stimmen in der Zionistensrage zu berufen. Wir sind mit unseren Auseinandersetzungen zu Ende. Daß wir uns gegen den Vorstand der F. V., besonders gegen seine Redaktionskommission wenden mußten, tut uns leid, denn >vir wissen, wie wenig Schuld sie an der. Veröffentlichung der E. A. in der vorliegenden Form tragen. Wir wissen, daß nach langem Zögern zwei lvürdige iin Amt stehende Mitglieder, um Entgegenkommen zu beweisen, sich bereit erklärten, die E. 85 einer Korrektur zu unterwerfen, das taten sie denn auch, und siehe! eines Tages waren die E. A. gedruckt, aber ohne daß die Korrekturen berücksichtigt worden wären. Das ist schlimm, aber der Vorstand trägt die Verantwortung. Für die Folge wird man selbst ansarbeiten, was zur Veröffentlichung bestimmt ist, wird die Drucklegung bis zum Erscheine» der Aushängebogen überwachen, daß kein Kuckucksei der Redaktion ins Nest gelegt Iverbe. Das sind die Herren sich, der Würde ihres Amtes und dem Ansehen der Frankfurter Orthodoxie, der schließlich doch alles Unangenehme ausgebürdet wird, schuldig. _ Die „Erläuternden Anmerkungen" zu der von der Rabbiner-Kommission der freien Bereinigung gegen den Zionismus angenommenen Resolution. Fortsetzung aus Nr. 24. Seitdem wir unseren letzten Artikel geschrieben haben, ist in Nr. 49 des „Israelit" eine Besprechung der offiziellen Erklärung des Misrachi-Bureaus erschienen. Da diese Besprechung manches noch deutlicher sagt, wie die E. 25. und wir ihren Autor wohl nicht weit vom Autor der E. A. zu suchen haben, so werden wir zuweilen auch, auf diese Besprechung eingehen müssen. Wenn unsere Sprache dabei deutlicher wird, so tragen diejenigen die Schuld, die, statt unserem Vorschlag z u m Frieden in Nr. 22 dies es Blattes Be ach tung zu schenken, einen derartig unwürdigen Ton im „Israelit" anz u s ch la g en resp. zu billigen s ü r g u t f a n d e n. „Um jedermann zu überzeugen, daß der Zionismus in seiner letzten Konsequenz tatsächlich Wfall von der Religion, Sünde gegen die Religion ist, greift der Autor der E. 25 einige besonders markante Stellen ans dem zionistischen Jahrbuch heraus. (S. 15.)" Wir geben dem Autor der E. A. zu: Die Stellen sind markant; sie könnten beweisen, was er beweise» wollte, wenn — dem Jahrbuch tatsächlich irgend.welche autoritative Bedeutung innerhalb der zionistischen Bewegung zukäme, wenn der Kongreß, das Aktionskomitee, oder irgend eine offizielle Behörde im Zionismus und nicht ein zionistischer Privatmann der Herausgeber dieses Jahrbuchs wäre. In Wirklichkeit aber verdankt das Jahrbuch seine Entstehung dem geschäftlichen Genie eines befchäftigungsloseir, gänzlich unbekannten Herausgebers, der Aufsätze von Zionisten, Antizionisten und auch Nichtjiiden — wie auf S. 7 der Vorrede zu lesen ist — zu einem stattlichen Bande zusammenfügte, dem er den stolzen Namen: „Stimme der Wahrheit oder Jahrbuch für wisscnschaftlicheu Zionismus" gab. Nehmen Ivir nun einmal an, daß die beiden zitierten religionsseindlichen Mitarbeiter des Jahrbuchs ivirklich Zionisten sind, resp. sich als solche aus« geben, was wir, die wir geiviß mitten im Zionismus drinnen stehen, nur von dem einen wissen, so folgt daraus nur, daß der Autor der E. A. nach dem bekannten Grundsatz der Antisemiten verfährt, die Sünden einzelner der jüdischen Gesamtheit aufzubürden. Zu Agitationszwecken ist das sehr vorteilhaft; wahr und vornehm ist das nicht. Freilich, der Autor gesteht ja zu, daß nur „einzelne, einzelne" Mitarbeiter des

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